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Untergebene meiner eigenen Angst

GeschichteAllgemein / P12 / Gen
16.10.2018
16.10.2018
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Liebe Angst,
ich weiß du willst nur das best für mich. Ich weiß, du willst mich nur beschützen. Ich weiß du bist ein Teil von mir und das bestreite ich auch nicht. Das will ich auch nicht ändern. Ich akzeptiere, dass du notwendig bist, dass ich dich nie loswerden kann und du mich auch stärken kannst aber eines möchte ich dich wissen lassen: du hast es übertrieben. Genauer gesagt machst du das bereits viel zu lange. Du hast schon vor Ewigkeiten aufgehört, mich vor Gefahren zu beschützen und angefangen, mich aus dem Leben auszusperren. Nie vergeht ein Tag an dem du mich nicht besuchst. Immer wieder liege ich mit rasendem Herzen wach im Bett, unfähig zu schlafen, unfähig mich zu bewegen, aufzustehen und das alles nur, weil Schritte vor meiner Zimmertür zu hören sind. Tag für Tag wird mein Körper von Adrenalin nur so überflutet, sobald ich das Haus verlasse, die Muskeln angespannt, meine Beine bereit für den Marathon ihres Lebens und wieso das ganze?! Weil du jegliches Geräusch, jegliches Gespräch, jegliche Person als Gefahr einstufst! Dank dir bin ich nicht mehr bloß schüchtern und introvertiert, sondern lebe in Angst vor Menschen! Ohne Möglichkeit Hilfe zu suchen, Kontakte zu schließen, als ob es nicht so schon schwer genug wäre! Ich habe sogar Probleme damit, meine Freunde anzuschreiben oder anzusprechen. Ständig redest du mir selbstzweifel ein. Überwinde ich dich doch einmal und spreche jemanden an, lässt du mich dies ganz schnell wieder bereuen. Schweigen ist zum Alltag geworden weil du mich glauben lässt, das es sowieso niemanden interessiert, was ich zu sagen habe, das ich niemanden interessiere! Wenn ich mit jemandem schreibe redest du mir ein, dass ich sie nur nerve. Deinetwegen bekomme ich dabei jedes mal das Gefühl, mich erklären, ja regelrecht rechtfertigen zu müssen. Mit jeder Nachricht die ich schreibe, habe ich das Gefühl andere nur zu verletzen, zu beleidigen oder in eine missliche Lage zu bringen obwohl ich weiß, das dem nicht so ist. Du lässt mich in dem glauben, ich hätte etwas falsches gesagt, getan, geschrieben wenn jemand mal nicht direkt antwortet obwohl ich weiß, dass niemand 24/7 online ist, ich bin es ja auch nicht und doch sorgst du dafür, das ich mich schlecht deswegen fühle und alles daran setzen, es wieder gut zu machen, obwohl es nichts wieder gut zu machen gibt! Du lässt mich denken, das ich allen egal bin, nur weil sie mich nicht anschreiben. Lässt mich glauben, das sie mich nicht einmal wahrnehmen. Nur aus Höflichkeit antworten und ihre kostbare Zeit mit einem so wertlosen und ungeliebten Nichtsnutz wie mir verschwenden! Deinetwegen bin ich ständig von Selbstzweifeln geplagt. Sobald mich jemand berührt, spannen sich meine Muskeln wieder an und voller Angst erwarte ich, das etwas schmerzhaftes wie ein Schlag kommt. Obwohl ich noch nie körperlich verletzt wurde von anderen, lässt du mich bei Berührungen erstarren, in Erwartung auf etwas schlimmes. Selbst wenn die Berührung von mir aus geht ist das so! Und das ist allein deine schuld, weil du mir Dinge einredest, die überhaupt nicht da sind. Und ich bin einsam, immer zu. Ich sehne mich danach, mit anderen in Kontakt zu treten aber du hälst mich davon ab und ich sehne mich danach, liebevoll berührt zu werden, umarmt zu werden, geschätzt zu werden, andere berühren zu können ohne Angst! Doch weil du mich nie in Ruhe lässt, muss ich jedes mal, wenn es doch dazu kommt gegen meinen Fluchttrieb ankämpfen. Fühle mich unwohl und unruhig und brauche eine Ewigkeit, bis ich mich entspanne. Und das alles, obwohl ich es eigentlich genieße.
Deshalb bitte ich dich hiermit, bitte liebe Angst gib mich frei und lass mich mein Leben leben, denn du bist und bleibst ein Teil von mir und daran wird sich nie etwas ändern. Du hast also keinen Grund, dich so an mir festzuklammern, denn solange es mich gibt, wird es auch dich immer geben.

In Liebe,
Dein Wirtskörper, Sklave und Schöpfer
 
 
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