Und wer hütet die Kinder?

GeschichteDrama, Familie / P16
Arya Stark Sandor "Der Hund" Clegane Sansa Stark
21.10.2018
19.05.2019
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Natürlich hatte die ganze Geschichte ein Nachspiel, wie hätte es auch anders sein sollen? Nachdem Lord Eddard Stark von Winterfell sich in aller Frühe mit seiner Jagdgesellschaft durch die Schneemassen gekämpft hatte, die sich zwischen dem Winterdorf, wo er in der Nacht zuvor angekommen war, und seiner Burg angehäuft hatten, war ihm als erstes die Stille aufgefallen, die sich über den Stammsitz seiner Familie gesenkt hatte. Es war ziemlich dunkel gewesen, der Morgen hatte noch kaum gegraut, doch kaum eine Fackel hatte gebrannt, der Haupthof hatte dunkel und verlassen vor ihnen gelegen. In den Ställen rumorten die Pferde, die niemand gefüttert hatte.

Bei ihrer Ankunft im Winterdorf wenige Stunden zuvor waren Mensch und Tier zu Tode erschöpft gewesen und so hatte Ned Stark entschieden, seine Mitreiter auf diverse Unterkünfte zu verteilen, damit sie nach den Strapazen der vergangenen zwei Tage ein wenig ausruhen konnten, bevor man sich daran machte, den letzten Teil der Strecke, die nicht geräumte Dorfstraße und das Stück hinauf zur Burg zu bewältigen. Auch hatte es der sofortigen Behandlung mehrerer Männer bedurft, von denen einer von einem ausgewachsenen Keiler angegriffen worden war, andere hatten Erfrierungen erlitten, wieder andere zeigten Grippesymptome.

Schon während des erzwungenen Halts war dem Wächter des Nordens aufgefallen, wie viele Grippekranke es mittlerweile im Winterdorf gab und es ging das Gerücht, dass es sich der Burg nicht anders verhielt. Da hatte Ned Stark endgültig eingesehen, dass die Jagd ein großer Fehler gewesen war. Der Maester hatte ihn noch kurz vor der Abreise gewarnt. Ein Sturm zöge auf, hatte Luwin gemeint, ob es nicht besser sei, in Anbetracht dessen und der vielen Kranken auf die Zerstreuung des Königs zu verzichten? Doch er hatte sich von Robert breitschlagen lassen und außerdem gehofft, dass sie durch ihre Abwesenheit von der Krankheit verschont blieben. Natürlich waren trotzdem einige Männer krankgeworden, was für zusätzlichen Unbill gesorgt hatte. Zumindest ging es Robert, Joffrey, Neds Söhnen und ihm selbst immer noch gut, als sie nach den Strapazen der letzten Tage endlich im Winterdorf angelangt waren.

Das änderte sich schlagartig, nachdem sie Winterfell erreicht hatten. Nicht nur, dass sie die Burg dunkel und grabesstill vorfanden. Neben ihren Unterständen hatten zwei Wachleute steifgefroren im Schnee gelegen und man hatte auf den ersten Blick sehen können, dass diese nicht von der Grippe dahingerafft worden waren. Man hatte sie erstochen.

Ab da hatte der Wächter des Nordens das Schlimmste befürchtet. Er war unverzüglich, mit Robb, Jon und Theon auf seinen Fersen – Bran hatte er wohlweislich in der Obhut seines Waffenmeisters zurückgelassen – in seine Gemächer hinaufgestürmt und hatte dort drei Leichen und drei noch Lebende angetroffen, die sich von den Leichen nur dadurch unterschieden, dass sie nicht mit Tüchern zugedeckt waren. Ned Stark war fast in die Knie gegangen, als er seine Töchter – allen Befürchtungen zum Trotz – wohlbehalten und friedlich schlafend auf dem Sofa entdeckt hatte, in den Armen des Mannes, den er zu ihrem Schutz abgestellt hatte, was den Wächter des Nordens mehr irritierte als er zugeben wollte. Für gewöhnlich warfen sich seine Mädchen sich ihm entgegen, wenn er länger und vor allem unter solch widrigen Umständen von Zuhause fort gewesen war, doch diesmal waren beide Mädchen ungewöhnlich zurückhaltend. Vor allem Sansa schien sich nicht recht über seine Heimkehr zu freuen, sie und Arya hatten nur Augen für den zugegebenermaßen etwas mitgenommen aussehenden Recken, der kaum wachzubekommen und ganz offensichtlich auch der Urheber des Blutbads um sie herum gewesen war.

Nachdem man den Maester aus seinem Turm geholt hatte, um den Bluthund zu versorgen, hatte Luwin glaubhaft versichert, von den Ereignissen nichts mitbekommen zu haben, da er immer noch ziemlich schwach auf den Beinen war und die meiste Zeit geruht hatte. Was die Leibwache Prinz Joffreys betraf, so hatte er von einer schweren Gehirnerschütterung gesprochen und ihn in eine Kammer bringen lassen, die sich im unteren Geschoss des Maesterturms befand, wo er ein Auge auf ihn haben konnte.

Der Wächter des Nordens hatte selbstverständlich Nachforschungen angestellt. Mehrere Personen behaupteten, Clegane während der zweitägigen Abwesenheit Ned Starks dabei beobachtet zu haben wie er allein durch die Burg streifte, immer einen Schlauch Wein in der Hand; der Haushofmeister wollte von einer Küchenmagd namens Madlen, die leider im Zuge der jüngsten brutalen Ereignisse ebenfalls ihr Leben hatte lassen müssen, erfahren haben, dass Clegane sie wiederholt dazu aufgefordert habe, ihn mit immer noch mehr Rebensaft zu versorgen. Und was den verletzten Schattenwolf anging, war es, so Pool, schließlich kaum zu übersehen, was ihm angetan worden war. Außerdem habe das Ganze im Götterhain stattgefunden, ob es dem Bluthund nicht verboten worden war, mit den Kindern dort hinzugehen? Das arme Tier humpelte seitdem auf drei Beinen umher, es könne einem wahrhaftig leidtun.

Die Septa bestätigte, dass sie der Leibwache des Prinzen ausdrücklich untersagt hatte, diesen Teil der Burg mit Sansa oder gar beiden Mädchen aufzusuchen. Er hatte nicht auf sie gehört und war trotzdem mit ihnen dorthin gegangen.

Maester Luwin berichtete dem Lord von Winterfell, dass Arya ihn bereits am ersten Tag aufgesucht habe, um Verbandsmaterial für die Schattenwölfin ihrer Schwester von ihm zu erbitten. Sie sei allein gewesen, als sie zu ihm kam. Also hatte der Bluthund seine Aufsichtspflicht auch hier sträflich vernachlässigt. Und noch etwas mache ihm Sorgen: Nach der Leichenschau hatte sich herausgestellt, dass Sandor Clegane den Mann mit dem Namen Baldyr Craine mit seinem Langschwert erstochen hatte. Der jungen Hure war, und das hatten beide Mädchen einstimmig bezeugt, von dem zweiten Übeltäter, einem Pächter Lord Starks namens Simmon Crumber mit einem Streich seines Kurzschwertes die Kehle durchtrennt worden. So weit, so gut. Oder, in diesem Falle, so schlecht. Die tödliche Wunde, die dem Anführer der drei letztlich zugefügt worden war, bereitete dem Maester jedoch einiges Kopfzerbrechen. Er war sich sehr sicher, dass weder ein Dolch noch ein gebräuchliches Kurz- oder Langschwert diese Wunde verursacht hatte. Der Körper des Mannes war von einer schmalen Klinge regelrecht durchbohrt worden, wozu der Dolch des Bluthundes jedoch nicht hätte in der Lage sein dürfen, da er dafür viel zu kurz war.

Daraufhin waren beide Mädchen noch einmal befragt worden und hatten genau das wiederholt, was sie bereits beim ersten Mal ausgesagt hatten: dass Clegane den Mann mit seinem Dolch getötet hatte. Ned Stark gab sich schließlich mit der Erklärung zufrieden, doch den Maester sah man noch Tage später mit nachdenklicher Miene durch die Burg laufen.

So unterschiedlich die Schwestern auch waren, so oft sie sich auch gestritten hatten, wenn eine von ihnen bei einem bestimmten Thema eine andere Meinung vertrat als die jeweils andere; in diesem Punkt beharrten beide starrsinnig auf demselben Standpunkt: Sandor Clegane hatte sie in jener Nacht vor dem Tode bewahrt, er hatte beide Angreifer mit seinem Schwert beziehungsweise einem Dolch niedergestreckt, obwohl er selbst kurz vorher von einem der beiden überfallen und schwer verwundet worden war. Auf Starks Frage hin, wo der Überfall auf den Bluthund denn stattgefunden habe, hatte Sansa, an die er seine Frage gerichtet hatte, ihn nur aus großen, blauen Augen angestarrt und war ziemlich rot dabei geworden, während Arya sich beeilt hatte zu versichern, es wäre in den Gemächern geschehen. Der Wächter des Nordens war sich ziemlich sicher, dass sie in diesem Punkt nicht die Wahrheit gesagt hatte. Und selbst falls doch, war es Cleganes Schuld gewesen, dass die drei Schurken sich überhaupt Zutritt zu den Gemächern hatten verschaffen können. Wieder konnte der Wächter des Nordens seiner imaginären Anklageschrift gegen den Bluthund einen Punkt hinzufügen.

Und so hatte all dies letzten Endes dazu geführt, dass man Sandor Clegane nach nur einigen wenigen Stunden der Genesung in eine feuchte Zelle tief unten in den Kerkern von Winterfell gesperrt hatte.

***

Sansa war verzweifelt. Obwohl sie und Arya sich am Morgen der Rückkehr ihres Vaters und ihrer Brüder stillschweigend durch Blicke darüber verständigt hatten, dass es besser wäre, ein paar der Ereignisse der letzten Tage zu beschönigen, ein wenig zu verändern oder gar ganz unter den blutigen Teppich zu kehren, hatte es nichts genützt. Sandor saß im Kerker und die Götter wussten, welche Strafe ihr Vater beziehungsweise der König ihm auferlegen würde. Die Schwestern hatten gehofft, mit ihren Ausführungen durchzukommen, doch sie hatten nicht damit gerechnet, dass es sich als so schwierig erweisen würde, sie allesamt zu täuschen. Den Aussagen des Maesters, des Haushofmeisters und der Septa schien ihr Vater nämlich mehr Glauben zu schenken als denen seiner eigenen Töchter.

Im Zuge der chaotischen Zustände und der allgemeinen Verwirrung beim Auffinden der drei Leichen war es Arya glücklicherweise gelungen, Nadel unbemerkt zurück in ihr Schlafgemach zu schmuggeln und das Schwert mit der feinsten aller Klingen in den Tiefen ihrer Wäschekommode zu verbergen, wo es auch in den vergangen Tagen meistens gelegen hatte, schließlich hatte ihr Vater keinen blassen Schimmer von Jon Schnees Abschiedsgeschenk an seine Lieblingsschwester. Sansa verfluchte den hellsichtigen Maester, der trotz allem herausgefunden zu haben glaubte, dass an der ganzen Sache etwas faul war. Sie hoffte einfach nur, dass Luwin letztendlich die Ungereimtheiten auf sich beruhen lassen würde.

Also behauptete sie wieder und wieder, dass es Joffreys Leibwache zu verdanken war, dass sie und Arya noch lebten. Sicher, Sandor hatte genaugenommen so ziemlich alles falsch gemacht, was er hätte falsch machen können, vieles war ihm schlichtweg egal gewesen, er hatte mindestens ein Dutzend Regeln verletzt und doch … Er hätte nie zugelassen, dass Arya oder ihr etwas passierte, da war sie sich ganz sicher. Sie waren alle noch am Leben, sie, ihre Schwester, ihre Schattenwölfe, alle waren sie - fast - unversehrt. Lady war auf dem Weg der Besserung und Geist hatte bei seinem tödlichen Gerangel mit Baldyr lediglich eine kleine Fleischwunde davongetragen. Wer sagte denn, dass die beiden furchtbaren Kerle nicht auch ganz ohne Lisens Zutun in jener Nacht aufgekreuzt wären, um sie zu überfallen? Und wenn Lisens Anwesenheit doch den Ausschlag gegeben hatte, war dann nicht gerade sie, Sansa, diejenige, bei der die Schuld zu suchen wäre? Sie hatte schließlich darauf bestanden, Tyrion und seine Dirne einzulassen, während Sandor die ganze Zeit dagegen gewesen war. Wie es sich letztendlich genau verhielt, würde sich wohl nie so ganz feststellen lassen.

So gesehen hatte auch der Zwerg Schuld auf sich geladen, schließlich war er derjenige gewesen, der die Hure angeschleppt hatte, aber Sansa hatte natürlich den Mund gehalten und den Onkel des Kronprinzen aus der ganzen unsäglichen Geschichte komplett herausgehalten. Sie fürchtete, dass sonst vielleicht ans Licht kommen könnte, was Sandor mit Lisen des Nachts in ihren Gemächern getrieben hatte und das wollte sie auf gar keinen Fall. Davon wusste selbst Arya nichts und so sollte es auch bleiben. Nein, Sansa würde Tyrion nicht verraten, das würde bloß zu Spannungen zwischen den Starks und den Lennisters führen und das wollte sie unbedingt vermeiden. Sie war Joffrey versprochen und sah es als ihre Pflicht an, jegliches Unheil von ihrem künftigen Gemahl fernzuhalten. Joffrey … Das war auch so eine Sache.

Ihr Vater ließ sich indes nicht erweichen. Als Arya erfuhr, dass man den Bluthund ins Verlies geworfen hatte, hatte sie einen ihrer berüchtigten Wutanfälle bekommen und Sansa konnte es ihr diesmal kaum verdenken. Sie hatte herumgebrüllt, sie wolle keine Namenstagsgeschenke, außer dem einen, dass man Sandor Clegane auf der Stelle freiließe. Zu zweit hatten sie auf ihren Hohen Vater eingeredet, an sein Mitgefühl appelliert, die Trunksucht des Mannes, der auf sie hätte aufpassen sollen, heruntergespielt … Es hatte alles nichts genutzt.

Arya hatte sich in den Stall verzogen, um zu schmollen und sich gleichzeitig um Sandors Ross Fremder zu kümmern, das ebenfalls ziemlich aufgewühlt auf die Abwesenheit seines Herrn reagierte, indem es gegen die hölzernen Boxenwände trat, bis sie splitterten.

Am frühen Abend des Tages seiner Rückkehr suchte Sansa ihren Vater in seinem Solar auf. Noch immer waren zwei Mägde damit beschäftigt, das Blut vom Steinboden im Salon zu waschen und Ordnung in den Gemächern zu schaffen. Lisen und Baldyr hatten bei ihrer Suche nach einem versteckten Schatz – der im Übrigen tatsächlich nicht existierte – alle möglichen Gegenstände aus den Schränken und Regalen gerissen. Zumindest konnte Arya ihnen auch die Zerstörung der Lieblingsvase ihrer Mutter in die Schuhe schieben, wenigstens würde ihr die Schelte dafür erspart bleiben.

Die Teppiche um den Kamin herum waren verschwunden und das Kaminzimmer sah ziemlich nackt aus. Die Tür zum Solar stand weit offen und Sansa konnte ihren Vater hinter seinem Schreibpult sitzen sehen. Er war dabei, Bücher und Pergamente zu sortieren, ein Großteil davon lag noch immer auf dem Boden des Raumes verstreut.

„Wir können von Glück sagen, dass deine Mutter das hier nicht miterleben muss“, sagte Ned Stark finster, als er Sansa im Türrahmen erblickte und sie hineinwinkte. Er bot ihr an, auf einem der Stühle vor dem Schreibpult Platz zu nehmen. Sansa nickte dankend und schloss die Tür, bevor sie sich darauf niederließ. Ihr Vater sah sie ernst an. „Du kannst dir nicht vorstellen, wieviel Angst deine Brüder und ich um euch ausgestanden haben.“ Er seufzte tief. „Als wir die Wachen tot vorfanden, fürchteten wir das Schlimmste. Stell dir bloß vor, du kommst heim und findest eine geborstene Tür vor, eine Überschwemmung in der Diele, Lachen von Blut und drei Leichen in deinen Gemächern. Ihr habt auf dem Sofa gelegen, verdeckt durch die hohe Lehne, somit haben wir euch beim Hereinkommen zunächst gar nicht gesehen. Auf den ersten Blick dachte ich …“ Er hatte Mühe weiterzusprechen. „Ich dachte, ihr wärt es, die unter den Leichentüchern lagen. Dann hat Jon euch auf dem Sofa entdeckt. Ihr habt tief und fest geschlafen.“

Sansa ließ ihren Vater reden. Das Gleiche hatte er am Morgen schon gesagt, ein Zeichen dafür, wie aufgewühlt er noch immer war. „Ich hätte mich niemals auf diese Jagd einlassen dürfen. Ich hätte auf unseren Maester hören sollen, als er mir sagte, er befürchte einen Wetterumschwung. Ich hätte auch deine Mutter und Rickon nicht wegschicken dürfen, sie haben es nur mit Mühe bis nach Karholt geschafft und werden wohl frühestens in einer Woche zurückkommen, wenn nicht später. Und allem voran hätte ich es nicht diesem … diesem abgehalfterten Trunkenbold überlassen dürfen, über euch zu wachen. Doch den Göttern sei Dank hat das alles jetzt ein Ende.“

Ihr wurde heiß. Auch sie hatte während der Abwesenheit ihres Vaters Alkohol getrunken … und daraufhin ein paar ziemlich fragwürdige Dinge getan. „Er war gar nicht sooo schlimm“, versuchte Sansa den hier Angeklagten zu verteidigen. „San … der Bluthund war nie wirklich betrunken. Er hat gut über uns gewacht. Und er hat Lady gerettet.“

„Und warum bedurfte sie der Rettung?“, entgegnete ihr Vater scharf. „Es war Clegane verboten, die Gemächer zu verlassen. Mit oder ohne euch, das spielte dabei keine Rolle.“

Sansa nagte an ihrer Unterlippe. „Es war meine Schuld. Ich habe ihn dazu gezwungen.“

„Du? Den Bluthund gezwungen? Wie das?“ Ihr Vater sah sie durchdringend an und Sansa wurde noch heißer.

„Na ja, ich … ich gehe doch jeden Tag in den Götterhain. Ich habe ihn eben überredet.“

Ned Stark schüttelte den Kopf. „Der Mann hatte mir sein Wort gegeben. Beteuert, er würde mit euch fertigwerden. Und dann lässt er sich dermaßen von euch auf der Nase herumtanzen? Nein, er hat mich enttäuscht.“

Unruhig scharrte Sansa mit den Stiefelspitzen über den Boden. „Mich hat er nicht enttäuscht. Er ist … ganz anders als sein Ruf. Viel … milder.“

„Milder?“, wiederholte ihr Vater ungläubig. „Und das aus deinem Mund? Sprechen wir von demselben Mann?“

Sansa räusperte sich und senkte den Kopf. „Ich wollte es eigentlich nicht erzählen. Arya weiß nichts davon. Erst wollte ich mit Mutter reden, aber jetzt kommt sie so schnell nicht zurück …“ Sie zögerte, doch dann fasste sie sich ein Herz und erzählte ihrem Vater von ihrem Erblühen und wie behutsam der Bluthund ihrer Ansicht nach mit dem Thema - und mit ihr - umgegangen war. Sie benutzte genau dieses Wort, behutsam. Ja, er war behutsam mit ihr umgegangen, so wie sie es einem grobschlächtigen Krieger wie ihm niemals zugetraut hätte.

Ihr Vater schwieg lange, dann seufzte er leise. „Du bist jetzt also eine Frau, Sansa. Natürlich war mir klar, dass dies in Bälde geschehen würde. Und doch muss ich zugeben, dass ich mich schwer damit tue, dass mein kleines Mädchen erwachsen wird. Ich wünschte, es wäre unter anderen Umständen geschehen.“ Seine Finger trommelten unruhig gegen die Platte des Schreibpults. „Es tut mir leid, dass ich auch heute kaum Zeit für dich finde, mein Herz. Ich sollte dir mehr Aufmerksamkeit schenken, gerade jetzt. Arya ist ebenfalls völlig außer sich, weil ihr Namenstag gänzlich untergegangen ist, doch das ist leider im Moment nebensächlich. Ich muss Licht ins Dunkle bringen, vor allem wegen dieser unsäglichen Geschichte mit dem angeblichen Schatz.“

Arya ist außer sich, weil sie an ihrem zehnten Namenstag einen Mann mit einem Schwert getötet hat, hätte Sansa am liebsten gesagt. Natürlich hatte ihre kleine Schwester ihrem Namenstag entgegengefiebert, doch Sansa glaubte, dass Geschenke das Letzte waren, woran Arya zurzeit dachte. Man konnte nur von Glück sagen, dass sie so hart im Nehmen war. Meine Schwester ist aus demselben Holz geschnitzt wie Vater, dachte Sansa bei sich.

„Könnt Ihr den Bluthund nicht freilassen?“, bettelte Sansa. „Er war gut zu uns. Und er trägt keine Schuld an dem, was passiert ist.“

„Was die Schuldfrage angeht, sind wir unterschiedlicher Meinung. Ich finde sehr wohl, dass ich es Clegane zu verdanken habe, dass meine Gemächer nun einem Schlachthaus ähneln. Was ich nur nicht begreife, ist, warum du und Arya euch so mächtig für ihn ins Zeug legt.“

Nein, Sansas Vater hatte sich nicht erweichen lassen. Nachdem sie unverrichteter Dinge wieder in den Salon zurückgekehrt war, vernahm sie ein Klopfen an der Vordertür und ging öffnen. Vor ihr auf der Schwelle stand Tyrion Lennister. Ihr fiel ein, dass sie erleichtert darüber sein sollte, dass auch er noch lebte. Sie hatte schon befürchtet, Lisen könne dem Zwerg etwas angetan haben, um sich seiner zu entledigen. Doch er lebte, hatte von den tragischen Ereignissen angeblich auch nichts mitbekommen. Sansa vermutete, dass Lisen ihm etwas in den Wein getan hatte, damit er ihr und den beiden anderen Halunken in dieser verhängnisvollen Nacht nicht in die Quere kam.

Der Gnom machte ein bekümmertes, wenn nicht gar schuldbewusstes Gesicht und sie ließ ihn ein. Gern hätte sie einige Worte mit ihm unter vier Augen gewechselt, doch das war ihr nicht vergönnt, denn nachdem ihr Vater Tyrion erkannt hatte, hieß er ihn sogleich, zu ihm ins Solar zu kommen und schloss alsbald die Tür hinter ihnen beiden, so dass Sansa nichts anderes übrigblieb als den Dingen ihren Lauf zu lassen …
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