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Die Darcys auf Pemberley Teil XXVII

von Bihi
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Charles Bingley Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Jane Bennet OC (Own Character)
12.10.2018
30.11.2018
37
58.425
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12.11.2018 3.124
 
Endlich war dieser so wichtige Tag gekommen. Gigi wählte Kämme aus dunkelbraunem Horn. Dorothy wollte Gigi ihr rotes Chignon-Netz leihen.
Gigi lehnte dankend ab: „Du kommst doch mit auf den Hofball. Da ist es nicht recht, dass ich allen Putz bekomme und Du hast keinen. Das kann ich einfach nicht annehmen. Dieses dunkle Netz ist vollkommen angemessen, weil ich doch den Familienschmuck bekomme.“
Dorothy war gerne einverstanden. Sie hatte nicht nur ihr rotes Haarnetz und rote Einsteckkämme, sondern auch einen roten Emaille-Haarreif, in den sie die Perlenstränge ihrer Mutter einhängen konnte – und durfte. Das sah so beeindruckend aus wie der Saphir-Haarreif mit den Perlen.
Gigi wurde nun doch nervös, auch wenn sie sich große Mühe gab, methodisch und ruhig zu bleiben. Sie holte sich also eines der billigen Taschentücher, damit sie ihr feines nicht vor der Zeit zerknüllte. Immerhin war sie methodisch und ruhig genug, es dann in der Kutsche zu lassen.
Das Defilee verlief erwartungsgemäß glatt. Das Ritual der Hofknickse hatte eine beruhigende Wirkung auf sie. Nun ja, Gigi war schon immer etwas anders. Seine Majestät bemerkte jedenfalls, dass Baronesse Georgiana nicht nervös oder schüchtern aussah, sondern ihn voller Vorfreude auf dieses Ereignis anstrahlte. Diese junge Dame wollte er im Auge behalten. Wenn sie schon beim Defilee so strahlte, wie würde sie dann wohl aussehen, wenn sich die erste Nervosität gelegt hatte?

*

Sobald das Defilee vorbei war, Louisa stand inzwischen, natürlich mit ihren Eltern, bei den Darcys, ergab sich etwa fünf Meter weiter eine interessante Konstellation: Earl und Countess of Mannly gesellten sich mit ihrer Debütantin zur Duchess of Gloucester, woraufhin Prinz Henry James sich auf die andere Seite seines Vaters stellte. So wie die Countess, die Duchess und auch die Komtesse den Prinzen ansahen, war klar, was von ihm erwartet wurde. Sein Positionswechsel schien anzudeuten, was er davon hielt. Immerhin hätte er jederzeit erklären können, dass er von seiner neuen Position die entzückende Komtesse besser bewundern konnte. Seine Mutter unterließ vorsichtshalber eine entsprechende Frage, um nicht belogen zu werden. Sie hatte noch die Diskussionen vom Januar im Kopf und hoffte, dass er höflichkeitshalber wenigstens den ersten Tanz mit der Komtesse tanzte.
Komtesse Marie-Claire nahm sich vor, ihn nach den ersten Takten des Eröffnungstanzes zur Rede zu stellen. So konnte er nicht mit ihr umgehen. Sie musste sich ihn rechtzeitig erziehen. Schließlich hatte sie ihn dazu ausersehen, sie zu einer Duchess zu machen. Ihre Mutter und ihre zukünftige Schwiegermutter waren auf ihrer Seite. Er hatte also keine Chance des Widerspruchs. Sie erkannte aber, dass die nächsten Jahre anstrengend werden könnten, wenn sie Henry James nicht heute Abend zu einem Verlöbnis verleitete, da er sich sicherlich zum begehrten Junggesellen entwickelte. Nun, sie war zum Kampf bereit, schließlich galt es ja einen Titel.
Der Duke of Gloucester murmelte seinem Sohn zu: „Keinen Eklat, bitte. Dies ist weder Eure Verlobung noch Eure Hochzeit, sondern Euer Debüt, da könnt Ihr mit vielen Damen tanzen.“
„Herr Vater, das habe ich auch vor! Ich werde mit vielen, aber gewiss nicht mit jeder tanzen.“
Der Duke war es zufrieden. Er verstand, wie es gemeint war.
Emily hörte natürlich nicht, was dort vor sich ging, aber sie sah, was wohl vor sich gehen sollte, und gab ihrem Joseph einen Wink, der ganz kurz mit Fürst Southey sprach: „ … es geht mir nicht um Gigi. Die muss notfalls damit fertig werden wie andere Damen auch, aber ich bin mir absolut sicher, dass Henry James das nicht verdient hat.“
Der Fürst nickte wortlos und wechselte mit seiner Familie an eine passendere Position.
Dann wurden die sechzehn Debütantinnen aufgerufen, zwecks Vorstellung in alphabetischer Reihenfolge Aufstellung zu nehmen.
Baronesse Georgiana stand neben Miss Fitzwilliam, dann kam Komtesse Marie-Claire hinzu, die leise Gigi und Louisa anzischte: „Ich habe wenigstens den Anstand bewiesen, meiner Mutter den prachtvollen Schmuck zu überlassen.“
„Wenn Ihr genau hinseht, werdet Ihr erkennen, dass unsere Mütter ebenfalls in vollem, prachtvollen Schmuck erschienen sind – nicht nur wir“, erwiderte Gigi nach einem Moment der Empörung ebenso leise, verzog dabei sogar noch ihre Mundwinkel zu einem leichten Lächeln.
Sie hatte trotz ihrer Unerfahrenheit erkannt, dass die zur Debatte stehenden vier Schmuckkollektionen bestimmt nicht der der Countess of Mannly unterlegen, der der Komtesse aber überlegen waren. Komtesse Marie-Claire verstummte verärgert, weil sie zu der gleichen Erkenntnis kam. Hätte sie doch nur genauer hingesehen, bevor sie den Mund aufmachte. Sie musste doch jetzt wie ein Gänschen vom Lande dastehen. Nur gut, dass Prinz Henry James sie nicht gehört haben konnte.
Elizabeth Marlborough stand zwei Plätze weiter. Sie hatte das natürlich auch mitbekommen. Man durfte ruhig ungebührlich neugierig sein, man durfte es nur nicht zeigen, fand sie. Sie war empört, wie diese affektierte Marie-Claire sich verhielt und beschloss auf der Stelle, ihren Eltern noch am Abend davon zu berichten. Das fehlte noch, dass sie auf den Gesellschaftsabenden ihrer Eltern mit diesem Hohlkopf Konversation betreiben musste!
Die stolzen Eltern der Debütanten standen so, dass sie die Gesichter der jungen Damen sehen konnten. Die besorgten Mütter von Töchtern wollten kontrollieren, ob das Lächeln trotz Nervosität sichtbar war, die besorgten Mütter von Söhnen wollten sehen, mit welch strahlendem Lächeln ihre Lieblinge empfangen wurden.
Die Duchess of Marlborough hoffte, dass Prinz Henry James nicht ihre Tochter aufforderte. Sie befürchtete, dass diese sich einen ganzen Tanz lang bei ihm beschweren würde, dass Francis wieder in der Schule war, statt hier bei ihrem Debüt mit ihr zu tanzen. Sie hatte zwar gerne zugegeben, dass Pflichtgefühl wichtig sei, aber doch auch Gefühl ohne Pflicht, nicht wahr?
Lady Darcy war nicht besorgt. Jedenfalls nicht aus diesem Grund. Ihr machte es Sorgen, dass es offensichtlich eine kurze Unterhaltung zwischen der Komtesse und ihrer eigenen geliebten Baronesse gegeben hatte. Hoffentlich hatte sie ihren Kobold gut unter Kontrolle! Bei dem Gedanken, dass Gigi nur unter akuter Gefahr aggressiv wurde, entspannte sie sich zwar etwas, aber falls die Komtesse sie zu sehr provozierte, waren zerstörte Frisuren nicht dem Ereignis angemessen.
Fitzwilliam war sehr viel nervöser. Er hoffte, dass Gigi nicht zu bedrückt wirkte, wenn Prinz Henry James eine andere Dame aufforderte. Das wäre doch ein Affront für die anderen Debütanten. Er beruhigte sich mit dem Gedanken, dass Gigi wusste, was sie diesem Abend schuldete.
Henry James stand so, dass er sowohl Miss Fitzwilliam als auch die Komtesse gut erreichen konnte. Seine Mutter war erleichtert. Sie sah diese Bürgerliche absolut nicht als Konkurrenz für die Komtesse an. Deren Mutter war zwar 'ein wenig anmaßend', aber die Familienlinie war alt, also passend für ihren Erstgeborenen. Der sollte ja die Tochter heiraten, nicht die Mutter, nicht wahr? Natürlich vergaß sie in diesem Augenblick wie üblich, dass sie selber nicht aus alter Adelslinie stammte und damals einen Erstgeborenen geheiratet hatte – und gewiss nicht auf Wunsch seiner Mutter.
Für die Countess of Mannly war es undenkbar, dass es für ihre Tochter überhaupt eine Konkurrenz gab. Schließlich hatte sie ihre Tochter sorgfältig auf diesen Augenblick hin erzogen. Marie-Claire stellte alle Mitbewerberinnen in den Schatten, dessen war sich die stolze Mutter sicher.
Henry James überblickte die Aufstellung und die Gunst der Stunde sehr schnell. Neben ihm stand ein Zimmergenosse aus Eton, der ebenso wie er Sonderurlaub für dieses Debüt erhalten hatte.
Er sprach ihn mit fast unbewegten Lippen an: „Du gehst hinter mir herum zu der Dame, die mir direkt gegenübersteht. Ich übernehme dann Deine.“
„Klar doch! Mir gleich, die sind doch alle wunderschön, und ich kenne keine von ihnen.“
Es war ihm wirklich gleichgültig und hatte nichts mit Ehrfurcht vor dem Rang Henry James' zu tun, der in der Schule keine Rolle spielte.
Gigi wartete auf den Beginn des Balles. Es gab eine ausgewogene Zahl von Damen und Herren. Der Debütant, der ihr direkt gegenüber stand, sah gut aus, und ob Henry James sie wirklich sofort oder erst zum nächsten Tanz holte, war ihr auf einmal nicht mehr ganz so wichtig. Das war ihr Debüt bei Hofe, nichts anderes zählte. Sie hörte vor Freude gar nicht, wie die Herren aufgefordert wurden, sich zur Dame zu begeben. Sie dachte nur noch an die große Ehre, die sie gerade erleben durfte. Sie strahlte, sie lächelte – und öffnete ihren Mund zu diesem lautlosen Lachen, das schon immer ihr Markenzeichen gewesen war.
Seine Majestät war beeindruckt. Das sah so gar nicht kokett aus. Es war immer noch die reine Freude an diesem Abend. Davon war er überzeugt.
Die Herrenwelt war wie verzaubert – bis auf Fitzwilliam, der entsetzt war, dass seine geliebte kleine Gigi dieses Speziallachen nun einem Fremden schenkte. Für einen Moment sah es so aus, als ob alle Debütanten auf Gigi zusteuern wollten. Aber da war Henry James schon bei ihr, und die anderen Herren bemühten sich, ohne Aufsehen eine andere Dame zu erwählen. Das war nicht schwer, da es ja ein ausgewogenes Verhältnis gab.

Die Countess of Mannly zischte empört: „Also wirklich, wie ist dieser Prinz nur erzogen worden, dass er zu seinem Debüt mit einem Flittchen tanzt, das sich irgendwoher passablen Schmuck geliehen hat, um nicht so aufzufallen.“
Das hörte Fürst Southey, der herablassend sagte: „Erstens stammt diese junge Dame aus einer sehr alten Adelslinie – wie bei der Vorstellung zu hören war, zweitens ist dieser Schmuck fast ebenso altes Familienerbe – wenn Ihr Eure Augen nach rechts wendet, werdet Ihr erkennen, dass auch Mutter und Schwester in vollem Schmuck erschienen sind, die Familie also überreich ausgestattet ist – und drittens solltet Ihr Euch in Zukunft besser informieren.“
Prinz Henry sagte: „Das hätte ich nicht besser formulieren können. Die Familie meines Patenkindes ist untadelig.“
Die Dame sollte merken, dass sie mit ihrer Anmaßung den Hochadel beleidigte.
Die Duchess trat, damit die Countess einen ungehinderten Blick hatte, ein wenig zur Seite und ergänzte in kalter Gehässigkeit: „Ich bin hocherfreut, dass mein überaus wohlerzogener und wohlgeratener Sohn Baronesse Georgiana aufgefordert hat, die schon seit Jahren ihre gute Erziehung unter Beweis stellt. Für ihn erwünsche ich nämlich bessere Verbindungen als die Familie von soeben erwiesener Missgunst!“
Der Duke hätte vor diesem Vorfall nur zwei Dinge gegen die Familie vorzubringen gehabt: Sie war nicht versiert in der höfischen Etikette und sie sah keinen Grund, in dieser Hinsicht dazuzulernen – seit nun etwa zwölf Jahren nicht. Sie wollten 'natürlich' bleiben. Diese Borniertheit stieß ihn ab. Nun kam noch hinzu, dass diese Countess seinen Erben verunglimpft hatte. Er stimmte also mit seiner Gemahlin überein und nickte ihr wortlos zu. Sie erkannte es als Kompliment, dass er nichts hinzufügte.
Der Earl of Mannly war entsetzt, weil seine Gemahlin diese offenen Tadel leider verdient hatte, sowohl den des Fürsten als auch den der Duchess. Dabei hatte er sich einen weiteren sozialen Aufstieg von dieser Verbindung erhofft.
Auf der Tanzfläche ging es nicht ganz so lebhaft zu. Henry James hatte dafür gesorgt, dass er nicht mit der Komtesse in einer Vierergruppe tanzte. Wenn seine Mutter nicht oder nur sanft insistierte, würde er den ganzen Abend nicht mit dieser Komtesse tanzen, weder als Tanzpartner noch in einer Gruppe. Aber einen Eklat durfte sich ein Gloucester natürlich nicht leisten.
„Baronesse Georgiana, mir ist bekannt, dass Damen auf ihrem Debüt gerne mit möglichst vielen Herren tanzen möchten. Ich werde mich also für fast den ganzen restlichen Abend zurückhalten. Allerdings erbitte ich den Boulanger.“
„Prinz Henry James, diese Bitte erfülle ich Euch gerne.“
Jetzt meldete sich der Tänzer von Louisa zu Wort: „Drei Tänze gleich am ersten Abend wären wirklich unschicklich. Aber was spricht dagegen, dass wir zum zweiten Tanz die Gruppe beibehalten und nur die Partner tauschen? Auch ich würde den Boulanger gerne jetzt bereits bei Euch reservieren.“
Er fragte eindeutig Louisa, nicht das höhergestellte Paar.
Diese antwortete: „Die erste Idee finde ich so nett, dass ich sie ohne Bedenkzeit gutheiße, natürlich vorbehaltlich der Zustimmung des Prinzen und der Baronesse. Und dem letztgenannten Wunsch stimme ich ebenfalls gerne zu, ohne Rücksprache.“
Das andere Paar gab unverzüglich seine Zustimmung zum Tausch.

*

Zur Pause saßen die Fitzwilliams mit und ohne Titel und die Darcys an einem Tisch. Die Countess sagte freundlich: „Baronesse Georgiana, es geht mich ja nichts an, aber könntet Ihr erklären, warum Ihr den Prinzen so angelächelt habt vor dem ersten Tanz? Ich bin überzeugt, er wäre auch ohne diese Verlockung zu Euch gekommen.“
„Milady, ich habe ihn nicht angelächelt.“, antwortete sie verblüfft. „Ich war mir gar nicht bewusst, dass ich lächelte. Ich hatte mich nur gefreut, dass nun mein Hof-Debüt im Begriff war, zu beginnen. Vielleicht hat man mir diese Vorfreude ein wenig angesehen?“
„Das hat man allerdings.“, bestätigte der Earl. „Zeigen alle Darcy Damen ihre Freude so augenfällig und dennoch herzerwärmend?“
Gigi zuckte ratlos die Schultern.
Fitzwilliam übernahm: „Nein, das kann nur Gigi, schon seit sie noch in Wickeltüchern lag. Heute habe ich zum ersten Mal erlebt, dass sie dabei weder mich noch Francis ansah.“
Er war erleichtert, dass sein Kobold wirklich keinen anderen Herrn so bedacht hatte. Obwohl – Henry James war es vielleicht zu gönnen … solange er selber nicht davon erfuhr.
Tom saß so, dass er gerade eben noch hören konnte, was am Tisch der Mannlys gesprochen wurde. Der erste Tanz wurde gerade besprochen. Er hörte 'hergelaufen', 'erschwindelter Titel' und 'erschwindelte Einladung'.
Er stand abrupt auf, ging an jenen Tisch und bat nach einer vollendeten Verbeugung: „Ist es mir gestattet, Komtesse Marie-Claire für einige Augenblicke an meinen Tisch zu führen?“
Auf einen Wink ihrer Mutter stand sie auf, wenn auch nicht unbedingt freudestrahlend. Aber darauf wollte Tom auch nicht bestehen. Er hatte seinen Namen nicht genannt und sie hatten nicht danach gefragt, obwohl sie sich nicht vorgestellt worden waren. Kannten sie nicht diese einfache Regel?
An seinem Tisch sagte er: „Komtesse, darf ich erklären, in wessen Gesellschaft ich speise? Earl und Countess of Derby, seit ungefähr vierhundert Jahren adlig. Mr. und Mrs. Fitzwilliam, die ihre Adelslinien auf englischer und auf schottischer Seite ebenfalls so weit zurückverfolgen können. Baron Darcy mit Gemahlin, die Linie ist ebenfalls mindestens vierhundert Jahre alt. Wir übrigen sind die Kinder dieser Paare. So viel zu hergelaufen. Oh, ich vergaß, meine Begleiterin vorzustellen: Gestattet bitte, dass ich Euch Komtesse Marie-Claire vorstelle, fast ihr ganzes Leben lang adlig. So, Komtesse, nun seht Euch einmal den Schmuck dieser Damen hier am Tisch an und verratet mir, wer denn nun zugunsten einer anderen auf Putz verzichtete. … Das könnt Ihr nicht so schnell? Nun, so geleite ich Euch an Euren Platz zurück, damit Ihr es Euch dort in aller Ruhe überlegen könnt.“
Als er von ihrem Tisch zurückkehrte, hörte er ein geächztes: „Das ist Mr. Darcy!“ und das ebenso entsetzte Tuscheln ihrer Mutter: „Um Himmels Willen, welche Blamage! Deine Rivalin ist eine Darcy und wir haben es nicht erkannt!“

Das war wirklich zu viel Schmach für einen Abend, hatte sie doch feststellen müssen, dass die Gloucesters in aller Eile eine Änderung der Tischordnung erwirkt hatten. Ursprünglich wollten die beiden Familien gemeinsam speisen, um die Belange der Verlobung zu besprechen. Sie saßen nun ziemlich weit voneinander entfernt und Prinz Henry James hatte sich mit dem Rücken zu Komtesse Marie-Claire gesetzt, konnte aber Blickkontakt zu Baronesse Georgiana aufnehmen. Die verletzte Mutter machte sich nicht die Mühe, auch noch diesen subtilen Tadel länger als notwendig im Blick zu behalten.

„Tom, woher weißt Du denn, wie lange diese Familie schon einen Titel hat?“
„Ich habe ganz am Anfang der Pause auf dem Gang um einen Collins gebeten. So schnell, wie der Diener damit zurückkam, scheint das keine ungewöhnliche Bitte zu sein. Es ist zwar eine alte Linie, aber ihr Vater ist der dritte Sohn; vor etwa zwölf Jahren beerbte er seine Brüder.“
„Und wie kommst Du dazu, zu sagen, dass die Darcys eine lange Ahnenreihe haben?“
„Die haben wir doch! Ahnen hat doch jeder; von altem Adel habe ich doch nichts gesagt, nicht wahr?“ 'Jetzt hätte ich mich beinahe verraten. Dabei muss ich doch erst noch ein wenig weitersuchen, bevor ich sicher sein kann, dass unser Adel bis in die Keltenzeit zurückreicht.'

Elizabeth Marlborough hatte zwar nicht jedes Wort verstanden, konnte sich aber den Zusammenhang denken. Sie berichtete also ihren Eltern davon, angereichert mit Informationen, die sie sowohl von Prinz Henry James bei ihrem Tanz als auch von Marie-Claire mehr oder weniger unverblümt gehört hatte, weil sie, wie sie es nannte, 'zweimal einer Vierergruppe mit Marie-Claire nicht entkommen konnte'. Ihre Eltern waren gewiss unkonventionell, entschieden aber ohne Absprache auf der Stelle, dass die Mannlys nie auf ihren Gästelisten auftauchen sollten. Vorsichtiges Befragen ergab, dass man sich um Gigi wohl keine Sorgen machen musste, weil sie sich glänzend selber verteidigt hatte. Seine Königliche Hoheit empfand besonderes Vergnügen daran, weil er sich noch erinnern konnte, welchen Aufruhr dieser Schmuck erzeugt hatte, als Lady Darcy ihn zum ersten Mal zu einem Hofball trug. Bei den Marlboroughs wurde jedenfalls genau so herzlich gelacht, bzw. gelächelt, wie bei den Darcys.

*

Auch während des zweiten Teils des Abends waren die jungen Damen sehr vergnügt. Sehr viele junge Herren wollten einen Tanz mit entweder Gigi oder – wenn sie zu spät kamen – mit Dorothy oder Louisa, um in den Genuss dieses Strahlens zu kommen, das leider den ganzen Abend nicht wieder aufleuchtete. Dorothy und Louisa hatten nichts gegen dieses Verhalten. Es waren ausnahmslos sehr nette und sehr wohlhabende junge Herren, also keine Mitgiftjäger. Zwei Herren waren so nett, dass Dorothy sogar zweimal mit ihnen tanzte. Ihre Eltern nahmen es mit Verwunderung zur Kenntnis. Das hatte Dorothy bisher nur mit Edward oder Fitzwilliam Gardiner gemacht.
Die Marlboroughs waren leicht erstaunt, daß auch der Earl of Mannly die Debütantin aufforderte. Aber sie gestatteten den Tanz höchst huldvoll. Als der Earl dann fragte, was denn Marie-Claire zu Anfang des Debüts gesagt habe, entschied sich Elizabeth innerhalb eines Wimpernschlages, die ungeschickte Anfrage zu beantworten. Man forderte auf einem Tanz keinen Tratsch, schon gar nicht über die eigene Familie, man traschte selber und lockte mit entsprechenden Bemerkungen die erhofften Informationen heraus. Sie antwortete dennoch ehrlich, weil sie hoffte, damit Marie-Claire Ärger zu machen. Sein eventuelles Urteil über sie machte ihr keine Sorgen.
Um seiner Gigi die Peinlichkeit zu ersparen, Herren abzuweisen, tanzte Henry James den vorletzten Tanz nicht. Stattdessen machte er sich auf den Weg Richtung Darcys, um sie aufzufordern, sobald sie vom vorherigen Tänzer gebracht wurde. Nach dem Ball geleitete Henry James seine Dame formvollendet zur Kutsche. Er ging vor den anderen her. Er wollte verhindern, dass es zu Stürzen kam, weil sich die Herren Väter und Brüder immer nach dem letzten Paar umwandten, wie er Gigi schelmisch grinsend verriet.
Sie antwortete: „Und zwei oder drei Cousins wohl gleich mit!“
„Oha, das ergäbe ja eine Massenkarambolage!“*
Ja, zusammen tanzen taten sie so gerne wie schreiben oder konstruieren, aber zum Flirten fanden die beiden es noch etwas zu früh, weil der Prinz noch einige Jahre Schulzeit vor sich hatte. Sie unterhielten sich lieber 'einfach so'.



* Englisch pile-up, also ungeordnete Anhäufung, was dem Bild ineineinder laufender und stürzender Brüder, Väter, Onkel und Cousins sehr gerecht würde.
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