The red spider lily

OneshotAngst / P12
Higan
12.10.2018
12.10.2018
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Die Flammen fauchten, schlangen sich gierig um die Holzbalken und Möbel und kamen ihm immer näher und näher, gierig darauf, auch seinen Körper zu verschlingen. Ihn zu verschlingen, wie sie es schon mit so vielen Menschen getan hatten. Ihr Werk zu vollenden, auch den letzten Menschen mit in den Tod zu nehmen bevor die Flammen erstarben und nur Schutt und Asche als Erinnerung an ihr Wüten zurücklassen würden. Seine ganze Welt schien in Flammen aufzugehen, alles was er kannte und liebte war nun nur noch ein Hauch von Asche, eine blasse Erinnerung.

Der Rauch brannte in seinem Hals wenn er einen Atemzug nahm, Schweiß tropfte von seiner Haut auf den Boden, wo er zischend verdampfte. Als die Flammen sich lockend um seine Beine schlangen, begannen, sich in seine Haut und sein Fleisch zu beißen, wusste er, er musste fliehen. Seine Chancen waren klein, aber er konnte sich nicht davon aufhalten lassen. Es war entweder Flucht oder Tod. Und er war noch nicht bereit, zu sterben.

Er rannte los, rannte durch die Flammen, die sich wie eine undurchdringliche Mauer vor ihm aufgerichtet hatten. Die sengende Hitze, die lechzenden Flammen leckten an ihm und er biss die Zähne zusammen, um keinen Schmerzensschrei auszustoßen. Er rannte und rannte, sein Atem ging keuchend und schnell, seine Beine taten weh, doch er dürfte jetzt nicht aufhören zu rennen. Würde er aufhören, so würde er hier sterben, würde bei lebendigem Leibe verbrennen oder elendig am Rauch ersticken. Seine langen Haare schliffen beinahe am Boden, blieben gelegentlich an Stücken von Holz und Stein hängen. Er rannte weiter, Haare rissen aus und blieben an den Trümmern hängen, doch was bedeuteten diese Schmerzen schon im Angesicht des Todes?

Ein Schrei. Er drehte sich dahin, wo der Schrei herkam, doch in den Flammen konnte er die Gestalt eines Kollegens nur schwach erahnen. Auch wenn der Gedanke seinen Kollegen zum Sterben zurückzulassen ihm im Herzen schmerzte, er wusste, er hätte keine Chance ihm zu helfen und würde mit einem Versuch nur sein eigenes Leben aufs Spiel setzen. Und so wandt er sich ab und rannte weiter, Tränen und Schweiß ließen seine Sicht verschwimmen.

Plötzlich, kalte Luft. Er stolperte weiter, weiter, weiter, so weit wie möglich weg von den Flammen. Doch lange trugen seine Beine ihn nicht mehr, er brach zusammen und die Kälte des frisch gefallenen Schnees umfing ihn, betäubte die Schmerzen der Verbrennungen. Er hatte überlebt, er hatte all dies überlebt - Zumindestens dachte er so.

Plötzlich, er wollte gerade ein weiteres Mal tief Luft holen, brannte ein schrecklicher Schmerz in seiner Kehle auf. Er hustete, schnappte nach Luft, doch keine Luft wollte in seine Lungen gelangen - Würde er nun tatsächlich Ersticken, nachdem er doch so viel gegeben hatte um aus dem Gebäude zu fliehen, den Flammen zu entkommen? Mit welch grausamer Ironie hatte das Schicksal ihn nur bedacht, hätte man ihm nicht all die Qualen ersparen können? So gerne wäre er einfach eingeschlafen und nie mehr aufgewacht, so gerne wäre er schnell und ohne Qualen gestorben, doch das Schicksal hatte es einfach nicht gut mit ihm gemeint. In diesem Moment zog sein Leben an ihm vorbei - Er dachte eigentlich, das wäre einzig ein Stilmittel, um all diese Filme tragischer wirken zulassen. Vielleicht war es auch genau das, ein tragischer Film, den die Menschen auch Leben nannten? Es gab so viel, was er in diesem Moment bereute, all die ungenutzen Möglichkeiten, all die Situationen, in denen er falsche Entscheidungen getroffen hatte.

Er wünschte sich, er hätte seinen Job einfach gekündigt und sich seinen Gemälden gewidmet, hätte sich als Künstler selbstständig gemacht anstatt in diesem langweiligen Bürojob zu verrotten. Er wünschte sich, er hätte seine Frau viel früher verlassen, anstatt diese quälenden Jahre in einer nicht funktionierenden Beziehung zu verbringen. Er wünschte sich, er hätte sich benommen wie ein Mann und seinen Kollegen gerettet, anstatt nur an sich selbst zu denken und sich aus den Flammen zu flüchten. Doch was brachten diese Wünsche schon, die zukunft könnte er nicht mehr ändern, egal wie sehr er es sich wünschte, egal wie sehr er seine Taten bereute. Er hätte diese Entscheidungen damals treffen müssen, nicht jetzt, wo er da lag, sterbend, unfähig, auch nur einen einzigen seiner Wünsche zu realisieren.

Er wusste selbst, dass sein Leben nicht unendlich lange währen würde, er war schon alt, er war schon längst nicht mehr so beweglich wie in jungen Jahren. Er hustete wieder und wieder, sein Körper erzitterte in einem von vielen Krämpfen und seine Muskeln schmerzten. Plötzlich, ein Klacken, wie von Holz auf Stein. Ein Mann. Ein Mann hatte sich zu ihm begeben und sich zu ihm gebeugt, die Augen, die eine ungewöhnliche, tiefrote Färbung hatten glitzerten interessiert hinter den dunklen Gläsern einer getönten Sonnenbrille.

Der Sterbende sah hoch zu ihm, in seinen Augen funkelte Hoffnung - Hilfe! Doch der Mann machte keine Anstalten, ihm zu helfen, nein, er beobachtete ihn einfach, still stehend, ohne eine einzige Bewegung. Er wollte sprechen, wollte den Fremden anflehen, ihm doch zu helfen, doch nichts als ein heiseres Krächzen entkam seiner geschundenen Kehle. Der Fremde lachte leise und tat dann etwas, mit dem der Sterbende nicht gerechnet hatte. Er biss sich - nun bemerkte er auch die auffällig langen, spitzen Eckzähne des Fremdens - und das heiße Blut perlte von seiner Hand in den Schnee, färbte den Schnee so rot wie die Flammen, die bis eben noch nach ihm lechzten. Der Fremde hielt ihm seine blutende Hand hin und einen Moment lang sahen sich die beiden einfach in die Augen.

,,Trink." Forderte der Fremde ihn kurz auf, seine Stimme war leise und heiser. Der Sterbende zögerte, seine Gedanken jagten sich. Wieso sollte er das Blut dieses Mannes trinken, was würde es ihm bringen? Doch er hatte nichts zu verlieren, er lag im Sterben, und wenn die Möglichkeit bestand, dass ihm das Blut des Fremden helfen würde, dann würde er diese Möglichkeit nutzen. Er leckte die Wunde ab. Das Blut schmeckte leicht metallisch, wie man es von Blut kannte, doch da war noch etwas anderes, etwas Süßes und Volles, was ihn dazu verlockte, mehr zu trinken. Mit jedem Schluck ließen die Schmerzen etwas mehr nach, nein, gingen unter in einem beinahe rauschartigen Gefühl, nicht unähnlich dem eines Drogenrausches.

,,Willkommen, Higan." ,,Higan...?" Seine Gedanken waren nur noch Fetzen von  Ideen, Ängsten und Zweifeln, doch Higan war nicht sein Name, da war er sich sicher. ,,Ja. So heißt du von heute an. Das Rot deiner Haare erinnert mich an eine Spinnenlilie. Nimm deinen neuen Namen an und vergesse alles, was mit deinem alten Namen in Verbindung steht."
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