Zentria, die Insel ohne Wiederkehr

MitmachgeschichteAbenteuer, Freundschaft / P18
15.10.2018
06.12.2018
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Kapitel 5: Vorahnung und Erz


05.09.1100
Überaus erstaunlich, wie selbst kleinste Begegnungen, so flüchtig sie auch sein mögen, den eigenen Horizont in einem nicht erwartbaren Umfang erweitern können. Im Normalfall erscheint es einem logisch, dass das Treffen mit einer großen Persönlichkeit eine merkliche Spur – selbst wenn sie nur mikroskopisch klein ist – auf der Lebensbahn hinterlässt, gleich den von kindlicher Sorglosigkeit in die Rinde eines tausend Jahre alten Baumes geritzten Botschaften. Als würde das diese Personen durch das Ansehen der breiten Masse verliehenes, sie umspielendes Licht durch die wenn auch nur Sekundenbruchteile dauernde Nähe abblättern und wie ein Klumpen Kleister an einem kleben bleibt. Doch mit diesen Gedanken verliert man den Blick für kleineres, alltäglicheres. Treffen wie diese, die von den meisten jeden Tag als selbstverständlich hingenommen und deshalb sogar größtenteils ausgeblendet werden, sind häufig sogar imstande, das Leben wesentlich nachhaltiger zu prägen. Und zu dieser Einsicht verhalf mir ein acht Jahre altes Mädchen.
Während unserer Überfahrt nach Hanabira suchten viele Mitglieder der Akrobatentruppe, die uns so großzügig mitgenommen hatten, das Gespräch mit uns, auch wenn Guido mehr dazu genötigt wurde, seine Marionettenspieler-Künste vorzuführen, was er auch bereitwillig tat. Da er nicht gerade an einem geringen Selbstwertgefühl litt, genoss er die ihm zuteilwerdende Aufmerksamkeit verbunden mit einem Hauch Bewunderung, die er begierig wie ein ausgetrockneter Schwamm in sich aufsog. Ich hingegen erfuhr, dass die Truppe insgesamt sich aus zwei kleineren Familien und drei Einzelkünstlern zusammensetzte, von denen wohl jeder einzelne ein Buch über ihren Weg in diese Gemeinschaft hätte schreiben können, zumindest wenn ich nach dem urteilen soll, was mir bisher zu Ohren gekommen ist. Derek Gileal, das Oberhaupt einer der beiden Sippen, berichtete mir, dass sie in letzter Zeit während ihren Fahrten übers Meer sehr vorsichtig geworden sind, da es gehäuft in der Umgebung zu Überfällen durch Piraten gekommen ist. Eigentlich für einen der Blues undenkbar, dass man immer häufiger sein Leben riskiert, wenn man die Planken eines Schiffes betritt, nur weil eine nicht geringe Anzahl an Menschen sich einem unehrlichen und von Gewalt anderen gegenüber geprägtem Lebensweg entschieden hatten.
Seine jüngste Tochter hört auf den Namen Tamara und ist ein sehr aufgewecktes Kind. Wie sagt man so schon, nur Betrunkene und Kinder sagen ausnahmslos die Wahrheit, besonders ein so kluges Mädchen wie sie. Auch wenn mich der Verdacht packt, dass die restlichen Mitglieder der Truppe bereits erkannt haben, dass wir nicht ganz die sind, als die wir uns verkauft haben, möchte ich doch fast mein Hab und Gut verwetten, dass sie es zuerst bemerkt hatte. Völlig ungeniert sprach sie mich darauf an und fragte, was ich den eigentlich machen würde, wenn ich mich nicht als Artist ausgebe. Erstmal perplex über die Enttarnung meiner Maskerade, die ich – wenn ich ehrlich sein soll – auch sehr schlecht gespielt hatte, wollte mir keine Antwort einfallen, weshalb sie einfach ins Schwarze riet und mich als Abenteuer einschätzte, was ja in gewisser Hinsicht durchaus zutreffend ist. Ich muss wohl von meinem eigenen Hochmut geblendet gewesen sein, den ich auf meine auch so hohe Bildung und mein theoretisches Wissen gebettet hatte, dass ich die Scharfsichtigkeit dieser Leute nur aufgrund ihrer nicht unbedingt angesehenen Profession verkannt habe. Während Guido also mit seinem Können prahlt, werde ich unsere Überfahrt nach Hanabira nutzen, um mir wieder ein wenig Demut anzueignen und die von gesellschaftlichen Zwängen noch nicht verzerrte Sichtweise eines Kindes schätzen zu lernen.


23.03.1101

„Ich habe da ein ganz schlechtes Gefühl“, murmelte Victoria und kroch unter einem querstehenden Holzbalken hindurch, der offenbar vor langer Zeit durch die Wucht eines kräftigen Zusammenpralls aus seiner eigentlichen Verankerung gerissen worden war und seither den langen Korridor mehr oder weniger blockierte, der zu den unterschiedlichen Passagierkabinen führte. Das Wrack, das Noland ihr und Remu zugewiesen hatte, stellte sich als Segellinienschiff von recht pompösen Ausmaßen heraus. Wenn man sich die Mühe machte, es im Schneetreiben ein wenig zu umrunden, konnte man erkennen, dass der gesamte Bug aufgerissen und irgendwie wie eingedrückt wirkte, so als hätte das Gefährt als letzte Amtshandlung in seiner aktiven Zeit einmal mit Höchstgeschwindigkeit eine Felssteilwand gerammt, aus welchen Gründen auch immer. Da die Struktur an der Vorderseite nicht gerade vertrauenserweckend knirschte, beschlossen die beiden Frauen, durch ein kleineres Leck an der Seite einzusteigen. Folglich mussten sie zuerst das Unterdeck durchqueren, das hauptsächlich aus überdimensionalen Lagerräumen bestand, die – welch Überraschung – nur gähnende Leere vorzuweisen hatten. Lediglich in einer Ecke ließen sich tiefgekühlte Brocken von etwas finden, dass wie eindeutig viel zu lange aufbewahrtes Fleisch anmutete. Allerdings war es derart fest gefroren, dass man damit mit spielender Leichtigkeit jemanden hätte erschlagen können.

„Inwiefern?“, hakte die Schmiedin nach und öffnete vorsichtig eine Kabinentür, um einen Blick ins Innere zu erhaschen. Wie schon in den zuvor besichtigten Kajüten wirkte sie wie mit aller Hektik verlassen, so als hätte der Kapitän an alle den Befehl ausgegeben, wie die Ratten das sinkende Schiff zu verlassen, um sich selbst in Sicherheit zu bringen, woraufhin alle Gegenstände von Wert – und auch die, die nur bedingt für das Überleben notwendig waren – in einen Seesack oder dergleichen gestopft und geschultert wurden, um anschließend schnellstens das Weite zu suchen.
„Ich weiß auch nicht genau“, antwortete die Braunhaarige und warf zum gefühlt hundertsten Mal einen Blick über die Schulter, so als ob sie fürchten würde, dass ein schreckliches Grauen ihnen bereits mit seinem ranzigen Atem direkt im Nacken säße, „aber ich kann es regelrecht spüren, dass hier irgendetwas gefährliches ist.“
„Dafür müsste es diese eisige Kälte über einen längeren Zeitraum überleben“, wandte ihre Gesprächspartnerin ein, während sie einen klaffenden Spalt im Boden, der sie im Falle einer Unachtsamkeit direkt in den darunter liegenden Lagerraum auf den Haufen gefrosteter Fleischklumpen befördert hätte, mit einem weiten Schritt überbrückte, „und da nicht jeder von seiner inneren Flamme leben kann wie Maha, stehen die Chancen doch recht schlecht, dass wir hier noch auf etwas Lebendiges stoßen.“

„Meine Intuition hat mich noch nie getäuscht“, brummte Tori schlecht gelaunt und prüfte behutsam mit einer Stiefelspitze, ob die vor ihr liegenden Treppenstufen, die auf das nächste Zwischendeck führten, ihr Gewicht halten würden oder bereits zu morsch waren, um ihrer eigentlichen Funktion noch nachzukommen. Glücklicherweise wurde die Prüfung bestanden, woraufhin sie sich eine Ebene höher auf Spurensuche begeben konnten. Als nächstes stand ein Saal auf dem Programm, der wohl aufgrund seiner Größe und der doch recht ansehnlichen abgeblätterten Farbe auf den Holzwänden wahrscheinlich für die gehobeneren Gäste gedacht war, die zu Tanz und Musik einem Quäntchen Luxus frönen durften. Von der feinen Gesellschaft war vorhersehbarerweise nichts mehr zu sehen, selbst der Kronleuchter war bereits seit geraumer Zeit von seiner angestammten Position in das Zentrum des Saals umgezogen, wo er den Grund mit seinem Gewicht zu einem unvorhersehbaren Maße belastete, sodass nicht auszuschließen war, dass ein weiteres Grämmchen nicht den Einsturz zur Folge hatte. Bedacht bahnten sich die beiden Damen mit gebürtigem Abstand zur Absturzstelle ihren Weg ans andere Ende des Raumes, wo der Ort der kulinarischen Gelüste auf sie wartete, wenngleich die Tischreihen unordentlich durcheinandergeschoben waren, so als hätten einige bei ihrer überstürzten Flucht es für gewinnbringend gehalten, das Mobiliar nach ihren Vorstellungen zu verrücken. Mit kritischem Blick schob Remu im Vorbeigehen einen der kreuz und quer stehenden Stühle ordentlich an einen Platz zurück, auch wenn niemand ihre Bemühung wohl zu würdigen wissen würde, da dieses Schiff in seiner Gesamtheit nur noch dem Verfall dienen könnte. Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Küche, die aber ebenso wenig mit irgendwie gearteten Highlights hätte aufwarten können – was keine der beiden erwartet hatte, um das der Vollständigkeit halber mitaufzuführen – und einer weiteren nicht zwingend sich in einem einwandfreien Zustand befindenden Treppe hatten sie das Oberdeck erreicht. Auch wenn durch den eingedrückten Bug durchaus eine spürbare Kälte in das Wrack zog, so spendeten der im Inneren ausbleibende Schnee zumindest die Illusion von minimaler Wärme – jedenfalls im direkten Vergleich zu draußen. Aber sobald man wieder einen Schritt in den Einflussbereich des unnachgiebig sie malträtierenden Wetters setzte, musste man sämtliche einem zur Verfügung stehende Selbstbeherrschung aufbringen, um nicht sofort wieder ins Innere des Wracks zurückzukehren und sich an der eingebildeten merklichen Temperaturdifferenz zu laben. Glücklicherweise konnten sich die beiden Frauen schnell wieder auf die Brücke zurückziehen und somit die unter diesen erschwerten Bedingungen verbrachte Zeit auf ein absolutes Minimum reduzieren.

„Als Noland von Zentria erzählt hatte, dachte ich, dass es sich dabei um eine etwas wärmere Insel handeln würde. Vielleicht ein mit Sümpfen durchzogenes Terrain oder eine verfallene Ruinenstadt mitten in einem wildwachsenden Dschungel, aber keine verdammte Eiswüste“, grummelte Victoria schlecht gelaunt, wobei nicht nur die Kälte ihre nicht gerade positive Stimmung befeuerte. Ihr Disput mit Guido schwelte immer noch in ihr, was wohl der Tatsache geschuldet war, dass er nicht zum ersten Mal während ihrer gemeinsamen Reise mit seinem herablassenden Machogehabe mit ihr auf Konfrontationskurs gegangen war und sie zur Weißglut getrieben hatte. Auch wenn sie ihn schon des Öfteren in Grund und Boden geschrien hatte deswegen, sein Ego nach allen Regeln der Kunst – sowohl mit logischen Argumenten als auch mit allen Flüchen und Kraftausdrücken, die ihr geläufig waren – vor den anderen auseinandergenommen hatte, er schien sich trotzdem nach wie vor einen Spaß daraus zu machen, sie damit zu ärgern. Kaum hatte sie einige Gedanken mehr daran verschwendet, trat erneut eine pochende Zornesader auf ihrer Stirn hervor.

„Wenn dich die Temperaturen so extrem stören, Maha gibt dir sicher einen Crashkurs in Sachen inneres Feuer, wenn du sie danach fragst“, meinte Remu schwach lächelnd, als sie merkte, wie die Ärztin beim Gedanken an die dünne Bekleidung ihrer blondhaarigen Kameradin ein Schauer durchlief, „aber jetzt hilf mir lieber, nach irgendetwas Nützlichem zu suchen, damit wir dieses Wrack nicht völlig umsonst durchkämt haben.“
Tori brummte irgendetwas, was aber von einer draußen entlangheulenden Windbö übertönt wurde. Die Blauhaarige war sich aber sicher, dass sie durch das Nicht-hören ihrer Lautäußerung nichts Wesentliches verpasst hatte. Geflissentlich machte sie sich an einer Gruppe von metallenen Spinden zu schaffen, die offenbar Eigentum der Offiziere waren, während sich ihre Begleiterin sich den auf einem sich hinter dem Steuerrad befindlichen, kreisrunden Tischchen liegenden Inhalt näher ansah.
„Hier liegen zwei Karten“, rief die Ältere der beiden mit mäßiger Begeisterung, „ich bin zwar nicht unbedingt allzu sehr bewandert, was Navigationskünste angeht, aber ich glaube, die Crew ist mehr als deutlich vom Kurs abgekommen.“
„Im Grunde hätten sie es also als Glücksfall werten können, dass sie ein Navigationsfehler schnurstracks auf eine legendäre Insel geführt hat“, entgegnete Remu mit einem gewissen sarkastisch angehauchten Ton, wobei sie in der Zwischenzeit den Inhalt der Spinde sichtete. Eine verstaubte und durchnässte Uniform, die dem Besitzer wohl nicht wichtig genug gewesen war, um auf den Exodus der Besatzung mitgenommen zu werden. Eine Pfeife, die offenbar von jemandem benutzt worden war, der keinen blassen Schimmer hatte, wie man ebenjene gebrauchte, jedenfalls sprachen die großflächigen geschwärzten Rußspuren nicht gerade für einen adäquaten Gebrauch. Einige vergilbte Papierblätter, zwei beinhalteten wohl Zeitungsberichte dieses Schiff betreffend, ein anderes war wohl mit viel Phantasie das von einem Kind gemalte Bild für ein Elternteil, und schlussendlich eine handschriftliche Notiz, die aufgrund der krakeligen Schrift und dem Verblassen der Tinte kaum noch zu lesen war. Auch wenn die Möglichkeit bestand, dass sie in die Schatten der Buchstaben zu viel hineininterpretierte, aber Remu glaubte zu erkennen, dass in dem Geschriebenen die Rede von einem Erz war. Beinahe schlagartig schoss ihre Herzfrequenz gefühlt durch die Decke.

Als Noland sie gefragt hatte, warum sie sich seiner Expedition anschließen wollte, hatte sie als ihren Beweggrund angeführt, dass sie – insbesondere als Schmiedin – schon öfters von einem äußerst seltenen und wertvollen Material gehört hatte, dass weithin als Regenbogenerz bezeichnet wird und nur auf einer nicht aufspürbaren Insel zu finden sei, wobei in diesem Zusammenhang oft Zentria als besagter Fundort angegeben wurde, zumindest wurde häufig eine entsprechende Parallele zu den beiden Legenden gezogen. Doch wie es bisher aussah, handelte es sich bei besagtem Rohstoff nur um ein Ammenmärchen, denn falls es ihn wirklich hier geben würde, hätte bestimmt schon längst jemand mit dem Abbau begonnen und irgendwo hätten sich die Eingänge von Minenstollen abzeichnen müssen, aber dem war nicht so, jedenfalls wenn man die Umgebung vom eingeschneiten Strand aus mit einem Feldstecher absuchte. Die verblasste Notiz ließ sie in einer ihrer Manteltaschen verschwinden. Immerhin war es auch noch nicht komplett ausgeschlossen, die gesamte Insel hatten sie ja auch noch nicht gesehen.
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