Abyssus Abyssum invocat

GeschichteDrama, Schmerz/Trost / P18
OC (Own Character) Satele Shan Veradun / Darth Malgus
24.10.2018
13.08.2019
19
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19. Die Helden von Coruscant


„Deine Aura vibriert regelrecht vor Unruhe.“

Darth Malgus‘ Worte ließen Violet aufsehen. Bisher hatte sie stumm gegen die Wand gelehnt dagestanden und nervös an ihren Fingernägeln gekaut. „Es ist nichts“, murmelte sie.

„Wie immer“, erwiderte er. Der Spott in seiner Stimme entging ihr nicht, ebenso wenig wie der durchdringende Blick, den er ihr zuwarf.

Eine bedrückende Stille legte sie wieder über beide, einzig unterbrochen vom leisen Klappern des feinen Porzellans, als Berit Pattow den niedrigen Tisch im Salon eindeckte. Während Violet mit verschränkten Armen an der Wand lehnte, saß Malgus mit übereinandergeschlagenen Beinen in seinem großen Ohrensessel. „Ihre Mühe ist überflüssig“, kommentierte er schließlich die Arbeit der Haushälterin.

Berit, die noch einmal das Arrangement des Teeservices begutachtet hatte, hob kritisch die Augenbrauen. „Ihr seid wieder einmal äußerst gastfreundlich, mein Lord“, antwortete sie dabei. „Kaum verwunderlich, wenn Ihr deshalb nie Besuch erhaltet.“

Doch Malgus schnaubte nur. „Wozu soll ich mir lauter Schmarotzer ins Haus holen, die nur Freundlichkeit heucheln, um von meiner Protektion zu profitieren?“, gab er unwirsch zurück. „Außerdem haben wir für heute Abend schon einen Gast.“

„Heute? Und das sagt Ihr mir erst jetzt? Ist Euch nicht in den Sinn gekommen, dass ich unter Umständen Vorbereitungen treffen muss?“ Die Haushälterin hatte die Hände in die Hüften gestemmt.

„Dafür können Sie doch zaubern.“ Berit quittierte seine Lakonie mit einem himmelwärts gerichteten Blick und einem Seufzen, bevor sie das leere Tablett ergriff und den Salon verließ.

Violet war unterdessen noch immer in Gedanken vertieft, sodass sie vom Gespräch keine Notiz genommen hatte. Sie blickte erst auf, als das bekannte Kribbeln über ihren Rücken huschte, das die nahenden Präsenzen anderer Machtnutzer verriet. „Sie sind da …“, murmelte sie.

Malgus brummte zustimmend, doch erhob sich erst, als die Türklingel erklang. Violet wischte sich die schweißfeuchten Hände an der Hose ab, bevor sie ihm in die Eingangshalle folgte. Ihr Herz pochte schmerzhaft gegen den Brustkorb und sie spürte bereits die aufsteigende Übelkeit, das altbekannte, altvertraute Symptom ihrer Nerven, die bis zum Zerreißen angespannt waren. Die Vorstellung, Adraas wiederzusehen, machte ihr Angst, und doch weckte diese Aussicht noch andere Gefühle in ihr, die viele Jahre tief unter der Oberfläche dahinschlummerten und durch ihre gestrige Begegnung mit einer Wucht wiedererweckt worden waren, die Violet ratlos und voller Scham zurückließ. Ein Teil von ihr würde diese Emotion am liebsten zur Gänze verleugnen, während ein anderer Teil sich danach sehnte, diese Emotionen zu erkunden, zu vertiefen, sie letzten Endes physisch zu erleben.

In der Eingangshalle nahm sie Ragnos, der ihr neugierig hinterher getrottet war, am Halsband, während sie hinter Malgus tritt, der gleich einem Bollwerk dastand, ein stummer Hüne, den Blick fest auf die Tür gerichtet, die Mrs. Pattow gerade öffnete. „Darth Angral …“, sprach er. Seine Stimme klang noch rauer als gewöhnlich unter seiner Atemmaske hervor und das ohnehin düstere Gelb seiner Iriden war noch eine Spur dunkler geworden.

Malgus‘ knappe Begrüßung war an den ältesten Mann der eintretenden Gruppe gerichtet. Schlank und hochgewachsen, in eine prächtige, tiefrote Rüstung gewandt trat der Angesprochene mit jener Selbstverständlichkeit vor seinen Gastgeber, die nur einem geborenen Sith-Lord eigen war. „Darth Malgus …“, erwiderte er. „Es ist lange her, alter Freund.“ Er hielt ihm die rechte Hand entgegen, die Malgus erst nach einem kurzen Zögern ergriff. Er gab sich dabei keinerlei Mühe, jene Freundlichkeit vorzutäuschen, die Angrals Miene vordergründig zierte.

Noch charmanter und liebenswerter war nur das Lächeln, dass Adraas zur Schau stellte, der hinter Angral eingetreten war. „Es ist eine wahre Freude, Euch wiederzusehen, Darth Malgus“, sprach er. „Wir befürchteten schon, Ihr würdest nie wieder den Weg zurück aus den Unbekannten Regionen finden.“ Auch er hielt ihm die Rechte entgegen, die Malgus jedoch geflissentlich ignorierte, doch sein Blick brannte förmlich, als er den jüngeren Sith feindselig anstarrte.

„Es muss wichtig sein, wenn Ihr mit Eurem halben Gefolge erscheint, mein Lord“, wandte er sich wieder an Angral. Der unterschwellige Spott in seiner Stimme war nicht zu überhören.

Der ältere Sith-Lord hob zwar die Augenbrauen, doch ließ sich ansonsten nichts anmerken. „Wichtig in der Tat. Aber lasst uns das in aller Ruhe besprechen.“

Malgus nickte stumm. Er hatte unterdessen die anderen Männer gemustert, die Angral und Adraas gefolgt waren. „Neue Schüler?“, hakte er nach.

„Nicht ganz. An Praven dürft Ihr Euch noch erinnern.“ In der Tat hatte Malgus dem reinblütigen Sith zugenickt, der seinerseits eine respektvolle Verbeugung andeutete. „Sadic und Nefarid stehen ebenfalls seit einigen Jahren unter meiner Protektion. Ich habe sie erst kürzlich zu Lords ernannt.“ Auch die beiden anderen Männer hatte Malgus unterdessen gemustert. Was er von ihnen hielt, machte das verächtliche Lächeln klar, das unter seiner Atemmaske sichtbar wurde. „Ich sehe, dass Adraas bei der Schilderung Eurer neuen Schülerin ausnahmsweise nicht übertrieben hat“, fuhr Angral schließlich fort, der seinerseits Violet gemustert hatte.

„Er wäre gut damit beraten, sich um seine eigenen Angelegenheiten zu kümmern“, knurrte Malgus mit einem weiteren feindseligen Blick in Richtung Adraas‘.

„Ihr habt in all den Jahren jeden Anwärter abgelehnt. Es kann Euch daher wohl kaum überraschen, dass man sich nun brennend für Euren neuen Schützling interessiert, Lord Malgus“, entgegnete Angral, der nun vorgetreten war, um ihr unmittelbar ins Gesicht zu blicken. Violet würgte den Kloß in ihrer Kehle hinunter, doch hielt seinem Blick tapfer stand. Dabei musterte auch sie ihn eindringlich. Das war also jener Darth Angral, damaliger Oberbefehlshaber der Streitkräfte, die Coruscant überfallen und geplündert hatten, jener Dunkler Lord, der galaxisweit berüchtigt wurde, als er den Obersten Kanzler der Republik persönlich exekutierte. Wieder wanderte ihr Blick über seine Person, betrachtete noch einen Moment seine martialisch rote Rüstung, bevor sie es wagte, ihm ins Gesicht zu blicken. Auch wenn er längst nicht von Narben und Verletzungen entstellt war wie ihr Meister, sondern nur ein Implantat um das linke Auge trug, so deuteten die tiefen Falten um Mund und Augenwinkeln an, dass er einige Jahre älter als Malgus sein musste. Wieder spürte Violet, wie ihr Handflächen feucht wurden, doch diesmal war es weniger vor Angst als vor Wut, die in ihr aufstieß. Das sind sie also, dachte sie voller Verachtung, die Helden von Coruscant! Mörder, Kriegsverbrecher, ja, das sind sie! Oh, wie sie dafür büßen werden … Während sie sich düsteren, rachsüchtigen Gedanken hingab, fiel die Maske der Freundlichkeit von Angrals Miene, als er sie eindringlich musterte, und wich einem Ausdruck der kalten Herablassung. Es war deutlich, dass er sie seiner Gegenwart als unwürdig erachtete. „In der Tat, Eure Wahl ist höchst interessant“, murmelte er dann. Dabei ergriff er ihr Kinn und drehte ihren Kopf so grob zur Seite, dass ein kurzer, scharfer Schmerz durch ihren Nacken schoss. Violet ahnte schon, was er suchte. Das spöttische Kräuseln seiner Lippen verriet ihr, dass er die Narbe des Schockhalsbands gefunden hatte, und auch der flüchtige Blick, den er mit Adraas wechselte, war voller Verachtung. „Nun gut, lassen wir das“, sprach er an Malgus gewandt, der beide eindringlich beobachtet hatte.

„Nach Euch, mein Lord“, erwiderte er und wies ihm mit einer Geste die Richtung zum Salon. Wie zuvor ging Angral voran, ganz als sei er hier der Ranghöhere und Malgus sein Gefolgsmann.

Violet sah ihnen aus den Augenwinkeln hinterher, während ihnen der als Praven vorgestellte reinblütige Sith folgte. Zu spät bemerkte sie, dass sie Ragnos‘ Halsband losgelassen hatte. „Bei Fuß“, zischte sie leise, doch der Tuk’ata war schon zu einem von Angrals Schülern hinübergelaufen, der ihn mit einem Fingerschnipsen angelockt hatte. Es war der größere von beiden menschlichen Männern, die sie als nur einige Jahre älter als sich selbst einschätzte. Während der kleinere, schmächtigere von ihnen mit verschränkten Armen dastand, das wenig ansehnliche, wie von Pockennarben entstellte Gesicht halb unter der Kapuze seiner Robe verborgen, hatte sich der andere, der schlank und hochgewachsen war und eine Mischung aus Überheblichkeit und Brutalität ausstrahlte, hingekniet. Im Glauben, ein Leckerchen zu bekommen, hatte Ragnos sich brav hingesetzt und schnüffelte nun die Hand ab, die man ihm hinhielt. Doch statt ihm eine Nascherei oder eine Liebkosung zu geben, wirkte der Sith einen Machtblitz, der den Wolfshund direkt in die Schnauze traf. Ragnos heulte auf und rannte zurück zu Violet, an deren Beine er sich winselnd presste. „Du blöder Arsch“, fauchte sie, als sie sich hinkniete, um den Wolfshund in die Arme zu schließen.

„Hast du etwas gesagt, kleine Sklavin?“, entgegnete Ragnos‘ Peiniger, nachdem beide Sith den boshaften Streich mit einem ebenso boshaften Lachen quittiert hatten.

„Komm‘ her, dann flüstere ich es dir zu.“ Ihre Stimme war leise, drohend geworden, und ihre Hand lag fest auf dem Griff ihres Lichtschwerts.

Ihre Drohgebärde war nicht unbemerkt geblieben. „Du hast ein loses Mundwerk, Mädchen“, sprach der kleinere von beiden, der für sie bei jedem weiteren Blick hässlicher wurde.

„Man sollte dir eine Lektion erteilen, wie du Lords der Sith zu reden hast, kleine Sklavin“, fuhr der andere fort. Er hatte sich aus der Hocke erhoben und setzte nun an, sein Lichtschwert zu zücken.

„Es reicht.“

Alle drei sahen auf. Keiner von ihnen hatte bemerkt, dass Adraas den beiden anderen Dunklen Lords nicht gefolgt war. Mit auf dem Rücken verschränkten Händen, die Lippen zu seinem stets so charmanten und doch so kalten Lächeln verzogen, gab er den beiden jüngeren Sith-Lords mit einer knappen Kopfbewegung zu verstehen, dass sie ihrem Meister nun besser folgen sollten. Stille machte sich im Flur breit, nachdem alle bis auf Adraas und sie gegangen waren, und plötzlich war sie wieder da, die Spannung zwischen ihnen, die Anspannung in ihr. Ihr Herz trommelte gegen ihre Rippen, als er schließlich herantrat und ihr seine Hand hinhielt, um ihr beim Aufstehen behilflich zu sein. Eine Hitzewelle raste durch ihren Körper und ließ ihre Wangen erröten, als sich ihre Hände berührten. Wie weich und schlank sie ist, vielmehr die Hand einer Frau als die eines Mannes. Und seine Haut ist so kühl und glatt … Wieder errötete sie, diesmal aber im Bewusstsein, wie unvollkommen sie im Gegensatz zu seiner Perfektion war, wie hässlich sie ihm vorkommen musste mit ihren rauen Händen, die voller Schwielen der Brandnarben waren. Sollte er diese aber bemerkt haben, so gab er es mit keinem Ausdruck zu verstehen. Ein Schwindelgefühl ergriff sie, als beide sich schließlich in die Augen sahen. „Wie schön, dass wir uns so bald wiedersehen“, sprach er leise, seine Lippen nur eine Handbreit von ihren entfernt. Violet wurden die Knie weich, als sein heißer Atem über ihr Gesicht strich. Jeder düstere Rachegedanke war augenblicklich vergessen, stattdessen brannte ihr Körper mit einem anderen Verlangen, das nicht weniger intensiv war.

Sie war unsagbar enttäuscht, als er ihre Hand losließ und ihr mit einer eleganten Geste zu verstehen gab, dass sie vor ihm in den Salon treten sollte. Als sie sich aber abwandte, strich seine Hand behutsam ihrem Rücken hinab. Malgus und Angral waren schon ins Gespräch vertieft, als sie endlich eintraten. „Doch, in der Tat. Nicht wenige hatten sich in all den Jahren nach Eurem Verbleib erkundigt. Selbst Kilran hat mich vor einigen Wochen gefragt, ob Ihr überhaupt zu den Jubiläumsfeierlichkeiten kommen würdet“, berichtete Angral gerade, der bereits Platz genommen hatte.

„Es gibt durchaus mehrere Gründe, die mich zu einer temporären Rückkehr bewegt haben“, erwiderte Malgus, der sich nun Angral gegenüber in seinen großen Ohrensessel setzte. „Unter anderem auch die Nachricht des Geheimdienstministers.“

„Ja, Lord Jadus sagte mir, dass man auch Euch informiert habe.“ Angral nickte dabei nachdenklich, doch stieß dann ein leises Schnauben aus, das so belustigt wie ungläubig klang. „Es erscheint mir nichtsdestotrotz ziemlich weit hergeholt, dass die Morde an Moff Graver und den anderen durch einen abtrünnigen Jedi verübt sein sollen. Möglicherweise durch einen Überlebenden der Tempelzerstörung, so wird vom Geheimdienst gemutmaßt.“

Violet, deren Aufmerksamkeit bis dahin Adraas gegolten hatte, den sie aus den Augenwinkeln beobachtete, erstarrte bei Angrals Worten. Ihr wurde gleichzeitig heiß und kalt und ein Zittern ergriff ihre Hände. Atemlos wartete sie darauf, was noch kommen möge. „Kein Jedi, der an diesem Tag im Tempel war, hat überlebt“, gab Malgus dann zurück. Ein harter, erbarmungsloser Ausdruck lag dabei in seinen glühenden Augen.

„In der Tat, selbst den vielversprechendsten Padawan hat aus reiner Sturheit abschlachten müssen“, mischte sich nun Adraas ein. Er hatte neben Angral Platz genommen und die Beine übereinandergeschlagen. Seine scheinbar kühle, entspannte Art stand im harten Kontrast zu der deutlichen Gereiztheit, die Malgus‘ ganze Haltung ausstrahlte.

„Ihr hattet nicht das Recht, meiner Rache an Satele Shan im Weg zu stehen“, knurrte er.

„Die Kleine war überaus talentiert und hatte Temperament. Sie hätte sich zweifelsohne zu einer leidenschaftlichen Sith-Lady formen lassen“, entgegnete Adraas. Nur ein leichtes Kräuseln seiner Lippen gab die Verachtung ob Malgus‘ übellauniger Antwort preis.

Dieser starrte den jüngeren Sith-Lord nicht weniger verächtlich an. „Ihr wolltet das Mädchen doch nur, weil es ein hübsches Gesicht hatte. Jeder weiß schließlich, dass Ihr nicht mehr als ein Weiber- und Maulheld seid.“

Dass diese Aussage ihr Ziel getroffen hatte, zeigte das gefährliche Lächeln, das sich nach einem Moment über Adraas‘ Miene zog, jenes Lächeln, das Violet aus dem Jedi-Tempel so vertraut war. Genauso schön, genauso grausam hatte er gelächelt, als er die Exekution der Jünglinge und die Folter von Bengel angeordnet hatte. „Und Ihr seid noch immer jener Narr, der nicht weiß, wie unklug es ist, Männer mit Einfluss vor den Kopf zu stoßen“, erwiderte er schließlich.

Darth Angral, der dem verbalen Schlagabtausch der beiden Sith-Lords stumm gefolgt war, warf nun Adraas einen ermahnenden Blick zu. „Das ist genug. Wir sind nicht hergekommen, um diese alten Geschichten aufzuwärmen.“ Wie unerwartet dieser Tadel war, zeigte der mild erstaunte Blick, den der Getadelte seinem Gönner zuwarf. Malgus hatte ihre Interaktion eindringlich beobachtet, ohne zu bemerken, wie er wiederum von Violet beobachtet wurde. Sie spürte instinktiv, dass hinter der offenen Feindseligkeit von Malgus und Adraas mehr stecken musste, und obwohl die Gegenwart dieser Dunklen Lords sie ängstlich wie einst der kleine Padawan werden ließ, der sie einmal gewesen war, lauschte sie so stumm wie neugierig. „Ihr habt damals überaus scharfe Kritik am Friedensvertrag geübt, noch ehe die Unterschriften getrocknet waren, Lord Malgus. Damals tadelte ich Euch dafür“, fuhr Angral schließlich an Malgus gewandt fort. Er legte eine kurze Pause ein, als wollte er so Malgus‘ Interesse steigern. „Heute hingegen muss ich Euch zustimmen. Es scheint, als habt Ihr schon damals die fatale Entwicklung vorausgesehen, die das Imperium seither eingeschlagen hat.“

Malgus‘ harte Miene gab keine Regung preis. „Ihr habt meine Aufmerksamkeit, mein Lord“, sprach er dann leise.

Doch anstatt sogleich fortzufahren, nickte Angral stumm. Seine folgenden Worte waren schließlich so nachdenklich wie wohlgewählt. „Als ich damals vom Rat der Sith den Befehl erhielt, die Kämpfe auf Coruscant einzustellen und den Planeten lediglich als Druckmittel in den Verhandlungen zu besetzen, teilte ich die Ansicht der Ratsmitglieder und nicht zuletzt der unseres Imperators“, begann er. „Es war für das Überleben unseres Imperiums unerlässlich, zumindest einen Waffenstillstand auszuhandeln. Ihr wisst schließlich selbst, wie desaströs der Zustand unserer Flotte war, ganz zu schweigen von der Verlustzahl unserer Einheiten und der beschämenden Tatsache, dass knapp ein Drittel aller kampftauglichen Sith gefallen war. Wir hatten zu diesem Zeitpunkt keine Wahl, mein Freund, so sehr es Euch auch in Eurer Kriegerehre gekränkt haben mochte.“ Die Pause, die er einlegte, sollte wohl Malgus die Gelegenheit zu einem Einwand geben, der aber nicht kam. Stattdessen schien dieser jedes einzelne Wort abzuwägen. „Mittlerweile sind aber zehn Jahre verstrichen“, sprach Angral daher weiter, „zehn Jahre, in denen wir unsere Flotte wieder aufgebaut, die Anzahl unserer Soldaten wieder aufgestockt und eine neue Generation von Sith ausgebildet haben. Es gibt keinen vernünftigen Grund mehr, den Friedensvertrag aufrechtzuerhalten, und dennoch hat niemand den Mut, den ersten Schritt zu unternehmen. Selbst die Ratsherren haben sich mit der augenblicklichen Situation arrangiert und treiben lieber ihre gegenseitigen Machtspielchen voran, anstatt den ersten Schlag gegen die Jedi und die Republik zu planen. Nur Vengean scheint gewillt, zur Not auch auf eigene Faust alles zu unternehmen, um das Imperium zum Sieg zu führen.“  

„Er hatte schon damals den Friedensvertrag abgelehnt“, gab Malgus schließlich zurück. „Man sagte gar, er habe in aller Öffentlichkeit den Imperator selbst verunglimpft.“

„Hat er“, lautete Angrals Antwort lakonisch. Dabei nickte er wieder auf jene gravitätische Art, die Nachdenklichkeit suggerierte und doch so viel Überheblichkeit ausstrahlte. „Die Wahrheit ist, dass der Frieden uns schwach macht. Soldaten und Offiziere verrichten ihren Dienst nur noch nach Vorschrift, die Moffs und die Generalität haben sich bequem auf ihre Posten eingerichtet und warten nur noch auf den Ruhestand. Selbst von uns Sith gibt es so viele, die am Frieden mittlerweile Gefallen gefunden haben, weil es letztendlich so viel bequemer ist, in seiner Villa oder Festung zu sitzen und sich dem süßen Nichtstun hinzugeben.“ Letztere Einstellung schien er alles andere als zu billigen, denn er quittierte sie mit einem herablassenden Schnauben.

„Der letzte Krieg dauerte achtundzwanzig Jahre. Kann man es jemanden verdenken, wenn er nun die wohlverdiente Ruhe genießen will?“, warf nun Adraas ein, der bis jetzt dem Gespräch der älteren Lords so aufmerksam wie stumm gefolgt war. Seine Erwiderung erschien vordergründig wie ein ruhiger, auf Mäßigung abzielender Ratschlag, und doch wurde Violet das Gefühl nicht los, als sei es eine verhaltene Kritik an der bellizistischen Haltung seines Meisters.

Ein verächtliches Grinsen hatte sich unterdessen auf Malgus‘ Miene ausgebreitet. „Dass Euch jede Ausrede recht ist, Eurem wohlbekannten Hedonismus zu frönen, ist nun wahrlich keine Überraschung“, konterte er feindselig.

„Ihr könnt kaum erwarten, dass jeder sich dem Missmut und Trübsinn ergibt, für den Ihr wohlbekannt seid, mein Lord“, entgegnete Adraas nicht minder schlagfertig. Wieder bildete seine kühle, lässig-ironische Haltung einen scharfen Kontrast zu Malgus‘ hitzigem Temperament, das sich sichtbar nahe am Siedepunkt befand.

Und wieder warf Darth Angral seinem Günstling einen strengen Blick zu, auf den dieser eine unschuldige Miene aufsetzte. „Nun, welche Pläne oder Ausflüchte die Ratsmitglieder auch haben mögen, ich werde nicht tatenlos zusehen, wie unser Imperium dahinsiecht“, fuhr Angral fort. „Sollen wir jeden Krieg überlebt haben, nur damit wir an einem schwachen Frieden zugrunde zu gehen?“

Malgus schwieg daraufhin. Nach jener Unterweisung über die Natur der Macht, die Violet heute Morgen erhalten hatte, war sie sich sicher, dass dieses Argument wohl schwerlich seine Wirkung verfehlen konnte. „Und wie gedenkt Ihr das Imperium zu alter Stärke zurückzuführen, mein Lord?“, hakte ihr Meister dann nach. „Ein einfacher Angriff auf irgendeine republikanische Welt wird nicht genügen, um den Rat zum Handeln zu zwingen.“

„Nein, sicherlich nicht. Es wird im Übrigen auch nicht notwendig sein. Der Plan, den wir entwickelt haben, wird unsere Feinde mit nur einem einzigen Schlag auslöschen. Und wenn es soweit ist, dann sollt Ihr zu denen gehören, die den Sieg über die Jedi und die Republik zu Recht für sich beanspruchen können. Eure Verdienste für das Imperium sind noch nicht vergessen, Lord Malgus.“

Mit zum Zerreißen gespannten Nerven wartete Violet, ob sich Angral dazu herabließe, jenen Plan detaillierter zu erläutern. Sie wurde jedoch enttäuscht, denn der Dunkle Lord schien nicht gewillt zu sein, mehr preiszugeben. Scharf beobachtete dieser Malgus, dessen Blick ins Leere ging. Es war unmöglich zu sagen, was ihm durch den Kopf ging.

„Der Friedensvertrag war nicht die Idee irgendeines Ratsherrn, sondern der des Imperators“, sagte Malgus schließlich. Ein düsterer Glanz funkelte in seinen tiefgelben Augen. „Wollt Ihr etwa gegen den Willen unseres höchsten Meisters verstoßen, Lord Angral? Ich dachte immer, Eure Loyalität stünde außer Zweifel.“

Das Schweigen, das nun eintrat, hatte alle ruhige Nachdenklichkeit verloren. „Meine Loyalität steht außer Zweifel“, antwortete Angral derart beherrscht, dass ihm niemand diese Beherrschung glaubte. „Ich bin davon überzeugt, mit einem unerwarteten Erstschlag gegen unsere Feinde genau dem Willen des Imperators zu entsprechen. Ist Euch noch nie der Gedanke gekommen, dass er den Friedensvertrag offiziell beibehalten will, bis wir insgeheim schon die Oberhand errungen haben, um dann nach einer formellen Kriegserklärung innerhalb weniger Wochen sämtliche Kernwelten zu erobern?“

Der Einwand ließ Malgus unbeeindruckt. Es spiegelte sich gar Überlegenheit in seiner vernarbten Miene. „Ihr klingt sehr leidenschaftlich. Doch Leidenschaft kann zu Fehlern führen.“

Kaum hatte er ausgesprochen, stellten sich Violets Nackenhärchen auf, als die Luft zwischen den beiden Darths förmlich knisterte. Immer stärker hatte sie das Gefühl, dass Malgus hier auf etwas anspielte. Instinktiv betastete sie ihr neues Lichtschwert, als sich Angral schließlich erhob und eine herrische Haltung einnahm. „Ich hätte nicht gedacht, dass jemand wie Ihr, der Ihr doch allzu wenig Zurückhaltung besitzt und es überaus gut versteht, andere vor den Kopf zu stoßen, selbst so empfindlich mit Kritik sein würdet“, zischte er nun. Die Maske der jovialen Freundlichkeit war endgültig gefallen und offenbarten eine Mischung aus Arroganz und Verachtung.

„Kritik?“, erwiderte Malgus leise. Nun erhob auch er sich. Dabei überragte er Angral um gut eine Kopfhöhe. „Von ihm“, er nickte knapp in Adraas‘ Richtung, „ist nichts anderes als Intrigenspinnerei zu erwarten gewesen, aber Ihr habt mich damals auf Coruscant ins Messer laufen lassen. Glaubtet Ihr wirklich, ich hätte diesen Verrat vergessen, nur weil seitdem eine Dekade vergangen ist?“

Doch Angral stieß einzig ein herablassendes Schnauben aus. „Seid Ihr wirklich so ein Narr, dass Ihr nicht erkennt, wenn man es gut mit Euch meint? Euer Ruf war schon damals wohlbekannt und ich meine nicht Eure Verdienste auf dem Schlachtfeld. Er war beschädigt durch Eure Exzentrik, durch Eure zweifelhafte Interpretation unseres Kodex und Eurem fragwürdigen Umgang mit gewissen … Personen.“

„Wen meint Ihr genau?“, entgegnete Malgus. Seine Stimme war zu einem heiseren Wispern herabgesunken.

„Ihr wisst, wen ich meine.“ Angral musterte ihm von oben bis unten, wobei er den Kopf schüttelte. „Mit Eurer sentimentalen Neigung für dieses Frauenzimmer habt Ihr Euch dem Gespött aller Leute preisgegeben. Und als ich berechtigten Tadel an einem Verhältnis wie diesem übte, war es meine einzige Intention, den letzten Rest Eures Rufes zu retten.“

„Wer hätte gedacht, dass Darth Angral so edelmütig ist …“ Während Angrals Worte hitzig und voller Zorn waren, triefte Malgus‘ Erwiderung vor kalten Spott.

Adraas, der dem Gespräch so stumm wie alle andere gefolgt war, räusperte sich nun vernehmlich, bevor er sich an seinen Meister wandte. „Lasst es gut sein, mein Lord. Wir verschwenden hier nur unsere Zeit. Es ist doch offensichtlich, dass er noch immer seiner Bastarddirne hinterhertrauert.“ Das liebenswürdigste Lächeln zierte dabei seine schönen Züge, doch Violet entging nicht das grausame Funkeln in seinen goldgelben Augen.

Malgus war auf seine Worte hin ganz ruhig, ganz still geworden, gleich einem Orkan, der jeden Moment losbrüllen würde. „Wählt Eure nächsten Worte weise, Adraas. Es sind womöglich Eure letzten“, flüsterte er.

„Ihr seid nicht in der Position, uns zu drohen, dafür habt und hattet Ihr nie die Macht“, gab Angral scharf zurück. „Und wie es aussieht, habt Ihr endlich einen Ersatz für Eure Hure gefunden.“ Bei seinen letzten Worten war sein feixender Blick zu Violet weitergewandert.

„Wollt Ihr es auf eine Machtprobe hinauslaufen lassen? Dann fordert mich zum Kaggath oder schweigt, Angral.“

Der Angesprochene machte jedoch nur eine wegwerfende Geste. „Ich habe es nicht nötig, meine Macht zu demonstrieren. Ihr werdet Euch umsehen, wenn letztendlich ich es sein werde, der als Triumphator über die Republik in die Annalen eingeht. Spätestens dann wird sich niemand mehr an Darth Malgus erinnern.“

Er hatte den Zeigefinger drohend auf Malgus gerichtet und verließ dann, kaum hatte er ausgesprochen, mit wehendem Umhang den Salon. Seine Schüler folgten ihm auf dem Fuß, einzig Lord Praven deutete Malgus gegenüber noch eine Verbeugung an, bevor er seinem Meister folgte. Zurück blieb Darth Adraas, der noch immer mit übereinandergeschlagenen Beinen, das Kinn nachdenklich auf den Handrücken gestützt, auf dem Sofa saß. „Nun, das ging so schnell wie erwartet“, sprach er. Sein Bedauern über das abrupte Ende des Gesprächs hielt sich aber deutlich in Grenzen. „Mein Lord.“ Er nickte Malgus spöttisch zu, bevor auch er sich erhob. Als er Violet passierte, hielt er allerdings inne. Sie hatte, als Angral und seine beiden Schüler an ihr vorbeigingen waren, Ragnos vorsichtshalber am Halsband festgehalten, da dieser seinen Peiniger von zuvor anknurrte und, der Anspannung seines Körpers nach zu urteilen, schon zum Angriff angesetzt hatte. Nur ein kräftiger Zug am Halsband und eine zärtliche Massage seiner großen Ohren hatte ihn halbwegs beruhigen können. Als sie nun aber Adraas‘ Blick auf sich spürte, breitete sich die vertraute Hitze auf ihren Wangen aus. „Du bist wirklich zu bedauern, meine Hübsche“, sprach er leise und doch so laut, dass Malgus ihn hören musste. „Du könntest es weit unter uns Sith bringen, aber nicht mit diesem Meister. Eines Tages wird er dich in den Abgrund mitziehen, den er sich mit seinen ketzerischen Ansichten und schroffen Abweisung eines jedes Bündnispartners selbst geschaffen hat. Wenn es soweit ist, dann wende dich an mich. Ich werde meine Hand über dich halten.“ Wie um die Intention seiner Worte zu verdeutlichen, strich er leicht über ihr Haar und ergriff dann ihr Kinn. Unwillkürlich huschten ihre Augen zu seinen Lippen, die kaum mehr als eine Handbreit von ihren entfernt waren, und als sie schon glaubte, er wolle sie küssen, da konnte sie nicht anders, als sich seinen Lippen entgegenzubeugen. Doch dann stieß Adraas ein leises Lachen aus, bevor er ihr Kinn losließ. „Auf Wiedersehen, Madam“, sprach er noch an Mrs. Pattow gewandt, die gerade mit einer Kanne Kaffa eingetreten war und sich erstaunt im leeren Salon umblickte.

In der Stille konnte man Adraas‘ sich entfernende Schritte vernehmen, bevor die Haustür ins Schloss fiel. „Nun, so schnell wie heute habt Ihr wahrlich noch keine Gäste vergrault, mein Lord“, sagte Berit dann mit feiner, unterschwelliger Ironie.

„Nehmen Sie Ihren Kaffa und verschwinden Sie“, fuhr Malgus seine Haushälterin an. Diese wirkte im höchsten Maße empört über die unhöfliche Art, wie man mit ihr umsprang, bevor sie mit stolz erhobenem Kopf wieder hinausmarschierte. Malgus‘ Blick war unterdessen wieder zu Violet zurückgewandert. Der giftige und überaus gefährliche Ausdruck in seinen Augen verriet ihr, dass er ihre Interaktion mit Adraas aufs Genauste beobachtet haben musste. Noch ehe sie sich versah, hatte er sich ihr mit wenigen Schritten genähert und gab ihr nun eine so harte Ohrfeige, dass sie für einen Moment glaubte, von einem Faustschlag frontal getroffen zu werden. Nur die Wand, gegen die sie taumelte, verhinderte einen Sturz. So perplex, dass sie zuerst gar keinen Schmerz verspürte, betastete sie ihre Unterlippe, die aufgeplatzt war. Der Geschmack ihres eigenen Blutes weckte sie aus ihrem Schockzustand, und ohne ihn eines weiteren Blickes zu würdigen, stolperte sie aus dem Salon.

„Ich habe dich noch nicht entlassen“, rief Malgus ihr hinterher. Sie hielt tatsächlich inne. Einen langen Moment musterte sie ihn, bevor sie mit zögerlichen Schritten zurückkam. Er hatte Wut, Zorn, sogar Hass in ihr erwartet, aber nicht jene Mischung aus Angst und Verwirrung, die ihre Züge kennzeichneten. Malgus blinzelte, doch das seltsame Gefühl wollte nicht weichen, das ihn beim Anblick ihrer blutenden Lippe überkam. Veradun … Er erstarrte, als ein anderes Bild vor seinem inneren Auge auftauchte, das Bild einer schönen, zarten Twi’lek, die ihn zusammengekauert anstarrte, die großen, blauen Augen voller Angst, wenn er sein Temperament nicht mehr zügeln konnte und sein dumpfer Zorn in Form von Mobiliarschäden und Wutschreien aus ihm herausgebrochen war. Er wusste nur zu gut, dass ein derartiges Verhalten unter der Würde eines wahren Kriegers war, als den er sich selbst ansah. Ein Krieger hätte seine Emotionen gebündelt, seine Wut, seinen Zorn, seinen Hass konzentriert und dann seine Feinde vernichtet. Doch wie oft hatte die politische Realität sein Ideal unterlaufen, hatten schwache, spitzfindige Männer es geschafft, ihn zur quälenden Untätigkeit zu verurteilen oder ihn gar zum Spielball ihrer Ränkespiele gemacht. In diesen Momenten war es dann über ihn gekommen, war sein Hass auf ihre Feigheit, ihre Dekadenz so stark, war seine Verbindung zur Dunklen Seite so intensiv geworden, dass ihn die Leidenschaft wie ein dunkles Feuer übermannte. In diesen Momenten hatte er sich wahrlich stark gefühlt, hatte er ohne jeden Zweifel gewusst, was seine Bestimmung war. Und jene Momente waren es gewesen, die ihn am weitesten von Eleena entfernt hatten. Veradun, hatte sie dann geflüstert, die großen Augen voller Tränen. Veradun, bitte … Doch in diesen Momenten war er nicht mehr dieser Narr Veradun gewesen, ein Mann, der zuließ, dass ihn seine Liebe schwach machte, dass er sich insgeheim nach einem Leben in friedlicher Abgeschiedenheit sehnte, wo er nicht länger genötigt war, seine Liebe zu verleugnen. In diesen Momenten war er wahrlich Darth Malgus gewesen, ein Sith-Krieger, ein Schlächter, einer, der sich dem Krieg verschrieben hatte, der den Tod als Fortschritt der Evolution feierte, der durch das Blut von Schuldigen und Unschuldige watete, um sich so dem Geheimnis der Macht anzunähern. In diesen Momenten war es, als wäre er losgelöst von allen physischen und emotionalen Beschränkungen, als wäre er losgelöst von der Materie selbst. In diesen Momenten, die so flüchtig wie ein Wimpernschlag waren, hatte er wahrhaftig seine Ketten zerbrochen, hatte ihn die Macht befreit. Und um diesen einen Moment zu dauerhafter Stärke werden zu lassen, hatte er ihr sein Lichtschwert durchs Herz gestoßen, jener, die er mehr liebte als jeden anderen und doch nicht genug liebte, um der Macht zu entsagen. Und bis zum heutigen Tag war er überzeugt gewesen, letzten Endes richtig gehandelt zu haben.

Doch jetzt …

Jetzt, als er sie, seine Schülerin, ansah, als er das blutige Resultat seines dumpfen Wutausbruchs betrachtet, als er feststellte, dass sie ihn auf dieselbe Art anstarrte, so ängstlich, so verschreckt und so voller Enttäuschung und Verwirrung, da spürte er jenes Gefühl wieder, das auch Eleenas Blick in ihm ausgelöst hatte: Scham.

Scham darüber, nicht mehr als ein dumpfer, brutaler Mann zu sein, der seine Gefühle nicht kontrollieren konnte. Scham darüber, wie hoch er sein eigenes Ideal hielt und wie wenig er ihm doch entsprach. Und Scham darüber, die Frau, deren Schutz er sich doch verschrieben hatte, nun selbst so schlecht zu behandeln.

Eine leichte Geste ließ eine der Stoffservietten vom Tisch in Malgus‘ Hand fliegen. Behutsam zog er dann ihre Hand weg, die sie auf ihre Unterlippe gepresst hatte, und begann, sie vorsichtig abzutupfen. Es war von verstörender Schönheit, zu beobachten, wie das blütenweiße Leinen das dunkelrote Blut aufsog. Nur noch schöner, eleganter war das feine Rinnsal, das über ihr Kinn gelaufen und ihrer Kehle, deren Haut so hell und rein erschien, hinabgeronnen war. Ihr hochgeschlossener Pullover verbarg die weitere Spur, doch vor seinem inneren Auge sah Malgus deutlich, wie das Blut sich seinen Weg zwischen ihren vollen Brüsten hindurchbahnte. Dieses Bild faszinierte ihn auf sonderbarer Weise, und es ließ ein Verlangen in ihm entstehen, von dem er gedacht hatte, es schon lange überwunden zu haben.

Als er endlich aufsah, bemerkte Malgus, wie seine Schülerin ihn noch immer anstarrte. Und noch immer lag diese Furcht, diese Irritation, diese Enttäuschung in ihrem Blick. „Ich bin ein Narr, Aspera“, sprach er endlich. Seine Stimme war leise und klang heiserer denn je unter seiner Atemmaske hervor. Seine Worte ließen sie nur noch verwirrter dreinblicken. Es erstaunte ihn nicht, denn wenn er sich selbst ein Rätsel war, wie sollte ihn dann jemand anderes verstehen? „Du kannst gehen. Lass‘ die Wunde von Berit versorgen.“

Damit wandte er sich ab. Gedankenverloren betrachtete er die blutgetränkte Serviette, die er noch immer in der Rechten hielt, während sich ihre Schritte entfernten. Dann war er allein.
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