Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast 

Die Darcys auf Pemberley Teil XXVII

von Bihi
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Charles Bingley Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Jane Bennet OC (Own Character)
12.10.2018
30.11.2018
37
58.425
13
Alle Kapitel
51 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
26.11.2018 3.350
 
Am nächsten Morgen kleidete Dorothy sich so, wie sie es sonst auch getan hätte. Erstens wollte sie den anderen Gäste keinen vorzeitigen Hinweis geben und zweitens war das ein guter Test: Wenn der Herr die Alltags-Dorothy nicht mochte, war er doch nicht der richtige Herr für sie.
Er kam etwa eine halbe Stunde vor der angegebenen Zeit und wurde in das Arbeitszimmer geleitet.
Dort konferierte er kurz mit Fitzwilliam: „Milord, ich wäre Euch sehr verbunden, könnte ich einige allgemeine Hinweise bekommen, was ich vermeiden muss, um Baronesse Dorothy nicht zu verschrecken. Ich bin mir sicher, dass sie die Dame ist, die ich auf mein Schloss bringen möchte – als Schlossherrin natürlich. Aber das liegt zu weit von Pemberley, um den Umzug nicht mit freudigem, also liebendem, Herzen zu wagen. Ich kann nicht einmal sagen, ob ich früher auch so gedacht hätte. Meine Mutter wurde jedenfalls nicht gefragt. Gerade deshalb hat sie mich dazu erzogen, die Gefühle der Gattin noch vor dem Antrag zu achten. Um ihre Entscheidung gut zu treffen, sollte sie nicht durch Äußerlichkeiten verschreckt werden. Hinweise zu meinem Charakter werde ich also ignorieren. Wenn sie mir nicht so folgen will, wie ich bin, werden wir sicher nicht die Art Ehe führen können, die dem Vernehmen nach Lord und Lady Darcy führen.“
'Die haben wir doch nur, weil ich das damals anders sah! Mal sehen, ob er für unsere Dorothy wirklich gut genug ist.' „Wie haben die Zeilen besagter Baronesse auf Euch gewirkt?“
„Ich war erfreut, von ihr Zeilen zu bekommen, und amüsiert und erleichtert, dass sie so natürlich schreibt wie sie sich auf dem Ball unterhalten hat; schicklich, ohne Frage, aber mit einer nicht sehr gewöhnlichen Lebhaftigkeit. Das ist jetzt kein so ganz passender Ausdruck, aber ich wüsste keinen besseren.“
Er sah ein wenig unsicher auf den Herrn, der hoffentlich im nächsten Jahr sein Schwiegervater werden würde – trotz seiner Unsicherheit im Ausdruck.
„Ich weiß, wie Ihr es meint, und der Ausdruck passt. Ich verwende dafür Kurzformen. Als Kleinkinder sind meine Töchter Wichtel, dann verändern sie sich zu Kobolden und werden schließlich junge Damen, die ihren Kobold fast immer gut unter Kontrolle haben.“
Sir Gwenochs Augen blitzten: „Wenn schon Märchenwesen, dann ist sie aber eine Elfe, Milord!“
„Gut, von mir aus auch Elfe. Die Hauptsache ist, Ihr vergesst nie, dass ein zerstörtes Elfenwesen nicht wiederhergestellt werden kann. Das ist auch schon mein ganzer Rat, auch wenn das jetzt genau die Art Ratschlag war, die Ihr nicht hören wollt. Mehr habt Ihr wohl nicht nötig, wenn ich das richtig verstehe.“
Fitzwilliam war nun angetan, dass dieser intelligente junge Herr nicht nur ein Gespür für Naturwesen hatte, sondern auch noch ausgerechnet 'Elfe' für seine geliebte Dorothy wählte.
„Behaltet unsere Minidamen Silvia und Agatha im Auge. Dann wisst Ihr, was ich meine.“
Sir Gwenoch war erfreut, wie wenig es doch brauchte, ein solches Wesen für sich zu gewinnen. Ihm ging nicht auf, dass es von einem 'normalen Herrn' sehr viel verlangt war. Er war zwar ein guter Katholik, hatte aber auch einen offenen Sinn für die alten schottischen Legenden. Und andere Damen wollte er nicht im Auge behalten, ob nun Mini oder ausgewachsen.

*

Dann gingen die beiden in den Frühstücksraum. Sir Gwenoch Ardmore wurde vorgestellt, und er grüßte die Darcys jeweils mit einer Verbeugung und einem „Ich danke herzlich für die Einladung.“ Arthur fand das sehr höflich, auch wenn er selber doch gar nicht eingeladen hatte. Die anderen Erwachsenen bekamen nur eine stumme Verbeugung.
Sir Gwenoch wollte später am Tag fragen, ob diese große Runde mit den Kindern seinetwegen stattfand. Er war es von seiner Familie gewohnt, dass nur bei großen Anlässen die Kinder in einem anderen Raum speisten. Ach nein, die Frage konnte er sich sparen. Sie wussten ja nicht, wie es bei ihm Zuhause zuging.

Arthur hatte den Verdacht, dass der Herr wegen Dorothy gekommen war. Den Ausdruck in seinen und in ihren Augen glaubte er, noch von Edmund und Jane zu erinnern. Oder hatte er ihn bei Charles und Emma gesehen? Oder bei George und Susan? Vielleicht bei allen drei Paaren? Das war gleichgültig. Der Blick bedeutete sicher bald wieder Hochzeitszylinder und Babydecken, nicht wahr? Aber Schottland war doch sehr weit weg, nicht wahr?
„Sir Gwenoch, darf ich fragen, wie weit es von hier zu Eurem Stammsitz ist?“
„Natürlich, Arthur. Nach Ardmore Castle sind es im Sommer zweieinhalb oder drei, eher drei Tage, im Winter vier, je nach Schnee oder Wetter auch mehr. Es ist nicht weiter als die Strecke Pemberley – London, aber die Straßen sind teilweise nicht so gut, weil das Gelände so ungünstig für den Straßenbau ist.“
„Und es ist ein richtiges Schloss?“
„Nicht eines wie in Märchenbüchern. Eher eine Mischung aus Schloss und Burg. Kennst Du den Tower in London? Meine Anlage ist etwa so groß, aber meiner Ansicht nach sehr viel wohnlicher. Die Mauer um die Anlage habe ich aus Tradition und zum Windschutz beibehalten. Außerhalb dieser Mauer habe ich einen Park, der vielleicht nicht so imposant ist wie Pemberley, weil wir weniger hohe Bäume haben, aber der große Rundkurs ist etwa neun Meilen lang.“
Nicht nur Arthur hörte interessiert zu. Ein Schloss so imposant wie der Tower in einem großen Park für Dorothy? Er war vorerst befriedigt – und Dorothy war es auch. Sie allerdings nicht unbedingt wegen des Schlosses, sondern wegen der Größe des Parks.
„Arthur, darf ich auch eine Frage stellen?“
„Natürlich, Sir Gwenoch.“
„Wie wird hier das Michaelis-Fest gefeiert? Wir haben das nicht in Schottland. Wir feiern Erntedank immer am Tag vor Allerheiligen.“
Nun wurde eifrig erläutert, was Michaelis in den Augen der Kinder war. Natürlich erhielt Arthur lebhafte Unterstützung von den anderen Kindern, selbst von denen, die sich 'nicht so gut' erinnern konnten. Es war dadurch keine sehr gute Beschreibung des Festes, sondern eine Betonung dessen, was den Kindern wichtig war: viel Trubel und Tanz.
Arthur wartete ab, bis seine eifrigen Helfer ihre Kommentare abgegeben hatten, und ergänzte dann: „Erst wird gegessen, dann werden die Ernteerträge verlesen, die Pacht berechnet und vielleicht auch Leute entlassen und eingestellt, aber das wird fast immer gleich nach dem Gottesdienst gemacht; danach, wie bereits erzählt, wird auf drei Flächen getanzt. Eine Fläche ist für höfische Musik hier am Haus, zwei Flächen sind für Reels und Ländler, eine für die, die sich benehmen können und eine für die, die sich schnell mal prügeln wollen. Wir Kinder sind auf der zweiten Fläche. Höfische Musik ist nicht so interessant und beim Prügeln würden wir wohl gegen die Erwachsenen immer verlieren.“
„Und wer macht die Einteilung?“
„Die machen die Leute selber. Die Fläche zum Prügeln ist vom Haus aus nicht gut zu sehen, damit mein Vater nichts merkt.“
Fitzwilliams Schmunzeln zeigte, dass er sich der Prügeleien bewusst war, aber sich nicht einschaltete, wenn es nicht ausartete.
Sir Gwenoch war erleichtert. Bei ihm wurde es ähnlich gehandhabt – einschließlich der Prügeleien. Dann würde seine Gattin nicht erst mühselig lernen müssen, was von ihr erwartet wurde. Gut, die höfischen Tänze müsste er ergänzen, aber das war ein Entgegenkommen, das er sehr gerne leistete. Und nun wusste er, wie der Hinweis auf die Minidamen gemeint war. Nun, die Miniherren waren ja ähnlich. Wenn alle Kinder früher so waren, ließ ihn das hoffen. Er sah ja nicht nur die Kleinen, sondern die Stufen bis zur Volljährigkeit ebenso. Ja, 'Kobold unter Kontrolle' traf es sehr gut. So, wie Lady Darcy wirkte und Lord Darcy sie ansah, war sie wohl für diese Seite des Charakter zuständig, und an ihm war es nun, die Haltung Lord Darcys zu verinnerlichen. Das dürfte ihm nicht allzu schwer fallen.

*

Nach dem Frühstück bot Fitzwilliam allen, die Lust dazu hätten, einen Ausritt an, da dafür am Nachmittag keine Zeit mehr wäre. Natürlich nahmen Dorothy und Sir Gwenoch of Ardmore das Angebot an. Der Herr wurde leise darauf hingewiesen, dass er sich nicht unbedingt beim Hausherrn unter Beobachtung stellen müsse, wenn er darauf achte, dass er mit Baronesse Dorothy nicht hinter dem Hausherrn ritt. Das Angebot wurde dankbar nickend angenommen. So, wie die anderen Herren ihn beäugten, wäre er sicherlich trotzdem unter Beobachtung. Aber das hatte er ja schon vorher geahnt.
Bevor man sich zu den Stallungen begeben konnte, gab Silvia allerdings Jubel-Alarm: Die Cantervilles hatten sich im Tag geirrt! Egal, die kleine Meute stob davon zum Begrüßungsjubel. Der Laird sah schmunzelnd zu und dann amüsiert auf die Krähen, die nach Norden aufflogen.
George erklärte dazu leichthin: „Wir nennen es immer 'die Krähen nach Schottland jagen'!“
Der Gast erwiderte im gleichen leichten Tonfall: „Das erklärt, warum wir an einigen Tagen sehr viel mehr Krähen haben als üblich – und Ardmore liegt in den Highlands. Könnt Ihr mir die Termine nennen, damit wir in Zukunft besser darauf eingerichtet sind? Ich nehme an, immer wenn auf Pemberley etwas Wichtiges gefeiert wird?“
„Wenn die Jungen aus der Schule in die Ferien kommen oder wenn einer der kleinen Jubler sieht, dass eine Kutsche ankommt. Pferde zählen nicht, haben wir festgelegt, damit die Pferde nicht scheuen und unsere Gäste in den Dreck befördern; kirchliche Vertreter übrigens auch nicht.“
Sir Gwenoch lachte herzlich. Nun war auch George davon überzeugt, dass dieser Herr ein guter Gatte für Dorothy wäre.

*

Auf dem Ritt, dem sich auch Canterville anschloss, war Dorothy zwar freundlich, aber doch zurückhaltend. Sie wollte keine vorschnelle Entscheidung treffen, obwohl sie einem Antrag zu dieser Zeit mit nur kurzer Bedenkzeit annehmen würde, bevor sie den Herrn ganz aus den Augen verlor. Sie war sich aber sicher, dass das keine gute Basis wäre für eine Ehe ähnlich der ihrer Eltern.
Canterville sah dem jungen Paar zu und fühlte sich in die Zeit zurückversetzt, in der er um seine Cinderella warb. Es sah ganz so aus, als ob der Herr Erfolg haben würde, wenn er vorsichtig zu Werke ging, und als ob er nicht vorhatte, überhastet vorzugehen.
Sir Gwenoch machte leichte Konversation. Er fragte nach den Vorteilen Londons und denen Pemberleys. Sie schien Pemberley den Vorzug zu geben. Nach einer vorsichtigen Frage nach dem Grund erklärte sie, dass sie den Gutsbetrieb einfach schöner fände. In London bliebe einer Dame doch nicht so sehr viel zu tun außer Haushälterin und Personal zu beaufsichtigen, Morgenbesuche zu machen und auf Abendveranstaltungen zu warten.
„Natürlich sah das für uns Kinder anders aus, wir konnten uns mit unseren Cousins und Cousinen treffen, und zwar häufiger und unkomplizierter als hier auf Pemberley. Das sind unsere Cousinen zweiten oder dritten Grades, so genau kenn ich mich da nicht aus. Auf alle Fälle sind wir verwandt. Mein Vater und ihr Vater sind Cousins und bei den anderen sind die Eltern Tante und Onkel meiner Mutter. Schon praktisch, alle einfach Cousin und Cousine nennen zu können. Seit dem Debüt helfe ich meiner Mutter bei der Versorgung der Armen hier auf dem Gut. Das klingt jetzt vielleicht angeberisch, aber ich fühle mich dabei besser, auch wenn Flanieren und Ausfahrten im Hydepark ihren Reiz haben, aber nicht als Lebensinhalt, nicht wahr?“
„Ihr seid also auf das Leben als Gutsherrin vorbereitet worden, trotz Titel?“
„Nicht ausdrücklich. Meine Mutter lebt es vor, und weil sie so bewundernswert ist, eifern wir Töchter ihr nach. Eine gewisse Vorbereitung erfuhr ich im letzten Jahr auf eigenen Wunsch. Meine Schwägerin erbat Tipps zum Leben als Gutsherrin und ich hörte mit zu und machte mir Notizen zu den wichtigsten Dingen. Man kann ja nie wissen, wozu das einmal gut sein kann.“
„Nun, zum Beispiel dazu, in den Highlands eine fähige Gutsherrin zu werden?“ 'Viel zu schnell! Hoffentlich weicht sie jetzt nicht zurück!'
'Das war jetzt unglücklich provozierend meinerseits.' „Das wäre eine Option, wenn ich die Möglichkeit hätte, dort Gutsherrin, nicht Haushälterin, zu werden.“ 'Ich mache ja alles mit jedem Satz schlimmer.'
'Entzückender Lapsus!' „Ich muss jetzt etwas klarstellen, Baronesse: Ich bin nur hierhergekommen, um zu sehen, ob die wundervolle Erscheinung des Hofballes im Alltag genau so wundervoll ist. Der nächste Punkt wäre dann, abzuklären, ob Ihr geneigt seid, einen Antrag anzunehmen. Den ersten Punkt habe ich bereits für mich mit einem so deutlichen 'Aye' beantwortet, dass ich es beinahe laut gejubelt hätte. Ich muss aber vorwarnen, dass die Nachbarn so weit entfernt leben, dass Morgenbesuche nicht so sehr häufig vorkommen, dafür aber sehr viel ausgedehnter sind als in London. So ungefähr zwei, drei Stunden sind üblich. Bleibt also noch abzuklären, wie viel Zeit Ihr haben möchtet, Euch den erwähnten Punkt zu überdenken. Eine solche Antwort darf ich nicht forcieren, wenn ich Euer Glück im Auge behalten will – und das will ich unbedingt. Ich muss aber hinzufügen, dass ich nicht bereit bin, mehr als fünfzehn Jahre zu warten!“
Dorothys Grübchen vertieften sich.
„Ich weiß nicht, wie Ihr Silvester feiert. So Ihr keine Pflichten zu erfüllen habt, könnte ich meinen Vater bitten, Euch dazu einzuladen. Bis dahin habe ich wohl meine feste Antwort gefunden. Mit einer vorläufigen dürfte weder Euch noch mir gedient sein.“
„Das klingt nach einem verlockenden Zeitplan. Wie wird denn hier Silvester gefeiert?“
Dorothy erklärte es und endete mit: „… aber ohne 'For Auld Lang Syne'. Das würde nach spätestens der dritten Runde von Segenswünschen sicherlich nicht wiederzuerkennen sein.“
„Bestimmt nicht! Warum sollen auch die Engländer mit unserem Lied und unserem Whisky besser umgehen können als wir Schotten? Bei uns werden der Segenswunsch und der Toast nur von den Bewohnern und Hausgästen gesprochen sonst wäre nach der dritten oder vierten Besuchsrunde die Melodie auch nur noch erkennbar, weil wir wissen, was wir singen. Ich brauche also nur dafür zu sorgen, dass ich keine Hausgäste haben werde, und der Butler wird darauf achten, dass das Personal nicht meine Whisky-Vorräte aufbraucht.“ 'Hatte ich erwähnt, dass ich eine Whiskybrennerei habe? Wahrscheinlich nicht. Ist ja auch unwichtig.'
Beide lachten vergnügt und Fitzwilliam atmete auf.
Canterville kam an seine Seite und murmelte: „Der Herr war mir aufgefallen, weil er auf dem Hofball zweimal mit Dorothy tanzte. Sicher, das zeigte auch ihre Präferenz, aber doch auch seine, weil er in den letzten drei Jahren keine andere Dame zweimal aufgefordert hatte. Beim Boulanger war er auf dem Weg zu Euch, schien dann aber Prinz Henry James für einen Rivalen zu halten, der günstiger stand.“
„Aha, und mit wem tanzte er stattdessen?“
„Gar nicht! Aber darum geht es mir jetzt nicht. Ich habe Erkundigungen eingezogen. Das konnte ich in London diskreter als Ihr hier auf Pemberley. Sein Körper und seine Finanzen sind gesund, seine Nachbarn körperlich nicht so sehr wie er, weil er Wärme und Gesundheit höher bewertet als das bei Lairds traditionelle Rheuma. Einer der Nachbarn ist ein gewisser Laird Seamus De Bourgh. Er hatte schon mit knapp dreißig schweres Rheuma, wie Ihr auf Lady Catherines Beerdigung sicher beobachtet habt. Inzwischen soll er außerhalb des Hauses entweder eine Kutsche oder einen Rollstuhl benutzen – je nach dem, was angebrachter ist. Gehen oder Reiten ist zu qualvoll. Jetzt ärgert er sich wohl, dass seine Sparsamkeit solche Konsequenzen hat. Sir Lewis De Bourgh blieb übrigens vom Rheuma länger verschont als seine Verwandten, weil er seiner Gattin zuliebe viele Jahre in Südengland lebte.“
„Und warum habt Ihr Euch die Mühe der Erkundigungen gemacht?“
„Anfangs war es lediglich als Probelauf für die Debüts gedacht, die mir in zwei und vier Jahren bevorstehen. Dann war es einfach nur Interesse an Baronesse Dorothys Wohlergehen.“

*

Bis zum Nachmittag hatte das junge Paar immer wieder Gelegenheit, private Worte zu wechseln, aber Dorothy achtete stets darauf, dass jemand sie im Blickfeld hatte. Sir Gwenoch war beeindruckt. Sie machte das mit einer solch nachlässigen Eleganz, dass es völlig unbeabsichtigt schien. Er war aber überzeugt, dass sie sich mit Absicht so verhielt. Unfassbar, wie perfekt eine Elfe eine Dame sein konnte. Falls sie ihm zu Silvester eine abschlägige Antwort geben sollte, würde er auf Jahre hinaus ledig bleiben müssen, weil so ein Wesen einfach nicht schnell zu finden war.
Eigentlich konnte er sich nicht beschweren. Er kam immer im Frühjahr aus Geschäftsgründen für drei Wochen oder so nach London. Gesucht hatte er nie ausdrücklich, aber bei seinem dritten Hofball bereits gefunden, ganz unabsichtlich. Nein, das war jetzt das falsche Argument. Er hatte in all den Jahren zuvor ja auch unter den schottischen Damen keine ernstzunehmende Kandidatin gefunden. Er war darauf hin erzogen worden, nur eine Dame mit Pikten oder Kelten, aber dann bitte schwarzhaarigen, in der Ahnenreihe zu erwählen. Die meisten Schottinnen waren aber rötlichblond oder rothaarig. Nun, Baronesse Dorothy erfüllte eindeutig die strengen Vorgaben seiner Mutter. Das schelmische Wesen war einfach nur seine Bedingung, nicht die seiner Mutter, und diese Bedingung hatte er erst gestellt, nachdem er Dorothy kennengelernt hatte. – Und nachdem er seiner Mutter von der wundervollen Dame vorgeschwärmt hatte, würde es sicherlich schwer werden, ihr zu gestehen, dass die junge Dame nicht kommen wollte.
(„Mein Junge, diese Lassie klingt wie vom Herrgott für uns gemacht. Verdirb es nun ja nicht, wenn Du nicht nur dem Zorn Gottes, sondern auch meinem entgehen willst!“, hatte sie augenzwinkernd gesagt.)

*

Die Verlesung der Ernteergebnisse dauerte etwas länger als bisher, weil ja anschließend noch die Arbeitslöhne der Tagelöhner berechnet werden mussten. Sie waren sehr erstaunt, wie wenig Geld sie zusätzlich bekommen mussten, weil sie selber fast genug verdienten. Das war natürlich relativ zu sehen. Eine besonders große Familie benötigte fünfzehn Pfund, also immerhin fast ein Drittel des Jahreslohnes, die anderen, etwas kleineren, zwischen fünf und acht Pfund. Die niedrigsten Beträge benötigten bezeichnenderweise die Familien, in denen der Mann zwar das Buch verwahrte, die Frau aber die Finanzen. Die ließ sich nicht nur die Beträge nennen, sondern zählte sie auch gewissenhaft nach und gab das Geld nur wieder heraus, wenn erwiesen war, dass die Ausgabe notwendig war. Die Ausgabe für einen Besuch im Dorfkrug war zwar hin und wieder 'notwendig', aber nicht mehr wöchentlich. Darüber schimpften die Männer und der Gastwirt gleichermaßen. Na, im folgenden Jahr wohl nur noch der Gastwirt. Die Männer waren sehr erstaunt, wie viel Geld man haben konnte, wenn man es nicht wöchentlich in den Krug trug. Vielleicht waren nun bald sogar Rücklagen für den Apotheker möglich!
Dann begann endlich der Tanz. Sir Gwenoch beobachtete lächelnd Tom und Schosch, die vergnügt einen Ringelreihen mit Agatha und der kleinen Dorothy tanzten. Silvia war stolz, von Daniel aufgefordert zu werden – mit einer fast formvollendeten Verbeugung. Wie eine richtige Dame durfte sie tanzen! Nun gut, weder sie noch ihr Tanzherr kannten die Tanzschritte, und so sah ihr Tanz nicht viel anders aus als der ihrer Brüder. Aber sie tanzte als Paar und nicht als Kindergruppe. In solchen Momenten schimmerte ihre Eifersucht auf die kleinen Geschwister mit dem Etikett 'niedlich' durch.
„Hier darf jeder mittanzen?“
„Jeder, der entweder Gast auf Pemberley ist oder auf Pemberleys Gütern lebt. Zweite Bedingung ist, dass er laufen kann. Krabbeln ist bei diesem Gedränge nicht so angebracht. Einer unserer kleinen Gäste hatte sich einmal mitten auf der Tanzfläche schlafen gelegt. Nichts passierte, alle Paare tanzten um ihn herum, bis die Nanny kam und ihn ins Haus brachte.“
Ja, dieser Haushalt lebte nicht nach der Adelsetikette. Er mochte gar nicht daran denken, wie sich Baronesse Dorothy entwickelt hätte, wenn Lord Darcy gegen Wichtel und Kobolde wäre, obwohl sie in Wirklichkeit eine Elfe war.
Die größte Überraschung des Abends war für ihn, dass Baronesse Dorothy ausgezeichnet Reels tanzen konnte. Er brauchte sie kaum zu führen, sie setzte jede Figur sofort nach einer andeutenden Bewegung seinerseits um. Die zweitgrößte Überraschung war aber die Musik für den Eröffnungsball und den Boulanger. Man brauchte nur die Gastgeber zu betrachten, um zu sehen, dass dies sozusagen die Hymnen ihrer Herzen waren, die Mozart vorausgeahnt und zu Papier gebracht hatte.

*

Nachdem sich Sir Gwenoch verabschiedet hatte, um in den Gasthof zurückzukehren, sagte Dorothy erschrocken: „Ich habe vergessen, ihn zu fragen, warum er mich nicht zum Boulanger aufgefordert hatte.“
„Auf dem Hofball, meint Ihr? Da war er auf dem Weg zu Euch. Dann sah es für ihn wohl so aus, als ob Henry James Euch schneller erreichen würde, und daraufhin ist er gegangen – so eilig, dass er nicht mehr sah, wie Henry James Gigi aufforderte.“
„Vielen Dank, Eure Königliche Hoheit, für diese erfreuliche Auskunft!“, strahlte Dorothy.
Canterville schmunzelte, weil der volle Titel von den 'Kindern' privat sehr selten verwendet wurde. Dorothy war also wirklich dankbar für diese Auskunft.
Review schreiben
 Schriftgröße  Schriftart  Ausrichtung  Zeilenabstand  Zeilenbreite  Kontrast