Hinter den Fassaden

von Izzybuddy
GeschichteAllgemein / P16 Slash
Chloe Frazer
16.10.2018
01.11.2018
9
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Nadine entfloh ihren Träumen und kehrte langsam zurück in das Hier und Jetzt. Das erste das sie spürte war das Gewicht eines Armes, der um ihre Schulter geschlungen war, begleitet von einem tiefen Atemgeräusch, das sicherlich nicht von ihr stammte. Orientierungslos öffnete sie die Augen und starrte auf ein rotes, sehr verschmutztes Oberteil, unter dem sich leicht Bauchmuskeln abzeichneten Sofort wusste sie wieder wo sie war und mit wem. Sie hatte sich scheinbar im Schlaf an Chloe gedrückt und in ihrer Umarmung geschlafen.
„Chloe?“, ihre Stimme klang kratzig - sie brauchte dringend einen Schluck Wasser. Fest kniff sie die Augen zusammen, öffnete sie dann wieder und setzte sich auf. Dabei rutschte die Hand von ihrer Schulter und sie vermisste die Wärme der Berührung sofort. Ein Blick auf die Frau vor ihr ließ ein wohliges Gefühl durch ihren Körper strömen, doch Nadine schüttelte energisch den Kopf. Sie kannte die Frau vor ihr kaum, zudem war sie nie der Typ für Gefühlsgeschichten gewesen. Dennoch hatte sie nun auch noch begonnen ihre Partnerin beim Vornamen zu rufen, sich um sie zu sorgen und an ihrer Seite zu schlafen. Sollte das so weiter gehen, wusste sie  bereits um die Verletzung, die ihr bevorstand. Sie musste damit aufhören. Sofort. „Chloe, wach auf.“, sie rüttelte leicht an ihrer rechten Schulter und Chloe schlug für den Bruchteil einer Sekunde die Augen auf. „Noch 5 Minuten.“, bat sie, drehte sich zur Seite weg und Nadine ertappte sich bei dem Gedanken, diese Situation öfter erleben zu wollen. So schnell wie dieser Gedanke kam, verbannte sie ihn auch wieder.
„Nein. Keine 5 Minuten. Los, die Sonne geht schon auf.“, verlangte Nadine etwas forscher und stand selbst auf. „Wer ist jetzt der Sklaventreiber?!“ stöhnte Chloe auf und setzte sich aufrecht hin.
„Mir macht das hier auch keinen Spaß.“, erklärte Nadine bissig und warf ihrer Partnerin ein paar Litschis zu. „Also steh auf, damit wir das endlich abschließen können.“ Chloe fing das Obst auf und sah verständnislos auf ihr Gegenüber. Diese nahm den Blick wahr und sofort zog sich ein schlechtes Gewissen durch ihren Körper: Chloe konnte nichts für ihre Stimmungsveränderung und doch war genau genommen sie alleine der Grund dafür. Sie konnte nicht zulassen, dass sie Gefühle für diese Frau entwickelte und die beste Methode diesem entgegen zu wirken war genau das. Also, so weh es ihr auch tat die Enttäuschung in den Augen ihres Gegenübers wahrnehmen zu müssen, stieß sie Chloe von sich.
Diese hatte sich jedoch schnell wieder gefangen und sah abschätzig zu ihr hinauf. „Ist ja gut...Wusste nicht, dass du das hier so Scheiße findest.“ Nadine hingegen wendete sich ab und ihr gemurmeltes „Tu ich nicht...“ hörte Chloe nicht mehr.

Gesprochen hatten sie seit dieser kleiner Auseinandersetzung nicht mehr und Chloe legte auch keinen großen Wert darauf. Sollte einer diese Frau verstehen, sie tat es nicht. Im einen Moment drückte sie sich im Schlaf an sie, suchte ihre Nähe und im nächsten stieß sie sie wegen der kleinsten belanglosesten Aussage fort und machte damit mehr als deutlich, dass sie froh war, wenn sie nicht mehr zusammen arbeiten würden.
Okay, konnte sie haben. Für diesen Auftrag mussten sie nicht reden. Sie würden ihn abschließen und Nadine würde sie noch in der nächsten Minute los sein. Die Befürchtung, die Chloe noch am Abend zuvor das erste mal in einen fassbaren Gedanken formuliert hatte, wurde soeben zur Wirklichkeit und das tat weh. Mehr als sie das vermutet hatte. Konnte man tatsächlich so schnell Gefühle für eine Person entwickeln? Egal in welche Richtung diese gehen mögen? Offensichtlich schon, denn sonst würde da jetzt kein solcher Schmerz auf ihrer Brust liegen und ihr, wie eine schmiedeeiserne Kette, gespannt um ihren Burstkorb, das atmen erschweren.

„Frazer, hier drüben!“ Das erste Mal seit gefühlten Stunden hörte sie wieder Nadines Stimme und folgte ihr um die nächste Säule dieses beeindruckenden Gebäudes. Die Sammlung antiker Gegenstände war atemberaubend, doch nichts, womit sie jetzt etwas anfangen konnte. Ihre Partnerin stand dort in der Mitte des Raumes an einem kunstvollen Altar aus Königen, die scheinbar alles auf sich nahmen um den Zahn auf ihren Rücken zu tragen. Das wunderschön gearbeitete Werk raubte Chloe den Atem, während sie es eingehend betrachtete.
Nadine sah sie aufmerksam an und Chloe nahm dies als Einladung zu einer Erklärung anzusetzen, was sie auch tat.  
„Und was ist das?“, fragte Nadine nach ihrem Monolog und blies den Staub von den kleinen, goldenen Figuren, die auf dem Horn angebracht waren. Nur ein kurzer Blick genügte und Cloe wusste genau was das war. Ungläubig tastete sie nach ihrer Tasche, nahm die Figur ihres Vaters heraus und setzte sie in die einzige leere Fläche. Die Figur rastete ein und Chloe lies die Anspannung in einem einzigen Atemstoß los.
Im nächsten Moment traf ein Blick voller Schmerzen auf Nadine: „Mein Vater war hier...“, eine reine, traurige Feststellung, deren Klang ihr fast den Atem raubte, während gleichzeitig ein starkes Bedürfnis Chloe in den Arm zu nehmen und ihr etwas von ihrem Schmerz zu nehmen ihre Arme und Finger durchströmte. Doch sie riss sich zusammen. Sie hatte sich vorgenommen Abstand zu wahren und keine Gefühle zuzulassen. „...etwas Großes war es wirklich.“, lachte Chloe im nächsten Moment leise auf. „...warum hat er mir nichts erzählt?“ „Du hast es doch selbst gesagt...er wollte dich in Sicherheit wissen.“ Doch ihre Antwort hatte nicht den gewünschten Effekt, denn anstatt dass Chloe Kraft aus dieser Aussage zog, schien es ihr den Boden unter den Füßen fortzuziehen. Sie ließ sich an dem kalten Metall des Altares hinabgleiten und blieb kraftlos auf der staubigen Gesteinsplatte sitzen. Es schien sie alle verbliebene Energie zu kosten, ihren Kopf in ihre rechte Hand zu stützen und nachdenklich durch eine ihrer eigenen Haarsträhnen zu fahren. Auch Nadine ging in die Hocke, wahrte den Abstand zwischen ihnen, während sie abwartend da saß, bis Chloe soweit war zu sprechen. „Ich kann nicht zulassen, dass Asav den Zahn bekommt.“, sprach sie schließlich eindringlich und Nadine stimmte ihr ohne Zögern zu: „Nein. Nein, können wir nicht.“ Nadine begriff noch im selben Augenblick, dass sie verloren hatte. Sie hatte gegen sich selbst gekämpft und gerade noch gedacht, sie hätte einen guten Kompromiss gefunden mit Chloe umzugehen, doch sie hatte verloren. Es war schlicht nicht möglich das warme Gefühl, das sich links von ihrem Brustbein, etwa vier Fingerbreit unter dem Schlüsselbein ausbreitete und ihren gesamten Körper durchzog, wenn Chloe sie auch nur mit einem hochgezogenen Mundwinkel ansah. Nein, sie konnte nicht gewinnen und sie konnte Chloe nicht alleine lassen. Nicht so. Nicht auf diese Weise. Ihr ging es um so viel mehr als ein verlorenes Artefakt zu finden und gewinnbringend zu verkaufen. Das hier war eine Familienangelegenheit, die ihr schon lange auf der Seele brennen musste. Der Schmerz in ihren Augen war so übermächtig, dass Nadine unweigerlich Schlucken musste.
Chloe musterte sie einen Moment, bevor sie ihre ehrliche Dankbarkeit aussprach. Der Blickkontakt, der darauf hin entstand verunsicherte Nadine erneut, denn die blauen, klaren Augen schienen ohne einen Umweg in ihre Seele blicken zu können. Auch wenn sie wieder für den, für sie notwenigen Abstand zu Chloe sorgen wollte, entschied sie sich dieses Mal für eine nettere Art. Also lachte sie kurz auf:„Dank mir, wenn wir hier lebend rauskommen.“ und setzte noch ein fürsorgliches „Vergiss Ganesh nicht.“ hinterher.

Eine kleine Schwimmeinlage später, Gott, sie hasste nasse Klamotten mittlerweile, fanden sie sich an einer Felsklippe wieder und spätestens hier wusste Chloe, dass Nadine wieder die Alte war. Nach ihrem ´Absturz` lediglich mit „Danke fürs Vorgehen.“ zu kommentieren, war typisch für die  gut gelaunte, scheinbar sorgenfreie Nadine. „Gern geschehen.“, war alles, was Chloe darauf erwidern konnte, während sie ihrer Partnerin bis auf das Hochplateau folgte.
Eigentlich hatte Chloe bereits bei ihrer Frage. „Hey, geht’s dir gut?“ stutzig werden müssen, spätestens aber als ihre Partnerin nahe an sie heran getreten war. Sie hatte sich jedoch nur entschuldigt und erklärt, sie würde gleich wieder bei der Sache sein und den Stoß nach vorne absolut nicht erwartet, sodass sie mit einem „Hey, Nadine Ross!“ in das kühle Nass stürzte und erneut nasse Klamotten von ihr herab hingen.
„Bist du jetzt wieder bei der Sache?!“, lachte die junge Frau auf der Klippe und Chloe konnte nur noch grinsen. Ein kurzer Blick nach oben auf die Person, die ihr so viel Freude brachte ließ sie die Wahrheit schlagartig erkennen: Sie war auf dem besten Weg sich in diese Frau zu verlieben. So richtig, mit allem was dazu gehörte und entgegen ihrer Befürchtung machte ihr diese Tatsache keine Angst. Im Gegenteil, es war viel mehr befreiend endlich einen Namen für das Gefühl zu haben und sich ihm offen stellen zu können.
Erneut zog sie sich an den Felsen hinauf, sprang erneut auf die andere Seite und stand nur wenig später vor dem Durchgang. „Bereit?“, drang die Stimme ihrer Partnerin an ihr Ohr, als sie an ihr vorbei ging. „Ich hab ein Auge auf dich.“, drohte Chloe ihr an und meinte damit definitiv Zweierlei. Ja, sie verliebte sich in Nadine, die Frage war nun nur noch, was sie davon hielt.