Rosenrot mit den Schwefelhölzern

von Perscitia
KurzgeschichteFamilie, Schmerz/Trost / P12
14.10.2018
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Eine Schachtel Schwefelhölzer

Drei. Das war die Anzahl an Hölzchen, die sich noch in der kleinen Schachtel befanden, die Nene ihr in die Hand gedrückt hatte.
Warum ihre klammen Finger in der Tasche der dünnen Jacke genau danach gegriffen hatten, wusste Rose nicht genau. Vielleicht war es die Illusion einer Wärme, die die Schwefelhölzchen ihr ohne Nährung nie verschaffen würden. Oder vielleicht lag es daran, dass sie von Nene kamen. Oder, dass sie im Grunde genommen schuld an ihrer Misere waren. Nicht schuld daran, dass Bär ihr Nene gestohlen hatte, nicht schuld daran, dass sie die Blicke nicht ertrug, die die Schwester dem hübschen Mann zuwarf, nicht einmal schuld daran, dass sie die Dummheit besessen hatte, hinaus in die eisige Kälte der Weihnachtsnacht zu treten und sich den tränentrüben Weg in den Wald zu bahnen. Sie waren nur schuld daran, dass Rose sich im Wohnzimmer des kleinen Hauses aufgehalten hatte und deshalb Zeuge geworden war, wie Bär eine verliebt kichernde Nene in der nebenliegenden Küche auf die Anrichte gehoben hatte, sein Mund auf ihrem Hals.

Nene hatte sie gebeten, die Kerzen des Baumes anzuzünden und gerne war Rose dem Wunsch gefolgt, wenn auch vielleicht nur um Bärs besorgten Fragen nach ihrem Wohlergehen und Heiratsprojekten zu entgehen. Er war ja so schrecklich fürsorglich. Rose schüttelte sich beim Gedanken an seine traurigen, forschenden Augen, etwas stärker als sie es wegen der Kälte eh schon tat.
Seine Schuld war es eigentlich, dass sie jetzt hier herumirrte, womöglich schon Meilenweit von Mutters Hof entfernt, ganz allein seine. Trotzig verschränkte Rose die schlotternden Arme und starrte in die immer gleiche, düstere Schneelandschaft. Warum musste hier im Wald auch alles gleich aussehen? Als sie jung war, hatte ihr das nie Schwierigkeiten bereitet. Aber jetzt hatte sie keine Ahnung, ob der nächste Schritt sie dem Hof näher oder ferner bringen würde.

Frustriert blieb sie stehen und starrte erneut auf das kleine Schächtelchen in ihren Händen.
„Es wird dich nicht wärmen, Rose“, flüsterte eine innere Stimme. „Und es wird dir auch den Weg nicht erhellen. Nutze lieber das letzte bisschen Tageslicht um zurück zu finden.“
Als ob sie bei Licht im Schnee nicht genauso blind war wie in der Dunkelheit. Entschlossen schlug Rose jegliche Vorsicht in den Wind und fingerte eines der Hölzchen aus der Schachtel. Immerhin würde die kleine Flamme ihr ein wenig ihrer Freude zurückschenken, wenn sie schon an Weihnachten erfrieren musste. Mit einem grimmigen Lächeln entzündete Rose das Hölzchen und ließ die orangene Flamme vor ihrem eisüberzogenen Gesicht tanzen.
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