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Nebenbuhler [Morden im Norden]

GeschichteKrimi, Freundschaft / P12 / Gen
11.10.2018
13.10.2018
18
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11.10.2018 1.657
 
Kapitel 1

Finn betrat das alte Gebäude, nachdem er am Eingang seinen Ausweis vorgezeigt hatte. Er schaute sich um.
'Das Teil ist definitiv abrissreif.', schoss es ihm durch den Kopf, als er die rissigen Wände betrachtete. Bei ihrem Glück würde ihnen das Gebäude vermutlich noch auf den Kopf stürzen.
Finn stieg eine Treppe hinauf und stieß oben fast mit einem Mann von der Spurensicherung zusammen. Er entschuldigte sich kurz, bevor er den Raum oben betrat und sich Strahlemann näherte, der gerade den Leichnahm einer dunkelhaarigen Frau untersuchte. In ein paar Metern Entfernung entdeckte Finn seine Kollegin Sandra Schwartenbeck, die gerade mit einem Mann sprach, der ziemlich verstört und aufgebracht aussah. Vermutlich der Mann, der die Leiche gefunden hatte.
"Was haben wir hier, Strahlemann?", fragte Finn als er sich neben seinen Kollegen Lars Englen stellte und hinab auf die tote Frau blickte.
Strahlemann, eigentlich Dr. Strahl, wollte gerade etwas sagen, als Lars ihm schon ins Wort fiel:
"Unsere Tote heißt Anna Bälten. Todeszeitpunkt vermutlich zwischen 24 und 1 Uhr letzte Nacht."
Strahlemann nickte zustimmend als Finn ihm einen Blick zuwarf und öffnete dann den Mund um wieder etwas zu sagen, aber Lars redete schon weiter.  
"Die Wunde an ihrem Hinterkopf könnte die Todesursache sein, allerdings lässt erst die Obduktion eine eindeutige Aussage zu. Da hier allerdings nicht viel Blut ist, ist das wahrscheinlich nicht der Tatort."
Strahlemann sah erst zu Lars und dann zu Finn, bevor er die Augen verdrehte und sich wieder um die Leiche kümmerte.
Finn hörte ihn so etwas murmeln wie 'Und wieso bin ich eigentlich hier', dann wandte er sich zu Lars und ging ein paar Schritte mit ihm.
"Und woher genau wissen wir schon den Namen des Opfers?", fragte er und Lars reichte ihm eine Tüte mit einem Ausweis darin.
"Erstens trug sie ihren Personalausweis bei sich und zweitens..."
Der Kollege zögerte einen Moment und Finn hob eine Augenbraue.
"Ich höre?", hakte er nach und Lars schaute noch einmal über die Schulter zum Opfer. Dann seufzte er.
"Zweitens kenne ich Anna persönlich.", sagte er leise, fast schon im Flüsterton.
Das überraschte Finn allerdings doch.
"Also kommst du als Tatverdächtiger in Frage?"
Lars warf ihm einen leicht verärgerten Blick zu, als wolle er sagen, dass damit nicht zu spaßen sei, aber dann sagte er:
"Nein, mein lieber Finn, ich habe ein Alibi für die Tatzeit."
Finn musste sich ein Prusten verkneifen.
"Oho, wer war denn zwischen Mitternacht und 1 Uhr bei dir? Weiß ich da etwas nicht?"
"Du weißt längst nicht alles über mich. Allerdings war es anders als du jetzt denkst. Ich war bei Freunden zum Essen eingeladen und der Abend ging bis 2 Uhr. Ich habe bei besagten Freunden übernachtet."
Finn klopfte Lars auf den Rücken.
"Alles klar. Ich hätte dir sowieso keinen Mord zugetraut."
Dann ging er hinüber zu Schwartenbeck, die noch immer mit dem selben Mann sprach. Finn stellte fest, dass er die Kleidung eines Bauarbeiters trug.
"Guten Tag, Kiesewetter mein Name. Sie haben die Leiche entdeckt?", stellte er sich vor und zeigte dem Kerl seinen Ausweis. Der blasse Mann nickte langsam.
"Das ist Kuno Herzog. Er arbeitet für das Unternehmen, das für den Abriss des Gebäudes zuständig ist.", sagte Schwartenbeck und Herzog nickte weiter.
"I- ich wollte nur nochmal kontrollieren, ob das Haus echt leer ist. Aber..."
Der schlacksige Mann schluckte.
"Aber es war nicht leer.", beendete Finn seinen Satz.
"Genau, so war das. Kann... kann ich jetzt gehen? Ich muss den Cheffe drüber informieren, dass wir nicht sprengen könn'."
Hoffnungsvoll blickte Herzog von einem Polizisten zum anderen. Anscheinend wollte er diesen Ort so schnell wie möglich verlassen.
"Sie können gehen, ja. Halten Sie sich aber bitte für weitere Fragen bereit, klar?"
Der Mann nickte wieder und ging dann.
"Viel wusste der Kerl ja nicht. Er kannte nicht mal das Opfer.", meinte Schwartenbeck bedauernd und sah dem Mann hinterher. Aber Finns Blick glitt bereits wieder zu Lars, der bei einem der Löcher stand, welches früher Fenster beinhaltet hatte.
"Zum Glück kannte jemand von uns das Opfer."
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Elke legte eine Fallakte zur Seite und warf einen Blick auf ihre Handtasche, die auf dem Schreibtisch lag.
Nachdenklich griff sie hinein und zog den Briefumschlag heraus, den sie am Morgen erhalten hatte. Wieso hatte sie ihn mitgenommen?
Sie wusste es selbst nicht. Eigentlich sollten ihr die Briefe unheimlich vorkommen, aber dann wiederum gefiel ihr der Gedanke einen heimlichen Verehrer zu haben doch. Und dieser hatte eine schöne Art zu schreiben. In den Briefen, die sie bisher erhalten hatte, hatten niedliche kleine Gedichte gestanden. Was sich wohl in diesem befand?
Mit einem Brieföffner, der sich in einer Schublade ihres Schreibtisches befand, öffnete sie den Umschlag vorsichtig und holte den Brief heraus.
Die Worte waren auf lachsrosafarbenem Briefpapier verfasst.

"Liebste Elke,

dein Haar ist strahlend wie der Sonnenschein.
Ich wünschte mir so sehr, dass du wärst mein.
Immer nur sehe ich dich aus der Ferne,
und doch schenkt mir dein sanftes Lächeln Wärme.
Dass du mich nicht siehst - das schmerzt.
Was kann ich tun, damit du mich bemerkst?
Ich wage nicht dich anzureden,
doch kann ich ohne dich nicht leben.
Vielleicht fass' ich meinen Mut, schon bald.
Die Liebe zu dir - sie gibt mir Halt."

'Tja... Wenn du mich nicht ansprichst und auch keinen Absender auf die Briefe schreibst, dann werden wir uns wohl nie treffen.'
Elke steckte das Schriftstück zurück in den Umschlag und legte ihn wieder in ihre Handtasche.
Sie fragte sich wirklich was das wohl für ein Mann war, der sich in sie verliebt hatte. War er noch sehr jung? Traute er sich deshalb nicht sie anzusprechen? Oder war er einfach nur schüchtern?
Nun... solange er keine Angaben über sich Preis gab, würde sie weiter darüber rätseln müssen.
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"Ich kann noch immer nicht glauben, dass Anna tot ist."
Lars starrte aus dem Fenster des Autos und Finn warf ihm einen kurzen Blick zu, bevor er sich wieder auf die Straße vor sich konzentrierte.
Lars hatte darauf bestanden dabei zu sein, wenn sie zu Bältens Ehemann fuhren. Er wollte es ihm persönlich sagen.
"Woher kennst du diese Anna eigentlich?", stellte Finn endlich die Frage, die ihn die ganze Zeit schon beschäftigte.
Lars nahm seine Brille ab und rieb sich über die Augen.
"Ich habe Anna und Karl, ihren jetzigen Mann, in einem Buchclub kennengelernt, dem ich kurz nach Abschluss der Schule beigetreten bin. Zwar bin ich ausgetreten nach einiger Zeit, aber wir sind immer Freunde geblieben. Ich... ich habe Anna gerade vor ein paar Tagen wieder einmal getroffen und wir haben uns verabredet für ein Treffen nächste Woche. Und jetzt? Jetzt ist sie tot."
Lars setzte sich die Brille wieder auf.
Normalerweise hätte Finn einen Witz darüber gemacht, dass Lars ernsthaft in einem Buchclub gewesen war, aber seinen Kollegen schien das alles hier wirklich mitzunehmen. Also verkniff er sich jeglichen Kommentar und fuhr stumm weiter.

Kurze Zeit später klingelten sie an der Tür des kleinen Hauses, indem Anna und Karl Bälten laut einem kleinen Schild an der Holztür wohnten.
Es dauerte eine Weile bis ein großer, blonder Mann öffnete und die Männer fragend anschaute.
Sein Blick blieb an Lars hängen.
"Lars? Was... was machst du denn hier?"
Lars schaute kurz zu Boden mit betrübtem Blick und Finn räusperte sich, bevor er sagte:
"Finn Kiesewetter, Kriminalpolizei Lübeck. Meinen Kollegen Lars Englen... kennen Sie ja schon. Dürfen wir reinkommen?"
Überrumpelt nickte Bälten langsam und ließ die Polizisten eintreten. Gemeinsam gingen sie ins Wohnzimmer.
"Du... du solltest dich setzen, Karl.", meinte Lars vorsichtig und der Blonde sah ihn besorgt an, tat aber was ihm gesagt wurde.
"W-Was ist denn passiert?", fragte er. Die Angst in seiner Stimme war deutlich zu hören.
Finn schluckte. Das war immer das Schwerste.
"Anna..."
Finn schaute zu Lars, der dieses eine Wort nur leise herausbrachte. Dann jedoch fand er seine Stimme und blickte Bälten in die Augen.
"Anna ist tot, Karl. Es... es tut mir so schrecklich Leid."
Mit riesigen Augen sah der Mann Lars an. Er rührte sich nicht, war wie erstarrt vom Schock. Dann stützte er die Ellenbogen auf seine Knie und vergrub das Gesicht in den Händen.
"Nein, nein, nein. Oh Gott, nein.", schluchzte er und schüttelte mit dem Kopf.
Finn biss sich auf die Unterlippe. Er wollte die nächste Frage nicht stellen. Er hasste es sie zu stellen, wenn man doch sah wie getroffen jemand von so einer Nachricht war.
"Es... es tut mir Leid, aber ich muss Sie das fragen, Herr Bälten."
Der Blonde hob seinen Kopf, Tränen auf den Wangen.
"Mh?", fragte er und Finn tauschte einen kurzen Blick mit Lars, bevor er weitersprach.
"Wo waren Sie letzte Nacht zwischen 24 und 1 Uhr?"
Karl Bälten zuckte mit den Schultern.
"Ich... ich war hier zu Hause im Bett. Anna... Anna hatte sich mit Freundinnen zu einer Geburtstagsfeier verabredet. 'Nur die Frauen' haben sie gesagt. Wäre ich doch nur dabei gewesen... Dann wäre das nicht passiert. Wie... wie ist sie überhaupt..."
Er konnte das Wort nicht aussprechen. Finn ignorierte die Tatsache, dass der Mann kein Alibi hatte und schüttelte mit dem Kopf.
"Wir... wir wissen es noch nicht sicher. Vermutlich wurde sie... erschlagen."
Kreidebleich starrte Bälten Finn an.
"Es... es war M-Mord?"
Finn nickte und Bälten stand auf und lief unruhig durch den Raum, das Gesicht wieder in den Händen.
"Oh mein Gott."
Lars legte ihm eine Hand auf die Schulter.
"Aber wir werden den Menschen finden, der ihr das angetan hat, Karl. Wir finden ihn."
'Und zwar schnell.', hoffte Finn.
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