Die Todesschlucht

von dumsi
KurzgeschichteHorror / P12
12.10.2018
12.10.2018
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Die Schlucht

Maya stand an der Schlucht. Sie hatte die Arme ausgebreitet, die Augen geschlossen und spürte den Wind im Gesicht. Sie genoss es, sich so frei zu fühlen. Plötzlich hörte sie eine Stimme, die direkt neben ihr zu sein schien.
 „Du musst springen!“, flüsterte sie, „spring jetzt!“
 „Nein“, antwortete Maya, „ich fühl mich so frei!“
 „Spring jetzt! Du musst jetzt springen!“, wiederholte die Stimme drängend.
 „Ich fühle mich so frei!“, sagte Maya wieder.
 „Nein!“, rief eine andere Stimme. Jemand packte Maya von hinten und schubste sie mit aller Wucht in die Schlucht. Maya sah, wie sie auf den schwarzen Grund der Schlucht zuraste. Die Dunkelheit öffnete ihren Schlund und verschluckte Maya mit einem Bissen.

  Maya fuhr hoch. Aufrecht saß sie in ihrem Bett.
 Plötzlich hörte sie etwas in ihrem Haus klappern. Sie hörte das leise Schnarchen ihrer Eltern im Nachbarzimmer. Auf Zehenspitzen schlich sie in den Flur und zum Zimmer ihrer 17-Jahre alten Schwester Marina. Leise öffnete sie die Tür. Auch ihre Schwester schlief. Alle im Haus schliefen außer ihr. Also musste jemand anderes im Haus sein! Ihr Herz begann zu rasen. Plötzlich hörte sie wieder die Stimme: „Spring! Spring!“ Maya schüttelte sich. Wahrscheinlich war das ganze nur Einbildung. Sie dachte an früher, als ihre Mutter sie immer mit in den Wald genommen hatte, wenn sie wütend oder ängstlich war. Also machte sie sich auf, um ihre Gedanken zu ordnen.

  Sie betrat die Schwelle des Waldes und eine kühle, angenehme Luft kam ihr entgegen. Sie lief lange und schweigend durch den Wald. Immer den Pfad folgend.
 Als sie schon tief im Wald war, blieb sie Ruckartig stehen. Schon wieder war die Stimme bei ihr.
 „Du musst jetzt springen! Komm schon! Spring jetzt!“, flüsterte die Stimme wieder.
 „Nein!“, schrie Maya und fuchtelte wild mit den Händen, als ob sie die Stimme damit verscheuchen konnte, „Lass mich in ruhe! Ich habe dir nichts getan! Was willst du?“
 „Ich will, dass du springst!“
 „Warum? Wohin?“
 „Du musst springen!“
 Maya stampfte mit dem Fuß auf. „Lass mich jetzt in ruhe!“ Sie rannte weg.
 Nach einer Weile blieb sie stehen um auszuruhen. Auf einmal hörte sie ein tiefes, böses Lachen. Sie schaute sich um, aber niemand war da. Sie bemerkte, dass es eine riesige Tanne war, die direkt am Rand des Weges stand.
 Auf einmal fielen alle anderen Bäume mit ein. Sie lachten! Sie lachten sie aus! Sie lachten Böse! Sehr Böse! Es schallte in ihren Ohren. Es tat weh. Sehr weh.
 Als erstes stand sie wie angewurzelt da, aber dann gab sie sich einen Ruck, nahm ihre Beine in die Hand und rannte.
 Als sie stehen blieb war alles ruhig. Sie atmete tief ein und aus, um sich zu beruhigen.


  Maya war schon ein ganze weile gelaufen. Nicht gruseliges war seit den Bäumen passiert, außer die Stimme, die ab und zu gekommen war, der Maya aber irgendwie entkommen konnte.
 Sie wusste nicht, wie spät es war und hatte das  Gefühl, es müsste schon ganz hell sein, aber es war stockdunkel.
 Mittlerweile hatte sie auch gar keine Ahnung mehr, wo sie war. Sie war einfach irgendwie herumgeirrt und hatte bei Kreuzungen irgendwelche Wege genommen. Insgeheim wünschte sie sich, sie währe Zuhause geblieben. Sie redete sich immer wieder gut zu, um sich Mut zu machen. Aber es half nur kurze Zeit.
 Aber jetzt hörte sie Plötzlich wieder die Stimme. Diese grässliche Stimme! Aber diesmal war sie schlimmer als sonst.
 „Spring jetzt! Du springst jetzt!“
 Die Stimme schrie so laut in ihr Ohr, dass sich Maya die Ohren zu hielt und wegrannte. Aber es half nichts. Die Stimme war genauso wie vorher.
 Sie schaute zum Himmel empor. Er drehte sich über ihr. Sie setzte sich erschöpft hin und lehnte sich an einen Baum.

   Eine Weile hatte sie schon hier gesessen, als ihr einfiel, dass sie ihr Handy dabei hatte. Sie holte es raus und tippte die Nummer ihrer Freundin Lilly ein.
 „Hallo? Hier ist Lilly.“, hörte Maya Lillys verschlafene Stimme am anderem Ende der Leitung.
  „Lilly!“, stieß Maya erleichtert hervor, „Hier ist Maya. Ich brauche deine Hilfe! Zuhause waren so gruselige Sachen! Also bin ich in den Wald gegangen, um mein Gedanken zu klären. Aber hier spielen sich lauter gruselige Sachen ab, und ich höre ständig eine Angsteinflößende Stimme aus meinem Traum! Bitte komme schnell! Ich weiß nicht mehr, wo ich bin!“
 „Ja! Ich komme!“, antwortete Lilly und legte auf.
 Maya saß noch lange am Baum, bis ihr die Augen zufielen.

 Als Maya aufwachte, war es immer noch stockfinster.
 Sie schaute sich um. Keine Spur von Lilly! Sie wartete noch eine Weile, aber ihre Freundin kam nicht. Sie stand auf, und ging wieder los. Sie lief lange, ohne jede Spur von etwas gruseligem oder der Stimme.
Doch dann hörte sie hinter sich ein knacksen, als ob jemand auf einen Ast treten würde, der zerbrach.
„Lilly?“, rief Maya. Keine Antwort. Sie ging weiter. Immer wieder hörte sie das Knacken, aber sie wagte nicht, sich umzudrehen. Irgendwann stellte sie sich ihrer Angst und fuhr herum.
Zwei Hände, die in der Luft zu schweben schienen, packten sie und schüttelten sie wild. Maya musste ihre ganze Kraft zusammen nehmen, um sich ihr zu entwinden, und rannte weg. Als sie stehen blieb, sah sie nur Bäume. Erleichtert ging sie weiter.
 Auf einmal war sie an der Schlucht aus ihrem Traum. Sie stellte sich an genau die gleiche Stelle, breitete ihre Arme aus, schloss die Augen und spürte den Wind im Gesicht.
 Dann kam wieder diese Stimme: „Du musst springen! Spring jetzt!“
 „Ich fühle mich so frei!“, antwortete Maya, wie in ihrem Traum.
 Vorsichtig streckte sie einen Fuß über die Kante.
 „Nein!“, hörte sie eine Stimme hinter sich. Es war nicht nur eine Stimme. Es war die Stimme von Lilly. Maya wirbelte herum und Lilly streckte ihre Arme aus, um sie zu halten, aber es war zu spät!
 Während sie fiel dachte sie an ihren Traum. Niemand hatte sie geschubst! Lilly hatte versucht, sie zu halten, weil Maya so dumm war, und auf die Stimme gehört hatte…