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Geschichten von Khar'shan – In die Sklaverei

von Robidu
GeschichteSchmerz/Trost / P16 / Gen
Commander Shepard OC (Own Character)
19.10.2018
21.02.2021
14
62.210
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20.10.2018 4.250
 
Prolog

Stumm hockte Aaron Shepard in dem Käfig und ließ vorsichtig seinen Blick über die Szenerie vor sich schweifen. Daß dies nicht Mindoir sein konnte, war ihm sehr schnell mehr als klar geworden, nachdem man ihn äußerst unsanft wieder ins Hier und Jetzt zurückgeholt hatte.
Sein Schädel dröhnte, als hätte irgendjemand ihn mit einem Vorschlaghammer malträtiert, und als er danach faßte – was er sogleich bereute, als ein Schwindelanfall ihn bei der abrupten Bewegung erfaßte – bemerkte er eine Art Höcker an seinem Hinterhaupt, den er zuerst gar nicht zu deuten wußte.
Dazu kam auch noch diese unerträgliche, brütende Hitze, wogegen das Klima auf Mindoir überaus angenehm war. Zwar konnte es dort auch unangenehm heiß werden, dann aber nicht so extrem, wie es hier offenbar der Fall war. Kein Luftzug ging, der vielleicht für etwas Abkühlung hätte sorgen können, nur die Hitze sorgte dafür, daß Aaron der Schweiß regelrecht vom Körper floß, obwohl er sich überhaupt nicht rührte. Und dann auch noch dieses überaus unangenehme Gefühl in der Kehle, die sich mittlerweile anfühlte wie ein Reibeisen! Wann hatte er eigentlich das letzte Mal was getrunken?
Leider weigerte sich sein Körper momentan vehement, anderweitig Flüssigkeiten zu produzieren, was bedeutete, daß der Speichelfluß ebenfalls zum Erliegen gekommen war. Sonst hätte Aaron so versuchen können seine trockene Kehle zu befeuchten, aber so schied diese Option ebenfalls aus. Auch alle Versuche, irgendeine Reaktion in der Hinsicht zu erzwingen, scheiterten, und so blieb ihm nichts anderes übrig, als sich ein paar Male zu räuspern, in der Hoffnung, daß das seltsame Gefühl verschwand, doch auch dies war zum Scheitern verurteilt.

Dies wiederum schien irgendjemandes Aufmerksamkeit auf sich gezogen zu haben, jedenfalls wurde einen Moment später ein Gefäß in den Käfig geschoben.
„Trink das,“ grummelte eine merkwürdig klingende Stimme. Zwar war das, was gesprochen wurde, Englisch, aber mit einem solch breiten Akzent, daß Aaron kurz stutzte. Allerdings zwangen sowohl der Durst als auch die momentane Witterung seinen Verstand dazu, auf Sparflamme zu arbeiten, jedenfalls vermochte er gerade nicht, das alles irgendwie zuzuordnen, obgleich er das bestimmte Gefühl, daß er diese Sprechweise schon einmal irgendwo gehört hatte, einfach nicht loswurde.

Auf einen Impuls hin griff der Junge nach dem Gefäß und setzte an. Die Flüssigkeit, die sich darin befand, schmeckte widerlich abgestanden, und beinahe hätte Aaron alles wieder ausgespuckt und den Behälter weggeworfen, doch besann er sich eines Besseren. Wer oder was auch immer ihn hier eingesperrt hatte, brächte wohl so bald kein neues Wasser, und wenn er nicht verdursten wollte, mußte er wohl oder übel mit dem ihm angebotenen Wasser Vorlieb nehmen.
Mit einem angewiderten Gesichtsausdruck setzte er daher erneut an und zwang sich, das Gefäß bis auf den letzten Tropfen auszutrinken. Wer wußte denn, wann es – und ob es – überhaupt eine weitere Ration des kostbaren Nasses gab?
Nur leider hatte Aaron dabei nicht die Rechnung ohne seinen Magen gemacht, der ob des wenig erbaulichen Geruchs und Geschmacks sogleich begann zu rebellieren, doch mit schierer Willenskraft zwang er sich, die Flüssigkeit in sich zu behalten, anstatt zuzulassen, daß sein Magen diese sogleich wieder hinausbeförderte. Jedenfalls erfüllte das Wasser seinen Zweck: Aarons Kehle fühlte sich längst nicht mehr so schlimm an, und so langsam wurde auch sein Verstand wieder klarer.

Wieder ließ Aaron den Blick schweifen, doch was er sah, jagte ihm einen eiskalten Schauer den Rücken hinunter. Überall wimmelte es von Batarianern, also mußte er sich auf einer der batarianischen Welten befinden, doch wo genau, das vermochte er nicht zu sagen. Er wußte nur soviel, daß er in ernsteren Schwierigkeiten steckte, als er bisher angenommen hatte!
„Warum tut ihr das,“ platzte es unvermittelt aus ihm heraus, als eine der vieräugigen und in der gesamten Galaxie verhaßten Gestalten an seinem Käfig vorbei ging, doch als Antwort auf seine Frage schoß plötzlich ein stechender Schmerz durch seinen Schädel, der ihn leise wimmern ließ.
„Du hast keine Fragen zu stellen, Sklave,“ spie der Batarianer aus. „Und außerdem schaut ein Sklave einen Freien nicht an!“
Sklave...? Was... wie? Das miese Gefühl, das sich in Aaron eingestellt hatte, seit er erkannt hatte, wo er sich befand, verstärkte sich noch. Jesus, warum ausgerechnet ich? Die Welt war einfach nur ungerecht!

~~~++~~~


Thraik Ra'eris schlenderte gemütlich über den Sklavenmarkt Kha'rashs. Wie er wußte, war eine weitere Lieferung Sklaven angekommen, diesmal anscheinend von einer Kolonie der Menschen. Alleine das war schon Grund genug für Thraik, sich auf dem Markt umzuschauen, denn diesen Menschen mußte man eines lassen: Sie paßten sich recht schnell neuen Gegebenheiten an.
Man konnte von ihnen halten, was man wollte, doch wenn es darum ging, ließen sich Menschen meist schnell gefügig machen, und das ganz ohne Gewalt oder Drohungen. Man mußte eben nur wissen, wie man es aufzuziehen hatte! Denn wenn man alles richtig anstellte, bekam man so äußerst loyale Sklaven.
Dies reichte jedoch nur bedingt, um mehr über die Allianz der Menschen herauszufinden. Zwar gaben die menschlichen Sklaven durchaus die eine oder andere Information über ihr Volk und ihre Gesellschaft preis, und mit einigen Informationen ließ sich durchaus etwas anfangen, doch war das Bild noch immer recht unvollständig. Hier mußten sie es irgendwie schaffen, an andere Quellen heranzukommen, doch wie sollte man gegen die Allianznavy vernünftig bestehen können? Schließlich verwendeten sie nicht einfach nur irgendwelchen Schund, sondern das, was die Allianz im Allgemeinen aufbot, war das Feinste vom Feinsten, und insbesondere ihre Trägerschiffe waren etwas, vor dem man sich tunlichst hüten sollte! Mehrmals war ein Angriff auf eine menschliche Kolonie schon gescheitert, weil zur Verteidigung neben Schlachtschiffen, Kreuzern und Zerstörern meist immer auch ein oder zwei Trägerschiffe entsandt wurden! Die batarianische Flotte konnte dann nur zusehen, daß sie das Weite suchte, wenn sie nicht aufgerieben werden wollte.
Da waren Guerillataktiken schon deutlich zielführender, insbesondere wenn man sich mit Stealth-Technologien vorbereiten konnte, nur leider waren sie meist auch extrem ineffizient: Man konnte einfach nicht so lange vor Ort bleiben, wie es wünschenswert wäre, bevor die Gegenseite aufmerksam wurde.

Je näher Thraik jedoch dem Zentrum des Marktes kam, umso voller wurde es. Zwar bemühten sich die Angehörigen der niederen Kasten, ihm nach Möglichkeit Platz zu machen, doch gelang dies meist nur sehr bedingt, wenn man berücksichtigte, wie voll es werden konnte, wenn eine neue Lieferung Sklaven angekündigt war. Dabei war es noch etwas mehr als eine Standardstunde hin, bis die Verkäufe offiziell begannen, und so lange konnte man sich in aller Ruhe umschauen, ob sich nicht das Eine oder Andere fand, das einen interessierte.
Zudem war das Wetter auch nicht unbedingt dazu angetan, Thraiks Stimmung zu heben. Es war windstill und die Luft zum Schneiden dick, und es war keine einzige Wolke an Khar'shans Himmel zu sehen. Dies bedeutete meist nichts Gutes, und bei einer solchen Waschküche kam es einige Stunden später meist knüppeldick, zumal der Wetterbericht für die frühen Abendstunden schwere Gewitter angesagt hatte. Bis dahin wollte Thraik jedoch sicher in seinem Gleiter sitzen und auf dem Rückweg nach Nera'yan sein, und zwar mit seinen Neuerwerbungen.

Die andere Sache, die Thraik nicht gefallen wollte, war die Art und Weise, wie die Sklavenjäger mit ihren Gefangenen umgingen. Zwar war es eine Notwendigkeit, diese irgendwie festzusetzen, doch nach seinem Dafürhalten gab es einen entscheidenden Unterschied zwischen „jemanden festsetzen“ und „jemanden mißhandeln“. Leider war Letzeres nur allzu oft der Fall, wenn man es nicht mit professionellen Sklavenjägern zu tun bekam.
Der Batarianer schüttelte mißmutig den Kopf. Was die Hegemonie überhaupt dazu veranlaßt haben könnte, sich auf eine Kooperation mit dem Abschaum der Galaxie einzulassen, wollte ihm partout nicht einleuchten, egal wie sehr er sich den Kopf darüber zermarterte. Fast konnte man meinen, daß professionelle Sklavenjäger offenbar zu teuer waren. Dabei sollte doch jedes Kind wissen, das Qualität nun mal ihren Preis hatte, und wer am falschen Ende sparte, zahlte im Regelfalle anderweitig drauf.
Überhaupt erschien ihm die ganze Hegemonie zusehends suspekter zu sein, gerade aufgrund der Geheimniskrämerei, den diese mittlerweile an den Tag legte. Doch was konnte bloß so dermaßen heikel sein, daß man es niemanden wissen lassen wollte?
Überhaupt zeigte sich die Hegemonie in letzter Zeit sehr geizig, wenn es darum ging, Informationen herauszugeben, und daß eigens ein Ministerium für Informationskontrolle gegründet worden war, sprach nach Thraiks Dafürhalten ebenfalls Bände.
Von einigen seiner menschlichen Sklaven hatte er erfahren, daß es dieses Phänomen auf ihrer eigenen Ursprungswelt in der Vergangenheit wiederholt in verschiedenen Regionen gegeben hatte. Wie sich schlußendlich in jedem Fall herausgestellt hatte, hatte es nie etwas Gutes bedeutet.

Hinter Thraik wiederum folgte eine junge Batarianerin in respektvollem Abstand und mit gesenktem Blick. Das augenfälligste Merkmal war der matt glänzende Halsreif, den sie trug. Darüber hinaus war sie lediglich mit einem um ihre Hüfte geschlungenen Lendenschurz sowie einem Stoffstreifen, der so um ihren Oberkörper geschlungen war, daß er sich vor ihrer Brust kreuzte und der in ihrem Nacken mit einem Knoten gesichert war, bekleidet sowie einem Paar Sandalen.
Es war Marana, eine seiner Sklavinnen.
Thraik genoß die Anwesenheit der jungen Frau, nur im Gegensatz zu vielen anderen unfreien Batarianern war sie dies nicht aufgrund eines Gerichtsurteils, sondern bereits von Geburt an. Immerhin entstammte sie einer der angesehensten Sklavenzuchten Khar'shans, die für ihre preisgekrönten Zuchtmethoden und Sklaven berühmt war. Immerhin versprach der Inhaber seinen Kunden wohlerzogene, hundertprozentig loyale und gut ausgebildete Sklaven. Das einzige Manko war, daß er noch keine Menschen im Angebot hatte, obgleich er bereits an diesem Problem arbeitete. Doch selbst wenn, dann wären sie für Thraiks Zwecke denkbar ungeeignet, da sie keinerlei Erfahrung mit Menschen außerhalb des batarianischen Raumes gehabt hätten. Von daher schienen ihm diese neuen Sklaven ein guter Ansatzpunkt zu sein, allerdings mußten sie bestimmte Voraussetzungen erfüllen.
Daher hatte Maranas Anwesenheit noch einen weiteren Grund als nur die Tatsache, daß er sich am Anblick seiner Sklavin erfreuen konnte. Schließlich war Thraik nicht ohne Grund auf dem Sklavenmarkt, und genau hier käme Marana dann ins Spiel. Neu erworbene Sklaven erwiesen sich meist als wesentlich zugänglicher, wenn sie jemanden hatten, der sich in einer ähnlichen Situation befand wie sie selbst und an dem sie sich orientieren konnten. Vielfach fiel es den Betroffenen so deutlich leichter, sich mit der neuen Situation zu arrangieren.

Ein leises Wimmern zog Thraiks Aufmerksamkeit auf einen der Käfige, die an einer Hauswand aufgestellt waren. Darin erkannte er einen Menschen, dem Aussehen nach zu urteilen wohl männlich und noch recht jung. Dieser Mensch schien wohl eine längere Haarpracht zu bevorzugen, jedenfalls fiel sein Haupthaar über dessen Schultern, und auch ein Bart war deutlich zu erkennen. Nach dem Zustand seiner Haarpracht zu urteilen, konnte dieser Mensch sich noch nicht allzu lange im Besitz dieser Sklavenhändler befinden, denn sonst wäre sein Äußeres deutlich zerzauster gewesen.
Ein anderes Merkmal stach dem Batarianer dabei jedoch beinahe sofort ins Auge: Im Gegensatz zu dem eher dunklen Haar, das er bei vielen Menschen bisher gesehen hatte, war das dieses Menschen sehr hell, fast schon weiß, aber auch die Augenfarbe erschien ihm ungewöhnlich. Bisher waren ihm, wenn er darauf geachtet hatte, höchstens sehr dunkle, fast schon ins Schwarze gehende, oder blaue Augen bei den Menschen aufgefallen, nur dieser hier hatte smaragdgrüne Augen, die ängstlich in die Runde blickten.
Thraik mutmaßte, daß es diesem Menschen die letzte Zeit nicht ganz so gut ergangen war, jedenfalls trug er nicht wirklich etwas am Leib, und das, was von seiner Bekleidung noch übrig gewesen war, hing in Fetzen an ihm herunter und bedeckte gerade mal dessen Unterleib. Zudem sprachen verschiedene Male, die sich auf seinem Körper abzeichneten, ebenfalls Bände.
Deutlich konnte Thraik zwei rote Punkte auf der Brust des Menschen erkennen, offenbar die Einstichpunkte eines Elektroschockers oder ähnlichem. Dazu waren einige blaue Flecken und Abschürfungen zu erkennen, so als hätte irgendjemand ihn geschlagen oder wäre anderweitig unsanft mit ihm umgegangen. Allerdings war dies nichts, was ein Arzt und eine vernünftige Behandlung nicht lösen konnten.
Was die Aufmerksamkeit des Batarianers jedoch vollends auf den Menschen lenkte, war dessen Körpersprache. Anscheinend versuchte er sich in dem Käfig möglichst klein zumachen, möglicherweise in einem Versuch, eine möglichst kleine Angriffsfläche für irgendwelche Übergriffe zu bieten, und auch ansonsten kam es ihm so vor, als wäre er am liebsten von hier verschwunden. Auch ansonsten schien ihm die Situation nicht zu behagen, denn kaum schaute einer der Umstehenden den Menschen an, wandte dieser schnell den Blick ab. Jedenfalls kam es Thraik so vor, als wäre der Mensch mit der Situation vollkommen überfordert.
Diesen Menschen zu erstehen, könnte sich durchaus als lohnend erweisen!

Der Batarianer hinter dem Verkaufstresen, anscheinend der Inhaber, schien Thraik bemerkt zu haben, jedenfalls verließ er seinen Platz und trat zu ihm heran.
„Wie kann ich Ihnen helfen,“ wollte der Sklavenhändler wissen.
„Ich habe gehört, daß wieder einige Sklaven zum Verkauf stehen,“ kam Thraik sogleich auf den Punkt, „und wie ich sehe, gibt es eine recht gute Auswahl. Aber was hat es eigentlich mit dem Jungen dort auf sich?“
„Das da? Das ist ein Fang, den meine Leute vor ein paar Tagen gemacht haben. Ist aber kein einfacher Fall, da er doch einen ziemlichen Aufstand während des Fluges hierher abgezogen hatte. Leider sind Biotiker alles andere als einfach zu bändigen, zumal Sie deren Macht nicht unterschätzen dürfen. Selbst wenn Sie ihn fixiert haben, kann der Sie immer noch nur mit einem bloßen Gedanken in Stücke reißen!“
Thraik nickte lediglich. Ein Biotiker also... Das verspricht, interessant zu werden!
„Nur sieht mir dieser hier nicht gerade so aus, als könnte er irgendwem gefährlich werden,“ vermutete Thraik.
„Was unter anderem daran liegt, daß sein Implantat den Geist aufgegeben haben muß,“ erklärte der Händler. „Der Kontrollchip verträgt sich nicht wirklich mit biotischen Implantaten, und die Dinger räuchern dann schon mal ab. Aber sehen Sie es mal so: Ohne Biotikverstärker kann das da wenigstens keinen Unsinn mehr anstellen.“
Oder anders herum: Wie kann man dafür sorgen, daß ein Kontrollimplantat einen biotischen Verstärker nicht stört, überlegte Thraik. Zugegeben, einen Biotiker unter seinen Sklaven zu haben, könnte sich durchaus lohnen.
Vielleicht ist es aber auch möglich, die beiden Module miteinander zu verschalten, was sicherlich einige interessante Anwendungen ermöglichen könnte. Vielleicht kann ich auf diesem Wege ja auch sein Vertrauen gewinnen!
Eine Idee reifte in Thraik heran.
„Aber Biotik klingt interessant,“ überlegte er. „Das eröffnet so einige Möglichkeiten.“
„Sie sollten dennoch aufpassen,“ mahnte der Händler, „denn wenn ein Biotiker erst einmal seine Kräfte zur Entfaltung bringt, sind Sie ganz schnell Geschichte!“
„Nur daß ich ihm ja nicht sofort ein biotisches Implantat geben muß,“ wiegelte Thraik ab. „Denn wenn, dann muß er sich den Verstärker erst einmal verdienen!“
Der Händler wirkte jedoch immer noch nicht überzeugt. „Nur daß das da mehr Ärger als Nutzen bringt. Ich weiß, wie die Dra'akh bei ihrer Rückkehr ausgesehen hatte, und das geht alles auf das da zurück!“ Mit einer mißmutigen Geste deutete der Händler auf den Menschen.
„Dann denke ich, daß Ihre Leute irgendetwas falsch gemacht haben müssen,“ konnte Thraik sich nicht verkneifen zu sagen. „Ein Sedativum hätte da sicherlich ganz schnell für Ruhe gesorgt!“
„Dazu müßte man aber erst einmal wissen, daß sowas so gefährlich drauf ist,“ knurrte der Händler zurück. „Das steht dem ja nicht auf die Stirn geschrieben!“
„Hätte man aber alles mit einem Scan herausfinden können,“ meinte Thraik süffisant. Fachpersonal, dachte er verdrießlich. Wenn das Verhalten dieser Sklavenjäger repräsentativ war, sprach das Bände über die Fähigkeiten des Personals, das dieser Händler beschäftigte.
„Also? Wollen Sie ihn jetzt verkaufen,“ hakte Thraik nach, diesmal deutlich ungehaltener.
„Meinetwegen gerne,“ erwiderte der Händler. „So werde ich das wenigstens los und brauche mir keinen Kopf mehr darum zu machen. Ich hätte es höchstwahrscheinlich ohnehin entsorgt, wenn ich es nicht hätte verkaufen können.“
Thraik glaubte, sich verhört zu haben, ließ sich aber nach außen nichts annehmen. Innerlich kochte er jedoch vor Wut.
‚Das da‘ und ‚entsorgen‘, so sehen Sie mir aus! Daß ein Sklave immer noch ein Lebewesen ist, interessiert wohl nicht, oder wie?
Auf jeden Fall wußte Thraik, daß ihm dieser Sklavenhändler immer weniger gefiel. Für sich beschloß er, seinen Hintergrund einmal genauer zu durchleuchten, vielleicht fanden sich ja genügend Leichen im Keller, um ihn aus dem Verkehr zu ziehen, wünschenswerterweise indem er selbst zum Sklaven wurde. Vielleicht sorgte der damit einhergehende Perspektivwechsel ja mal für Veränderungen!
Einen Sklaven zu entsorgen, als wäre er Unrat... Widerlich!
Als Thraik sich umdrehte, bemerkte er den entgeisterten Gesichtsausdruck seiner Sklavin. Sie hatte den Wortwechsel ebenfalls mitbekommen und schien ebenfalls entsetzt zu sein. Sanft zog er Marana zu sich und legte einen Arm um ihre Schultern.
„Keine Sorge, ich werde nicht zulassen, daß dieser Vogel den Menschen umbringt,“ flüsterte er, „und sowie wir wieder zu Hause sind, will ich ihn mir mal unterm Mikroskop anschauen. Ich will wissen, ob der nicht irgendwie Dreck am Stecken hat, denn seine Äußerungen lassen gar Schlimmes befürchten!“
„Ich weiß,“ erwiderte die Sklavin. „Ich frage mich nur, wie man bloß so kaltherzig sein kann?“
„Das kann ich auch überhaupt nicht nachvollziehen,“ mußte Thraik zugeben, „zumal der Kodex der Alten hierzu sehr deutlich wird: ‚Erweist denen, die höhergestellt sind, Treue und Respekt und beschützt und kümmert Euch um diejenigen, die Euch untertan sind.‘ Das schließt auch Sklaven mit ein. Ich frage mich nur, welchen Teil davon einige Leute nicht kapieren!“
„Vielleicht sind diese Leute einfach entschieden zu abgehoben,“ bot Marana an.
Thraik kratzte sich am Kinn. „Gut möglich,“ mutmaßte er. Ein guter Punkt, den du da angesprochen hast!
Und genau das war ein Punkt, der ihm so an seiner Sklavin gefiel: Sie hatte eine eigene Meinung und verstand es, diese auch zu vertreten. Leider schien dies bei vielen anderen Sklaven nicht der Fall zu sein, was Bände über die Methoden sprach, mit denen diese konditioniert wurden. Er bevorzugte es hingegen, seine Sklaven zum Gehorsam zu ermutigen, anstatt ihnen jedwede Eigeninitiative abzugewöhnen. So brauchte er sie nicht ständig beaufsichtigen zu lassen, und wenn sie irgendwelche Probleme entdeckten, wurden sie schon von sich aus tätig und sorgten dafür, daß diese behoben wurden. Zudem hatten sie auch keine Angst davor, ihm zu sagen, wenn er im Begriff war, einen Fehler zu begehen. Damit ersparten sie ihm die eine oder andere Peinlichkeit – in seiner Position konnte das schnell richtig unangenehm werden.
„Doch bevor ich den Menschen kaufe,“ kam Thraik wieder auf den eigentlichen Grund seines Hierseins zurück, „möchte ich, daß du dich mit ihm unterhältst. Ich möchte gerne wissen, wen ich mir ins Haus hole. Ich werde mich noch ein wenig umschauen, ob ich nicht noch mehr interessante Sklaven finde.“
Marana verneigte sich kurz vor ihrem Herrn und wandte sich dem Käfig zu, in dem der Mensch saß, für den ihr Herr sich interessierte. Einen Augenblick später war sie auch schon in der Menge verschwunden.

~~~++~~~


Aus den Augenwinkeln bemerkte Aaron, wie sich eine Gestalt dem Käfig näherte, in dem er hockte. Es handelte sich um eine Batarianerin, dessen war sich der Junge sicher, doch was ihm auffiel, war das überaus eigenartige Erscheinungsbild. So trug sie lediglich zwei Stoffstreifen, die um ihren Körper geschlungen waren und die nicht wirklich viel verdeckten, sowie ein Paar Sandalen. Das auffälligste Merkmal, das sofort seine Aufmerksamkeit auf sich zog, war jedoch der Halsreif, den die Batarianerin trug. So wie er ausschaute, schien er aus einem Stück gefertigt zu sein, jedenfalls konnte Aaron keinerlei Verschlußmechanismus erkennen.
Blitzgeschmiedet, schoß es ihm durch den Kopf, höchstwahrscheinlich unter Zuhilfenahme eines starken Masseneffektfeldes.
Unwillkürlich fielen ihm einige Geschichten wieder ein, die er vor ein paar Jahren gelesen hatte und in denen einige Leute ebenfalls Halsreife in dieser Art getragen hatten. Bei diesen hatte es sich fast immer um Sklaven gehandelt, sei es, daß sie sich noch in Gefangenschaft befanden, sei es, daß sie entlaufen waren oder was auch immer mit ihnen geschehen sein mochte. Dieses Phänomen entstammte dabei jedoch fast immer der Phantasie des jeweiligen Autors, denn wenn man sich in der Menschheitsgeschichte einmal umschaute, trat dieses Phänomen so gut wie nie auf. Viel zu groß war die Angst der Sklavenhalter gewesen, daß ihre Sklaven sich hätten erheben können, wenn sie um ihre tatsächliche Anzahl gewußt hätten. Insofern verwunderte es, daß es sich hier – wo auch immer „hier“ sein mochte – ganz offensichtlich anders verhielt. So wie sich diese Batarianerin präsentierte und gab, war sich Aaron ziemlich sicher, daß sie eine Sklavin sein mußte. Nur wie kam ein Volk eigentlich dazu, seine eigenen Angehörigen zu versklaven? Die Menschheit beispielsweise hatte schließlich schon vor Ewigkeiten mit dieser Praxis aufgehört!
Dann war die Batarianerin auch schon an dem Käfig angekommen und musterte Aaron mit einem Blick der... ja, was war das denn? War in ihrem Gesichtsausdruck etwa so etwas wie Mitgefühl zu erkennen?
„Hallo, Junge,“ sagte sie mit einer sanften Stimme und hockte sich vor die Gitterstäbe.
Aaron musterte die Sklavin mit einer Mischung aus Abscheu und Neugier. Abscheu vor der Tatsache, daß Leute als Eigentum betrachtet wurden, aber auch Neugier wegen der Tatsache, daß irgendetwas mit dieser Batarianerin nicht ganz so war, wie es zu sein schien. Allgemeinhin sollte man annehmen, daß Sklaven den Launen ihres Herrn schutzlos ausgeliefert waren und somit mehr oder minder deutlich mißhandelt wurden, doch bei ihr war absolut nichts dergleichen zu erkennen.
„Wer bist du,“ wunderte Aaron sich. „Und wie kommst du zu dem Ding da?“ Dabei deutete er auf den Halsreif, den die Sklavin trug.
„Ich bin Marana, eine Sklavin meines Herrn,“ erwiderte die Batarianerin ungerührt. „Und der Halsreif besagt, daß ich das Eigentum meines Herrn bin.“
„Aaron Shepard. Aber, weshalb,“ wollte Aaron wissen. „Wie kann man jemanden bloß so behandeln?“
Marana lachte leise auf diese Frage hin, was dem Menschen einen verwunderten Ausdruck auf das Gesicht zauberte.
„Weil das unsere natürliche Ordnung ist,“ versuchte die Sklavin sich an einer Erklärung, doch dies sorgte bei Aaron für nur noch mehr Unverständnis.
„Ich weiß nicht, inwieweit du dich mit unserer Gesellschaft auskennst,“ begann Marana, „aber die batarianische Gesellschaft ist strikt unterteilt. Jeder wird in eine Kaste hineingeboren, die eine bestimmte Aufgabe in der Gesellschaft übernimmt. So gehört mein Herr beispielsweise den Archonten an, also der religiösen Kaste.“
„Archonten,“ wiederholte Aaron, was sogleich ein Lächeln auf das Gesicht der Batarianerin zauberte.
„Genau. Ich glaube, bei deinem Volk nennt man solche Leute Priester.“
Der Mensch nickte lediglich. Dennoch paßten einige Dinge für ihn immer noch nicht zusammen.
„Den Angehörigen einer anderen Kaste wiederum obliegt die politische Führung,“ fuhr die Sklavin fort, „und wiederum noch andere kümmern sich um die gesundheitlichen Belange, treiben Handel oder üben ein Handwerk aus, und jede dieser Kasten hat eine bestimmte Stellung innerhalb der Gesellschaft.“
Das hört sich verdächtig nach Indien an, schoß es Aaron durch den Kopf, wenngleich es einige wesentliche Unterschiede zu geben schien. Zwar wußte er jetzt nicht so gut über Indien Bescheid, inwieweit Sklaverei zum dortigen Kastensystem gehörte, aber bei den Batarianern war dies ganz offensichtlich der Fall.
„Gibt es denn auch so etwas wie Parias,“ wollte er wissen.
„Was ist das,“ hakte Marana nach.
„Unberührbare,“ erklärte Aaron. „In einigen Regionen auf der Ursprungswelt meines Volkes gibt es ebenfalls ein Kastensystem, nur daß ein Paria, aus welchen Gründen auch immer, aus diesem herausgefallen ist. Ein Umgang mit diesen Leuten zieht im Regelfalle eine ganze Menge Probleme nach sich, wenn ich das richtig verstanden habe.“
Die Sklavin überlegte kurz. „So etwas gibt es auch bei uns, aber die wirst du auf keiner batarianischen Welt finden. Bei denen handelt es sich um Verstoßene, die klare Grenzen überschritten haben. Sollten sie sich jemals auf einer batarianischen Welt blicken lassen...“ Marana vollführte eine halsabschneidende Geste. „Solch einen Abschaum brauchen wir hier nicht!“
„Aber was hat es jetzt mit Sklaven hier auf sich?“
„Unsere Aufgabe ist es, für unsere Herren zu arbeiten,“ sagte die Batarianerin daraufhin. „Wie ich bereits gesagt habe, wird man hier in eine Kaste hineingeboren. Sklaven hingegen gehören keiner Kaste an und sind somit rechtmäßiges Eigentum.“
„Stört dich das denn nicht?“
Marana schaute Aaron verständnislos an. „Weshalb sollte es? Nur weil ich unsere Gesellschaft mit meiner Hände Arbeit unterstütze anstatt beispielsweise mit Handel?“
„Aber was ist mit etwaigen Übergriffen? Ich meine, nach dem zu urteilen, was ich so mitbekommen habe, sind so manche Sklaven ganz schön schlimm dran!“
Die Sklavin verzog das Gesicht. „Das ist durchaus richtig, da es leider immer irgendwelche Trottel gibt, die – wie sagt ihr Menschen noch gleich? – nicht weiter als von der Wand bis zur Tapete denken. Doch die findet man leider überall. Zudem ist der Kodex der Alten in dieser Hinsicht absolut klar und deutlich: ‚Beschütze und kümmere dich um die, die dir untertan sind‘. Nur scheinen einige Leute diese Weisheit vergessen zu haben!“
Das hatte sehr viel für sich, da in der Allianz auch nicht immer alles Gold war, was glänzte, zumal durchaus diverse Dinge in den Schlagzeilen der Medien auftauchten. Dennoch erschien es ihm immer noch weniger problematisch zu sein, als es bei den Batarianern der Fall war.
„Allerdings darfst du nicht den Fehler machen, von diesen Fehlgeleiteten auf alle anderen zu schließen,“ gab Marana zu bedenken. „Viele wollen einfach nur ganz normal leben und gehen somit auch sinnvoll mit ihren Sklaven um.“
„Wie ist dein Herr denn so,“ fragte Aaron nach einer kurzen Pause.
„Er ist ein Herr, wie man ihn sich als Sklavin nur wünschen kann,“ sagte die Sklavin mit einem, so kam es Aaron vor, verträumten Blick. „Er erwartet zwar, daß wir hart für ihn arbeiten, doch ist er kein Schinder. So bürdet er uns gewiß keine Arbeiten auf, die wir nicht schaffen können, und wenn wir krank werden oder uns etwas zustößt, so sorgt er dafür, daß wir wieder auf die Beine kommen. Und wenn es Probleme geben sollte, so ist er immer für uns da.“
Der Mensch wirkte immer noch skeptisch. „Das ist doch zu schön, um wahr zu sein!“
Marana schüttelte den Kopf, wobei sie sich ein leichtes Grinsen nicht verkneifen konnte. „Du wirst sicherlich noch die Gelegenheit bekommen, es herauszufinden. Mein Herr gedenkt nämlich, dich zu kaufen.“
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