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Der Herr der Zeiten

von Shayra
GeschichteAbenteuer, Humor / P12 / Gen
Gandalf Lindir OC (Own Character) Saruman Sauron
15.10.2018
23.02.2021
33
153.387
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23.02.2021 4.367
 
33. KAPITEL


Feuer und Wasser


Indra“, sagte Fastred verwundert. „Wo sind wir hier?“
Neugierig sah er sich um. Er befand sich in einem kleinen kahlen Raum, der aus dunklem Gestein bestand und bar jeder Verzierungen war. Der Boden war aus glattem Stein, der im Licht einer einzelnen Kerze glänzte. In der linken hinteren Ecke standen zwei einfache Töpfe aus Metall, neben denen Fesseln aus Metall an der Wand hingen. An der rechten Wand lag ein Haufen Stroh, auf dem eine grob gewebte Decke sorgsam zusammengefaltet ruhte. Das waren die einzigen Gegenstände, die Fastred erkennen konnte. Ein Fenster hatte der Raum nicht, auch wenn die Decke hoch war. Nur die Kerze und ein offener Spalt in einer großen Tür aus Metall verströmten Licht, ansonsten war es dunkel in dem Raum.
„In meiner Zelle“, antwortete der Halbelb. „Mehr kann ich Euch gerade nicht sagen, fürchte ich. Meine Reise hierher habe ich entweder bewusstlos oder mit verbundenen Augen verbracht.“
Fastreds Blick richtete sich wieder auf Indra, der mit im Schoß überkreuzten Beinen und auf den Knien liegenden Händen etwa einen Meter vor ihm saß, zwischen ihnen die Kerze. Neben Indra lag ein hölzernes Tablett, auf dem ein einzelner Becher mit klarem Wasser stand.
Der Halbelb selbst trug ein langes braunes Hemd, das ihm bis zu den Knien ging und eine weite dunkle Hose, die in robusten Stiefeln verschwand. Seinen Mantel hatte Indra nicht mehr und Fastred vermutete, dass dies die Kleidung war, die er auch bei ihrer ersten Begegnung getragen hatte. Die langen schwarzen Haare trug Indra noch immer in einem Zopf, selbst wenn dieser ein bisschen strähnig war. Allerdings war der Blick aus Indras goldenen Augen noch immer klar, wenn auch ein bisschen erschöpft; die Wangen des Halbelben waren etwas eingefallen.
„Dann seid Ihr also wirklich gefangen“, stellte Fastred fest. „Elanor und ich hörten nichts von Euch aus dem Auenland.“
„Nein.“, Indra schüttelte unglücklich den Kopf. „Ich habe das schöne Auenland nie erreicht und auch den Brief an den Vater von Frau Elanor konnte ich nicht überbringen.“
„Fastred von Grünholm“, sprach er weiter und sah Fastred in die Augen. „Ich weiß, es ist eine gewaltige Bitte, der nachzukommen sehr gefahrvoll werden wird. Aber ich bitte Euch, ich flehe Euch an, befreit mich! Ich werde im Gegenzug tun, was auch immer Ihr von mir verlangt! Ich werde Euch helfen, bei was auch immer Ihr meine Hilfe benötigt, ich werde Euch mit all meinen Fähigkeiten zur Seite stehen, nur bitte: Befreit mich!“
Indras Stimme zitterte und klang verzweifelt und auch wenn sich der Halbelb nicht weiter bewegte, so konnte Fastred das Flehen in den goldenen Augen sehen.
Unbehagen befiel Fastred, so wie es ihn befallen hatte, als die Werwölfe darüber sprachen, dass Melkor so spielend einfach den dritten Werwolf hatte besiegen können wie Fastred Lungorthin.
„Ich weiß nicht wie ich Euch finden soll“, sagte er. „Wie habt Ihr mich gefunden?“
„Durch Zufall“, antwortete Indra bekümmert. „Euer Geist ließ sich all die Monde nicht finden, Ihr schient von einer fremden Macht bedeckt zu werden. Mein Blick wurde getrübt und keiner meiner unablässigen Versuche Euch zu erreichen war von Erfolg gekrönt. Dann, heute Nacht, sah ich Euch an der Kreuzung zweier Flüsse stehen und habe gerufen, in der Hoffnung, dass Ihr mich hören würdet.“
Fastred wollte etwas erwidern, doch da ertönte ein lautes Klopfen an der Tür. Indra sah erschrocken hoch und blickte dann wieder Fastred an.
„Bitte geht nicht weg, es wird nicht lange dauern!“ Mit diesen Worten schloss er die Augen und stand dann auf, während ein fahles Abbild seiner Selbst sitzen blieb. Dieses Abbild war so durchscheinend, dass Fastred dahinter die Wand der Zelle erkennen konnte und es flackerte ein wenig wie das Licht einer Flamme. Der echte Indra stand inzwischen und öffnete die Augen, als die Tür aufging.
Fastred selbst blieb stehen, wo er war und beobachtete das Geschehen.
Ein Ork stieß die Tür auf. Er trug eine schwere gepanzerte Rüstung aus schwarzen Platten und war größer als jeder Ork, den Fastred je gesehen hatte. Durch seine Größe und Breite verdeckte er beinahe komplett den Blick auf den Gang. Über seinem Rücken ragte eine gewaltige Streitaxt auf und ein Bärenfell zierte seine Schultern.
„Na“, sagte der Ork und bleckte die gelblichen Zähne. „Wie geht es unserem verehrten Gefangenen heute Nacht?“
„Dank Eurer Pflege wie immer gut“, antwortete Indra und sein Abbild flackerte als würde es Indra schwer fallen zu sprechen und es gleichzeitig aufrecht zu erhalten.
Der Ork lachte laut auf. „Das hoffe ich doch! Der General hat uns schließlich aufgetragen gut auf Euch aufzupassen, Indra.“
„Ja“, sagte Indra und lächelte, wenn auch etwas angespannt. „Was verschafft mir die Ehre eines so späten Besuchs?“
„Ich wollte mich bedanken.“
Mit einer erstaunlich eleganten Bewegung nahm der Ork seine rechte Hand, die er davor hinter dem Rücken gehalten hatte, nach vorne und bot eine Karaffe dar.
„Wie abgemacht bekommt Ihr für Euren Rat Wein.“
Der Ork bleckte wieder die Zähne und Fastred ging auf, dass er lächelte.
„Danke“, erwiderte Indra und nahm die Karaffe vorsichtig entgegen. Jede seiner Bewegungen schien ihn Kraft zu kosten und auch der Ork runzelte die Stirn.
„Der General wäre erbost, wenn Ihr sterben solltet. Er verlangte ausdrücklich, dass Ihr am Leben bleiben sollt.“
„Um mich weiter zu verhören, nehme ich an.“
„Wieso sonst? Sicher nicht, damit Ihr noch weiter edlen Wein bekommen könnt.“
„Edler Wein?“, fragte Indra verblüfft nach. „Ich fühle mich geehrt, aber es wäre wirklich nicht nötig gewesen, dass Ihr die Vorräte des Generals für mich nutzt.“
„Die Vorräte des Generals?“ Der Ork lachte wieder. „Ich glaube nicht, dass ein Werwolf Wein trinkt.“
„Also habt Ihr mir Wein aus Eurem Vorrat gegeben?“ Indra sah bewundernd auf den Wein. „Dann danke ich Euch sehr dafür.“
„Indra, glaubt Ihr wirklich, dass ich in diesen Zeiten einen eigenen Weinkeller habe?“, fragte der Ork. „Ihr bekommt guten Wein für guten Rat und keinen geringeren als den edlen Tropfen des Dunklen Herrn.“
Indra schnappte nach Luft und sah entsetzt auf die Karaffe. Es sah beinahe so aus als wolle er sie wieder zurückgeben.
„Dunkler Herr? Aber wie kommt Ihr an Saurons Wein?“
„Sauron?“ Der Ork runzelte die Stirn. „Ist der Dunkle Herr unter diesem Namen auch im Osten bekannt?“
„Er trägt viele Namen, auch im Osten... auch wenn ich mich frage, wie Ihr an seinen Wein gelangen konntet“, sagte Indra und legte den Kopf schief. „Vielleicht meinen wir einen unterschiedlichen Sauron? Wie könntet Ihr sonst an seinen Besitz gelangen?“
„Unterstellt Ihr mir etwa zu lügen?“, knurrte der Ork.
„Unterstellt Ihr mir etwa zu glauben, was Ihr sagt? Eure Worte können nicht stimmen!“
„Wieso?“ Die Stimme des Orks zitterte vor mühsam unterdrückter Wut.
„Wie sollte ein einfacher Ork wie Ihr an so einen edlen Tropfen kommen?“
Was?“, brüllte der Ork. „Ich lüge nicht, Indra aus Rhumai, das ist der Wein aus dem Besitz des Dunklen Herrschers, der beste Wein, der je Fuß nach Gorgoroth, nein, je nach Mordor gesetzt hat, und das schwöre ich Euch, so wahr ich Bolg Zwergenschlächter bin!“
Indra war unter dem Geschrei zusammengezuckt und nickte nun. „Verzeiht mir. Es war töricht zu glauben, dass Ihr mich belügen würdet.“
Bolg, der sich wieder beruhigt hatte, sah Indra aus klugen Augen an. „Der weiße Herr hatte durchaus Recht, wenn er nur wenigen gestattet mit Euch zu sprechen, Indra. Diese Runde geht an Euch. Genießt den Wein und gehabt Euch wohl.“
Mit diesen Worten drehte sich Bolg um und verließ die Zelle. Mit einem endgültigen Knall fiel die Tür ins Schloss und Fastred hörte wie sie sorgsam abgeschlossen wurde.
Indra seufzte tief und kehrte zu Fastred zurück, stellte die Karaffe auf das Tablett und setzte sich an die Stelle, wo sein Abbild saß. Lautlos verschmolzen die beiden wieder mit einander.
„Verzeiht die Unterbrechung, Fastred von Grünholm“, sagte Indra. „Aber diese Gelegenheit konnte ich nicht ungenutzt verstreichen lassen. Ich befinde mich also in Mordor, irgendwo auf der Ebene von Gorgoroth. Meine Kenntnisse über die Länder des Westens sind beschränkt, aber im Osten ist bekannt, dass es viele Tunnel in dem Land, das Ihr Mordor nennt, gibt. Ich weiß, Ihr hattet noch nicht zugestimmt mir zu helfen und ich glaube, das Wissen um die Lage meines Standpunktes hat die Entscheidung für Euch nicht leichter gemacht...“
„Ich möchte Euch helfen, Indra“, unterbrach ihn Fastred. „Aber ich bin nur ein einfacher Hobbit und Mordor ist ein gefährliches Land.“
„Mit Verlaub, Fastred von Grünholm, aber entweder Hobbits haben ein anderes Verständnis von einfach als ich oder Ihr stellt Euch machtloser dar als Ihr seid. In Euch steckt mehr als Ihr ahnt.“
„Ich...“ Fastreds Unbehagen nahm unter Indras goldenem Blick weiter zu. „Wie habt Ihr das eben überhaupt gemacht? Wie konntet Ihr an zwei Orten gleichzeitig sein?“
Damit schien er Indra verwirrt zu haben, bis sich der Halbelb wieder fing. „Nun, in der Stadt der Farben heißt das, was ich eben getan habe, übersetzt Geistreise. Wie heißt es bei Hobbits?“
„Hobbits reisen nicht mit dem Geist“, sagte Fastred unbehaglich.
„Aber wie konntet Ihr dann an dem Fluss stehen?“
„Hättet Ihr mich sonst auch rufen können?“
„Möglich wäre es schon“, sagte Indra. „In all den Monden habe ich auf genau diese Hoffnung gebaut, aber da ich Euch bereits auf einer Geistreise oder etwas ähnlichem vorgefunden habe, wird es wohl ein Rätsel bleiben.“
Fastred schluckte und rieb sich über die Arme. Erst jetzt fiel ihm auf, dass auch er ein wenig durchsichtig war, so ähnlich wie Indras Abbild, aber auch nicht gleich. Indra hatte vollkommen Recht, ein normaler Hobbit sollte so etwas nicht können, wieso konnte er es also? Er musste Melkor sein, es gab keine andere Möglichkeit. Der Gedanke wirbelte tief in Fastred umher und machte ihm schwer zu schaffen.
Allerdings: Wenn er schon Melkor war, dann könnte er doch seine Macht für etwas Gutes einsetzen, überlegte Fastred.
„Ich helfe Euch, Indra“, versprach er.
„Danke“, flüsterte Indra erleichtert und es schien als wäre ihm ein großes Gewicht von den Schultern genommen. „Ich fürchte nur, man wird mir fürs Erste wieder mehr misstrauen. Schnell werde ich nicht herausfinden können, wo genau ich mich befinde. Bolg ist nicht töricht, es wurde ihm gesagt mir nicht zu verraten, wo wir sind. Seine Herren wissen über Geistreisen Bescheid.“
Da wurde Fastred kalt. Was wenn Bolgs Herren ihn beobachteten? Konnte er es nicht sogar spüren? Die vielen Augen, die Stimme, die seinen Namen rief? Sah er nicht sogar eine andere Umgebung? Rauschende Bäume?
„Fastred von Grünholm?“, fragte Indra besorgt. „Wenn Ihr geht, müsst Ihr noch eins wissen: Das Amulett, es gehört jemandem...“
Doch Indras Worte verschwammen, genau wie die Zelle. Stattdessen hörte Fastred wieder Bäume und die Nimrodel rauschen. Und eine Stimme, die seinen Namen rief.
„Fastred! Fastred, wach endlich auf, du Schlafmütze!“
Mühsam schlug Fastred die Augen auf und blickte in Elanors Gesicht. Ein Lächeln hatte sich auf ihrem Gesicht breitgemacht und zu seiner und ihrer Überraschung erwiderte Fastred es.
„Na los!“, drängte Elanor und stieß ihn an. „Es gibt Frühstück.“
Fastred stellte schnell fest, dass er, auch wenn er nicht das Gefühl hatte geschlafen zu haben, angenehm erholt war und mit dem den Hobbits eigenen Appetit aß er den Proviant, den Haldir ihnen zur Verfügung gestellt hatte. Der Elb selbst aß nichts und sprach auch nicht viel. In seinem Gesicht stand eine stille Anspannung.
Schließlich machten sich die Gefährten wieder auf den Weg. Bleiches Morgenlicht schimmerte durch die goldenen Blätter der Mallornbäume und durch die Blätter hindurch konnten die Gefährten einen hellblauen Himmel erkennen. Südlich von ihnen lag das Tal des Silberlaufes, das wie ein fahlgoldenes Meer im leichten Wind wogte.
Die beißende Kälte machte zum Verdruss der Gefährten nicht mehr vor Lothlórien Halt und nur der schöne Himmel ließ einen glauben, dass es schon Frühling sei. Haldir, der auch diese Gefährten durch das Reich der Galadhim führte, und sein Bruder Orophin gingen schweigend mit Gandalf voraus.
„Leb wohl, schöner Nimrodel!“, rief Lindir, ehe sie das melodische Rauschen des Gewässers hinter sich ließen.
Fastred drehte sich bei den Worten um und blickte zurück. Kurz sah er den weißen Schaum zwischen grauen Baumstämmen und sein Herz zog sich leicht zusammen.
„Leb wohl“, murmelte er, auch wenn er tief in sich wusste, dass ein Teil des Nimrodel für immer weiter in ihm singen und er diese Musik nie vergessen würde.
So wanderten die Gefährten weiter durch den goldenen Wald. Lothlórien erschien ihnen wie das Gemälde eines Ortes, den es längst nicht mehr gab, es sei denn in Erinnerungen und Erzählungen. Soweit Fastred es beurteilen konnte, gingen sie nach Süden, aber er achtete weniger auf seine Umgebung, als dass er über seine Träume der letzten Nacht nachdachte. Beide erschienen ihm zu wirklich um nicht real zu sein. Aber wie war es möglich, dass er, Fastred von Grünholm, in der Lage war mit einem Halbelben Kontakt aufzunehmen oder Werwölfe zu belauschen? Anders als in der Nacht machte ihm der Gedanke Melkor zu sein durchaus wieder zu schaffen und so schwieg und brütete der Hobbit vor sich hin.
Éohan derweil beobachtete die beiden Elben vor ihnen mit einer, wie er fand, gesunden Portion Misstrauen. Er spürte wie ihnen beide misstrauten, das konnte er an ihren Blicken und ihrer Körpersprache erkennen. Natürlich war es, wenn tatsächlich einer von ihnen Melkor war, nur weise von ihnen keinem von den Gefährten über den Weg zu trauen, aber dennoch blieb Éohan auf der Hut. Wer sagte schließlich, dass diese Elben sie nicht in einen Hinterhalt locken würden, um sich der Einfachheit halber allen Gefährten zu entledigen, mit Ausnahme von Lindir und Gandalf? Wer sagte, dass Gandalf die Wahrheit erzählt und die beiden Hobbits nicht vielleicht absichtlich auf eine falsche Fährte geführt hatte? Der Zauberer hatte gesagt, dass sie Mittel und Wege hätten, um den Herrn des Bösen zu erkennen, aber was genau das für Mittel waren, hatte er nicht verraten. Was, wenn es Gandalf zu riskant wurde sie alle am Leben zu lassen und er sich sagte, dass das Leben und Bestehen Mittelerdes die Leben von sieben Gefährten in den Schatten stellte?
Auch wenn er vermutlich der einzige der Gefährten war, der so dachte, überzeugte das Éohan nicht davon, dass seine Gedanken töricht waren. Im Gegenteil: Von dem, was er über die Vorgeschichte seiner Gefährten wusste – was zugegebenermaßen nicht sehr viel war – war keiner von ihnen jemals in eine Situation geraten, wo Misstrauen und Skrupellosigkeit die einzigen Hilfsmittel zum Überleben waren. Dazu kam, dass Gandalf in den Geschichten der Rohirrim ein Held war; all das Blut, das zweifelsohne auch an seinen Händen klebte, wurde von dem Strahlen seines Gewandes und geschickten Worten überdeckt. Dabei wusste Éohan, dass im Ringkrieg kein Beteiligter von Grausamkeiten verschont worden war. Entweder man passte sich an und ließ sein Herz erstarren oder man ging zugrunde.
Ein schmerzhaftes Bild flackerte vor seinem inneren Auge und nur mit Mühe schob Éohan es beiseite, während er die Elben weiterhin im Blick behielt. Für den Fall, dass sie die Gefährten in einen Hinterhalt führten, wollte Éohan vorbereitet sein.
Da hielten Orophin und Haldir an und auch die restlichen Gefährten stoppten. Sie standen im Schatten der Bäume an einem reißenden Fluss.
„Celebrant ist schon hier schnell, kalt und tief“, sagte Haldir. „Wärt ihr nur ein paar Wochen früher gekommen, dann hättet ihr nicht weit von hier über eine Brücke gehen können. So jedoch müssen wir wachsam sein und den Fluss anders überqueren, denn eine Brücke birgt jetzt zu viel Gefahr für Lothlórien.“
„Auf der anderen Seite des Flusses ist einer meines Volkes, auch wenn ihr ihn vielleicht nicht sehen könnt“, fuhr Haldir fort und Éohan schlüpfte unbewusst wieder in sein gleichmütiges Gesicht, während in seinem Inneren Gedanken umher wirbelten.
Er sah tatsächlich niemanden auf der anderen Seite des Flusses, erst als Haldir einen Pfiff ausstieß, bewegte sich ein Schatten am anderen Ufer und ein weiterer Elb trat aus dem Dickicht, um ein Seil auf die andere Seite zu werfen, das Haldir geschickt an einem dicken Baum befestigte. Éohan gefiel das überhaupt nicht, auch als Haldir und der andere Elb stumm noch zwei weitere Seile spannten. Es müsste nur jemand die Seile durchtrennen, während sie über den Fluss liefen und schon würden die Gefährten in die Fluten fallen und vermutlich ertrinken; ihre Kleidung würde sich mit dem eisigen Wasser vollsaugen und sie unbarmherzig in die Tiefe ziehen. Oder es hatte sich eine kleine Truppe Krieger auf der anderen Seite des Flusses versammelt, die keiner der Gefährten sehen könnte.
Der einzige Gedanke, der Éohan beruhigte, war der, dass es die Elben deutlich einfacher gehabt hätten sie in ihrem Schlaf zu töten, da sie letzte Nacht keine Wache aufgestellt hatten.
„Ich will vorausgehen“, sagte Haldir und lief über das untere Seil als wäre es eine breite Straße. Gandalf folgte und nach ihm sprang Elanor begeistert auf das Seil und ging ebenfalls über die notdürftige Brücke, eine Hand am „Geländer“.
Nach Elanor kam Fastred und Thalwyn wollte ihm gerade folgen, als ihr Blick auf Laythia fiel. Die Rohirrim sah verunsichert auf die Seile und dann auf ihre Hände, die leicht zitterten.
Ráldred und ich können dich in unsere Mitte nehmen, Laythia“, bot Thalwyn an.
Die presste die Lippen zusammen und schien mit sich zu ringen, ehe sie leise zugab. „Ich bin mir nicht sicher, ob ich mich halten können werde.“
„Wieso?“, fragte Ráldred und die restlichen Gefährten drehten sich zu Laythia um, die errötete.
„Ich bin nicht sehr kräftig“, murmelte sie und runzelte die Stirn, als Ráldred erleichtert aufseufzte. „Was?“
„Ich befürchtete schon, du hättest Angst vor ungesicherten Höhen. Wenn du nur Angst vor einem Fall hast, dann kann ich dir helfen“, sagte Ráldred und machte sich an seinem Gepäck zu schaffen, ehe er einen länglich gebogenen Ring herausholte. Der Ring war an dem einen Ende breiter als an dem anderen und hatte auf der langen Seite ein bewegliches Teil, das bei Druck nachgab, sonst aber wieder zuschnappte.
„Ótir und ich haben ihn zusammen ersonnen“, erklärte Ráldred. „Wenn du ein Seil an deinem Gürtel befestigst, es an diesen Haken knotest und den Haken an einem der Seile befestigst, die den Fluss überspannen, solltest du, selbst wenn du den Halt verlierst, nicht hineinfallen. Dein Gepäck können Thalwyn und ich tragen.“
Haldir, der wieder zurückgelaufen war, hatte erstaunt zugehört und nickte. „So soll es sein, wir haben noch ein weiteres Seil.“
So kam auch Laythia mühsam auf die andere Seite des Flusses und Ráldreds Haken verhinderten zweimal ihren Fall ins kalte Nass. Ihre entsetzten Schreie verhinderten die Haken allerdings nicht und als sie wieder festen Boden unter den Füßen hatte, war Laythia überzeugt, dass sie sich selbst noch nie so erniedrigt hatte. Ráldred, der hinter ihr gelaufen war, klopfte ihr aufmunternd auf den Rücken und half ihr das Seil zu entknoten. Auch sonst gab es keine Bemerkungen zu ihrem Weg über den Fluss.
Die restlichen Gefährten hatten weniger Probleme hinüber zu kommen, auch wenn Noawyn die andere Seite die ganze Zeit im Blick behielt und es vermied nach unten zu sehen und Éohan nur gehen wollte, wenn Lindir hinter ihm lief. Thalwyn und Ráldred hatten sich eine Weile gestritten, wer Laythias Sachen tragen durfte und sich letztendlich darauf geeinigt, dass Ráldred Laythias Sachen tragen würde, während Thalwyn die von Noawyn nahm.
Schließlich waren jedoch alle Gefährten an der Ostseite des Flusses versammelt und die Elben machten die Seile wieder los. Orophin, der auf der anderen Seite geblieben war, rollte eins auf, winkte zum Abschied und verschwand wieder zwischen den Bäumen. Die anderen beiden Seile rollten Haldir und der andere Elb auf.
So setzten sie ihren Weg durch Lothlórien fort. Neugierig fragte Elanor, ob ihnen die Augen verbunden werden müssten, was Haldir zur Erleichterung der restlichen Gefährten (insbesondere Thalwyn und Éohan) milde überrascht verneinte.
„Nein“, sagte Haldir. „Ihr seid hier, um die letzten Strahlen unseres Volkes einzufangen, euch den Naith von Lórien vorzuenthalten wäre wenig weise. Ihr mögt also mit unverbundenen Augen laufen und die Schönheit Lothlóriens sehen.“
Es dauerte nicht lange, da begannen sich die Gefährten zu fühlen als liefen sie durch einen Traum. Sie konnten das Gras und fremde Blumen riechen, das Rauschen der Bäume, das Murmeln des Flusses und die Stimmen von Vögeln hören und Dinge von ungeahnter Schönheit erblicken, doch fühlte es sich seltsam unwirklich an. Eine Erinnerung aus alten Tagen, zum Leben gebracht durch eine verlöschende Macht. Je weiter sie gingen, desto mehr fühlten sie sich als gingen sie durch eine verwunschene Welt. Ein Licht für das die Sprachen, die sie kannten, keine Worte hatten, lag auf ihr. Es schien ihnen als sähen sie zum ersten Mal so klare Farben und Formen, als seien diese nur für sie geschaffen worden und doch seit Anbeginn da. Kein Makel, keine Missbildung war in Lothlórien zu finden. Es war ohne Fehl.
Ihre Herzen wurden erfüllt von einer Art von Trauer, einem Heimweh zu einem Ort, den sie nicht kannten und nie kennenlernen würden, denn er war bereits wieder in den Fluten der Zeit untergegangen. Sie spürten, dass das, was sie sahen, nur eine Erinnerung an einen Ort war, den es nicht mehr gab. Es war nicht mehr das Lothlórien durch das seinerzeit andere Gefährten wanderten, denn das verschwand langsam. Wie die untergehende Abendsonne an einen schönen Tag erinnert, aber ihn doch nicht zurückgeben kann, so konnte auch das, was sie sahen, ihnen eine Vorstellung von dem geben, was einst gewesen sein musste, aber nicht mehr.
Sie wussten genau, dass, selbst wenn sie eines Tages diesen Ort wieder verlassen würden, ein Teil ihrer Herzen für immer dort bleiben würde, unter den hohen Mallorn-Bäumen und zwischen den zahllosen Blumen.

Die Zeit verging wie ein Lied, das sie noch nicht kannten und ihnen mit jedem neuen Ton Freude bereitete. Wie ein Traum, der vor ihren Augen verschwamm, verschwammen auch die Tage in ihrer Erinnerung und waren doch mehr präsent als alles andere, was sie erlebt hatten. Am Ende des zweiten Tages, nachdem sie den Fluss überquert hatten, gelangten sie nach Cerin Amroth, wo Haldir auch diesen Gefährten eine kurze Rast gönnte.
Die Gefährten warfen sich ins duftende Gras und genossen die schönen Blumen. Gelbe elanor und blasse niphredil wuchsen hier wie auch auf dem Weg nach Cerin Amroth und verströmten einen angenehmen Geruch.
Sogar Laythia schien für einen Moment von Kummer und Sorge befreit zu sein. Mit geschlossenen Augen lag sie im Gras und erschien Elanor im Licht Lothlóriens wie eine Gestalt aus Alter Zeit, aus einem fast vergessenen Gesang, der hier wieder zum Leben erwachte.
„Es ist lange her, seit ich das letzte Mal hier war“, sagte Lindir da. „Und doch hat sich Cerin Amroth kaum verändert.“
Die Augen des Elben wirkten alt und ernst und für einen Moment erschien er den Gefährten wie ein Krieger aus längst vergangenen Tagen, der schon viele Wendungen gesehen und Schicksalsschläge erlebt hatte. Dann lächelte Lindir plötzlich als erwache er aus einem bittersüßen Traum und sah seine Gefährten an. Der Krieger verschwand und zurück blieb ihr Lehrer und Freund.
„Die Macht der Herrin der Galadrim ist schwächer geworden“, sagte Haldir. „Aber noch ist sie nicht gänzlich verschwunden und hier zusammen mit Caras Galadhon solltet ihr sie noch am deutlichsten spüren.“
Gandalf sagte nichts, sondern schien in Gedanken versunken zu sein. Auch die restlichen Gefährten schwiegen und es war Haldir, der die Stille brach.
„Mit zwei Hobbits bestieg ich vor zwei Dekaden den Cirith Amroth“, sagte er an Elanor und Fastred gewandt. „Würde es auch euch Freude machen ihn mit mir zu besteigen?“
Bei diesen Worten öffnete Éohan die Augen wieder und versuchte die unwirkliche Macht dieses Ortes zu durchbrechen. Es erschien ihm überaus geschickt von Haldir die beiden Hobbits, die höchstwahrscheinlich nicht der Herr des Bösen waren, wegzulocken von den restlichen Gefährten, damit diese dann unschädlich gemacht werden könnten.
„Wenn es Euch nichts ausmachen würde, dann möchte ich die vermessende Frage stellen, ob ich mitkommen kann. Auch ich habe die Geschichten über das schöne Lothlórien gehört und möchte es gerne in seiner ganzen Pracht und Größe sehen“, sagte der Rohirrim und setzte sich aufrecht hin.
Zu seiner großen Überraschung zögerte Haldir nicht mit seiner Antwort.
„Natürlich, Lothlórien soll schließlich für eine Weile Euer Zuhause werden. Es steht den anderen Gefährten ebenfalls frei mit mir den Cirith Amroth zu besteigen.“
Von Éohan einmal abgesehen wollten noch Lindir, Thalwyn und Noawyn mitkommen, der Rest war zufrieden damit im weichen Gras zu liegen und sich zu erholen.
So bestiegen sie den Hügel, auf dem noch immer zwei Baumkreise standen, die Rinde der kahlen Bäume des äußeren Randes noch immer schneeweiß und die Mallornbäume im inneren trugen noch immer blassgoldene Blätter. Das Flett auf dem Baum, der genau in der Mitte des Kreises stand, leuchtete noch immer weiß.
Als alle oben auf dem Flett standen, ließ Haldir ihren Blick nach Süden gehen, wo auch diese Gefährten Caras Galadhon erkennen konnten, wie es einem Berg aus vielen mächtigen Bäumen oder einer Stadt mit hohen grünen Türmen gleich in einiger Entfernung das unwirkliche Licht verstrahlte, in das Lothlórien getaucht war. Auch nach Osten schauten sie, über den blass schimmernden Anduin hinweg, bis das Land wieder erschien wie sie es gewohnt waren. Dol Guldur im südlichen Düsterwald suchten Elanor und Fastred, ohne, dass Haldir ihren Blick darauf gelenkt hätte.
„Wir verlassen Lothlórien kaum“, erwiderte er auf eine von Elanors Fragen. „Es wurde uns lange nichts über die Festung im Düsterwald berichtet, deswegen denke ich nicht, dass sie stark bemannt ist. Es ist jedoch durchaus möglich, dass dort einzelne dunkle Gestalten Zuflucht suchen.“
Obwohl Éohan Haldir kaum aus den Augen ließ, bemerkte er, dass Lindir neben ihm einen merkwürdigen Ausdruck in den Augen hatte. Vorsichtig stieß er den Elben an und sah ihn fragend an. Doch Lindir schüttelte bloß den Kopf und lächelte melancholisch.
Mellon, sorgt Euch nicht. Viele Elben spüren den Druck von Erinnerungen in Gegenwart großer Macht stärker als sonst.“
„Viele von uns sind dankbar, dass die Herrin und der Herr zurückkehrten“, sagte Haldir. „Auch wenn Lothlóriens Schicksal feststeht, so hat ihre Rückkehr uns Zeit geschenkt.“
„Auch ich war erfreut über die Rückkehr Elronds“, erwiderte Lindir. „Die Gründe, weshalb sie zurückkehrten, sind jedoch weniger erfreulich.“
„Dunkle Zeiten sind es in der Tat. Doch solltet ihr darüber nicht zu viel nachdenken. Lasst uns lieber weitergehen.“
Mit diesen Worten stieg Haldir rasch hinab und die Gefährten beeilten sich ihm zu folgen.
Einzig Lindir verharrte noch kurz auf dem Hügel von Cirith Amroth und schien in seinen Erinnerungen versunken zu sein. Doch als seine Gefährten losgingen, erwachte auch er und verließ ebenfalls Cirith Amroth.
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