Der Herr der Zeiten

von Shayra
GeschichteAbenteuer, Humor / P12
Gandalf OC (Own Character) Saruman Sauron
15.10.2018
28.09.2019
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1. KAPITEL


Ein unerwarteter Gast


Angenehm warm schien die Mittagssonne auf zwei Hobbits, die es sich an den Ufern der Wässer gemütlich gemacht hatten und gekonnt einige Steine in den Fluss warfen, um zu sehen, wessen weiter flogen. Für einen der beiden Hobbits, ein junges Mädchen in den Zwiens, wie die Hobbits die verantwortungslose Zeit zwischen zwanzig und dreißig Jahren nannten, mit ungewöhnlich rotblonden Haaren, war es zusätzlich eine gute Möglichkeit ihrem Ärger Ausdruck zu verleihen und ihre Schimpftirade noch eindrucksvoller zu gestalten als sie ohnehin schon war.
„... und dann hat er einfach gesagt: Für kleine Mädchen ist das nichts! Kannst du dir das vorstellen? Immerhin lässt er seinen Neffen das auch lesen und Faramir ist acht Jahre jünger als ich!“, schimpfte das Mädchen und schmiss einen besonders großen Stein in den Fluss, der mit einem beachtlichen Glucksen unterging.
Das interessierte das Mädchen allerdings nicht; aufgebracht ließ sie sich weiter über den Verwalter der kleinen Bibliothek in Hobbingen aus, der die unglaubliche Frechheit besessen hatte ihr ein Buch zu verweigern, nur – so Elanors Vermutung – weil sie ein Mädchen war, welches sich der Meinung des Verwalters nach nicht mit anspruchsvolleren Themen, wie Politik im Wiedervereinigten Königreich auseinandersetzten sollte.
„Dabei interessiere ich mich – im Vergleich zu Faramir – wirklich dafür!“, ärgerte sie sich und kickte einen kleineren Stein in den Fluss.
Ihr Gesprächspartner, der in den letzten zehn Minuten höflich zugehört und an den passenden Stellen Laute des Unmuts ausgestoßen hatte (natürlich um Elanor in ihrer Wut zu bestätigen), streckte sich und stellte fest: „Bestimmt liegt es daran, dass der Verwalter Sackheim-Beutlin-Blut in den Adern hat.“
„Stimmt!“, erfreut, dass ihr Gegenüber etwas zum Nachteil des Verwalters beigetragen hatte, drehte sich Elanor um und ließ sich neben ihrem Gesprächspartner, ein junger Hobbit mit dunklen, fast schwarzen Haaren und blauen Augen, nieder. „Daran muss es liegen! Aber das macht sein Verhalten trotzdem nicht besser...“
Sie seufzte theatralisch: „Und ich werde nun nicht in den Besitz dieses Buches kommen, weil dieser Sackheim-Beutlin es nur Männern ausleiht...“, plötzlich hielt sie inne und beobachtete ihren Begleiter mit einem – seiner Meinung nach – gefährlichen Funkeln in den Augen.
„Elanor Gamdschie, das ist eine schlechte Idee.“, warnte er sie vor.
„Finde ich nicht. Stell dir doch nur sein entgeistertes Gesicht vor, wenn er mich mit dem Buch findet, was er dir ausgeliehen hat, Fastred.“
„Und nach der Aktion dürfen wir uns beide keine Bücher mehr aus seiner Bibliothek ausleihen.“, brummte Elanors Jungendfreund Fastred und sah das Mädchen nicht überzeugt an.
„Ach komm schon! Es gibt auch noch andere Bibliotheken im Auenland! Außerdem ist er garantiert nicht lange böse! Ich brauche wirklich, wirklich, wirklich dieses Buch!“
„Und wieso? Seit wann interessiert dich eigentlich Politik?“, schnaubte Fastred, der sich noch allzu gut an die Zeit erinnern konnte, wo es so gut wie unmöglich gewesen war, Elanor dazu zu bringen still zu sitzen, geschweige denn ein Buch zu lesen.
Wie oft hatte sie Fastred, der im Gegenzug zu Elanor gerne las, einfach so das Buch, in dem er gerade blätterte, aus der Hand gezogen, ohne Rücksicht auf Verluste? (Die in diesen Fällen entweder darin bestanden die richtige Seitenzahl wiederzufinden oder schlicht das Buch zurückzubekommen.)
„Seit ich einen Brief von Königin Arwen bekommen habe!“, rief Elanor und ein glückliches Lächeln schlich sich auf ihr Gesicht. „Stell dir vor: Die Königin lädt mich ein ihre Ehrenjungfrau zu werden und in Gondor zu leben! Ist das nicht fantastisch?“
Für einen Moment sprachlos starrte Fastred seine Freundin an, die das Schweigen jedoch falsch interpretierte: „Ist das nicht das Beste, was einem widerfahren kann?“
„Du... du möchtest nach Gondor?“, schaffte es Fastred schließlich doch entsetzt hervorzuwürgen. „Und wie willst du das anstellen? Hast du schon mit deinen Eltern darüber geredet? Und ist dir eigentlich bewusst, wie weit Gondor vom Auenland entfernt ist?“
„Ja. Hab mir noch keine Gedanken darüber gemacht. Nein und Ja.“, antwortete Elanor, die beschloss sich von Fastreds (durchaus berechtigten) Einwürfen nicht aufhalten zu lassen. „Ich habe den Brief sowieso erst gestern erhalten.“
Ein tiefer Seufzer war die Antwort; manchmal war Elanor für Fastreds Geschmack ein wenig zu voreilig: „Und deswegen brauchst du das Buch?“
„Ja. Hilfst du mir, Fastred?“, flehend sah Elanor ihren Freund aus traurigen grünen Augen an und Fastred erwischte sich dabei, wie er kurz davor war nachzugeben.
„Ich finde, du solltest erst einmal deine Eltern informieren. Nicht, dass du keine Erlaubnis für diese weite Reise bekommst und dann das Buch ganz umsonst liest.“
Elanor, die es hasste, wenn Fastred mit logischen Argumenten kam, die nicht in ihren Plan passten, seufzte: „Meinetwegen.“
Dann sprang sie auf: „Kommst du?“
„Jetzt?“, war die entsetzte Gegenfrage. „Ich dachte, wir wollten uns hier treffen, um Äpfel zu essen und Fische zu fangen.“
„Wir können die Äpfel auch auf dem Weg essen.“, bestimmte Elanor. „Außerdem habe ich garantiert sämtliche Fische aus diesem Fluss mit meinen Steinen vertrieben.“
„Das könnte stimmen.“, gab Fastred zu und stand ebenfalls auf, um Elanor dann einen Apfel aus dem Korb, den die beiden mitgebracht hatten, zu geben.
Während sich die beiden also auf den Rückweg nach Hobbingen machten, wo nicht nur Elanors Eltern (und zahlreiche Geschwister), sondern auch Fastreds Tante (und zahlreiche Cousins und Cousinen), bei der der junge Hobbit momentan wohnte, lebten, schmiedete Elanor genüsslich kauend schon sämtliche Pläne für ihre Reise, was Fastred den Hunger verdarb. Natürlich, normalerweise lebte er in Grünholm, was zugegeben ein wenig entfernt von Beutelsend war, aber wenigstens konnte man es in einer Tagesreise erreichen, was man von Gondor nun wirklich nicht behaupten konnte!
„Fastred?“, mit einem Mal besorgt sah Elanor ihn an. „Du bist so schweigsam, ist alles in Ordnung?“
„Du meinst abgesehen davon, dass meine älteste Freundin mir gerade erzählt, dass sie nach Gondor gehen und das Auenland für unbestimmte Zeit verlassen möchte? Abgesehen davon ist alles in Ordnung.“
„Wo ist denn das Problem? Du wolltest doch auch schon immer die Welt sehen!“, verwirrt sah Elanor Fastred an. „Oder möchtest du gar nicht mitkommen?“
„Ich soll mitkommen?“, hakte Fastred verblüfft nach.
„Natürlich sollst du das! Oder glaubst du, ich gehe alleine und lasse dich hier in den Händen von Lobelia Bolger?“, nicht weniger verblüfft als Fastred schaute Elanor ihn an. Wie kam er nur auf solch absurde Gedanken? Natürlich würde sie ihn bitten, mit ihr zu kommen, wieso zweifelte er so eine Selbstverständlichkeit nur an?
Fastred lachte und schüttelte den Kopf.
Seitdem Lobelia Bolger (benannt nach Lobelia Sackheim-Beutlin) sich Fastred gegenüber anfing merkwürdig zu benehmen, wachte Elanor eifersüchtig über ihn und ließ ihn kaum noch alleine – eine Tatsache, die Fastred nicht störte, im Gegenteil, er war ziemlich froh, dass er durch Elanor, die Lobelia wie die Pest hasste (eine bekannte Tatsache, die auf Gegenseitigkeit beruhte), eine Entschuldigung hatte, keine Zeit mit Lobelia verbringen zu müssen.
„Wie konnte ich so etwas nur glauben?“, grinste er.
Elanor zuckte mit den Schultern: „Ich würde ja gerne sagen, dass du mich nicht kennst, aber nach zwanzig Jahren kann ich das leider nicht mehr behaupten.“
Fastred grinste und fröhlich sich gegenseitig neckend wanderten die beiden weiter über die Straße, die nach Hobbingen führte, als Elanor, die ihren Blick über die weiten Felder schweifen ließ, plötzlich anhielt und verwirrt in die Ferne über das eine Feld, welches schräg zwischen ihnen und der Straße nach Westen lag, hinweg spähte.
„Siehst du das?“, fragte sie neugierig und kniff die Augen zusammen, um den fernen Reiter besser erkennen zu können, der erstaunlich schnell auf einem großen silbergrauen Pferd auf der Straße in die Richtung der beiden Hobbits ritt.
„Sieht nach einem Reiter aus.“, stellte Fastred fest, der sich wie Elanor auch nach Westen wandte, und versuchte Einzelheiten zu erkennen.
„Ist das etwa ein Mensch? Was macht denn das Große Volk bei uns?“
„Ich weiß es nicht.“, Fastred zuckte mit den Schultern. „Vielleicht ist er auf der Durchreise.“
„Aber er kommt von Westen! Was liegt denn schon im Westen?“
„Nun...“, Fastred überlegte. „Das Meer?“
„Das Meer?“, wiederholte Elanor und schnappte plötzlich nach Luft: „Moment! Ein Reiter, ganz in weiß gekleidet, der auf einem silbergrauen Pferd reitet?“
„Du meinst..?“, ungläubig starrte auch Fastred den Reiter an, der inzwischen so nahe war, dass man auch einen langen weißen Bart und ein fröhliches Funkeln in den Augen des alten Mannes erkennen konnte.
„Guten Tag!“, rief der Mann und hielt vor den beiden Hobbits an, die ihn wie ein Wunder anstarrten und nur ab und an kurze Blicke tauschten. „Kann ich euch beiden helfen?“
„Nun...“, hob Fastred an, aber Elanor unterbrach ihn, indem sie den Mann aus ihren grünen Augen anfunkelte: „Ich weiß, dass Ihr wisst, dass ich weiß, wer Ihr seid!“
„Ach, tatsächlich?“, belustigt sah der weißgekleidete Mann, welcher zusätzlich noch einen Stab trug, das Mädchen an, welches fachmännisch nickte: „Ihr seid Gandalf der Weiße Zauberer, der mit Herrn Frodo Beutlin in den Westen fuhr. Aber warum seid Ihr wieder hier?“
„Elanor!“, entsetzt sah Fastred sie an. „Das fragt man doch nicht!“
„Warum nicht?“, Elanor sah nun Fastred kurz verwirrt an, ehe sie wieder Gandalf anstarrte, wie um sicherzugehen, dass er sich nicht plötzlich in Luft auflöste: „Wenn Herr Gandalf hier im Auenland ist, möchte er ganz sicher meinen Vater und seine Freunde besuchen, was ihn gewissermaßen zu meinem Gast macht, und das gibt mir das Recht zu fragen.“
Der Zauberer beobachtete die beiden Hobbits lächelnd: „Wenn ihr nun schon meinen Namen kennt, darf ich dann eure erfahren?“
Bevor Elanor wieder irgendetwas unhöfliches von sich geben konnte, riss Fastred das Wort an sich: „Mein Name ist Fastred von Grünholm und das neben mir ist meine Freundin Elanor Gamdschie. Außerdem möchte ich mich entschuldigen, dass sie Euch so stürmisch befragt hat.“
„Ach, das macht nichts.“, amüsiert musterte Gandalf Elanor, die Fastred halb beschämt, halb beleidigt beobachtete. „Außerdem hat Frau Elanor Recht: Ich möchte tatsächlich zu ihrem Vater, was mich auch zu ihrem Gast macht.“
„Ha!“, triumphierte Elanor. „Siehst du, Fastred? Und weswegen seid Ihr nun wieder hier, Herr Gandalf?“
„Natürlich um Euren Vater zu sprechen. Ich nehme an, dass er noch immer in Beutelsend wohnt?“
„Ja, zusammen mit dem ganzen Rest meiner Geschwister.“
„Dürfen wir Euch begleiten?“, fragte Fastred vorsorglich, denn Elanor würde es ohnehin tun – auch ohne zu fragen.
„Wer bin ich denn, dass ich Frau Elanor die Heimkehr verbiete?“, kam die belustigte Gegenfrage und das silbergraue Pferd setzte sich wieder in Bewegung, auch wenn es dieses Mal ein langsameres Tempo war, damit die beiden Hobbits gemütlich neben hergehen konnten.
Außerdem gefiel es Schattenfell nach der langen Reise, die Gandalf und er hinter sich hatten, gemütlich im Schritt gehen zu können.
Darüber hinaus war das Auenland im Frühling schön anzusehen mit seinem strahlend blauen Himmel, den Blumen, die am Wegrand blühten, und den Feldern, die bereits von Hobbits bestellt wurden, welche die drei Gestalten neugierig beobachteten, wie sie langsam und aufgeregt redend (wobei das nur auf eine der Dreien zutraf) nach Beutelsend gingen.
Verständlicherweise dauerte es nicht lange, bis etliche Gerüchte unterwegs waren, dass Gandalf wieder im Auenland gesichtet sei, denn trotz zweiundzwanzig langer Jahre war der Zauberer den Hobbits im Gedächtnis geblieben, auch wenn es bei den meisten an seinen Feuerwerken lag und weniger an den Taten, die er im Ringkrieg vollbracht hatte.
Obwohl Elanor und Fastred erbittert versuchten irgendwelche Informationen von Gandalf zu bekommen, war alles, was sie erfuhren, dass es Frodo und Bilbo Beutlin dort, wo sie jetzt waren (wo auch immer das sein mochte), gut ging und man (wobei keiner der beiden wusste, wen Gandalf damit meinte) sich fürsorglich um sie kümmerte.
Gandalf selbst hatte, als sie nach einiger Zeit in Beutelsend ankamen, deutlich mehr über die Geschehnisse der letzten zwanzig Jahre, die er dem Auenland ferngeblieben war, erfahren, was schlicht daran lag, dass Elanor nun endlich jemanden gefunden hatte, dem sie sämtliche Gerüchte (viele), tatsächliche Ereignisse (wenige) oder neue Verwandtschaftsbeziehungen (sehr viele) kundtun konnte, da ihr Gegenüber sie – anders als der Rest des Auenlandes – nicht kannte und aufmerksam zuhörte.
„... und das war dann der Moment, in dem ich die Bibliothek verlassen habe.“, brummte Elanor, als sie mit ihrem aktuellsten Ereignis endete, allerdings fand sie das Erlebnis, dadurch, dass sie es bereits zwei Leuten hatte erzählen können, nicht mehr ganz so schlimm.
Gandalf machte einen zustimmenden Laut und schwang sich eleganter, als man es von einem alten Mann erwartet hätte, von Schattenfell, sodass er nun vor den beiden Hobbits stand, die er bei weitem überragte. Elanor schien sich nicht daran zu stören, aber Fastred fand es doch ein wenig unangenehm zu jemanden hoch sehen zu müssen. Natürlich war er nicht der größte Hobbit – niemand war größer, als Meriadoc Brandybock oder Peregrin Tuk –, doch Gandalf war viel größer, als er sich das Große Volk vorgestellt hatte.
„Ich kann mich um Euer Pferd kümmern, Herr Gandalf.“, bot Fastred ein wenig schüchtern an, denn lieber hatte er mit einem großen Pferd zu tun, als mit einem großen Mann.
Das silbergraue Pferd und Gandalf sahen sich kurz an, dann nickte der Zauberer: „Vielen Dank, Herr Fastred.“
Rasch schob sich Fastred an dem Zauberer vorbei und wollte nach dem Zaumzeug des Pferdes greifen, musste jedoch feststellen, dass Schattenfell keines trug. Kurz spielte Fastred mit dem Gedanken den Kopf des Pferdes zu packen und den Hengst so zu führen, verwarf die Idee jedoch unter anderem wegen des Größenunterschiedes, der zwischen Schattenfell und ihm herrschte, wieder.
„Schattenfell wird Euch folgen, wenn Ihr ihm einen schönen Stall mit etwas Heu anbietet.“, die dunklen Augen des Zauberers wirkten freundlich, sodass Fastred ergeben nickte und Schattenfell ansah: „Kommst du, Schattenfell?“
Tatsächlich blickte ihn das silbergraue Pferd aus intelligenten Augen an und folgte Fastred brav, der sich nicht ganz sicher war, ob Schattenfell wirklich verstanden hatte, worum es ging oder ob er einfach nur den Korb mit den Äpfeln erspäht hatte, den Fastred bei sich trug und aus dem er und Elanor eigentlich an der Wässer hatten essen wollen, bevor Elanor beschlossen hatte, zurück nach Beutelsend zu gehen, um ihren Vater von ihrem Brief zu erzählen (wobei Fastred es eigentlich kaum glauben konnte, dass ihre Eltern noch nichts von dem Schreiben der Königin, das sie immerhin seit Gestern hatte, wussten; Elanor war keine Person, die Geheimnisse hatte oder haben wollte).
So in seine Gedanken vertieft trottete Fastred mit Schattenfell, der tatsächlich den Korb mit den Äpfeln interessiert beobachtete, zum Stall der Familie Gamdschie, wo neben Fastreds eigenem Pony Bill auch noch Elanors über alles geliebter Lutz und zwei andere Ponys ihrer Familie standen.
„Bleibst du noch zum Abendessen, Fastred?“, rief Elanor ihm hinterher, was der Angesprochene (natürlich) bejahte, ehe er hinter dem kleinen Hügel mit Schattenfell verschwunden war.
Gandalf hatte sich derweil ein wenig umgesehen und war erfreut, dass Beutelsend und Hobbingen in guter Verfassung waren. Keinerlei Spuren waren noch von Sarumans letzter Rache zu sehen und jetzt im Frühling (Genau genommen war es der 25. April des 22. Jahres des Vierten Zeitalters oder nach Rechnung der Hobbits des Jahres 1443), war Hobbingen im Allgemeinen und der Bühl im Besonderen voller Blumen, die das Gras leuchtend durchbrachen. Auch Hobbitsend war in tadelloser Verfassung; der Garten war gut gepflegt und die Tür strahlte in einem warmen Grünton.
„Es ist schön in Beutelsend im Frühling, nicht wahr, Herr Gandalf?“, fragte Elanor mit einer Mischung aus Stolz und Wehmut, als sie Gandalfs Blick bemerkte.
Der Zauberer nickte zustimmend und öffnete dann die kleine Gartenpforte, um schließlich mit dem Stab gegen die runde Tür zu klopfen.
Elanor beobachtete den Zauberer neugierig und wollte gerade eine Warnung vor ihren Geschwistern aussprechen, als die Tür auch schon aufgerissen wurde und Elanors kleine Schwester Rubinie staunend zu Gandalf emporblickte.
„Rubinie! Liebling, kannst du mir sagen, wer an der Tür ist?“, ertönte von drinnen die Stimme von Rosie, Elanors Mutter. „Wenn es Elanor ist sollst du ihr sagen, dass sie noch die Ponys versorgen und den Stall ausmisten muss!“
Elanor erstarrte entsetzt und schüttelte bittend den Kopf, sodass Rubinie zurück schrie: „Mama, es ist nicht Elanor! Es ist ein großer alter Mann mit komischen Stab und einem ganz langen weißen Bart!“
Bei den letzten Worten blinzelte Gandalf und Elanor fragte sich, ob ihre fünfjährige Schwester ihn beleidigt haben könnte. Hätte sie ihn vielleicht vorstellen sollen? Andererseits hätte er ihr dann den Vortritt gelassen, oder? Außerdem fand Elanor es ein wenig zu spannend zuzusehen, wie sich das Ganze entwickelte, sodass sie eigentlich nicht eingreifen wollte.
Deswegen blieb sie hinter Gandalf stehen und versuchte sich sowohl hinter ihm zu verbergen (sollte ihre Mutter kommen und sie dazu zwingen den Stall auszumisten, was Elanor wegen Gandalf gar nicht wollte), aber trotzdem möglichst viel zu sehen – eine schwierige Angelegenheit, die sie ihrer Meinung nach vortrefflich löste.
Gandalf schmunzelte, als er bemerkte, wie sich Elanor hinter ihm duckte, als ihre Mutter mit zwei ihrer Geschwister nach draußen gestürmt kam und ihn verblüfft ansah.
„Ich wollte es nicht glauben...“, flüsterte die Frau, deren Bauch sich verdächtig wölbte, mit einem vielleicht zweijährigen Kind auf dem Arm und ihre drei jüngsten Kinder musterten Gandalf mit einer Mischung aus Faszination und Verwirrung.
Rubinies Bruder, der sich wie seine Schwester jetzt an den Rock seiner Mutter geklammert hatte, stellte verwirrt fest, dass der große Mann nicht nur einen, sondern gleich zwei Schatten hatte, wobei der eine aussah wie der von Elanor.
Nach reichlicher Überlegung, einigem Blickaustausch und etwas Geflüster mit seiner Schwester, kam Bilbo Gamdschie allerdings zu der Erkenntnis, dass sich Elanor hinter dem großen Mann versteckt und er Elanor nicht in einen Schatten verwandelt hatte.
Währenddessen hatte eine etwas perplexe Rosie Gandalf schon nach drinnen gebeten und nach ihrem Mann gerufen, der wohl gerade drinnen an Hamfasts Holzspielzeug bastelte.
Elanor versuchte möglichst unauffällig an rechten Seite von Gandalf nach drinnen zu gelangen – ihre Mutter stand an seiner linken – und flehte ihre Geschwister mit Blicken an, sie nicht zu verraten, schließlich wollte sie nicht zu den Ställen geschickt werden und so möglicherweise etwas von dem Gespräch zwischen ihrem Vater und Gandalf verpassen.
Als Sam schließlich in das Wohnzimmer kam, hatte Gandalf es sich bereits auf einem Stuhl bequem gemacht und Rosie sämtliche Kinder – auch Elanor, die unmissverständlich klargemacht hatte, dass sie ganz sicher nicht die Ställe ausmisten würde – hergerufen, damit sie sich Gandalf vorstellen konnten.
„Gandalf!“, rief Sam überrascht, als er den Zauberer erblickte, und lachte glücklich: „Was für eine schöne Überraschung! Wie ist es dir ergangen?“
„Ich kann mich nicht beschweren und wie ich sehe, geht es dir ebenfalls gut, Sam?“
„Ach ja“, grinste der Hobbit und drehte sich zu seiner Familie um, wobei er feststellte, dass seine älteste Tochter ein heftiges Blickduell mit ihrer Mutter führte. Er beschloss, später nachzufragen.
„Darf ich dir meine Familie vorstellen?“, fragte er stattdessen.
„Ich würde darum bitten, auch wenn ich bereits deine Tochter Elanor getroffen habe.“
Sams Kinder, die sich in einer – mehr oder weniger – ordentlichen Reihe aufgestellt hatten, wurden stolz von ihrem Vater ihrem Alter nach vorgestellt: „Das ist Elanor“, die Betreffende zwinkerte Gandalf zu: „und das sind Frodo, Rose, Merry, Pippin, Goldlöckchen, Hamfast, Margerite, Primula, Bilbo, Rubinie und Robi.“
Nachdem Sam das gesagt hatte, kam Unordnung in die ohnehin nicht ganz geordnete Reihe von Kindern, indem jedes – ungeachtet von den strengen Blicken seiner Mutter – zu Gandalfs Sessel rannte, um den Zauberer mit Fragen zu bestürmen: „Seid Ihr wirklich ein Zauberer?“
„Könnt Ihr Zaubersprüche machen?“
„Habt Ihr Feuerwerkskörper dabei?“
„Wo seid Ihr gewesen?“
„Könnt Ihr auch fliegen?“
„Was macht Ihr, wenn Eure weiße Robe dreckig wird?“
„Ist der Zauberstab echt?“
„Wie geht es Herrn Frodo und Herrn Bilbo?“
„Ist der Bart echt?“
„Woraus besteht der Zauberstab?“
„Könnt Ihr uns eine Geschichte erzählen?“
„Lasst Gandalf in Ruhe!“, schimpfte Rosie. „Er hat einen langen Weg hinter sich und ist sicherlich erschöpft!“
Zwölf enttäuschte Augenpaare wanderten zwischen Rosie und Gandalf hin und her, ehe Gandalf freundlich anmerkte: „Eure Mutter hat Recht; ich habe eine lange Reise hinter mir.“, traurig starrten ihn zwölf Augenpaare an. „Aber das heißt nicht, dass ihr mir keine Fragen stellen dürft. Wie wäre es denn, wenn jeder eine Frage stellt, die ich dann, so gut es geht, beantworte?“
Augenblicklich hellten sich die Augen der Kinder wieder auf und jedes Kind stellte begeistert eine Frage, die der Zauberer dann – teilweise belustigt, teilweise nachdenklich und teilweise überrascht – beantwortete.
Danach saßen die kleinsten von Sams Kindern auf dem Boden und spielten mit ihrem Spielzeug, während die älteren – unter anderem Elanor und Fastred, den die Gamdschies schon fast zur Familie zählten und der aus den Ställen zurückgekehrt war, um von allen fröhlich begrüßt zu werden – es sich auf Stühlen bequem gemacht hatten und mit Gandalf plauderten. Einen großen Aufschwung erhielt die Stimmung außerdem, als Rosie und Elanor in die Küche gingen und kurz darauf das Essen für die Tee-Zeit hereinbrachten.
So verbrachte Sams Familie einen angenehmen Nachmittag mit Gandalf, der sich sogar irgendwann erweichen ließ und den Kindern eine Geschichte erzählte, die sie dann kurz darauf eifrig nachspielten, wobei es einen Streit gab, der aus der Sicht der Kinder durchaus Ähnlichkeiten mit einer schweren Schlacht hatte, wer Gandalf sein durfte und schließlich damit endete, dass Fastred sich einen Hut aufsetzte und Gandalf spielte, da der „Krieg“ sonst nie beendet worden wäre.
Nachdem Rosie und Elanor (nicht ohne Gegenwehr) das Abendessen angerichtet, sämtliche Hobbits „die letzten Ecken“ ausgefüllt, und die Erwachsenen noch etwas mit ihrem Gast geplaudert hatten, verbrachten die beiden Frauen des Hauses mit Fastreds Hilfe eine sehr lange Zeit damit, sämtliche kleinen Geschwister, die sich über ganz Beutelsend verteilt hatten, einzusammeln und erbarmungslos ins Bett zu schicken, auch wenn viele sich nur äußerst widerwillig von Gandalf verabschiedeten, den sie spätestens seit der Geschichte ins Herz geschlossen hatten, da sie sich ängstigten, dass er am nächsten Morgen nicht mehr da sein könnte.
Nur mit viel Überzeugungskraft, mütterlicher (oder schwesterlicher) Strenge und Gandalfs Versprechen mindestens bis zum nächsten Morgen zu bleiben, schafften es Rosie, Elanor und Fastred mit vereinten Kräften alle elf Kinder ins Bett zu bringen.
Erleichtert seufzte Elanor auf, als sie die Tür des letzten Kinderzimmers schloss: „Endlich schlafen sie!“
„Danke für deine Hilfe, Fastred.“, lächelte Rosie erschöpft.
„Aber nicht doch, Frau Gamdschie, ich habe gerne geholfen.“, erwiderte Fastred höflich und Rosies Lächeln wurde breiter. Sie mochte Fastred wirklich, etwas, dass sie mit Elanor gemein hatte. Fastred erinnerte Rosie ein wenig an den Sam, mit dem sie in ihrer Jugend befreundet gewesen war, bevor er wegging und Rosie feststellte, dass ihre Gefühle für ihn nicht mehr die einem Freund gegenüber waren. Und vielleicht würde es Elanor und Fastred eines Tages auch so gehen...
Fastred und Elanor bemerkten Rosies leicht verträumtes Lächeln und tauschten einen alarmierten Blick. Es war nur noch eine Frage von Sekunden, bis...
„Habe ich euch beiden eigentlich schon einmal erzählt, wie ich Sam kennengelernt habe?“, fragte Rosie und strich sanft über ihren gewölbten Bauch, in dem Elanors nächstes Geschwisterchen darauf wartete das Licht der Welt zu erblicken.
„Ja, das erzählst du uns so gut wie immer, wenn Fastred und ich besonders gut zusammenarbeiten.“, brummte Elanor missmutig, was ihr einen tadelnden Blick ihrer Mutter einhandelte. Fastred hingegen versuchte sein Grinsen zu verbergen, denn er fand das Zusammenspiel aus Elanor und Rosie amüsanter als die beiden dachten.
„Solltet ihr nicht vielleicht zu Herr Gamdschie und Gandalf zurückkehren?“, fragte er schließlich doch, woraufhin Elanor enthusiastisch nickte und Rosie sich kurz streckte, ehe sie ihren (aus ihrer Sicht) zukünftigen Schwiegersohn ansah: „Möchtest du nicht bis zum Nachtmahl bleiben, Fastred?“
„Ich glaube, ich sollte zu meiner Tante zurückkehren.“, antwortete Fastred widerstrebend und Rosie nickte, ehe sie verkündete: „Dann wünsche ich dir noch eine schönen Abend. Elanor, bringst du Fastred zur Tür? Ich sehe nochmal nach meinen Kindern.“
„Meinst du, es wäre möglich, dass einige nur so tun, als würden sie schlafen?“, grinste Elanor, die sich an ihre Kindheit zurückerinnerte, wo sie oft genug noch spät in Beutelsend unterwegs gewesen war oder sich sogar manchmal aus ihrem Fenster geschlichen hatte, um zu Fastreds Tante zu rennen und ihren Freund aufzuwecken, damit er mit ihr Glühwürmer fing.
„Bei einigen meiner Kindern ist das durchaus üblich.“, erwiderte Rosie trocken, die sich ebenfalls noch an Elanors Kindheit erinnerte. „Obwohl ich bisher nur eins habe, das sich aus Fenstern schleicht.“
„Ach wirklich?“, grinste Elanor schelmisch und ihre Mutter schnaubte, ehe sie die beiden Halbwüchsigen mit einer Handbewegung wegscheuchte und ihre Kinder noch einmal in ihren Kinderzimmern besuchte.
„Sag mal, Elanor...“, begann Fastred, als die beiden vor dem Ausgang standen.
„Hm?“
„Wann willst du deiner Familie eigentlich von dem Brief erzählen?“
Elanor starrte ihn entsetzt an: „Das habe ich total vergessen! Eigentlich wollte ich es heute Abend machen, aber irgendwie hat Gandalf meinen gesamten Plan über den Haufen geworfen.“
„Du kannst es ihnen auch noch morgen oder gleich beim Nachtmahl erzählen, wichtig ist nur, dass du sie möglichst gut darauf vorbereitest.“, beruhigte Fastred Elanor, die daraufhin erleichtert nickte und – da sie sich noch nicht von Fastred verabschieden wollte – mit ihm zu den Ställen ging, um sein Pony zu holen und mit ihm zu seiner Tante zu gehen. Außerdem mussten sie noch dringend einen Plan schmieden.

Irgendwann nach dem Nachtmahl zogen sich Rosie und Elanor zurück, sodass Gandalf und Sam alleine im gemütlich beleuchteten Wohnzimmer zurückblieben. Das Feuer prasselte sanft im Kamin und Gandalf kümmerte sich versonnen um seine Pfeife, während Sam ihm fröhlich von seinen geliebten Kindern erzählte.
Als er hörte, wie Rosie leise und Elanor todmüde die Türen ihrer Zimmer zuzogen, hielt er in seiner Erzählung inne und sah den Weißen Zauberer ruhig an: „Gandalf, so sehr ich mich über deine Rückkehr nach Mittelerde und die guten Neuigkeiten über Herrn Frodo und Herrn Bilbo freue, muss ich doch anmerken, dass ich bezweifle, dass du nur wegen alten Freunden zurückgekehrt bist.“
Der Zauberer, welcher gerade nachdenklich an seiner Pfeife gezogen hatte, hielt in seiner Tätigkeit inne und musterte Sam aus dunklen Augen: „Und nachdem du das nun angemerkt hast?“
„Ich würde gerne wissen, wie lange du vorhast im Auenland zu bleiben, denn ich bin mir sicher, dass Merry und Pippin dich auch gerne sehen würden und da sie in in Bockland leben, würde es etwas dauern, nach ihnen zu schicken. Wenn es... Probleme gibt, sollten sie es erfahren.“
„Und wie würdest du Probleme definieren? Denn Probleme gibt es immer.“, erwiderte Gandalf und fuhr fort seine Pfeife zu reinigen.
„Ich weiß es nicht, allerdings glaube ich, dass es einen Grund für deine Rückkehr gibt und es ist bestimmt kein guter. Zauberer tauchen schließlich immer dann auf, wenn es gefährlich wird. Deswegen möchte ich wissen, worin dieses Mal die Gefahr besteht. Ist er etwa zurück?“
„Wer? Sauron? Nein, seine Macht wurde durch die Zerstörung des Ringes gebrochen... Ich befürchte, dieses Mal ist es etwas anderes, vermutlich geschwächter als Sauron, aber dafür gerissener und hinterlistiger.“, nachdenklich starrte Gandalf in die Flammen, als erhoffe er sich eine Antwort auf eine Frage, die nur er kannte. „Dieses Mal wird es keinen Ring geben, der zerstört werden muss, denn er hat nie seine Macht in Gegenstände gebannt.“, der Zauberer verstummte und nicht nur Sam wartete gespannt darauf, dass Gandalf weiter redete.
„Und wer ist er? Saruman?“
„Nein. Saruman sollte nicht mehr in der Lage sein, eine Gestalt anzunehmen. Ich bin zu dir gekommen, Sam, damit du gewarnt bist: Der Herr des Bösen, Saurons Meister, wird zurückkommen und selbst die Weisen können nur vermuten, was seine Absichten sind. Deswegen möchte ich, dass du wachsam bist.“
„Der... der Herr des Bösen?“, Sam runzelte die Stirn. „Sollte er nicht verbannt sein und unfähig je wieder nach Mittelerde zurückzukehren, es sei denn das Ende aller Tage ist erreicht? Wieso kommt M...“
Doch bevor er weiterreden konnte, ging Gandalf dazwischen: „Sein Name ist nichts, was man bei Nacht ausspricht, Sam.“
„Woher weißt du, dass er zurückkehren wird?“, fragte Sam stattdessen und sah Gandalf an, dessen Blick überlegend durch den Raum schweifte: „Es gibt eine Prophezeiung über seine Rückkehr, aber bevor ich sie dir sage, möchte ich, dass du mir versprichst sie nur den verbliebenen Gefährten zu erzählen, wenn du es überhaupt tun musst.“
„Ich verspreche es.“
Gandalf sah den Hobbit kurz durchdringend an, ehe er nickte und sagte: „Die Prophezeiung ist ursprünglich in einer dir fremden Sprache verkündet worden. Für dich will ich sie so gut ich kann in die Gemeinsame Sprache übersetzen.

Doch nach dem Verglühen des Dieners erwacht

Was lange vergessen, verbannt in der Zeitlosen Leere

Geboren unter dem Volk der Pferde, eine alte Seele voll Macht

Wiederkehrend von dem Land hinter dem Meere

Erscheint lange Verlorenes, neue Hoffnung bringend

Und durch Zerstörung ein Wandel von Melodien erklingt

Was Leben und Tod zusammen bringt

Sodass was einst sprach allein, verbleibt im Chor singend


Wie du vielleicht siehst, ist diese Prophezeiung herrlich ungenau und vage, sodass wir nur vermuten können, was in den einzelnen Sätzen gemeint ist. Jedoch macht sie in den ersten zwei Zeilen so gut wie unmissverständlich klar, dass der Herr des Bösen zurückkehren wird.“
„Aber was ist mit der dritten Zeile gemeint? Wie kann eine alte Seele voll Macht erst geboren werden? Wie kann sie dann schon alt sein?“
Gandalf zuckte mit den Schultern: „Ich sagte doch, sie ist ungenau. Ich vermute jedoch, dass sie nicht in allen Dingen wörtlich zu nehmen ist, sondern dass auch einige Worte metaphorisch gemeint sind; die dritte Zeile würde gut passen, wenn man sie auf die ersten beiden bezieht, denn es würde dann bedeuten, dass der Herr des Bösen sich in einem sterblichen Körper inkarnieren lässt.“
„Inkarnieren?“, hakte Sam nach, der das Gefühl hatte, sein Kopf würde jeden Augenblick platzen. Wieso musste denn auch der Herr des Bösen zurückkehren? Man könnte meinen, sie hätten nach Sauron endlich einmal Ruhe verdient!
„Wie du weißt, ist es sein Schicksal, bis zu der Schlacht der Schlachten, der Dagor Dagorath, gefesselt in der Zeitlosen Leere zu sein und Mittelerde nicht betreten zu können, nur seine gesäten Gedanken sollten die Macht haben, weiter Unruhe und Chaos zu stiften. Doch durch irgendetwas, was nicht sein sollte, ist es ihm anscheinend gelungen, bevor die Zeit reif ist, zumindest teilweise sein Gefängnis zu verlassen und nach Mittelerde zurückzukehren. Nicht gänzlich, ohne die Prophezeiung hätten wir es nicht einmal gemerkt, dass er einen Teil seines Geistes abspalten und höchstwahrscheinlich in den Körper eines Menschen bannen konnte, was eine Form der Inkarnation ist. Aber selbst so geschwächt ist er gefährlicher als Sauron es je war.“
Sam schluckte kurz, ehe er sich fasste und fragte: „Warum hast du nicht einfach den Verfasser der Prophezeiung gefragt, was sein Ziel ist und wie man ihn aufhalten kann?“
Der Zauberer blinzelte einmal kurz überrascht, dann lachte er: „Den Verfasser der Prophezeiung zu fragen, wäre weit schwieriger als du dir vorstellst. Den Verkünder zu fragen, ist einfacher, aber nutzlos, als dass dieser nur das Instrument ist, das selbst nicht weiß, was auf ihm gespielt wird. Nein, Sam, ich befürchte, in dieser Hinsicht müssen wir selbst kreativ werden.“
„Und wie? Was soll ich tun?“, Sam, der sich nun schon fast damit abgefunden hatte, wieder loszuziehen und das Böse zu bekämpfen, sah den Zauberer ihm gegenüber voller Tatendrang an.
Besagter Zauberer schmunzelte, als er das Gesicht seines Freundes bemerkte: „Du, Samweis Gamdschie, sollst gar nichts tun. Ich bin nur gekommen, um dich zu vor ihm zu warnen, denn es ist durchaus möglich, dass der Dunkle Fürst vorhat sich an euch Hobbits zu rächen und dann solltet ihr vorbereitet sein.“
„Rache? Ich bezweifle stark, dass irgendjemand im Auenland jemals etwas von dem Herrn des Bösen gehört, geschweige denn gegen ihn unternommen hat! Wieso sollte er sich ausgerechnet an uns rächen wollen?“
„Meister Gamdschie, du vergisst, dass er Saurons Herr und Mentor war; Sauron, dessen Macht von Hobbits gebrochen wurde und dessen Pläne aufgrund von Hobbits gescheitert sind. Insbesondere die Hobbits haben von ihm am meisten zu befürchten, denn wie auch Sauron hat er das Vorhandensein der Halblinge bisher übersehen, doch nach dem Ringkrieg dürfte sich das geändert haben.“
„Was würdest du also vorschlagen, das ich tun soll?“
„Wachsam sein. Vertraue niemandem, den du nicht gut kennst, besonders keinem Menschen. Mehr kannst und solltest du nicht tun, immerhin können wir nichts mit Gewissheit sagen.“, antwortete der Zauberer und fuhr fort seine Pfeife zu reinigen.
Nachdenklich sah Sam in das Kaminfeuer: „Also sind die ersten drei Zeilen über die Rückkehr von Saurons Meister... und woher wissen wir, dass er als Mensch zurückkehren wird?“
Wissen, Sam, tun wir nichts.“, antwortete Gandalf scharf. „Wir vermuten es, denn auf wen sonst sollte sich die dritte Zeile beziehen, wenn nicht auf auf die Rohirrim? Und was sonst sollte eine alte Seele sein, wenn nicht der Herr des Bösen? Wenn du eine andere Vermutung hast, dann sprich sie aus!“
„Habe ich nicht.“, sagte Sam kleinlaut und schwieg kurz, ehe er fragte: „Darf ich fragen, wen du noch meinst, wenn du von euch redest?“
„Du darfst.“, gestand Gandalf dem Hobbit höflich zu.
„Darf ich auch eine Antwort erwarten?“
„Auch das darfst du, ich verbiete dir nichts, Sam.“
„Und wen meinst du, wenn du von euch redest?“
„Die verbliebenen Weisen, die genau wie ich beschlossen haben, nach Mittelerde zurückzukehren.“
„Ist darunter jemand, den ich kenne?“
„Das kann ich dir nicht sagen, denn ich weiß nicht, wen du kennst.“, freundlich blickte Gandalf von seiner Pfeife auf und sah Sam an, der den Zauberer vorwurfsvoll anstarrte.
„Du weißt doch, wen ich kenne! Ist die Herrin von Lothlórien mit dir zurückgekehrt oder Herr Elrond? Oder jemand, den ich nicht auf meiner Reise vor mehr als zwei Dekaden getroffen habe?“
„Ja, sie sind mit mir zurückgekehrt.“
„Frau Galadriel und Herr Elrond?“, hakte Sam sofort nach.
„Ihr Hobbits seid viel neugieriger, als euch gut tut.“, brummte der Zauberer und kümmerte sich wieder um seine Pfeife.
„Und ihr Zauberer seid viel verschwiegener als euch gut tut. Kannst du mir wenigstens sagen, was ich tun soll, sollte sich der Herr des Bösen entschließen das Auenland anzugreifen?“
„Das kann ich tatsächlich.“, nickte Gandalf. „Ich werde dich vor meiner Abreise darin instruieren, wie du die Weisen benachrichtigen kannst; mehr wirst du in dem Fall eines Angriffes nicht tun können.“
„Und was willst du tun?“, fragte Sam und der Zauberer setzte zum Reden an, ehe er innehielt, denn ein leises Schaben an der Wohnzimmertür hatte seine Aufmerksamkeit geweckt. Mit schnellen Schritten war er bei der Tür und als er sie aufzog, fiel ihm eine völlig überrumpelte Elanor entgegen.
„Na, bei meinem Barte!“, sagte Gandalf. „Das ist doch Elanor Gamdschie! Was machst du denn da?“
„Ich?“, stammelte Elanor, die noch auf den Knien saß und zu ihm hoch sah. „I-ich konnte nicht schlafen und da wollte ich in die Küche gehen und mir noch etwas zu essen machen, wenn Ihr mir folgen könnt.“
„Kann ich nicht.“, erwiderte Gandalf. „Die Küche ist in der entgegengesetzten Richtung. Wie lange hast du schon gelauscht?“
„Gelauscht, Herr Gandalf? Ich kann Euch nicht folgen und bitte um Vergebung. In ganz Beutelsend gibt es kein Haarwild und folglich auch keine Lauscher!“
„Lass die albernen Witze! Was hast du gehört und warum hast du gehorcht?“, Gandalfs Augen blitzten gefährlich unter seinen buschigen Augenbrauen, sodass Elanor es mit der Angst zu tun bekam und gerade zu einer Antwort ansetzen wollte, als Sam sich das Lachen nicht mehr verkneifen konnte, es aber noch erfolglos versuchte in einem Hustenanfall zu tarnen.
Empört sah Elanor zu ihrem Vater. Sie wurde gerade von einem Zauberer bedroht, ihr Leben schwebte in ernsthafter Gefahr und er besaß die Frechheit zu lachen?
„Er wird dir nichts tun.“, beruhigte ihr Vater sie, noch immer lachend. „Er weiß genauso gut wie ich, dass du es nicht böse gemeint hast. Aber nun stehe auf und beantworte seine Frage.“
„Nun ja“, unsicher sah Elanor, die nun aufgestanden war, zwischen ihrem Vater und Gandalf hin und her. „wenn ich ehrlich sein soll, dann habe ich alles mitangehört, was ihr beredet habt, seit ich meine Zimmertür zugeschlagen habe und wieder vor die Tür geschlichen bin. Es tut mir Leid! Fastred und ich dachten uns schon, dass es einen Grund für Herrn Gandalfs Rückkehr aus dem Westen gibt und wir wollten sie unbedingt wissen. Außerdem habe ich gehofft, etwas über Gondor zu erfahren, immerhin hat mich Königin Arwen eingeladen ihre Ehrenjungfrau zu werden und da mir der Bibliothekar Bücher über die Politik im Wiedervereinigten Königreich verweigert hat, dachte ich, ich könne so etwas über Gondor erfahren. Ich habe es wirklich nicht böse gemeint!“
Plötzlich lachte auch Gandalf: „Wie der Vater, so auch die Tochter!“
„Was?“, verwirrt sah Elanor nun den Zauberer an, der sie höflich ins Wohnzimmer ließ. „Wieso?“
„Ich war einst in ziemlich genau der selben Situation.“, grinste Sam. „Und Gandalf hat genauso reagiert wie damals!“
„Der Witz mit dem Haarwild scheint nie alt zu werden.“, stellte Gandalf amüsiert fest und seine dunklen Augen funkelten, als er wieder auf dem Sessel Platz nahm und Elanor, die dem plötzlichen Frieden nicht so recht traute, sich misstrauisch auf dem Sofa niederließ.
Sam, der sich wieder unter Kontrolle hatte, fragte nun seine Tochter ernst: „Mich würde es nur interessieren, wann du vorhattest uns zu sagen, dass du einen Brief von Königin Arwen erhalten hast.“
„Eigentlich wollte ich es heute Abend sagen, habe es dann aber wegen Gandalf vergessen.“, antwortete Elanor kleinlaut, ehe sie den Kopf schief legte und mit einem hoffnungsvollen Lächeln fragte: „Zählt das hier noch als Abend?“
Sam stieß die Luft aus und wusste nicht, ob er lachen oder wütend sein sollte. In so etwas hatte Rosie den besseren Riecher. Er entschied sich für einen strengen Blick: „Nein, deine Mutter ist nicht anwesend.“
„Dann kann ich es doch morgen sagen, oder?“, fragte Elanor. „Außerdem sollte es wichtiger sein, sich zu überlegen, wie wir mit der neuen Bedrohung klarkommen sollen!“
In ihren grünen Augen war ein Funkeln, das Sam nervös machte und Gandalf hoffen ließ.
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