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Das erste Date — Teil 1/ Nomi

von Rosanila
KurzgeschichteAllgemein / P12 / MaleSlash
Amanita "Neets" Caplan Nomi Marks
14.10.2018
14.10.2018
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1.983
 
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Nomi betrachtete ihr Handy. Warum rief Amanita nicht an? Vielleicht war es dumm gewesen, etwas zu erwarten- wieso sollte jemand so tolles und unheimlich cooles wie Amanita sich denn auch bei jemandem wie ihr melden? Und selbst wenn- sie würde erfahren, dass Nomi transgender war. Dass sie früher ein Mann gewesen war. Das würde sie anekeln. Vertreiben. Vielleicht sollte sie versuchen, irgendwie normal zu sein. Einen Mann treffen… Gott, nein! Sie schüttelte sich. Allein die Vorstellung, so ein Typ könnte… Ihr Handy klingelte und riss sie aus ihren Gedanken. Der Typ neben ihr auf der Parkbank blickte sie vorwurfsvoll an- das Klingeln hatte sein Baby geweckt. Nomi ging dran. >>J-Ja?<<, fragte sie. >>Hey, Schönheit!<<, sagte eine wunderschöne Stimme. Amanita. Nomis Herzschlag beschleunigte sich, ihr Atem ging heftiger, sie schwitzte, ihr war kalt- >>Wie geht’s so?<<, fragte Amanita. Amanita war ganz cool geblieben. Natürlich- vermutlich mochte sie Nomi gar nicht. Fand sie nervig. >>Also<<, begann Amanita, da Nomi nichts sagte. >>Wann haste Zeit, Süße?<< Süße. Amanita hatte sie Süße genannt! Oh, jetzt musste sie etwas sagen, nicht? >>Ähhm, ich, ähhm…<< Verdammt, Nomi, du bist Bloggerin und Hackerin, die die Regierung schon vor die ultimative Verzweiflung gestellt hat! Du wirst ja wohl etwas zu Amanita sagen können! >>Morgen?<<, fragte sie. Klang ihre Stimme wirklich so hoch? >>Super!<<, sagte Amanita. Ob sie lächelte? Sich durch das wunderschöne Haar fuhr und neben ihrem Buch auf ihrer Couch saß? Ob sie eine Couch hatte? Ja, bestimmt. Bestimmt war die Couch alt und bequem und umgeben von Büchern und… >>Also, was sagst du?<<, fragte Amanita. Mist, sie hatte was gesagt? >>Morgen um acht Uhr abends?<< >>Ja!<<, schrie Nomi. Wieder blickte der Mann böse. >>Wo treffen wir uns?<< >>Vorm Buchladen kannste mich abholen.<< Ja, jetzt lächelte sie definitiv. >>Ich freu mich schon!<<

Nomi stand vor dem Spiegel im Klamottengeschäft und betrachtete sich. Nein, das konnte sie unter gar keinen Umständen zum Date tragen! Sie trug ein Pinkes Top und einen hellblauen knielangen Rock. Oh Gott, waren ihre Beine schon immer so dick gewesen? War das Bäuchchen schon immer so offensichtlich gewesen? Ihre Arme so… >>Mic- Nomi!<< Genannte fuhr herum und da stand sie. Teagan. Ihre kleine Schwester. Sie kam näher. >>Oh Gott, das willst du doch nicht etwa zu deinem Date tragen?<< >>Ich…<< Nomi zögerte. >>Scheiße, ich hab doch keine Ahnung, was man zu einem Date trägt!<< >>Okay, darum bin ich ja hier<<
Teagan brachte ihr in die Umkleide verschiedene Sachen und sie machten Modenschau. Am Ende standen drei Outfits zur Auswahl: Ein enges leuchtend rotes Top, eine dunkelrote Lederjacke, enge schwarze Hosen; ein knielanger violetter Rock und eine hellblaue Bluse; ein blaues Kleid und ein schwarzer Blazer. >>Also, ich muss sagen, Sie sehn in allen dreien gut aus!<<, erklärte die sie beratende Verkäuferin. >>Genau<<, sagte Teagan. >>Obwohl… vergiss das Kleid.<< >>Ja…<< Die Verkäuferin zögerte. >>Dürfte ich fragen, wofür das Outfit sein soll?<< >>Für ein Date<<, sagte Nomi. >>Ah, und wie ist er so?<< Auch Teagan war jetzt neugierig. Oh nein, sie hatte noch gar nicht erwähnt, dass es eine Frau war! >>Ähhm…<< Wiedermal rettete sie das Klingeln eines Handys. >>Oh, tut mir leid, ich muss los<<, sagte die Verkäuferin und hielt ihr Telefon hoch. >>Viel Glück noch beim Aussuchen!<< Teagan trat näher und hielt ihr das erste Outfit, nur mit der hellblauen Bluse anstelle des Tops hin. >>Und? Wie heißt sie?<< Nomi starrte angestrengt an die Wand ihrer Umkleidekabine. >>S-Sie?<< >>Sie.<< Nomi konnte Teagans Grinsen förmlich hören. >>Nomi, Schwesterherz, ich war die erste, die wusste, dass du ‘ne Transfrau bist. Ich bin auch die erste, die weiß, dass du ‘ne Lesbe bist. Ist doch logisch!<< Nomi musste lächeln. >>Danke<<, sagte sie. Teagan schien ihre Unbehaglichkeit zu spüren, denn sie sagte schnell: >>Stell dir vor, was Mum sagen wird!<< Jetzt prustete auch Nomi los. Ihre Nervosität löste sich ein wenig. >>Vielleicht freut sie sich ja auch<<, mutmaßte Nomi dann. >>Wieso das?<< >>Naja, ich date Frauen wie ein richtiger Mann!<< Teagan lachte noch lauter. Nomi grinste leicht. Der Knoten kalter Angst in ihrem Magen löste sich nach und nach.

Nomi fuhr zum Buchladen in dem Amanita arbeitete, parkte, blickte auf die Uhr.
19:55 Uhr
19:56 Uhr
19:57 Uhr
19:58 Uhr
19:59 Uhr
20:00 Uhr

Die letzten Gäste verließen den Laden, auch Amanitas Kollege. Aber sie kam nicht. Das Licht war noch an. Nomi blickte an sich herunter. Sie trug die hellblaue Bluse, die dunkelrote Lederjacke, schwarze Hose und einfache braune Stiefel. Teagan hatte ihr von zu viel Schmuck abgeraten, sie trug jetzt nur ein dünnes Goldkettchen am rechten Handgelenk.
20:04 Uhr
Wo blieb Amanita?
20:07 Uhr
20:08 Uhr

Das Licht ging aus.
20:10 Uhr
Die Tür öffnete sich und Amanita kam herausgetreten. Nomi hielt die Luft an. Sie war so wunderschön! Amanitas wundervolles, bunt-schwarzes Haar war zu einem hohen Pferdeschwanz gebunden, sie war dezent geschminkt- und ihre Kleider erst! Ein Oberteil mit Flügelärmeln und tiefem Ausschnitt in dunkelblau, eine enge violette Lederhose, ein hellbrauner Gürtel mit goldenen Punkten darauf, hohe silberne Schuhe. Ein Klopfen am Autofenster riss sie aus den Gedanken. >>Hey!<<, rief Amanita strahlend. Nomi öffnete die Beifahrertür und Amanita sprang ins Wageninnere. Sie schnallte sich an und fragte: >>Wo geht’s hin?<< Nomi erstarrte. Oh nein- erwartete Amanita von ihr, sie auszuführen. Richtig… sowas in der Art hatte sie doch erwähnt… Sie startete den Motor und fuhr los. Wo konnte sie hin? Wo konnte sie hin? Wo konnte sie nur hin? Ziellos fuhr sie durch die Stadt. An einer roten Ampel sagte Amanita endlich: >>Du… du siehst übrigens echt toll aus<< >>Danke!<<, sagte Nomi. >>Du auch<< >>Danke<< Sie schwiegen wieder. Schließlich hielt Nomi vor einem netten Restaurant. Es war fast immer voll, aber ihr war nichts anderes auf die Schnelle eingefallen. >>Kommst du?<< >>Klar<< Die zwei liefen in den Laden und Nomi sah sofort einen der zwei Geschäftsführer. >>Nomi Marks!<<, rief James grinsend und zog die Blonde in eine feste Umarmung. >>Dich gibt’s ja noch!<< Er erblickte Amanita. >>Oh mein Gott, ist das dein Date?<< >>Ähhm-<<, begann Nomi, wurde jedoch unterbrochen. >>Grace, komm her!<< Der Transmann rief seine Frau zu sich. >>Sieh mal, wer wieder aufgetaucht ist!<< >>Nomi!<< Auch Grace umarmte sie. Nomi hatte sich nach ihrer eigenen Umwandlung für andere transsexuelle Menschen eingesetzt- so auch für James, geboren als Jane, Nomis ehemalige Mitschülerin. >>Wie geht’s so? Brauchen deine wunderschöne<< Amanita lächelte nach diesem Kompliment seitens James. >>einen Tisch?<< >>Ähhm, ja, falls es nicht zu voll ist-<<, begann Nomi erneut, doch wieder unterbrach man sie. >>Kommt mit, ihr kriegt den besten Tisch!<<
Es war wirklich der beste Tisch- rund, in einer ruhigen Ecke, gerade genug beleuchtet um romantisch, nicht blendend und angenehm zu sein. Auf der gelben Tischdecke leuchteten Kerzen und als sie saßen brachte James ihnen die Speisekarten. Während sie diese studierten sagte Amanita: >>Ihr kennt euch ganz gut… Is‘ er dein Ex? Sie?<< Nomi schüttelte den Kopf. >>Nein, ich… hab James in einer brenzlichen Situation vor ein paar Jahren getroffen.<< Na ja, das Krankenhaus zu hacken um ihm die Geschlechtsumwandlung zu ermöglichen war vielleicht etwas mehr als das, aber egal…
>>Wollt ihr schon was trinken?<< Eine gelangweilte Kellnerin stand an ihrem Tisch. >>Ja, ein Wasser<<, sagte Nomi, gab die Karte zurück und fragte Amanita im selben Moment wie die Kellnerin: >>Und du?<< >>Ein grüner Tee<< Sofort bereute Nomi ihre Wahl. Sie liebte Tee!
>>Schön<<, meinte die Kellnerin, noch immer nicht interessierter. Nomi sah sich um. Der Laden war brechend voll und außer der Kellnerin (auf ihrem Namensschild stand Peggie) sah sie nur noch eine andere Hilfe. Die arme war bestimmt total überarbeitet. >>Schon Essenswünsche?<< Nomi wollte gerade abwinken, da sagte Amanita: >>Ja, ich nehme den Salat und die Ravioli. Und du?<< Nomis Gedanken rasten, sie konnte nicht denken, ihre Hände waren schweißfeucht. >>Den…<< Sie war mindestens zweimal im Monat im Laden und erinnerte sich an keine einzelne Speise? >>Ich nehm…<< Sie sagte das erste, das ihr einfiel. >>…die Pizza<< Die Kellnerin zog die Augenbrauen hoch. >>Welche Pizza?<< >>Ähhm… Überraschen Sie mich.<< >>Gut…<< Die Kellnerin ging und Nomi könnte schwören, dass sie etwas flüsterte von: >Verrückte…<
Amanita grinste Nomi an. >>Schön hier. Gute Wahl!<< Nomi fühlte sich geschmeichelt. Ihr wurde ganz warm und sie spürte, sie wurde rot.

Amanita mochte ihren Salat und ihre Ravioli und ihren Tee. Nomi mochte ihre vegane, glutenfreie Pilzpizza nicht. Lustlos stocherte sie mit der Gabel in dieser herum und flehte ihren Magen an, nicht zu laut zu knurren. Irgendwann fragte Amanita: >>Das Teufelswerk da schmeckt nicht so. Oder doch?<< >>Nein, überhaupt nicht<< Amanita schob ihre beiden Teller in die Mitte des Tisches. >>Komm<<, lächelte sie sanft. >>Wir teilen<<
Zusammen aßen sie die Nudeln und den Salat, tranken Wasser und Tee. Irgendwann lehnte Amanita sich ganz weit vor, immer und immer näher… Ihre Lippen berührten sich fast… Da machte Nomis Nervosität geschuldeter Wortsalat alles kaputt. Gerade als Amanitas Lippen die ihren berührten, sagte sie: >>Ich war mal ein Kerl!<< Laut. Die Gäste am Nachbartisch blickten sie verstört an. Amanita sank in ihrem Stuhl zurück. Doch Nomi konnte nur noch an eines denken: Weg hier! >>Tut… tut mir leid, ich…<< Sie sprang auf und rannte aus dem Restaurant. Es regnete. Sie sprang in ihren Wangen und fuhr los. >>Nomi, warte!<< Amanita kam aus dem Laden gerannt, doch Nomi konnte nur noch fliehen. Was war nur los mit ihr? Wieso hatte sie das gesagt? Was stimmte nicht mit ihr? Sie verließ den Wagen vor ihrem Wohnhaus und lief hinein. Es regnete hier immer noch. Sie war bis auf die Knochen durchnässt, bis sie in ihrer Wohnung war. Nomi zog sich die Jacke aus, die Bluse, die Schuhe, die Hose. Dann den BH und die Unterhose, sie warf sich in ihren bequemen Schlafanzug und legte sich ins Bett, aber sie konnte die ganze Zeit nur an Amanita denken. Sie hatte alles kaputt gemacht. Mum hatte recht gehabt- sie konnte nichts Gutes oder Richtiges machen. Und in der Wärme und Geborgenheit ihres Bettes begann sie, leise zu weinen.
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