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Never trust a smiling author

von Eruanna
GeschichteHumor, Parodie / P16 / Gen
23.10.2018
27.12.2018
8
12.448
4
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9 Reviews
Dieses Kapitel
1 Review
 
23.12.2018 3.174
 
Mordor, 3017 Drittes Zeitalter (Mairon):
Erschöpfter als ich eigentlich sein sollte schlug ich die Augen auf und blickte auf die schweren Türen, die meine privaten Gemächer von dem lauten Treiben in der Festung abschirmten. Ich hatte erneut versucht, Verbindung zu meinem Gefährten aufzunehmen, aber die nervigen Plagegeister namens Valar hatten offenbar Wind von diesem Kommunikationsweg bekommen und blockierten ihn. Wenn ich überhaupt träumte, dann waren es Albtraumszenarien, indem die Elben versuchten, meinen gestohlenen Ehering zu benutzen um mich zu bezwingen und Herrschaft über mich zu erlangen. Besonders schmerzhaft wurde es, wenn Celebrimbor vor mir auftauchte um mich zu verhöhnen, weil ich noch immer an der Liebe zu Melkor festhielt. Ich hatte ihn damals nicht töten wollen, doch als ich feststellte, dass die Elbenringe gefährliche Fehler aufwiesen, die den Trägern den Tod bringen konnten, versuchte ich sie irgendwie in die Finger zu bekommen. Die Gefahr, dass Mittelerde dadurch zu einem Leichenfeld wurde, war mir einfach zu hoch. Aber das Gift, das Galadriel meinem alten Freund in Form von fortwährenden Lügen verabreicht hatte, brachte ihn dazu, ausgerechnet mich als Feind zu sehen. Irgendwann wusste ich mir nicht anders zu helfen als ihn zu foltern. Es hatte mir in der Seele wehgetan, seine Schreie zu hören und dennoch weiterzumachen. Vielleicht war mein Weg wirklich der Falsche gewesen und ich hätte nicht soweit gehen dürfen ihn zu töten. Aber damals war nicht nur ich in seinem Geist gewesen. Auch er hatte die Chance genutzt und in meinem Bewusstsein herumgewühlt. Das was er gefunden hatte trieb ihn in den Wahnsinn, weil es allem widersprach, woran man ihm gelehrt hatte zu glauben. Dass das vermeintliche Böse auch lieben konnte und seine Gründe gehabt hatte zu kämpfen, war für ihn zu viel gewesen. Nachdem er im Rausch viele meiner besten Männer getötet hatte, musste ich seinem Leben ein Ende setzen. Wenn ich die Chance bekäme, etwas anders zu machen, würde ich diesen schrecklichen Ausgang ändern? Vielleicht. Aber bei ihm war ich nur auf taube Ohren gestoßen, da er sich von mir verraten fühlte. Nur wie hätte ich ihm sagen können, dass sein bester Freund und Lehrer Annatar in Wahrheit der gefürchtete Maia Sauron war? Er wäre niemals damit zu Recht gekommen. Sein Geist wäre zerbrochen, zersplittert und geschwunden. Damals hatte ich mir einfach nur gewünscht, von anderen akzeptiert zu werden und so etwas wie eine echte Freundschaft zu erleben. Doch der Preis war viel zu hoch. Mit jedem weiteren Tod hatte ich einen Teil meiner Seele verloren. Wie sehr ich die Notwendigkeit zu töten verabscheute! Welches Recht hatten wir das Leben eines anderen Geschöpfs zu beenden?! Die Valar spielten mit unserer aller Leben, versuchten uns als Schachfiguren zu ihrer krankhaften Belustigung zu missbrauchen. Natürlich fürchteten sie einen Aufstand und die Möglichkeit, die allmächtige Kontrolle zu verlieren. Wäre es nach ihnen gegangen, hätte es solche Personen wie Feanor niemals gegeben. Sie waren lediglich selbstverliebte Narren, die sich auf ihre Fähigkeiten und die blinde Verehrung von Erus Kindern zu viel einbildeten. Ihre Arroganz ähnelte dem verheerenden Größenwahn, den sie Melkor und mir immer wieder unterstellten. Doch wer suchte schon freiwillig bei sich die Fehler? Es war viel einfacher und bequemer jegliche Verantwortung von sich zu weisen sowie andere als Verräter zu bezichtigen. Die meiste Zeit wussten die Valar gar nicht was sie taten und ob sie wirklich Erus Willen erfüllten. Solche niederträchtige, unwissende und unvollkommene Persönlichkeiten durften über Leben und Tod entscheiden?! Wo blieb dort die Gerechtigkeit? Weshalb durfte kein Wesen sein Schicksal selbst bestimmen, wenn es in gewissen Grenzen einen eigenen Willen hatte? Niemand war von Geburt an böse oder gut. Außerdem waren dies unhaltbare Begriffe, so bald man sich die Mühe machte, die Perspektiven zu wechseln und freier zu denken. Aber das trauten sich nur die Wenigsten. Schließlich bedeutete eigenständiges Denken und Handeln eine unbequeme Verantwortung. Genau deshalb scheuten sich die meisten davor, sich der willkürlichen Kontrolle der Valar zu entziehen. Das sogenannte Segenreich Aman war hinter dem schönen Schein nichts als ein perfekt getarnter goldener Käfig.
Wenn wir alle die Kinder Erus waren, wieso ließ er eine derartige Ungerechtigkeit und Grausamkeit zu? Warum tat er nichts, um die gegenseitigen Abschlachtungen zu verhindern? Waren das die viel gerühmte Vaterliebe und seine grenzenlose Gnade? Ein echter Vater war nicht grausam und er verzieh auch jenen Kindern, die am tiefsten gefallen waren. Müde erhob ich mich von meinem Sessel und schlurfte zu dem Spiegel. Meine Kraft war noch lange nicht wiederhergestellt.
Als dieser Dieb Isildur damals den Ring von meiner Hand trennte, hatte er mich nicht getötet, sondern in die Geisterwelt verbannt. Um zu überleben hatte ich mich kurz seines schwachen Geistes bemächtigt, damit er den Ring nicht zerstörte. Hätte er es getan, wäre ich wahrlich in den ewigen Schlaf gefallen. So aber wandelte ich ungesehen zwischen den Welten und beobachtete mit Schrecken, wie das sogenannte Gute alles zerstörte, was Melkor und ich einst aufgebaut hatten. Mein treues Gefolge war verfolgt, verraten und getötet worden – alles nur, weil der Zufall gewollt hatte, dass die letzte Allianz den Sieg davontrug. Den nachkommenden Generationen war ein verzerrtes, einseitiges Bild von den damaligen Geschehnissen übermittelt worden. Wie schon so oft schrieben die Sieger die Geschichte um, so dass nichts ihren Ruhm und Glorie trüben vermochte. Das die Wahrheit irgendwo dazwischen lag, wurde tatkräftig ignoriert. Besonders die Elben waren erfolgreich darin mich als der Inbegriff des Bösen und der Verderbnis darzustellen. Dabei trugen sie ebenfalls Schuld an diesen blutigen Kriegen und den Gräueltaten. Allerdings würden sie das kaum offen zugeben. Ich hatte tatenlos zusehen müssen, wie diese Mörder als Helden gefeiert wurden. Die Wahrheit würde wohl nie jemand erfahren.
Mir blieb keine andere Wahl als meine getreusten Diener auszuschicken um den Ring wiederzubekommen, ehe alles umsonst war. Ich konnte nicht zulassen, dass mein Plan, wieder mit meinem Liebsten vereint zu werden aufgrund der diebischen und verräterischen Menschen scheiterte. Khamûl* und Ráva** würden ihre Aufgabe gewissenhaft verfolgen. Theoretisch wäre in wenigen Sonnenläufen der ideale Zeitpunkt um die Tore zwischen den Welten zu öffnen und meinen geliebten Melkor zu befreien. Aber dafür brauchte ich meinen Ehering! Daran hingen Sieg und Niederlage. Ich hatte nicht so viel geopfert, verloren und war durch die Hölle gegangen um nun zu scheitern. Ohne die andere Hälfte meiner Seele fühlte ich mich schwach, verletzlich, einsam und leer. Ich brauchte Melkor! Nur er machte mich vollständig und zu etwas Besonderem. Er sah mich, Mairon als der ich wirklich war. Für alle anderen war ich nur ein grausamer Tyrann, eine Schauergestalt aus alten Gruselgeschichten um die Kinder zu Gehorsam zu zwingen und das Böse in Reinform. Sie waren zu blind vor Angst und zu intolerant, um das Unbekannte wie Freiheit von den valarinischen Fesseln als das eigentliche Geschenk zu begrüßen. Und sie nannten mich ein herzloses Monster?!
Dabei hatte ich immer nur friedlich mit Melkor leben wollen und unser Glück genießen wollen. Stattdessen hetzten die Valar ihre elbische Gefolgschaft gegen uns auf, verbreiteten Lügen und verdammten uns für unseren Mut, zu unserer Liebe zu stehen. Neid, Hass, Verblendung – tödliche Gefühle, wenn auch nicht für unsereins.
Aber das waren fruchtlose Gedanken, denn ich konnte bereits die Vorboten des Krieges erkennen. Einzig allein Curunír schien die wahre Geschichte begriffen zu haben und hatte mir seine Treue geschworen. Echte Freunde waren selten und ich vertraute meinem alten Komplizen nicht mehr. Wenn er bereit war seine ach so hochangesehenen Freunde zu verraten, dann steckte dahinter wohl eher sein unvernünftiger Machthunger. Ich würde ihn ständig überwachen müssen um sicherzugehen, dass er mich nicht verriet.
Ein Klopfen an der Tür unterbrach meine Gedanken. Stirnrunzelnd streckte ich meine Sinne aus. Khamûl. Ich hatte ihn beauftragt, das seltsame Geschöpf namens Gollum einzufangen, da ich in dessen verwirrte Gedankenmuster immer wieder Bilder meines Eherings bemerkte. Er schien förmlich von ihm besessen zu sein, eine Eigenschaft die der Ring leider bei jedem Wesen außer mir auszulösen schien. Nicht nur verlängerte er das Leben des widerrechtlichen Trägers, was an sich schon eine Frechheit von ihm war, nein, er verzehrte ihn wie ein Vampir und verdunkelte die Seele. Mehr noch, er zog das Böse förmlich an.
Isildur hatte damals den Fehler gemacht ihn mir von der Hand abzuschlagen und damit sein eigenes Todesurteil unterzeichnet. Vielleicht wären die Nachfahren der stolzen Númenórer nicht auf so abscheuliche Weise untergegangen, wenn er etwas mehr Selbstbeherrschung gehabt hätte. Allzu lange hatte er sich an seinem sogenannten Schatz aber nicht erfreuen können. Sein Tod war eines Diebes wie er es war gerecht geworden. Ich konnte für sein Schicksal kein Mitgefühl aufbringen.
„Komm rein, Khamûl.“ Seine Erscheinung war nun, wo er gänzlich in schwarz eingekleidet war weniger blass und schwächlich als noch vor einigen Jahren. Die Zeit in Dol Guldur hatte ihm gut getan. Er war stark genug für die Aufgabe, die er erfüllen sollte. Nachdenklich musterte ich die Gestalt, die sein Geist angenommen hatte. Noch immer verabscheute ich die Tatsache, dass der Ring, den ich ihm damals als Freundschaftsangebot überreicht hatte, ihn in einen lebendigen Geist verwandelte und ihn gewissermaßen versklavte. Zu spät hatte ich die Mängel bemerkt, denn bei den Zwergenringen waren die Fehler nicht so gravierend und fatal gewesen. Selbst einem Meisterschmied konnte nach Jahrtausenden der Erfahrung noch Fehler unterlaufen. „Hat dieses Geschöpf endlich von seiner sturen Haltung abgesehen und geantwortet?“
Er nickte und schien nach den richtigen Worten zu suchen. Hm, so wortverlegen hatte ich ihn lange nicht mehr erlebt.
„Wir haben ihn monatelang foltern müssen, aber vor wenigen Minuten hat er endlich zwei Worte herausgebracht, die Sinn ergeben.“
Ich unterdrückte das Zittern der Erleichterung. Mir gefielen diese brutalen Methoden immer noch nicht, aber anders wären wir bei diesem Wesen nicht vorwärts gekommen. „Rede! Was sagte er?!“
„Auenland. Bilbo Beutlin. Aber das ist noch nicht alles. Offensichtlich ist diese Kreatur überzeugt, das Bilbo Beutlin ihm den Ring gestohlen habe. Er hat ihn als Dieb und Schlimmeres bezeichnet.“
Interessant. Ich stützte mein Kinn auf eine Hand und musterte die gegenüberliegende Wand kritisch. Auenland. Wo hatte ich dieses Wort schon einmal gehört? Es musste in der Geisterwelt gewesen sein, als ich ein Gespräch zwischen zwei drolligen kleinen Gestalten belauschte. Sie waren so groß wie kleine Kinder und dennoch erwachsen. Aus den Wortfetzen hatte ich damals gehört, dass immer mehr der Starren sich im Auenland niederließen und Handel mit den Menschen treiben würden, wobei einige durchaus zwielichtige Gestalten seien. Irgendwann hatte ich das Interesse an ihnen verloren und wohl auch das Gespräch vergessen. Mit dem Wort Beutlin konnte ich weniger etwas anfangen. Sicher, es gab diese eine absurde Geschichte, das ein Hobbit namens Bilbo Beutlin vor einigen Jahren mitgeholfen hätte, den Erebor zu erobern, aber ich hatte es für ein Gespinst geschwätziger Waschweiber gehalten. Denn kein Hobbit könnte einen Drachen und ein Haufen mürrischer todeslustiger Zwerge lange überleben. Es sei denn natürlich er wäre tatsächlich der „Dieb“, als denn Gollum ihn bezeichnete. Das würde natürlich die gelegentlichen Machtschübe erklären, die ich zu besagter Zeit immer wieder spürte. Wenn dieser Bilbo Beutlin noch am Leben war und aus dem Auenland stammte, sollte es leicht werden, ihm den Ring abzunehmen sowie ihm eine Benimmlektion zu erteilen. Mein Entschluss stand nun fest. Grimmig fixierte ich den geduldig wartenden Khamûl und beugte mich langsam vor. „Du wirst gemeinsam mit den anderen Acht sowohl dieses Auenland, als auch den naseweisen Dieb Beutlin finden und den Ring zu mir bringen. Solltet ihr versagen, bezweifle ich nicht, das ein grässlicher Krieg ausbrechen wird. Die Elben werden wie immer falsche Schlüsse ziehen. Einige werden vielleicht feige in die Arme der Valar übers Meer flüchten, aber viele werden bleiben um mich endgültig zu vernichten. Das darf nicht geschehen. Ohne den Ehering wird alles, was wir in den vergangenen Jahrtausenden seit Melkors Verbannung durchgemacht haben, umsonst sein. In zwei Jahren ist endlich die Zeit gekommen um das Portal zu öffnen und ihn zu befreien. Ich kann nicht mehr warten. Holt mir meinen verdammten abtrünnigen Ehering! Einen weiteren Krieg kann und darf es nicht geben. Habe ich mich klar ausgedrückt?!“ Hastig verneigte er sich und versicherte, das er alles tun würde, um seine Pflicht zu erfüllen. Natürlich würde er das. Aber er sollte darüber hinaus nicht seine eigenen Schwächen vergessen. „Du bist nach Ráva der Geschickteste von euch, die Aura des Ringes zu spüren und ich vertraue auf euch. Aber vergesst auch nicht, das Licht, reine Energie, Wasser und elbische Zauber euch schwächen können. Ihr habt nicht wirklich einen eigenen Körper. Das ist sowohl ein Vorteil als auch ein möglicher Schwachpunkt. Zum Glück werden eure Gegner männlich sein. Denn gegen die weibliche Zerstörungskraft ist kaum ein Wesen gefeit. Auch ihr untoten Geisterwesen nicht. Und jetzt benachrichtige die anderen. Ihr habt noch viel vorzubereiten, ehe ihr aufbrechen könnt.“ Ich schürzte die Lippen. Hatte ich noch etwas vergessen? Eigentlich nicht, bis auf eine Sache. „Eins noch: bis auf den inneren Kreis darf niemand von eurer wirklichen Suche erfahren. Je länger eure Mission im Verborgenen bleibt, desto besser. Die Elben werden schon früh genug Alarm schlagen.“ Irgendwie musste ich sie von meinem eigentlichen Vorhaben ablenken. Ob ich die Spinnen aggressiver auf die Waldelben hetzen sollte und die Orks häufiger zuschlagen ließ? Die meisten von ihnen langweilten sich und klagten darüber, das sie ihre internen Streitigkeiten nicht einmal auf ihre Weise lösen durften, weil die Neun immer schlichtend dazwischen gingen um meine Ruhe nicht mit solchen Belanglosigkeiten zu stören. „Meister? Was soll mit Gollum geschehen? Die Orks hassen es, ihm Essen zu bringen, damit er zumindest am Leben bleibt. Sie würden ihn lieber tot sehen oder selbst fressen. Auch wenn an ihm nichts dran ist. Wenn es weiterhin so ruhig ist, werden sie anfangen, sich gegenseitig zu ermorden.“ Khamûl sprach emotionslos über einen grausamen Tod. Missbilligend schnalzte ich mit der Zunge. Die Orks benötigten dringend eine Zwangsbeschäftigung und was Gollum betraf, so könnte er sich bezüglich des Ringes als nützlich erweisen. Ein brillanter Plan nahm immer mehr Gestalt in meinem Kopf an. Langsam erhob ich mich und lächelte zufrieden. Ja, das könnte sogar sehr gut funktionieren.
„Lasst die Orks auf Gondor, Rohan und die Elbenstädte los. Es dürfte sie genügend ablenken, um eurer Suche Erfolg zu gewährleisten. Lasst sie meinetwegen morden und plündern. Wenn ich sie nicht von der Kette lasse, werden sie den fruchtlosen Versuch unternehmen mich zu töten und das wäre in der Tat eine Verschwendung ihrer Fähigkeiten. Wenn die Elben glauben, ich wäre auf Krieg aus, werden sie vor Panik zu blind sein, um meine wahren Bewegungsgründe zu erkennen und jegliche Nachforschungen bezüglich meines Rings unterlassen. Ich greife nur ungern zu solchen Mitteln, aber ich bin nicht bereit, wieder so viele Jahrtausende getrennt von Melkor zu leben.“ Scharf musterte ich meinen zweitbesten Krieger. Allein den Neun vertraute ich wirklich. Thuringwethil, meine treuste Kämpferin und frühere Heerführerin hatte sich aus meinem Einflussbereich entzogen. Den wenigen Gerüchten über sie zufolge war sie in den hohen Norden geflohen. Dorthin, wo sich bis heute niemand gewagt hatte. Und warum? Aus Angst vor meinem Zorn, weil sie sich meinen Befehlen widersetzte und zudem versucht hatte, den Ring für sich selbst zu behalten. Ich hätte ihr die Erlösung des Todes auch vorenthalten. Noch nie zuvor hatte mich ein Verrat so hart und schmerzhaft getroffen wie der ihre. Wenigstens hatte sie ihr Schweigen bezüglich meiner wirklichen Schwachstellen eisern gehalten, selbst als sie vorübergehend den Elben in die Hände fiel. Kluges Mädchen. „Was Gollum betrifft, so lasst ihn frei, überwacht ihn aber. Er könnte sich als nützlich erweisen und vielleicht sogar als Schlüsselrolle um den Ring wiederzubekommen. Ihn zu töten wäre nicht nur eine Verschwendung von Kraft, sondern auch töricht. Füttert ihn wenn nötig mit Fehlinformationen, damit er dem Rest unseres trauten feindselig gesinnten Teekränzchens nichts Wichtiges verraten kann. Schmerzen machen ihn gefügig, ebenso die Aussicht auf den Ring.“
>Manchmal erkenne ich dich kaum wieder, Mairon. Das du einen Krieg vom Zaun brichst, nur um deine wahren Absichten zu verschleiern, sieht dir gar nicht ähnlich. Was ist mit meinem weichherzigen, sanftmütigen, liebevollen und gütigen Ehemann passiert? Derartige Schliche habe ich angewendet. Niemals du. Du warst immer mein Mitgefühl, meine Güte, meine bessere Hälfte. Ich musste dich damals zwingen, zu lernen, wie du dich im Kampf verteidigen kannst. Stundenlang haben wir vor jedem Kampf gestritten, weil du kein unschuldiges Blut vergießen sehen wolltest. Was ist nur aus meinem geliebten Ehemann geworden? Ein gnadenloser Krieger.< Ich zuckte zusammen. Diese Stimme würde ich jederzeit erkennen. Rasch scheuchte ich Khamûl aus dem Raum und wankte zum Fenster. Nie hätte ich damit gerechnet, seine Stimme in meinem Bewusstsein zu vernehmen. Hatten die Valar mir nicht hämisch versichert, dass es unmöglich sei, nun mit ihm noch Kontakt aufzunehmen? Vielleicht hatte er sie alle in dem Glauben gelassen. Schließlich war er der Meister der Täuschung. >Mel? Wie kann es sein, das ich dich auf einmal höre? Ich dachte, unsere Verbindung sei von den Valar endgültig gebrochen worden. Oder bilde ich mir das alles nur ein...?< Verzweiflung und Schmerz tobten wie Wölfe in meiner Brust, versuchten sich gegenseitig in Fetzen zu zerreißen. Jeder Atemzug tat weh. Angespannt wartete ich auf irgendeine Reaktion. Warmes dunkles Gelächter hüllte meinen Geist wie schwarzer Samt ein. Zitternd genoß ich den Klang, auf den ich solange hatte verzichten müssen. Mit geschlossenen Augen legte ich den Kopf in den Nacken und verwahrte das Geräusch in meinem einsamen Herzen. >Ach, mein kleiner Feuergeist, selbst nach all diesen Jahrtausenden hast du noch viel zu lernen. Hast du wirklich vergessen, mit welchen Worten ich einst deine Seele an die meine band? ,Ein Herz und eine Seele in zwei Körpern. Durch alle Zeiten und über alle Grenzen sind wir für immer eins. Unsere vereinte Melodie wird der grausamen Welt ein Ende bereiten. Unser Aufstieg bedeutet den Fall des dagewesenen Übels.’  Es ist ein Versprechen, das ich immer in Ehren halten werde. Du trägst die andere Hälfte meines Herzens und meiner Seele in dir. Du bist, warst und wirst immer das Einzige sein, was ich brauche um glücklich zu sein. Du bist mein Licht in meiner eigenen Dunkelheit. Die Einsamkeit nagt an dir. Lass sie mich auslöschen und dich in meine Erinnerungen unseres gemeinsamen Lebens entführen. So gewinnst du die dringend notwendige Kraft, um gegen diese törichten Narren zu bestehen. Die Neun werden dir den Ring wiederbringen und wir werden endlich wieder vereint sein. Bald, mein Liebster, bald...<
Bald. Ja, bald würde ich ihn wieder in die Arme schließen und nie wieder gehen lassen. Er gehörte zu mir, so wie ich zu ihm gehörte. Wir waren eine Einheit und schon viel zu lange getrennt. Ich lächelte und öffnete die Augen. Sollten die Elben doch versuchen mich zu besiegen. Sie würden es niemals schaffen mich gänzlich zu töten solange Melkor lebte.
Die Neun würden ihren Auftrag gewissenhaft ausführen oder gemeinsam mit mir untergehen. Was auch immer die Zukunft brachte, im ewigen Schlaf wäre zumindest meine Seele wieder mit Melkor vereint.  

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* Khamûl -> ursprünglich ein Ostling, der in Dol Guldur nach dessen Wiedereroberung 2951 D.Z. als Statthalter Saurons lebte und der zweitranghöchste Nazgûl war.
** Ráva -> der mächtigste Ringgeist auch bekannt als der Hexenkönig von Angmar war einst einer der größten Könige der Menschen. Leider habe ich in keiner meiner Quellen seinen früheren menschlichen Namen gefunden und deshalb das Quenya-Wort ráva (wild) gewählt.
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