a strange life leads to curious events

GeschichteDrama, Romanze / P18
12.10.2018
06.12.2018
7
19073
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Dieses Kapitel
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So meine Lieben es geht weiter mit a strange life. In diesem Kapitel tauchen erstmals auch düstere Teile auf und ich bitte die Altersempfehlung ernst zu nehmen. Auch können Trigger (für einige Menschen emotional sehr Aufwühlende Schilderungen, die einen aus der Bahn hauen können) enthalten sein. Ich habe den entsprechenden Bereich mit +++++ gekennzeichnet. Es handelt sich um eine Teils sehr aufwühlende Problematik und angedeuteten sexuellen Missbrauch. Dieser Abschnitt ist daher mit Vorsicht zu betrachten und ggf. zu
überspringen.

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Nach einer unruhigen Nacht wachte Kira am nächsten Morgen wie gerädert auf. Sie hatte lauter verworrene Dinge geträumt. Dabei waren im Wechsel Christoph, Benedikt, Tristan und sogar Eik, mit dem sie auch eine Weile etwas hatte, aufgetaucht. Alle samt wollten sie vor etwas Düsterem warnen. Aber pah, Träume sind schon manchmal seltsam, dachte die junge Frau bei sich und stellte sich unter die Dusche um wach zu werden und sich auf einen nächsten langen Tagungstag vorzubereiten. Heute würden nach dem Frühstück um neun Uhr die Architektur und Ingenieurkammern Schottlands über die Fortschritte hinsichtlich neuer Normenvereinheitlichungen mit der EU referieren. Vielleicht konnte sie diesen Themen ja etwas mehr abgewinnen Das sie sich nicht zuletzt wegen ihrer verworrenen Träume sehr emotional sehr dünnhäutig fühlte, stand ohnehin auf einem ganz anderen Blatt.

Wie verabredet traf sie ihren Chef am selben Tisch, an dem sie zu Abend gegessen hatten. Er trug nicht wie sie dieselben Sachen wie gestern, sondern hatte einen komplett neuen Anzug an, der nur so nach Geld stank. Er sah kaum von seinem Gespräch auf, als sie sich neben ihn setzte und knapp angebunden grüßte. Schweigend verbrachte sie ihre Mahlzeit und folgte nach dem Klingeln der Menschentraube in den Saal. An den Stuhl- und Tischreihen hatte sich seit gestern nichts geändert. An dem gelangweilten Moderator der Veranstaltung auf der Bühne auch nicht, wie sie seufzend feststellte. Mit monotoner Stimme begann er über die heutigen Vortragenden zu erzählen und es fiel der jungen Frau schwer, ihre Aufmerksamkeit auf das Gesagte zu richten. Sie konnte sich ein Gähnen kaum noch verkneifen, als zum Glück das Wort an einen Herrn mit schlohweißem Haar übergeben wurde. Die Art wie er sprach war eine ganz andere und es dauerte keine fünf Minuten bis er das ganze Auditorium für sich eingenommen hatte. Man konnte deutlich seinen urschottischen Akzent heraushören, was allerdings nichts Negatives war, denn Schotten waren zumeist die geborenen Geschichtenerzähler. So verging der Vormittag im Flug und sie hatte zum ersten Mal seit langem nicht das Gefühl, dass ihr Studium völlig für umsonst gewesen war.
Auch in der Cafépause unterhielt sie sich mit einem ebenfalls etwas verloren aussehenden Mann in ihrem Alter. Jim Murray war ähnlich wie sie als Notoption von seinem Büro aus Glasgow entsendet worden, weil ein Kollege krank geworden war. Er war somit noch ärmer dran als sie und kannte niemanden auf der Veranstaltung, der ihn irgendwem vorstellen konnte, denn so lief das hier nun einmal ab. Man kannte jemanden, der einen Kante, der einen Kante, der in den richtigen Kreisen unterwegs war und so weiter eben. Er war ein netter Geselle und so verbrachten sie nun auch die Pausen gemeinsam.
Da es der letzte Abend sein würde und morgen nur noch eine Art Verabschiedung mit Ausblick auf die nächste Tagung stattfinden sollte, war ein Dinner eingeplant. Der jungen Frau war bereits mehrfach eingebläut worden, dass sie an diesem speziellen Teil der Veranstaltung nicht wie die letzte Sekretärin auftauchen sollte. Was besonders nett war, schließlich war das ihr bestes Kostüm, was sie hier trug. Entsprechend resigniert ging sie nach dem letzten Vortrag auf ihr Zimmer, um die verbliebene Stunde zu nutzen und sich zurecht zu machen. Sie hatte nur noch eine Option und zwar was sie das eng anliegende kleine Schwarze, was sie getragen hatte um Tristan zu beeindrucken, als er zu Besuch gewesen war.
Etwas nervös betrat Kira um 20 Uhr das Foyer. Sie zupfte am Saum ihres Kleides herum und hatte schon sehr viel Zeit damit verbracht, zu prüfen ob ihre Strumpfhose auch ja keine Laufmasche aufwies. Mr. Hank stand schon an der Eingangstür mit einigen seiner Kollegen, als sie auf die Gruppe zu schritt und ihre Clutch dabei fest umklammert hielt. Die Herren sahen auf, als sie sich ihnen näherte. Sie erblickte das anerkennende Kopfnicken und den gehobenen Mundwinkel ihres Vorgesetzten. Bei diesem Anblick lief es ihr kalt den Rücken hinab, denn auch seine Kollegen betrachteten sie mit neu gewonnener Faszination, die ihr überhaupt nicht behagen wollte.
Als Mr. Hank auch noch ihren Arm ergriff und sie galant in den Saal geleiten wollte, musste sie sich arg zusammenreißen, um nicht zusammenzuzucken. Was war heute nur mit ihr los? Skeptisch sah sie in die Runde der Anzugträger, mit denen sie an einem Tisch platziert worden war. Einigen von ihnen war sie am Vortag vorgestellt worden. Nun versuchte sie sich angestrengt an ihre Namen zu erinnern. Links neben ihr saß Mr. Hank, der sich an ihrem Schweigen nicht weiter zu stören schien. An ihrer rechten Seite saß ein Mann um die Fünfzig, dessen Haar in gefärbten Braunton nach hinten gegelt lag. Er trug, wie alle Anwesenden auch, einen maßgeschneiderten Anzug und warf ihr von der Seite Aufmerksamkeit erheischende Blicke zu wenn er gerade eine witzige Bemerkung von sich geben wollte. Kira war an sich lediglich genervt von diesem Verhalten, lächelte aber ab und an gezwungen zurück. Das Essen wurde diesmal in fünf Gängen serviert und so verbrachte sie die meiste Zeit damit, die Nahrung sorgsam in winzige Portionen zu teilen und so stilvoll wie möglich zu ihrem Mund zu führen. Dabei entging ihr jedoch nicht, wie sie regelmäßig von der Seite gemustert wurde. Sie tat jedoch stoisch so, als wäre alles in Ordnung.

An einem Tisch weiter hinten im Saal entdeckte sie Jim, als sie gelangweilt ihren Blick schweifen ließ. Der Ärmste wurde ignoriert, während zwei Anzugträger sich über seinen Kopf hinweg eine hitzige Diskussion lieferten und dabei wild mit ihrem Besteck durch die Luft wedelten. Als endlich der letzte Gang abgeräumt wurde und die Kellner mit Tabletts voller Whiskygläsern und einer Auswahl edler Tropfen die Runde machten, entschuldigte sich die junge Frau und flüchtete ins Badezimmer. Ein Blick in den Spiegel zeigte das hübsch zurecht gemachte Gesicht der 26-Jährigen, deren Augen gehetzt zurück starrten. Sie hatte heute den ganzen Tag schon eine starke, innere Unruhe verspürt, die unter den Musterungen an ihrem Tisch nicht gerade zur Ruhe gekommen war. Sie hielt ihre Hände unter den eiskalten Wasserstrahl und versuchte, sich wieder durch den Kältereiz in die Gegenwart zu befördern. Als sie das Badezimmer wieder verließ, entdeckte sie Jim, der gerade auf dem Weg zu den Fahrstühlen war. Sie lief auf ihn zu und rief ihm bei seinem Namen, so dass er sich kurz darauf zu ihr umdrehte. Nach einem kurzen Moment der Verwirrung breitete sich ein Lächeln auf seinem Gesicht aus. „Hi, schön dich zu sehen.“ Sie grinste ihn an. „Es war die Hölle bei mir am Tisch. Wie lief es bei dir?“, erkundigte er sich bei ihr. „Dito. Die alten Säcke sind aus dem Labern nicht raus gekommen und der eine hat mich ständig so seltsam angesehen, das war voll unangenehm.“

„Wirklich?“, fragte er und hob dabei eine Augenbraue. Sie nickte heftig und er grinste aufgrund ihres übertriebenen Verhaltens. „Du bist heute Abend aber auch der schönste Anblick den man haben kann. Zwischen all diesen Schnöseln.“ Ihre Wangen glühten bei seinen Worten und sie sah peinlich berührt zur Seite. „Also, das sollte jetzt nicht falsch rüber kommen, oder irgendeine billige Anmache werden“, beeilte sich der junge Mann, rasch zu sagen. Zur Erklärung hielt er seine rechte Hand in die Höhe, an der ein einfacher silberner Ring im Schein des Kronleuchters blitzte. „Ich bin verheiratet und habe eine kleine zweijährige Tochter“, schob er noch nach. Kira durchfuhr eine Welle der Erleichterung, den Kopf wieder hebend. Sie hatte es noch nie leiden können, wenn man sich an sie heran gemacht hatte. Normalerweise war sie diejenige, die die Initiative ergriff. Das war auch viel sicherer. Schließlich hatte sie so alles unter Kontrolle und konnte entscheiden, wie weit zu gehen sie bereit war. Aber Jim hier, wollte nichts von ihr. Er war einfach nur freundlich und dankbar unter all diesen seltsamen Menschen eine Gleichgesinnte gefunden zu haben.

„Wolltest du schon hoch auf dein Zimmer verschwinden, oder kann man dich noch für einen dieser in der Tagung inklusiven Alkoholika begeistern?“, fragte sie ihn daher und zog ihn ohne seine Antwort abzuwarten an seinem Arm mit sich zurück in den Saal. Ein bisschen Ablenkung konnte nicht schaden und vielleicht half es ja ihren inneren Aufruhr zu beruhigen. Alkohol war ihr da schon früher eine gute Hilfe gewesen. Auch wenn sie noch nie ein Freund von Whisky gewesen war, aber sie hoffte, dass sie ihr vielleicht auch einen guten Gin anbieten könnten. Denn schließlich hatte sie erst neulich in einem Podcast gehört, dass jede schottische Destilliere neben des sehr langreifenden Whiskys, auch Gin anbot. Der konnte nämlich zur Deckung der Alltagskosten sofort nach der Fertigstellung verkauft werden. Etwas unschlüssig steuerten sie ihren Tisch an, denn sie hatte ihre Handtasche zurück gelassen. Als sie diese nur kurz umhängen wollte, um danach mit Jim an einen freien Stehtisch im Eingangsbereich zu verschwinden, wurde sie von ihrem Chef aufgehalten. „Meine liebe Miss Becker. Wir haben uns schon Sorgen gemacht wo sie geblieben sind“, surrte er und sah sie aus leicht glasigen Augen an. Auch ihr lieber Sitznachbar meldete sich zu Wort: „Steven hat Recht. Sie waren so plötzlich verschwunden, ohne dass ich die Möglichkeit hatte Sie näher kennen zu lernen.“
Würg, Kotz. Was sollte das hier? Hilfesuchend drehte sie sich zu Jim um, der schulterzuckend mit etwas Abstand wartete. „Ähm, ich wollte eigentlich mit meinem Bekannten in die Lounge“, versuchte sie einzuwenden. Doch die beiden Männer schienen ihre Worte als Aufforderung zu sehen und standen stühlerückend auf. „Hervorragende Idee. Hier drinnen darf man noch nicht einmal rauchen. Wir begleiten Sie und so können Sie uns etwas über Ihr interessantes Leben erzählen, mein Herzchen.“

Dieser alte Typ hatte echt einen an der Waffel, befand sie. Herzchen? Ernsthaft jetzt? Verzweifelt schnappte sie sich Jim, bevor er als Rettungsanker sich wieder aus dem Staub machen konnte. Alleine würde sie diese Art von Gesprächen auf keinen Fall überstehen. Tja mit gehangen, mit gefangen.
Einige zähe Minuten und Getränke später waren die beiden älteren Herren wieder in ein Gespräch über Businessstrategien vertieft. Kira konnte aufatmen, denn der Fokus war endlich wieder von ihr genommen. Vorerst zumindestens. Sie spähte hinüber zu Jim, der die letzte halbe Stunde mit seinem Glas beschäftigt auf der Couch neben ihr gesessen hatte. „Meinst du, sie sind abgelenkt genug von ihrem selbstverliebten Getue, dass ihnen nicht auffällt, wenn wir uns davon stehlen?“, flüsterte sie ihm zu. Er schmunzelte und schüttelte den Kopf. „Zu gerne, aber vergiss es. Der sieht dich an, als wärst du seine Beute. Ich bin ja schon dankbar, dass dieses scheinheilige dir Honig-ums-Maul-schmieren vorbei ist.“ Sie kicherte, wurde dann aber wieder ernst.
„Also bilde ich mir das nicht nur ein, dass er mich so fixiert. Ich finde das voll gruselig. Er könnte mein Vater sein.“ „Nein du bildest es dir nicht ein, aber dein Sugar Daddy hat die letzten Getränke für uns bezahlt, für deren Wert ich meine Miete einen Monat hätte zahlen können“, witzelte er, um sie auf andere Gedanken zu bringen. „Apropos Getränke“, meinte sie zu ihm und räusperte sich. Die beiden Männer verstummten und wandten sich ihr zu. „Es wird spät und ich hatte bestimmt den einen oder anderen Drink zu viel. Es tut mir leid, aber sie müssen mich entschuldigen, ich bin schrecklich müde und werde mich hinlegen. Ihnen eine gute Nacht.“ Soweit so gut, die perfekte Ausrede.

Falsch gedacht, denn als sie sich erhob standen die drei Anderen ebenfalls auf und dieser Typ bot ihr sogar seinen Arm an, den sie versuchte dankend abzulehnen. Stattdessen fand sie sich zwischen ihrem Chef und diesem… - Wie hieß er noch gleich? -In ihren Gedanken nannte sie ihn schon den ganzen Abend Mister Schleimscheißer- im Fahrstuhl. Sie hatten es irgendwie geschafft, Jim unterwegs abzuschütteln. Die Brünette fühlte sich unter leichtem Alkoholeinfluss tatsächlich etwas ausgeliefert. Ihr Nacken kribbelte und ihr Magen begann zu rebellieren, als sie die Hand von Mister Douglas- so war sein Name, erinnerte sie sich schemenhaft- auf ihrem Rücken spürte. Als sich im zweiten Stock noch drei weitere Personen in die Kabine drängten, verkrampfte Kira vollends. An ihren Händen brach der kalte Schweiß aus und sie versuchte, sich darauf zu konzentrieren ruhig zu atmen. Jedoch half es nur bedingt, da sie auf diese Weise das nach Moschus riechende Parfum des älteren Mannes inhalierte, der nun dicht hinter ihr stand. Noch zwei Stockwerke, ermahnte sie sich selbst und bemühte sich nicht die Fassung zu verlieren.  Noch ein Stockwerk… Da spürte sie wie dieser Lustmolch sich von hinten an sie schmiegte und seinen Schritt an ihrem Hintern rieb. Sie schluckte hart, um nicht komplett aus der Haut zu fahren. Doch keiner der Anwesenden schien etwas zu bemerken, denn sie sahen zur Tür des Aufzugs. Kira wurde kotzübel und kaum vernahm sie das leise Pling, schob sie sich durch die Leute hindurch zur Tür. Sie musste hier weg. Das war der einzige Gedanke den sie noch fassen konnte, während sie sich in den Gang zu ihrer Linken wandte. Bevor sie jedoch weit gekommen, war schloss sich eine Hand um ihren Unterarm. „Na, na, mein Liebe, wir wollen doch nicht unhöflich sein und uns nicht verabschieden“, schnurrte dieser eklige Verschnitt eines Möchtegern-Rosenkavaliers ihr zu. Sie schaute sich hilflos im Flur um. Ihr Vorgesetzter lehnte lässig an der Wand und beobachtete sie wie ein Löwe. Jede Faser ihres Körpers war angespannt und sie fühlte sich auf einmal wieder stock nüchtern. „Lassen Sie mich los“, brachte die junge Frau zischend zwischen ihren zusammen gepressten Zähnen hervor, während sie ihn mit so viel Verachtung wie möglich anfunkelte.
„Komm David, lass es sein. Du hattest deinen Spaß, wir wollen die Kleine ja nicht verschrecken“, schritt Mr. Hank nun doch ein. Schnaubend machte sich der Angesprochene von ihr los und ließ sie leise fluchend stehen, während er den Gang hinunter wohl in Richtung seines Zimmers wankte. Sie hatte jedoch gar keine Gedanken dafür übrig sich zu wundern, wie die beiden Männer in so kurzer Zeit so betrunken hatten werden können. Stattdessen bemühte sie sich ihren zitternden Körper zu beruhigen und sich auf den Teppich des Flurs zu konzentrieren. Er war rot mit einer goldenen Bordüre, die Tapete beige mit sanften Schnörkeln, die Türen dunkelbraun mit kupfernen Beschlägen. Reiß dich zusammen, schallt sie sich selbst, während sich dunkle Schatten und Bildfetzen in ihre Erinnerung schoben.




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Fragmente nackter Haut, der Teppich ist rot.
Eine suchende Hand umfasste ungeschickt ihre Brust, die Bordüre ist golden.
Ihr Herz zog sich zusammen und ihre Beine waren kurz davor, weg-zu-knicken, die Tapete ist beige.
Sie zog stockend den Atem ein und ein neues Bild schob sich vor ihr inneres Auge. Eine Hand, die an einem erigierten Penis in ihrem Sichtfeld auf- und ab-glitt. Tür, Tür, Tür. Verdammt nochmal Tür, versuchte sie sich verzweifelt an die Gegenwart zu klammern.


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Zögerlich legte sich eine Hand auf ihren Arm, doch sie blickte nicht auf. Sie stand weiter verkrampft und mit stockenden Atem an der Seite des Gangs und starrte auf die Tür, während ihr der kalte Schweiß den Rücken herab lief. „Miss Becker? Was haben Sie?“ Doch die Stimme nahm sie nur wie durch einen Schleier wahr. Ihr ganzer Körper schrie einfach nur NEIN, nein, nein. Wenn sie gekonnt hätte, hätte sie sich ihre eigene Haut abgestreift und verbrannt. Galle brannte zusammen mit Magensäure ihren Hals entlang und ein überwältigendes Ekelgefühl machte sich in ihr breit. „Ich bringe Sie jetzt auf Ihr Zimmer. Sie haben etwas zu viel getrunken.“, meinte die Stimme sanft und ehe sie sich versah wurde sie langsam voran geschoben. In ihren Augen begannen sich Tränen zu bilden die sie Tapfer weg blinzelte. Pah von wegen zu viel getrunken, schluckte sie den bitteren Kloß ihren Hals herunter.
Bleib hier Kira, ermahnte sie sich. Bleib in der Gegenwart. Braune Tür, beige Tapete, sanfte Schnörkel, braune Tür… ratterte ihr Kopf wie in Trance herunter. Er tat sein Möglichstes sie im hier und jetzt zu halten. Als sie vor einem Exemplar dieser braunen Türen mit kupfernem Beschlag stehen blieben, raffte sie das letzte bisschen Beherrschung zusammen und wühlte in ihrer Handtasche nach ihrer Schlüsselkarte. Gleich hast du es geschafft, versuchte sie sich innerlich zu beruhigen. Gleich bist du sicher. Alles ist gut. Du bist hier. Du bist 26, nicht 13! Die Tür klickte und sprang auf, als sie die Karte mit zitternder Hand durch den Schlitz geschoben hatte.
Doch bevor sie sich durch den Spalt zwängen konnte, wurde sie am Arm zurückgezogen, woraufhin sich ihr gesamter Körper wieder versteifte. Steven Hank zog sie in eine Umarmung, strich ihr sanft über das Haar und gab ihr einen Kuss auf die Wange, bei dem sie seine Fahne deutlich riechen konnte. Dann ließ er sie los und hob die Hand zum Gruß. „Gute Nacht Kira Becker, Sie sind eine sehr reizvolle Frau Wissen Sie das?“ Perplex blieb sie noch einen Augenblick im Gang stehen, bis sie sich löste, die Tür hinter sich zu schlug und ins Bad eilte, um sich zu übergeben. Der bittere Geschmack des Gins brannte sich seinen Weg durch ihre Kehle nach oben und sie erbrach sich wieder und wieder, bis sich kein kleines Bisschen von dem Fünf-Gänge-Menü mehr in ihrem Magen befand. Danach würgte sie noch ein paar Mal, bis es schmerzhaft in ihrem Bauch zu krampfen begann. Doch der Ekel wollte nicht nach lassen. Fahrig fuhr sie auf und zog sich das Kleid so schnell sie konnte vom Kopf. Kurz darauf saß sie wie betäubt auf dem Boden ihrer riesigen Dusche und spürte das Wasser kaum, was wie Regen auf sie herab prasselte. Manisch wippte sie vor und zurück und hielt ihre Knie mit ihren Armen umschlungen. Dass sie immer noch ihre Schuhe und ihre Unterwäsche trug realisierte sie gar nicht.

Ihr Kopf drehte sich, alles in ihr schrie weiter nur nein, nein, nein. Ihr war, als würde sich ihr Innerstes nach außen stülpen und sie würgte erneut erfolglos. Am ganzen Körper zitternd schaukelte sich ihre Panik immer weiter hoch. Der Wasserspiegel ist zu flach, um sich zu ertränken, schoss es ihr durch den Kopf und sie krallte ihre Fingernägel in ihre Arme. Langsam, ohne dass sie es beeinflussen konnte schwoll in ihr ein wehleidiges, dumpfes Klagen an. Es bahnte sich seinen Weg hinaus. Nach einigen stummen versuchen, bei denen sie ihren Mund aufriss und lautlose Schreie von sich gab, die ihren ganzen Körper zum Erbeben brachten, schaffte sie es, einen Ton von sich zu geben. Es war ein Laut, der durch Mark und Bein ging. Ein tiefer Ton, der dem Schmerz in ihrem inneren nicht im Ansatz gerecht wurde. Doch nach einigen Anläufen ächzte und klagte sie aus tiefstem Herzen, während sie weiter vor und zurück wippte. Die ersten Tränen flossen ihre Wangen hinab und vermischten sich mit den Wassertropfen von der Dusche. Ihr Körper verausgabte sich völlig unter dem Zittern, den verkrampften, jammervollen Lauten und den bis zum zerbersten angespannten Muskelfasern. Sie spürte auch den Schmerz nicht, der von den roten Striemen auf ihren Armen herrührte. Sie hatte sie sich sich selbst aufgekratzt. Kira spürte nichts als einen ohnmächtigen, alles umfassenden Schmerz, der sie zu verschlingen drohte. Sie war völlig hilflos und ihren Empfindungen ausgeliefert.

Die junge Frau hatte schon lange kein Zeitgefühl mehr, als ihr Leib unter den Strapazen der Attacke entlang der Wand zusammensackte. Es gelang ihr träge durch den Tränenschleier den Blick auf ihre Hände zu richten. Ihre Haut war völlig vom Wasser aufgedunsen und runzelig, als wäre sie stundenlang schwimmen gewesen. Mittels einer unendlichen Kraftanstrengung schaffte sie es, sich wieder aufzusetzen und konzentrierte sich auf ihren von Schluchzern unterbrochenen Atemrhythmus. Einatmen und ausatmen. Einatmen und ausatmen. Einatmen, schluchzen und wieder ausatmen. Allmählich kam sie wieder zu sich, auch wenn sie sich wie in Watte gepackt fühlte und ihren Körper nicht mehr wirklich wahrnehmen konnte. Sie stand komplett neben sich. Nach weiteren Atemübungen beruhigte sie sich soweit, dass sie sich aufrichten und das Wasser abstellen konnte. Völlig erledigt schleppte sie sich klitschnass zu ihrem Bett und verkroch sich unter die Laken. Alle ihre Empfindungen waren abgedämpft. Sie war so erschöpft, dass sie wie Wachs in sich zusammensackte. Ein Wunder, dass sie noch genügend Kraft aufbrachte, überhaupt zu atmen. Aber sie ahnte bereits, dass ihr nicht lange Ruhe vergönnt wäre. Noch eine ganze Nacht voller Schrecken lag noch vor ihr.
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