Red V

von Artem
GeschichteFantasy / P18
13.10.2018
16.06.2019
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Vorsichtig trat ich einen Schritt in die Wohnung. Meine Hand schloss sich augenblicklich um das Messer, das ich in meiner Manteltasche trug. Ja, ich hatte gelernt: Nachdem man zweimal an vermeintlich normalen Tagen überfallen wurde, traf man so einige Vorkehrungen.
"Ist das etwa ein Ao-Messer?", japste Liv hinter mir.
"Ich hatte noch keine Zeit, mir ein anderes zu besorgen."
"Wo hast du das denn überhaupt her?"
"Ein Souvenir meiner Nahtoderfahrung."
Sie stellte keine weiteren Fragen, worum ich sehr glücklich war. Momentan konzentrierte ich mich lieber darauf, nicht noch eine weitere Nahtoderfahrung erleben zu müssen.
Die einzigen Laute, die man im ganzen Apartment hörte, waren unsere Schritte auf dem Linoleum. Ich drehte mich einige Male um die eigene Achse, um das Wohnzimmer nach Eindringlingen abzuscannen. Fehlanzeige. Auch die Badezimmertür trat ich auf, doch außer der Staubschicht auf den Oberflächen schien sich seit meinem letzten Verlassen nichts verändert zu haben.
"Gibt es ein Schlafzimmer?", flüsterte Liv und sah sich um.
Ich deutete auf die immer noch bezogene Couch in der Ecke des Wohnzimmers. "Da."
Ehe sie etwas dazu äußern konnte, checkte ich erneut beide Zimmer bis hin zur letzten Ecke. Es konnte doch nicht sein, dass die Tür offen war, sich jedoch niemand an meinen Sachen vergriffen hatte. Wir waren hier in Jersey. Lange konnte eine offene Wohnung hier nicht unausgeraubt bleiben. Es hieß also, dass die Tür noch nicht lange offen gewesen sein musste.
"Vielleicht hast du damals nur vergessen, abzuschließen", schlug Liv vor.
"Unmöglich", entgegnete ich. "Ich weiß noch genau, wie ich am Abend diese verdammte Tür abgeschlossen habe. Sie hat geklemmt und durch das ewige Rucken habe ich mir einen Splitter eingefangen. Einen riesigen noch dazu."
Die Luft schien zwar rein zu sein, doch ich wagte es noch nicht, mein Messer wieder wegzustecken. Ein drittes Mal würde ich mich nicht so einfach überfallen lassen.
"Dann lass uns einfach abhauen." Sie rieb sich die Arme und ließ ihren Blick immer wieder durch den Raum huschen. "Ich weiß, ich hatte die Idee, aber mir ist das jetzt ein bisschen zu riskant geworden." Beschämt kaute sie auf ihrer Unterlippe.
Livs Unbehagen war nicht schwer zu erkennen. Ich verstand nur nicht, warum es sie auf einmal bei der Angst packte. Sie war doch schon viel länger in der Haupteinheit als ich.
"Du kannst doch kämpfen. Selbst, wenn-"
"Eben nicht!", platzte es aus ihr heraus. "Ich wurde nie dazu ausgebildet! Ich kann Heilen und Siegel zeichnen und Sprüche aufsagen und vielleicht ein paar Tränke brauen, abernicht kämpfen! Bitte, Kae, lass uns gehen. Ich habe kein gutes Gefühl bei der Sache." In ihren sonst so strahlenden Augen spiegelte sich nicht mehr nur Nervosität, sondern Furcht.
Ich sog scharf Luft ein. "Gib mir eine Sekunde, okay?"
Wie vom Blitz getroffen riss ich alle möglichen Schubladen auf. Zuerst fand ich meine Schwerter, die, verglichen mit den Prachtstücken aus der Haupteinheit, nun kaum mehr wie vollwertige Schwerter aussahen. Eher wie Schaschlik Spieße in der Länge meines Unterarms. Ich verstaute sie samt Scheide in meinem Gürtelbund, bevor ich weitersuchte.
"Beeil dich!", drängte Liv.
"Nur noch eine Sache, ich schwöre!" Wild grub ich alle möglichen Schränke und Schubladen um, wurde jedoch immer wieder von dem Messer behindert. Rasch entschied ich mich dazu, es zurück in die Tasche gleiten zu lassen, nur für ein paar Sekunden. Tief in meiner Unterwäsche fand ich dann schließlich, wonach ich gesucht hatte: Die Zitronenseife.
Stolz hielt ich den Block Seife in die Höhe und musterte ihn. "Jetzt können wir-"
Plötzlich schrie Liv auf.
Sofort wirbelte ich herum, um zu sehen, weshalb sie so schrie. Eine Ratte, dachte ich zuerst, oder ein Exhibitionist. Von beiden gab es hier viele. Doch zu meinem Unglück stellte ich fest, dass es weder das eine, noch das andere war, was Liv bis ins Mark zittern ließ.
Es war eine Klinge an ihrem Hals - geführt von einem Mann, dessen leuchtend blaue Kette definitiv weniger ein Fashion Statement als ein Erkennungszeichen war. Aus feurigen Augen schaute er zu mir herüber.
"Hey. Okay." Ich bemühte mich um eine feste Stimme, während ich die Seife unauffällig in meiner Manteltasche verstaute und anschließend die Hände hob. "Ganz ruhig."
Ich war mir mehr als bewusst darüber, dass ich mich anhörte wie ein gutgläubiger Cop aus Navy CIS, der einen Geiselnehmer zu beruhigen versuchte. Meine Beschwichtigungen galten allerdings nicht direkt dem Angreifer, sondern Liv. Sie hatte es, den Tränen auf ihren Wangen nach zu urteilen, nötiger.
"Wie schön, dich hier zu sehen, Katherine", ertönte es aus dem Ao.
Ich widerstand dem Drang, ihn zu korrigieren. Niemand sollte mich mehr Katherine nennen. Doch das war gerade nicht das größte Problem.
"Kennt man sich?", fragte ich, nach wie vor mit erhobenen Händen.
"Natürlich nicht. Wieso sollte das Goldstück der Red V auch einen armen Schlucker wie mich kennen?" Er lachte in einer glockenklaren Stimme, die durch meinen Hörsinn schnitt wie ein Küchenmesser durch rohes Fleisch.
Mein Puls erhöhte sich stetig.Goldstück der Red V?Diese Worte drohten, mich aus dem Konzept zu bringen. Ich musste sie aber verdrängen, denn hier ging es um mehr als mich. Dieser Dreckskerl hatte Liv.
Meine Hand schnellte zu dem Schwert an meinem Hosenbund, doch ein weiterer Schrei von Liv hielt mich auf. Unser Angreifer hatte sie fest bei den Haaren gepackt und drückte ihr das Messer an den entblößten Hals, sodass sich einige Blutströpfchen bildeten und ihr gen Brustkorb flossen.
"Eine weitere Bewegung, Aswang, und sie erstickt an ihrem eigenen Blut."
Er wusste es. Tausende Fragen drängten sich in meinen Verstand. Woher? Wie lange? Wie viele? Hatte Karlsson etwas damit zu tun? Konnte ich es einfach nicht richtig verstecken? War ich zu unvorsichtig gewesen? Doch sie alle verschwanden, als ich meine Augen schloss.
Ich wusste nicht, wonach ich in meinem Geist suchte. Ich war mir nicht einmal sicher, ob ich überhaupt suchte. Es passierte viel zu schnell und unwillkürlich, dass ich genau hätte benennen konnte, welche Energie meinen Körper übernahm. Sie explodierte förmlich in meiner Brust und sandte solch eine Druckwelle aus, dass die Fensterscheiben donnerten und meine Blumenvase vom Esstisch drei Meter weiter an die Wand gepfeffert wurde.
Dem ohrenbetäubenden Krachen folgte ein hohes, gleichmäßiges Fiepen, begleitet von dumpfem Rauschen. Meine Sicht begann, zu verschwimmen, doch ich nahm die Umrisse zweier Figuren wahr, die wie fallengelassene Marionetten auf dem Boden aufschlugen.
Ich sackte auf die Knie und tastete mit zittrigen Händen nach meinem Brustkorb. Alles an richtiger Stelle. Mein Atem ging schnell und flach und drohte, mir in der Kehle stecken zu bleiben. Meine Vernunft wusste, dass das völliger Unsinn war, aber wie die Luft so rasend in meine Lungen und wieder heraus strömte, fühlte es sich an, als würde genau das gleich passieren.
Doch innerhalb eines Wimpernschlags war alles fort. Statt des Rauschens hörte ich die Autos, die draußen auf den Straßen fuhren. Statt des Bebens in meiner Brust spürte ich nur noch mein Herz, wie es hektisch das Blut durch meine Adern pumpte. Und plötzlich kam mir wieder das Wichtigste in den Sinn. Liv.
Ohne Umschweife sprang ich auf und hastete zu ihr herüber. Sie und der Ao lagen regungslos auf dem Linoleum.
"Oh fuck, oh fuck, oh fuck, bitte nicht", wisperte ich. Ich hockte mich zu ihr herunter und nahm ihr Gesicht in die Hände. "Liv. Liv, bitte wach auf."
Als sie nicht reagierte, befürchtete ich das Schlimmste.Ich habe sie umgebracht, schoss es mir durch den Kopf. Immer wieder sagte ich ihren Namen. Während ich ihr unsanft die Wange tätschelte, bewegte sie plötzlich ihren Kopf und ihre Augenlider flatterten.
"Oh fuck!", rief ich ein weiteres Mal, diesmal aber erfüllt von Erleichterung.
Sie murmelte eine Reihe an Dingen, die ich nicht verstand. Das war mir egal. Ein tonnenschwerer Mühlenstein war mir gerade vom Herzen gefallen, und dieses Gefühl brachte mich trotz der Situation zu beinahe hysterischem Lachen.
Das Lachen verging mir nur, als ich die Blutlache neben ihr sah. Obwohl es nicht Liv war, die blutete. Die dunkle Flüssigkeit sickerte aus einer Platzwunde am Hinterkopf des Aos. Seine Augen waren weit aufgerissen und starrten direkt auf die nun rot bemalte Tischkante über ihm.
So wie Liv sich aufrichtete und mit großen Augen den leblosen Körper neben ihr ansah, wurde mir etwas klar.
Ich hatte soeben zum ersten Mal jemanden mit meinen Aswang-Kräften getötet.

***

Nervös schaute ich auf die Uhr. Liv wurde seit etwa einer Stunde auf der Krankenstation behandelt, und das, obwohl sie nicht mehr als einen Kratzer davongetragen hatte.
Sie hatte mir auf dem Weg in die Haupteinheit mehrmals versprechen müssen, kein Wort über all das zu verlieren. Wir würden so tun, als wüssten wir selber nicht, was dort in meiner alten Wohnung geschehen war.
Im Grunde stimmte das ja auch. Ich hatte keine Ahnung, was ich getan hatte. Es war unkontrolliert und unerwartet gewesen. Genau, wie ich mir meine Kräfte immer vorgestellt hatte.
Meine Eltern hatten mich gewarnt, vor dem, was 'hinter meinen Mauern' steckte. Sie wollten nicht, dass ich versehentlich jemanden ernsthaft verletzte, weil ich mich nicht im Griff hatte. Und jetzt? Jetzt war ich hier, weit weg von ihnen, und hatte jemanden umgebracht.
Der Gedanke an sie ließ mich instinktiv in die Manteltasche greifen. Die Zitronenseife war alt geworden, ein bisschen klebrig, doch gerade war sie das Einzige, das mir Halt gab.
Eine Krankenschwester, in dem gleichen Outfit, das ich an Liv gesehen hatte, trat aus der Tür heraus. Ich erhob mich aus meinem Stuhl und erwartete eine Aufklärung über ihren Zustand, so, wie es in Drama Soaps immer aussehen musste. Sie kam jedoch nicht zum Reden, denn in derselben Sekunde stürmte Adrian durch den Flur, geradewegs auf uns zu.
"Wo ist Olivia? Geht es ihr gut?" Er sah komplett verstrubbelt aus, als käme er direkt aus dem Bett. Auf seinem Gesicht zeichnete sich ernsthafte Sorge ab.
"Ihr wird es bald wieder gutgehen", versicherte uns die Schwester. "Sie steht aber noch unter Schock. Es ist besser, sie erst einmal die Nacht durchschlafen zu lassen. Je nach ihrem Zustand könnt ihr sie morgen Nachmittag oder Abend besuchen."
"Was ist passiert?", wollte Adrian sofort wissen.
Mir brannte die Frage auch ein Loch in den Kopf, doch nur, weil ich wissen wollte, was sie erzählt hatte.
"Sie weiß es nicht genau, zumindest bis jetzt. Alles, was sie uns erzählen konnte, war, dass sie von einem Ao bedroht wurde. Dann soll sich eine Art Druckwelle ausgebreitet haben, die sie und ihre Freundin bewusstlos werden ließ."
Ich presste die Lippen zusammen. Liv wusste ganz genau, dass mich die Druckwelle nicht getroffen hatte. Sie log für mich, sogar unter Schock. Angesichts der Situation war das so rührend, dass mir fast eine Träne aus dem Auge geschlüpft wäre.
"Was für eine Freundin?" Adrian legte die Stirn in Falten und sah zwischen der Krankenschwester und mir hin und her. Es dauerte nicht lange, bis er eins und eins zusammenzählte. "Du."
Zustimmend nickte ich und wartete darauf, dass die Schwester durch einen ärztlichen Rat eine peinliche Stille vermied. Diese wünschte uns jedoch bloß einen schönen Abend und ließ uns beide auf dem Gang allein.
Ich ahnte schon, was als nächstes kommen würde. Er würde mir vorwerfen, sie in Gefahr gebracht zu haben. Ein weiterer Streit, obwohl wir uns doch gerade etwas besser verstanden.
Zu meiner Überraschung blieb er ruhig. "Hast du sie hergebracht?"
Mehr als ein weiteres Nicken brachte ich nicht zustande.
Ein leichtes Lächeln huschte über sein Gesicht. Zum ersten Mal nahm ich Notiz von den Grübchen, die sich neben seinen Mundwinkeln bildeten. Sie brachten seine vollen Lippen so richtig in Szene.
"Danke", raunte er.
Nach einer vermutlich viel zu langen Weile, die wir schwiegen, erwiderte ich sein Lächeln.
Ich wusste nicht, was ich auf diesen Dank antworten sollte. Also verließ ich mich darauf, dass mein Gesichtsausdruck die richtigen Worte finden würde.



***Autorenkommentar***
Meine Lieben! Ihr kennt das Spiel. Wenn euch das Kapitel gefallen hat, lasst mir einen kurzen Review da. Ich freue mich ungemein über jeden Kommentar, der bei mir ankommt!
xx Artem
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