Siegel 47 - MMFF

MitmachgeschichteDrama, Freundschaft / P16 Slash
21.10.2018
15.03.2019
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Das Licht des Autoscheinwerfers ließ den kleinen Zaun wie eine Barrikade wirken und die Gestalte davor, vermummt gegen die frühwinterliche Kälte, wie Hünen, frisch entsprungen aus einer Legende über Dinge, die einen nachts nicht schlafen ließen. Die Schneeflocken waren zurückgekehrt, tanzten wirbelnd in dem Lichtstrahl, ehe Dean den Motor abstellte und das Licht erlosch. Catalina hatte quer von ihnen geparkt. Der rote Jaguar hatte sich schief gestellt, als wolle er genau wie seine Fahrerin gegen alles protestieren, den Zaun, den Weg und alles, was es wagte zu atmen. Dean stieg aus und Sam erhob sich ächzend aus dem Sitz. Im Dunklen knallte eine Autotür.
„Es ist kein Geist“, sagte Campbell.
Eine dicke Jacke, vermutlich grün, lag um seine Schultern. Im Dunklen war es schwer, die Farbe auszumachen. Ein Schal, der aussah, als habe ihn jemand mit viel Liebe und wenig Talent gestrickt, lag um seinen Hals und ging nahtlos in seinen Bart über. Jetzt, wo sie standen, stellte Dean fest, dass Campbell und Sam ziemlich gleich groß waren.
„Was soll das heißen, es ist kein Geist?“, knurrte Dean. Kurz checkte er die Lage, doch wie es aussah, war Campbell alleine gekommen.
„Fehlalarm?“, fragte Catalina, doch Campbell schüttelte den Kopf.
„Ein Wesen ist hier“, sagte er. „Aber es ist kein Geist.“
Dean schnaubte. Für ihn war dieses Spielchen durch. Das Spielchen der Halb-Antworten und der Lügen.
„Natürlich“, sagte er. „Und woher weißt du das? Warst du im Haus?“ Dean ahnte die Antwort bereits.
„Das Medium sagt...“, begann Campbell, doch die Winchester-Brüder stöhnten unisono auf.
„Das Medium“, wiederholte Dean verächtlich. „Wo ist sie denn, euer Medium? Stellt sie Ferndiagnosen via Telefon? Oder habt ihr sie irgendwo im Gebüsch versteckt?“
„Sie ist nicht...“, begann Catalina, doch Dean ging ihr dazwischen.
„Bullshit“, blaffte er. „Das ist alles Bullshit. Wollt ihr uns eigentlich veraschen, oder was? Erst der Poltergeist und jetzt dieser Dreck.“
„Dean hat Recht“, mischte Sam sich ein. „Wenn es dieses Medium wirklich gibt, würden wir uns gerne Mal mit ihr unterhalten.“
„Nein“, sagte Campbell.
Fassungslos blickten die Brüder ihn an. In Erwartung einer Erklärung. Doch es folgte keine.
„Wie bitte?“, fragte Sam, obwohl sie alle sehr deutlich verstanden hatten. „Warum… warum nicht?“
„Weil es sie nicht gibt“, sagte Dean.
Campbell schüttelte den Kopf.
„Natürlich gibt es Mary...“, begann Catalina und Sam und Dean, die sich ihr zuwandten, bekamen mit, wie sie sich auf die Lippen biss, als habe sie mit dem Namen bereits zu viel verraten. Mary. Der Name machte Dean nur noch fuchsiger,
„Ihr habt uns hergerufen, okay?“, knurrte er und deutete mit einem Finger drohend auf Campbell. „Wir haben nicht um diesen Fall gebeten, wenn es hier überhaupt sowas wie einen Fall gibt! Ihr habt uns gerufen. Wir haben uns hier nicht aufgedrängt, ihr wolltet Hilfe! Aber anstatt uns die Karten alle offen auf den Tisch zu legen folgt hier eine Halbwahrheit nach der nächsten. Wenn wir den Fall übernehmen, dann zu unseren Bedingungen. Wenn ihr Spielchen spielen wollt, habt ihr euch die Falschen ausgesucht!“ Dean merkte, wie er lauter wurde. Aber der Abend war lang gewesen und seine Geduld bekanntlich nicht die Längste. Catalina wollte den Mund aufmachen, doch Campbell hielt sie mit einer einzigen Geste zurück.
„Ich kann dir keine Antworten geben“, wiederholte er. „Nicht jetzt.“
„So läuft das nicht“, sagte Sam. „Ihr könnt uns nicht herrufen und uns dann so instrumentalisieren. Entweder ganz oder gar nicht. Aber so läuft das nicht, dass ihr die Informationen selektiert, die ihr uns zukommen lasst.“
Campbell verschränkte die Arme.
„So wie die Siegel?“, fragte er ruhig.
Für einen langen Moment trat Stille ein. Einen sehr langen. Nur der kalte Wind rauschte in den Bäumen, irgendwo im Dunklen hinter dem Zaun. Und Dean, dem eine Menge Dinge auf der Zunge lagen, überließ seinem Bruder die Konversation, der sich vor ihn schob. Sie hatten es gewusst. Nicht nur Campbell. Auch Catalina, die genau wie er nach hinten geschoben worden war, zeigte keine Überraschung. Wie zwei Fronten in einem Krieg standen sie einander gegenüber. Er und sein Bruder auf der einen Seite. Der alte Mann und die Frau auf der anderen.
„Ihr wisst von den Siegeln?“, fragte Sam.
„Offenbarung des Johannes“, sagte Campbell. „Die Prophezeiung vom Buch der sieben Siegel. Es gab Vorfälle in der Gegend. Vorfälle, die ungewöhnlich waren. Selbst für uns.“
Wieder mal begriff Dean, wieso das hier Sammys Metier war. Er ließ den Farmer einfach reden. Und Dean begriff, dass Campbell so sein Wissen teilte. Die Masse seines Wissens. Er selbst war in seinem Zorn einfach davon ausgegangen, dass sie auf dem gleichen Stand waren.
„Wir wissen, dass es Siegel gibt“, fuhr Campbell fort. „Mehr als sieben. Mehr als hundert. Und wir wissen, dass sie gebrochen werden. Noch nicht lange. Aber beständig.“ Er und Catalina tauschten einen Blick. „Wir wissen, dass es etwas mit Dämonen zu tun hat. Oder vermuten es zumindest stark. Es ist nicht unser Spezialgebiet. Aber es ist Bobbys.“ Dean war sich nicht sicher, aber er glaubte, dass Campbells Miene fester wurde. „Wenn wir das herausfinden können, dann gibt es keine Chance, dass Bobby Singer das entgangen ist“, sagte er. Es waren die längsten zusammenhängenden Sätze von Campbell, seit sie ihn getroffen hatten.
„Wir wissen von den Siegeln“, bestätigte Sam. Es gab keinen Grund, es zu leugnen. Der Name Lilith war nicht gefallen. Auch nicht der Name Lucifer. Dean begriff, dass es ein Angebot war. Und die Vernunft gebot ihm auch, es anzunehmen. Der Zorn flüsterte ihm ganz andere Dinge ein. Die Winchester tauschten einen Blick. Wider Willen nickte Dean unmerklich.
„Wir denken“, sagte Sam langsam. „Dass ein Dämon versucht, 66 davon zu brechen.“
„Und dann?“, fragte Catalina. „Bei Johannes folgt nach den Siegeln das Ende der Welt. Das jüngste Gericht.“
„Nicht ganz“, sagte Sam. Dean spürte die Überwindung seines Bruders wie seine eigene.
„Lucifer“, sagte Dean schließlich. „Lucifer bricht aus seinem Käfig aus.“
Jetzt waren es Catalina und Campbell, die die Stirn runzelten.
„Wie habt ihr das rausgefunden?“, fragte Catalina.
Dean machte dicht. „Ihr habt eure Quellen, wir haben unsere.“
Campbell nickte langsam. Wieder blieb es eine ganze Weile still. Sie hatten aufgedeckt. Nicht ihr ganzes Blatt, doch genug. Dennoch traute Dean der ganzen Sache genausowenig wie vorher. Und in der Finsternis deutete er auf den Zaun und das Gelände, das dahinter lag.
„Was soll das mit diesem Wesen?“, fragte er, um sich dem aktuellen Problem zuzuwenden. „Was ist da?“
Campbell zuckte die Achseln. „Es ist kein Geist. Und es ist noch dort. Mehr kann ich euch nicht sagen.“
„Ist jemand im Haus?“, fragte Sam.
„Nein“, sagte Campbell. „Es steht jetzt leer.“
Sam war derjenige, der letztendlich nachgab. „Wir sollten es uns ansehen“, schlug er vor. „Und dann reden. Wirklich reden.“

*



Immerhin waren sie dieses Mal zu viert. Und Dean, der sich dieses Mal nicht von seinem Bruder trennen würde, hatte sich automatisch neben Sammy gestellt. Eingangs hatte er ihm sogar vorgeschlagen, im Auto zu warten, doch Sam hatte sich geweigert.
„Ist vielleicht keine schlechte Idee“, wandte Catalina ein. „Du warst ganz schön lange bewusstlos.“
Sam winkte ab. Und so war der Kompromiss, dass Dean ihn wenigstens im Auge hatte. Sie stiegen über den Zaun und kamen über eine durchweichte Wiese auf einen Hof. Die Umrisse eines alten Bauernhauses schälten sich aus der Nacht, mit einer einzelnen Laterne über der Veranda, die ihnen wie ein Auge entgegenblickte. Die zweite Jagd an diesem Abend. Und wieder liefen sie ins Ungewisse. Dean hatte sich, trotz Campbells Aussage, mit Steinsalz bewaffnet. Nicht nur, natürlich. Dean hatte zur Machete gegriffen, Sam mit einem Revolver im Anschlag, so waren sie trotz der späten Stunde wachsam, als sie die Veranda betraten und siech umblickten. Catalina hatte ihre Salzsocke zurückgelassen. Stattdessen hatte auch sie sich eine kleine Schusswaffe genommen, eine Hand an der Waffe, die andere als Stütze samt Taschenlampe darunter. Wieder fiel Dean auf, wie sie sich bewegte. Ständig in Bewegung, stets darauf bedacht, alle Ecken zu scannen, nie ihren Rücken zu lange frei zu geben. Ein wenig, wie ein Tänzer. Campbell dagegen bewegte sich ruhig und bedacht. Er war einem kleinen Truck gekommen, zwei Sitze plus Ladefläche, von der er ein einzelnes Gewehr fischte. Das Auto wirkte, als sei es schon seit Jahren überholt und würde jeden Augenblick auseinanderfallen. Auf Bobbys Schrottplatz wäre es nicht aufgefallen.
Wieder trennten sie sich. Dean machte eine Kopfbewegung nach rechts und Catalina nahm die andere Richtung. So wäre das Problem am Schnellsten zu lösen. Einmal ums Haus, dann nach innen. Sam und Dean kamen an einem Unterstand vorbei, ein alter Traktor darunter, untersuchten einen Geräteschuppen und bewegten sich langsam Richtung Rückwand. Bis jetzt hatte es noch keinen Hinweis darauf gegeben, dass irgendetwas an diesem Ort aus der Ordnung fiel. Ein Windspiel schwang klappernd und klingend im eisigen Wind, unsichtbare Bäume rauschten, doch ansonsten blieb es still. Ein kleiner Bauernhof bei Nacht. Am Tag vermutlich geradezu vorörtlich idyllisch. Ein Knacken ließ Dean herumfahren. Doch der Strahl der Taschenlampe fand nur das Gras. Und der Gedanke, dass man sie hier noch immer an der Nase herumführte, ließ sich nicht abschütteln.

*


Sam spürte ihn, bevor er ihn sah. Nicht wie den Geist zuvor. Es war mehr ein Instinkt, der ihm sagte, dass jemand hier war. Sam wandte sich um und sah wie sich ein Teil der Dunkelheit löste und Form gewann. Wie sich blitzschnell jemand auf sie stürzte, Sam gegen die gemarterte Brust stieß und ihn zu Boden beförderte. Mit einem Ächzen stürzte Sam, rollte sich herum und kam schwankend wieder auf die Beine.
Vor ihm, nur wenige Meter entfernt, waren wilde Bewegungen. Das Wesen hatte Sam umgeworfen wie einen Baum und sich auf seinen Bruder gestürzt. Ein Gerangel aus Armen und Beinen, ein Stöhnen und dann ein „Sammy!“.
Sam rief Deans Namen. Und mit einem Fauchen fuhr ein Kopf nach oben. Eine Frau. Lange Haare. Locken. Und eine Reihe spitze Zähne, die grell weiß im Licht der Taschenlampe aufleuchteten. Vampir. Die Machete lag irgendwo auf dem Boden. Dean hatte sie gehabt. Und die Entfernung war ohnehin zu weit. Sam legte an und schoss.

Ab dem nächsten Kapitel rücken eure Charaktere mehr in den Vordergrund :)
 
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