Jeden zweiten Dienstag frei...

OneshotFamilie, Schmerz/Trost / P12
Mary Poppins
24.10.2018
24.10.2018
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Hallo,
hier kommt ein kleiner Oneshot, der mir schon seit längerem im Kopf herumschwirrt. Ich hatte mich, bis jetzt, nur noch nicht dazu durchgerungen ihn hoch zu laden.

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Die junge Frau, von vielleicht einundzwanzig Jahren, nestelte aufgeregt an ihren dunkelblonden Haaren herum. Sie hingen unberührt, stumpf und glanzlos, offen ihren Rücken hinunter.
Ihre wachen Augen blickten von der großen Standuhr zum Fenster, auf die Straße und wieder zur Uhr. Ihre Augen strahlten, sowohl Neugier und Freude, als auch Einsamkeit und Trauer aus. Sie waren, wie zwei tiefblaue Seen, in denen man versinken, kämpfen und anschließend, vom Strudel nach unten gesogen, werden würde. Wissend, dass man keine Chance hätte gerettet zu werden oder gar zu entkommen. Genau so, wie sie sich fühlte. Alleine und verloren.
„Natürlich ist sie noch nicht da. Sie kommt erst in fünf Minuten. Pünktlich, so wie sie jeden zweiten Dienstag kommt.“ ärgerte sie sich über sich selbst und sah wieder auf die Straße. Die Hoffnung, dass ihre Einsamkeit schneller enden würde, als sonst, war gering, denn ihr Tante kam sie alle zwei Wochen zur gleichen Zeit besuchen. Sie war ihr einzige Draht zur Außenwelt.
Seit ihre Eltern bei einem Unfall ums Leben gekommen waren, hatte sich ihre Tante ihrer, schon als kleines Kind, angenommen. Doch sobald sie sechzehn geworden war, war sie regelmäßig allein gewesen, denn ihre Tante wollte unbedingt wieder ihrer Arbeit nachgehen.
Verständlich, denn sie konnte es nicht leiden, eingesperrt zu sein. Das lag in der Familie. Während ihre Tante jedoch kommen und gehen konnte wie sie wollte, war sie selbst gefangen in diesem Haus.
Das Haus, das einzige was sie, nach dem Unfall kannte. Die weiße Tapete, mit dem blauen Blumenmuster, dass sie so hasste, das Bild mit der Berglandschaft, dass ihr immer gute Laune bereitete und der goldene Bilderrahmen, der ein Bild von ihr und ihrer Tante beinhaltete. Es war ihre Festung, die sie schützte und gleichzeitig zur Gefangenen machte. Seit 17 Jahren saß sie nun schon hier fest. Seit der Unfall ihr nicht nur ihre Eltern genommen hatte.
Sie starrte wieder auf die Uhr, als würde die Zeit, unter ihrem strengen Blick, dann schneller vergehen. Als würde ihre Tante, ihre einzige Bezugsperson, ihr Vorbild, dann schneller da sein, ihr früher von all dem berichten können, zu dem sie nicht im Stande war.


Mary Poppins hastete die Straße entlang. Ihr war bewusst, dass eine Dame nicht rennen sollte, aber besondere Umstände forderten besondere Maßnahmen. Sie war aus unerklärlichen Gründen spät dran, konnte es sich aber gerade heute, am wenigsten leisten, zu spät zu kommen.
Sie konnte und wollte ihre Nichte, auf keinen Fall warten lassen. Sah sie sie doch so selten. Ihr Job gab ihr keine andere Chance. Warum sie nicht auf ihren Job verzichten konnte?
Er war ihr Ausgleich und machte es ihr gleichzeitig noch möglich, sie etwas von Ruths Situation, abzulenken. Denn sie litt mit ihrer Nichte mit.
Als sie die Nachricht vom Tod ihrer Schwester erreichte, war ihr sofort klar, dass sie ihre, damals vier jährige, Nichte, Ruth, nicht ihrem Schicksal überlassen würde. Sie hatte sie aufgezogen, sich um sie gekümmert und ihr alle nötigen Medikamente besorgt.
Aber irgendwann hatte sie sich wieder nach ihrem Job gesehnt, sie hatte das Haus verlassen wollen. So hatten die beiden sich irgendwie, auf jeden Dienstag und später auf jeden zweiten Dienstag, geeinigt. Und heute war so ein Dienstag.
Sie kam schwer atmend auf der Straße, gegenüber des Hauses zum stehen. Sie wechselte die Straßenseite und lief, jetzt in normaler Geschwindigkeit, auf den Hauseingang zu.
Dort angekommen atmete sie einmal tief durch, ordnete ihre Haare, die sich beim laufen etwas gelöst hatten und sah dabei auf das silberne Klingelschild.
Ruth Elizabeth Poppins
Sie seufzte und zog mit ihrem Schirm an der Klingel.

Ruth hatte sie kommen sehen. Sofort war die Einsamkeit aus ihrem Blick verschwunden und Vorfreude gewichen. Endlich war sie da. Endlich keine Langeweile mehr. Endlich jemand zum reden. Es klingelte und Ruth lächelte.
Dann bewegte sie ihren Rollstuhl in Richtung Tür.
Der Unfall hatte ihr nämlich nicht nur ihre Eltern genommen, sondern auch die Fähigkeit zu laufen.
Aber in diesem Moment zählte für sie nicht mehr, als ihre Tante, Mary Poppins, endlich in die Arme schließen zu können.

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Ich hoffe es hat euch gefallen. Über Feedback würde ich mich sehr freuen.
Wer Rechtschreibfehler findet, darf sie behalten, mich aber doch auch gerne darauf aufmerksam machen…

CrystalofEmotions

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