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Die Darcys auf Pemberley Teil XXVII

von Bihi
Kurzbeschreibung
GeschichteFamilie, Liebesgeschichte / P16 / Gen
Charles Bingley Elizabeth Bennet Fitzwilliam Darcy Jane Bennet OC (Own Character)
12.10.2018
30.11.2018
37
58.425
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30.10.2018 1.807
 
Fanny Fitzwilliam hatte sich damit abgefunden, dass sie doch wieder nur Eintopf zum Weihnachtsfest hatte. Sie musste leider zugeben, dass es ihre eigene Schuld war: Genug Haushaltsgeld für ein besseres Essen hätte sie gehabt, aber sie hatte immer noch nicht besser kochen gelernt. Gut, das müsste sie im nächsten Jahr unbedingt lernen, nicht wegen der Feste, sondern weil sie doch so sehr darauf baute, dass ihr nächster Plan im Kampf gegen ihren Gatten gelingen würde. Sie würde jedenfalls keinen Richter für sich einnehmen können, wenn sie erstens kein Geld für eine Köchin hatte und zweitens keine angemessenen Mahlzeiten für ihre Kinder zubereiten konnte.

*

Bevor noch das alte Jahr beendet war, überlegte sie, wie sie den nächsten Angriff auf Mr. Fitzwilliams arrogante Überlegenheit orchestrieren müsste. Auf keinen Fall wollte sie wieder an den Richter schreiben. Da war nicht gewährleistet, dass er ihn auch in dem Sinne las, in dem sie ihn geschrieben hatte. Ihr Pfund, mit dem sie wuchern konnte – und mit dem sie dieses Mal nach Kräften zu wuchern gedachte, war ihr immer noch gutes Aussehen.
Sie überlegte, wie sie sich angemessen kleiden konnte. Sie musste doch ihren Stand unterstreichen können, hatte aber schon lange kein neues Kleid mehr gehabt. Dann fiel ihr ein, dass ein altes Abendkleid auf dem Land durchaus noch am Tage angezogen wurde, wenn es für Abendessen nicht mehr genügte. Sie sichtete also ihre Kleider für Abendgesellschaften. In die drei neuesten – leider auch schon zwei Jahre alt, aber der Richter kannte sich vielleicht nicht so gut aus – passte sie sogar noch ohne Schwierigkeiten. Gut. Dann übte sie an Servietten das Bügeln, weil sie sichergehen wollte, dass niemand im Großen Haus von ihrem Plan erfuhr, bis es zu spät war.  
Vor einem Spiegel – ihrem Vater sei Dank, dass er in jenem September auch für ihr Schlafgemach hier einen gekauft hatte – übte sie dann die passende Pose. Sie wollte nicht zu selbstbewusst, aber auch nicht zu unterwürfig wirken. Einerseits war sie eine Dame von genügender Eigenständigkeit, die Verantwortung für ihre Kinder zu übernehmen, andererseits war sie eine Dame, die ihr hehres Ziel nicht ohne den wohlwollenden Beistand eines Herrn des Gesetzes erreichen konnte.
So, Kleid und Pose waren nun angemessen, wie sie meinte. Jetzt musste sie ihr Anliegen so vorbereiten, dass jeder mitfühlende Herr sofort von ihrer mütterlichen Sorge eingenommen war. Sie hatte gleich Anfang Dezember darum gebeten, ihr mitzuteilen, welche Punkte denn gegen sie gesprochen hätten. Die Bitte wurde aber nicht erfüllt. Einsicht in die Akten könne nur beteiligten Anwälten gewährt werden, aber sie hätte ja keinen hinzugezogen. Das war jetzt misslich. Sie wollte auch jetzt keinen Anwalt hinzuziehen. Egal, wer das wäre, der würde doch sicherlich auf Seiten des Gutsherrn stehen, nicht wahr?
Der letzte Punkt war der schwierigste und kostete sie tatsächlich einige Stunden Schlaf. Das war schon alleine deshalb schlecht, weil sie doch den Herrn Richter durch ihre Schönheit blenden wollte, bevor sie ihn mit ihren Argumenten ganz und gar für sich einnahm. Wie sollte sie stilvoll nach Leicester kommen, wenn ihr nur Esel zur Verfügung standen? Sie befand schließlich, dass sie ihren Karren wohl in einem Mietstall unterstellen müsste, um dann den Rest des Weges zu Fuß zu gehen. Das war immer noch besser als damit vor Gericht vorzufahren.

*

Am 10. Januar war es schließlich so weit. Sie fuhr nach Leicester. Im Gericht erfuhr sie dann, dass der Herr Richter üblicherweise nur mit Anwälten oder Notaren sprach – jedenfalls außerhalb der Verfahren. Der Sekretär war von ihrem seelenvollen Augenaufschlag so angetan, dass er zu Seiner Ehren ging, um zu fragen, ob eine Ausnahme vielleicht möglich sei.
Seine Ehren erkannte natürlich den Namen und dachte bei sich, dass er diesem Possenspiel wohl schneller ein Ende bereiten könnte, wenn er sie empfinge. Also ließ er bitten, aber vorher noch den Vorgang vom vergangenen Dezember kommen.
Ihr Augenaufschlag, der ihre Bitte um Übertragung des Sorgerechts begleitete, verfehlte seine Wirkung. Diese Augen hatten nach den ihm vorliegenden Zeugenaussagen die kleinen Fitzwilliams seit dem Frühjahr letzten Jahres nicht mehr registriert – und damals auch nur, um zu kritisieren. Er versuchte nun mit ähnlichen Fragen wie dieser Herr – der sich verständlicherweise nicht mit Visitenkarte gemeldet hatte – gestellt hatte, die Aufrichtigkeit dieser Mutter zu testen.
„Welche Geschenke habt Ihr den Kindern zu Weihnachten gegeben?“
„Wenn sie nicht bei mir feiern, bekommen sie von mir keine Geschenke.“
„Welche Geschenke hattet Ihr denn vorbereitet?“
„Keine. Euer Ehren, die Hauptsache an Weihnachten ist doch die christliche Bedeutung, nicht wahr?“
„Stimmt, ich vergaß, dass in vielen Familien, speziell des Hochadels, die Bescherung noch am 6. Dezember stattfindet. Was hattet Ihr da geschenkt?“
„Nichts, weil ich so enttäuscht war, dass Ihr mir das Fest mit den lieben Kindern verwehrt hattet.“ 'Immerhin erkennt er an, dass ich aus dem Hochadel stamme. Sehr beruhigend.'
„Was hat Euer Sohn zu seinem Geburtstag bekommen?“
„Ich habe ihn noch nicht sprechen können, weil er in Derbyshire bei seinem Onkel ist. Wenn die Straßenverhältnisse angemessen sind, werden sie zurückkommen.“
„Und dann bekommt er eine kleine Nachfeier?“
„Oh nein, er soll doch nicht verzogen werden. Die meisten Kinder der heutigen Zeit werden zu sehr verweichlicht. Er ist doch immerhin schon drei Jahre alt!“
„Die Kinder scheinen sich bisher im Gutshaus sehr wohl zu fühlen. Wie wollt Ihr die Umstellung bewerkstelligen?“
„Vielleicht bekomme ich dann ein größeres Haus zugewiesen. Falls nicht: Ich habe zwei Kammern, die dann für die Kinder sind. Damit die Umstellung möglichst schnell gelingt, werden die Kinder im ersten Monat, vielleicht auch in den ersten beiden Monaten, nicht aus dem Haus gelassen, damit ihnen der Anblick des Gutshauses erspart bleibt. Wahrscheinlich reicht bereits ein Monat, weil sie ja nicht mehr den Anblick des kranken Vaters ertragen müssen. Das wird eine große Erleichterung für sie sein.“
„An welcher Krankheit leidet Euer Gatte denn?“
„Er hat die Fallsucht und erleidet etwa einmal im Monat einen Anfall, wie er und unsere Nurse sagen. Ich glaube aber, dass er mich damit nur unter Druck setzen will. Eine so große Häufigkeit habe ich nie bemerkt. So ein Vater ist doch gar nicht in der Lage, sich um das Wohlergehen seiner Kinder zu sorgen. Ich befürchte, dass meine Kinder gefährdet sind. Ich selber habe einmal einen Anfall miterlebt und bin entschieden der Meinung, dass dieser Anblick den Kindern erspart bleiben muss.“
„Und die Kinder sind bei Anfällen häufig dabei?“
„Selbstverständlich nie! Der Haushalt ist so gut darauf eingestellt, dass man die Kinder immer schnell aus der Umgebung entfernen kann, bevor sie Zeugen eines so unwürdigen Anblicks werden.“ 'Das war jetzt ein Fehler, ich habe damit gerade zugegeben, dass die Kinder nicht gefährdet sind.'
'Das war ein sehr dummer Fehler. Erstens scheint es ihr nicht um das Wohl der Kinder zu gehen und zweitens scheint sie sich nicht nur nicht um die Kinder, sondern auch nicht um den Gatten zu kümmern. Sonst wüsste sie ja wohl, dass er nur noch ganz selten Anfälle hat.' „Ich habe mir jetzt ein gutes Bild von Euch und Eurer Lage gemacht. Ich werde natürlich auch die Gegenseite hören und dann entscheiden, ob ich eine Verhandlung ansetzen werde. Ob ich dazu Euch und Euren Gatten herbitte oder ob ich nur mit den Anwälten unterhandeln werde, wird von der ärztlichen Aussage abhängen, ob so eine Verhandlung vor Gericht für den Gatten tragbar ist. Allerdings solltet Ihr Euch gut überlegen, wie Ihr Eure Scheidungsklage begründen wollt. Da sie meines Wissens noch nie von einer Gattin eingereicht wurde, könnt Ihr Euch auch nicht an anderen Fällen orientieren.“
„Wieso denn Scheidung? Ich werde mich doch nicht scheiden lassen! Ich möchte lediglich das Sorgerecht.“
„So lange Ihr verheiratet seid, hat Euer Gatte das Sorgerecht. Er könnte es nicht einmal freiwillig an Euch abtreten, weil Ihr nicht als geschäftsfähig geltet. Das ist die Gesetzeslage. Nur, wenn er dahinsiecht oder nicht mehr Herr seiner Sinne ist, kann je nach Umständen eine Ausnahme gemacht werden, sofern zusätzlich ein männlicher Vormund benannt wird. Also solltet Ihr Euch um einen Anwalt bemühen, der eine Scheidungsklage hervorragend begründen kann und auch bei der Suche nach einem Vormund behilflich ist. Vorher kann ich absolut nichts tun. Andere Richter übrigens auch nicht. Ich gehe davon aus, dass ich wieder von Euch höre, wenn Ihr diese wichtigen Punkte geklärt habt?“

*

Fanny war wie betäubt. Sie konnte vor ihrem Eselskarren nicht mehr sagen, wie sie aus dem Amtszimmer gekommen war – und wie bis zur Mietstation. Nein, eine Scheidung kam doch überhaupt nicht in Frage! Erstens war nicht sicher, ob sie daraus siegreich hervorgehen würde, wohl eher nicht, und zweitens verlor sie im Falle ihres Sieges sicher diese Bleibe, die zwar unter ihrer Würde war, aber immer noch besser als ein Hinterzimmer bei ihren Eltern. Dann es gab auch noch diese Verfügung, die Mr. Fitzwilliam nach der Geburt seiner Tochter – oder war es die seines Sohnes? – hatte aufsetzen lassen. Und sie wusste nicht, ob die auch für eine Scheidung galt.
Sie ging noch einmal die Hauptstraße entlang und suchte nach einer Apotheke. Sie erklärte, dass sie eine schwere Zeit durchleben würde und daher schlecht schliefe. Sie bräuchte einen Schlaftrunk, vielleicht nur für eine oder zwei Nächte, damit sie die nächsten Tage ausgeruht in Angriff nehmen könnte. Dann fuhr sie deprimiert nach Hause. Dort sah sie erstens, dass die Familie wieder im Gutshaus war und zweitens, dass ihr Gatte wohl einen Knecht geschickt hatte, den Vorrat an Feuerholz neben dem Herd aufzustocken. In solchen Äußerlichkeiten war er noch einigermaßen bemüht, ihr das Leben nicht zu hart zu machen. Sie hatte darauf gehofft und deshalb ihre Haustür nicht verriegelt.
Sie nahm den Trunk nicht. Sie wollte ihn für den äußersten Notfall bereit halten. Sie konnte sich keine Situation vorstellen, in der sie diesen Schritt wirklich tun würde, aber wenn es einmal so weit kommen sollte, wollte sie nicht im bekannten Umkreis das Mittel kaufen müssen. Dann würde sie doch kein christliches Begräbnis mehr bekommen. Dass eine doppelte Dosis nicht unbedingt lebensgefährlich war, bedachte sie nicht.

Am nächsten Tag hatte sie eine hervorragende Idee. Sie schickte ein Billett an ihren Gatten. Wenn er auf ihren Vorschlag einging, brauchte sie nur die Minuten nach den ehelichen Pflichten auszunutzen, um ihm die Erlaubnis zu entlocken, wieder ins Gutshaus zu ziehen.

*

William jr. sah fast schon amüsiert auf die Zeilen und schrieb auf der Stelle eine Antwort:

Mr. Fitzwilliam,
Da unser Sohn das gefährliche Alter noch nicht überwunden hat und ich immer noch Eure Gattin bin, biete ich an, Euch noch einen zweiten Sohn, der ja für die Erbfolge wichtig ist, zu schenken.
Gruß, Mrs. Fitzwilliam

Mrs. Fitzwilliam,
Ich erkenne Eure Opferbereitschaft an, werde sie aber nicht in Anspruch nehmen.
Für diesen Gutshof habe ich mein Testament so geändert, dass im Falle des nicht wünschenswerten Ablebens meines Sohnes meine Tochter, bzw. ihr Gatte, das Gut erben kann. Falls Ihr aber auf den Titel eines Earls angespielt haben solltet: Der Erbe hat bereits zwei Söhne und wird wohl kaum auf die Nebenlinie ausweichen müssen.
Mr. Fitzwilliam
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