The enemy pushes closer

OneshotAngst, Schmerz/Trost / P18
23.10.2018
23.10.2018
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Disclaimer: Ich kenne keinen der vorkommenden Prominenten persönlich, habe keinerlei Rechte an ihnen oder an sonst irgendwas, das mit ihnen zusammenhängt, und selbstverständlich verdiene ich mit dieser Geschichte kein Geld. Was es hier zu lesen gibt, ist Fiktion und basiert demzufolge auch nicht auf irgendwelchen realen Ereignissen.
Beim Titel handelt es sich erneut um ein Zitat aus dem Film.

English Version: I do not own anyone, this is purely fictional. If you got here by googling yourself please I urge you go back now!

A/N: Dies ist der vierzehnte Oneshot in meiner kleinen, mehr oder weniger unzusammenhängenden Kurzgeschichten-und-Drabble-Reihe zu Christopher Nolans Film Dunkirk. Vielleicht braucht es diesen Zusatz nicht mehr so dringend wie zu der Zeit, als es noch keine eigene Kategorie gab. Nichtsdestotrotz habe ich ihn irgendwie liebgewonnen in dem einen Jahr und einen gewissen Nutzen erfüllt er gerade in Bezug auf die neue #pneumonia-Reihe obendrein noch, denn gerade diese Kurzgeschichten hängen besonders zusammen.
Die dreizehnte Kurzgeschichte findet ihr also hier: Whatever the cost may be

Hier handelt es sich jedoch nicht um einen weiteren Teil der #pneumonia-Reihe. Dieser Oneshot darf aber gerne in Zusammenhang mit As sure as the rivers reach the seas gelesen werden. Wie und warum das so ist, überlasse ich bis auf Weiteres euren wilden Spekulationen und kühnsten Träumen (die ihr mir natürlich gerne mitteilen dürft).
Gleichzeitig kann dieser Oneshot auch als Prequel zu Time is running out und Home came for them gelesen werden.

So, nachdem das eher Allgemeine abgehandelt ist, möchte ich nun noch ein paar aufklärende Worte zur Person Gibsons und in Bezug auf diesen Oneshot loswerden:
- Gibson ist im Film ursprünglich der Name des toten Soldaten, der im Sand begraben wird, wo Tommy sich nach dem Entkommen aus Dunkirks Straßen erleichtern möchte.
- Gibson ist der Name auf der Erkennungsmarke, die der Charakter, den Aneurin Barnard spielt, dem toten englischen Soldaten abgenommen hat.
- Deswegen gilt Gibson als Name des Charakters, den Aneurin Barnard verkörpert.
- Logischerweise ist Gibson aber nicht der Geburtsname dieses Charakters – der Geburtsname bleibt unbekannt.
Da dieser Oneshot vor den Ereignissen der Operation Dynamo spielt, war es notwendig, sich ein paar Gedanken über Gibsons Geburtsnamen zu machen.


Ihr wisst ja, Reviews und Sternchen sind das Brot des Fanfictionautors – lasst mich bitte nicht hungern!







The enemy pushes closer


Er presste die Hände auf die Ohren, das Gesicht fester gegen den feuchten Waldboden und hoffte. Hoffte, dass ihn keine der Kugeln traf, die über ihn hinweg sausten, dass er unentdeckt blieb, wenn er sich nicht mehr rührte, dass die Deutschen ihn zwischen all dem Grün und Braun und im Schatten einfach übersahen. Sie hatten die Ardennen, Belgien und dann auch Frankreich überrollt, in einem überraschenden Atemzug, so kam es ihm vor. Plötzlich waren sie da und überall zugleich gewesen und er mit einer Hand voll Kameraden auf der Flucht. Moos mischte sich mit dem Gestank von frischem Blut, von viel frischem Blut. Ein paar Spritzer, dessen war er sich erschreckend sicher, würde er schon gar nicht mehr bemerken. Philippe kniff die Augen fester zu. Nichts mehr sehen, nichts mehr hören. Nicht mehr gesehen werden, nicht mehr gehört werden. Vielleicht hatte er ja so viel Glück. Vielleicht waren die Deutschen sich ihrer Sache nach ihrem Siegeszug so sicher, dass sie ein klein wenig nachlässiger waren als normalerweise. Vielleicht…

Irgendwann fiel ihm auf, dass es still um ihn herum geworden war, sehr still, ungewöhnlich still, doch er rührte sich nicht, lauschte stattdessen. Da waren keine Schüsse mehr, keine gebrüllten Befehle oder Zurufe, kein Brechen von Unterholz unter schweren Stiefeln, kein Rascheln von zur Seite geschlagenen Zweigen, nichts. Nicht einmal Vogelgezwitscher. Es herrschte Totenstille. Die eigenen flachen Atemzüge dröhnten mit dieser Erkenntnis plötzlich wie Donner in seinen Ohren, er hörte das Rauschen seines Blutes als stünde er neben einem reißenden Fluss. Es war nie ein gutes Zeichen, wenn die Vögel schwiegen, kam ihm in den Sinn. Das war niemals gut. Normalerweise schimpften und zeterten sie, wenn man sich ihnen oder ihrer Brut näherte, doch wenn sie schwiegen… Er durfte sich auf gar keinen Fall rühren!

Es war das Käuzchen, dass ihn irgendwann zögerlich blinzeln ließ. Sein klagender Ruf lenkte seine Aufmerksamkeit zurück in die Gegenwart, in die Realität, veranlasste ihn dazu, wieder angestrengter zu lauschen. Das  Käuzchen rief und rief wieder. In einiger Entfernung raschelte es im Unterholz, leise und zart, nur so, als würde etwas kleines, etwas leises über das trockene Laub des Vorjahres huschen. Die Schritte von Soldaten oder das Rollen eines Panzers klangen anders, wären lauter und brutaler, einschneidender. Vorsichtig ließ er die Hände sinken, fühlte Laub, Moos und gebrochene Zweiglein unter den bloßen Fingern, und hob den Kopf ein paar Zentimeter. Die Dämmerung hatte sich über alles gesenkt, war unter die Baumkronen gekrochen und hatte ihren blauen Schleier um alles gewoben. Bald schon würde er kaum noch die Hand vor Augen erkennen können. Mit Mühe zog er die Beine an den Körper, bemerkte erst jetzt, wie kalt und steif er vom Liegen geworden war. Es war ja erst Ende Mai und alles andere als hochsommerlich warm, erst recht nicht auf dem Waldboden bei Einbruch der Nacht und nachdem man stundenlang dort gelegen hatte. Als sie den Deutschen quasi in die Arme gelaufen waren, war es höchstens früher Nachmittag gewesen, also etliche Stunden in der Vergangenheit. Seine Hände zitterten, nein, eigentlich zitterte am ganzen Körper, konnte nur mit einiger Anstrengung und fest aufeinander gepressten Kiefern das Zähneklappern unterdrücken. Er zwang sich hoch auf Hände und Knie, wusste, dass er sich bewegen musste, wenn ihm wieder warm werden sollte, wenigstens einigermaßen, wenigstens genug, damit er nicht mehr ganz so schlimm zitterte. Das Käuzchen rief erneut. Er wertete es als gutes Zeichen, zumindest als ein besseres als es das Schweigen der Vögel vorhin gewesen war.

Langsam setzte er sich in Bewegung, kroch und krabbelte über den Boden, durchs Unterholz, auf der Suche nach seinen Kameraden. Sie mussten hier irgendwo sein. Sie hätte ihn nicht zurückgelassen, nicht alle zumindest. Aber  Pierre war mitten in die Brust getroffen worden, hatte dabei nur ein paar Schritte neben ihm gestanden. Sein Blut war auf seine Uniform, auf seinen Hals und sein Gesicht gespritzt, ehe er zu Boden gestürzt war. Er war ganz bestimmt nirgendwo mehr hingegangen und er war der einzige gewesen, der ihn scheinbar nicht hatte leiden können. Pierre hätte er zugetraut, ihn zurückzulassen. Jean-Baptiste, Étienne, Michel und Zacharie hätten das nicht getan.
Pierres Leichnam fand er schnell, dazu musste er nur einmal den Baum umrunden, neben dem er ausgeharrt hatte. Jenen Baum, der ihn vor dem Kugelhagel bewahrt hatte, mutmaßte er stillschweigend, und vielleicht sogar davor, von den Deutschen entdeckt zu werden. Vielleicht war er nur dieses Baumes wegen noch am Leben…! Dabei… warum hatten die Deutschen nicht nachgesehen, ob sie wirklich alle tot waren? Hätten sie das normalerweise nicht tun müssen? Wenn sie es getan hätten, hätten sie ihn zwangsläufig entdecken müssen! Sie wären wohl regelrecht über ihn gestolpert! Aber nichts dergleichen war geschehen. Er war noch immer hier im Wald und… Hastig tastete er über Pierres Oberkörper, über die blutgetränkte Uniform, es war kalt und klebrig und es stank zum Gotterbarmen. Pierre war definitiv tot und kalt und starr. Die Erkenntnis traf ihn nicht sonderlich. Im Grunde genommen war es ihm ja auch schon von der ersten Sekunde an klar gewesen, rechtfertigte er sich vor sich selbst, als er die halbvolle Zigarettenpackung und das Feuerzeug aus Pierres Tasche an sich nahm, ehe er weiterkroch, weiter in die Richtung, in der sich die anderen vier befinden mussten.
Es dauerte eine Weile, bis er… bis er sie alle gefunden hatte – sie waren tot. Alle. Er tastete über noch mehr blutgetränkten Stoff und kaltes, starres Fleisch. Vielleicht waren die Deutschen, nachdem sie die ersten Toten gesehen hatten, auch schlicht davon ausgegangen, sie hätten sie alle erwischt. Vielleicht hatten sie sich verzählt, weil der Baumstamm ihre Sicht auf ihn verdeckt hatte, vielleicht… Heiße Tränen brachen sich Bahn, nachdem er Zacharies Leichnam abgetastet hatte. Sie waren tatsächlich alle tot!

Alle!

Tot!

Und er hockte hier allein im Wald und… und war aus irgendeinem unerfindlichen Grund noch am Leben!

Irgendwo in der Nähe rief das Käuzchen erneut.

Mit dem Ärmel wischte er sich die Tränen vom Gesicht. Es half ja nichts, wenn er hier hocken blieb. Die Deutschen konnten jederzeit zurückkommen und dann… Eine Garantie dafür, dass er noch ein weiteres Mal mehr Glück als Verstand haben würde, gab es nicht, doch wenn sie ihn hier umbrachten, dann würde seine Familie nie erfahren, was aus ihm geworden war, weder seine Eltern, noch seine drei älteren Brüder, die ältere und die jüngere Schwester, und sie würden sich womöglich Vorwürfe machen, dass… Dabei hatten sie alle keine Wahl gehabt. Sie nicht und er auch nicht. Seine Schwestern würden heiraten und zu ihren Gatten ziehen, er aber war der jüngste Sohn, er würde den Hof nicht erben. Er würde gar nichts erben, nie im Leben. Der älteste Sohn, Charles in seiner Familie, erbte den Hof, so war das nun einmal, Loïc war ins Kloster gegangen und Alain zum Studieren, dafür war Geld da gewesen. Seine einzige Chance auf ein sicheres Einkommen war jedoch das Militär gewesen und er hatte sie ergriffen.

Erneut kroch er durchs Unterholz, zu jedem seiner gefallenen Kameraden, drückte ihnen die Augen zu, zog ihnen die Jacken über die Gesichter und zerbrach ihre Erkennungsmarken, befestigte die Hälften an der Kette mit seiner eigenen, um sie mitzunehmen, wie es sich gehörte, damit ihre Familien eine Gewissheit über den Verbleib ihrer Lieben haben würden.

Mehr konnte er nicht tun, nicht hier und nicht jetzt.

Jetzt musste er weiter, weiter in Richtung Dunkerque. Vor ein paar Tagen hatten sie aufgeschnappt, dass die englischen Truppen sich in dorthin zurückzogen und auch die verbliebenen französischen, die es noch konnten. Da hatten sie beschlossen, dies müsse auch ihr Ziel sein, wenn sie überleben und nicht in Gefangenschaft geraten wollten und nun war es erst recht das einzig vernünftige Ziel, das jemand wie er haben konnte. Er musste Dunkerque erreichen, ohne Wenn und Aber und vielleicht würde ihm das allein sogar gelingen. Allein brauchte er weniger Platz um sich zu verstecken, musste auf niemanden Rücksicht nehmen und würde sicherlich auch weniger auffallen, ermutigte er sich selbst, als er die Leichen seiner Kameraden hinter sich ließ. Mit dem Kopf hatte er all die Zeit in die Richtung gelegen, in die er nun gehen musste, dennoch würde er wohl erst herausfinden, wo genau er war, wenn er aus dem Wald herauskam und ein Straßenschild gefunden hatte, das ihm den Weg wies. So weit im Norden war er schließlich noch nie gewesen!

Im Osten färbte der Himmel sich bereits Grau und Rosa, als er auf eine Straße stieß. Sie führte grob geschätzt nach Nordosten und Südwesten und er beschloss, ihr nach Nordosten zu folgen, nach Möglichkeit in der spärlichen Deckung, die Gehölze und Gräben ihm bieten konnten. Die letzte Ortschaft, durch die er noch gemeinsam mit seinen Kameraden gekommen war, hatte Dunkerque bereits ausgeschildert gehabt und das Schild hatte ungefähr nach Osten gewiesen, wenn er also in nordöstliche Richtung weiterging, konnte es nicht ganz so falsch sein.

Er musste sich nur beeilen und am besten tagsüber versteckt halten. Im Schutz der Dunkelheit war man nicht so leicht zu entdecken. Die Nacht würde sein Freund sein, bis er Dunkerque erreichte und vielleicht… Gedanklich überschlug er, wie viele Kilometer Dunkerque von der letzten Ortschaft entfernt gewesen war, wie viele Kilometer sie seitdem ungefähr zurückgelegt haben konnten und wie viele er bereits allein hinter sich gebracht hatte. Wenn er sich zusammenriss, wenn er noch schneller ging, dann… dann konnte er die Stadt am Kanal sicher schon in der kommenden Nacht erreichen und den vorrückenden Deutschen damit entkommen. Von Dunkerque aus wurden die alliierten Truppen nach England und somit in Sicherheit übergesetzt, hatten sie gehört. Von dort aus konnte er seiner Mutter schreiben, nahm er sich vor. Dann wusste sie wenigstens, dass er überlebt hatte, und die Familien seiner gefallenen Kameraden würden benachrichtigt werden, das war er ihnen schuldig.

Er hatte keine Wahl.

Er musste es schaffen.

Er musste einfach, ganz gleich, was es kostete.



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