Unsichtbar

von Huelk
OneshotSchmerz/Trost / P12 Slash
Daniel Ricciardo Jean-Éric Vergne Romain Grosjean
11.10.2018
11.10.2018
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Kommentar: Hallo Ihr Lieben.
Und wieder habe ich einen Oneshot ausgegraben, den ich schon vor fünf Jahren zu Papier und nun auf den Laptop gebracht habe. Ich bin gespannt, was ihr davon haltet und, ob am Ende auch hier Interesse an einer Fortsetzung besteht.
Viel Spaß beim Lesen! :)

Disclaimer: Der Inhalt der Geschichte ist frei erfunden und entspringt lediglich meinen eigenen Gedanken. Ich kenne keine der hier beschriebenen Personen, verdiene kein Geld damit und möchte auch keinem zu nahetreten.





Unsichtbar


Montréal, Kanada
10. Juni 2012


„Félicitations.“
Er murmelte seine Worte mehr, als dass er sie sprach und es war wohl auch kein Wunder, dass Romain sie nie richtig bemerkte, dass er sich nur schlicht bedankte und dann wieder verschwunden war. Dieser zweite Platz musste ihm eine Menge bedeuten und er war so dicht dran gewesen, endlich einen Sieg zu holen.
Dass Romain keinen leichten Start in diese Saison hatte, wusste er. Eigentlich war das wohl nicht üblich, die Karriere seiner Konkurrenten derart zu verfolgen, doch es interessierte ihn.
Wann immer es bei Romain nicht ganz so gut lief, wann immer seine Performance wieder besser wurde, er wusste darüber Bescheid. Er kannte jedes Interview, das der Ältere gegeben hatte und doch würde das wohl niemals reichen.
Er war glücklich mit seiner Marion und das sollte er auch bleiben.

Selbst, wenn das für ihn bedeutete, dass er ihn niemals haben konnte, dass er immer unerreichbar für ihn bleiben würde und dass er damit leben musste, dass Romain ihn niemals so wirklich wahrnahm. Nicht wo, wie er sich das immer wünschte. Das würde er niemals haben können und aus diesem Grund war es eigentlich auch unnötig, dass er sich weiterhin so stark auf den Lotus-Piloten fixierte. Was würde es ihm am Ende bringen?
Wahrscheinlich nur, dass er Jules wieder damit in den Ohren lag, wie ihn das alles fertig machte. Charles konnte er das nicht sagen, der nahm das alles immer viel zu locker und er brauchte einfach jemanden, der das ernstnahm. Trotzdem war es langsam an der Zeit, dass das ein Ende fand. Er konnte ihm doch nicht alle zwei Wochen erzählen, wie unglücklich er verliebt war. Am Ende würde sein Freund noch selbst Depressionen davon kriegen.
Er fragte sich ohnehin, weshalb das so kompliziert sein musste. Es gelang ihnen doch auch, ihre Rennen abzuhaken, wenn sie nicht so gelaufen waren, wie sie sollten. Weshalb war es in der Liebe nicht möglich, wenn doch beides eine Leidenschaft in ihrem Leben war? Das konnte er einfach nicht begreifen. Das Leben war so kompliziert, besonders, wenn man das Gefühl hatte, dass die eigenen Gefühle nicht erwidert wurden.

Klar, er hatte Romain nie direkt gefragt, wie es um seine Gefühle bestellt war, aber er war ja auch nicht wahnsinnig. Selbstverständlich würde er keine Gewissheit bekommen, wenn er niemals den Mund aufmachte, aber man durfte auch nicht außer Acht lassen, wie groß das Risiko war. Immerhin würde er sich mit so einer Frage doch vor Romain outen und er wusste nicht, wie der Ältere darauf reagieren würde. Wenn er Pech hatte, dann würde es ihn anwidern und er würde vielleicht noch jemandem davon erzählen, bis es die Runde machte. Nicht, dass er Romain so etwas zutrauen wollte, aber er konnte ihm nicht in den Kopf sehen.
Wenn er wenigstens Anzeichen finden würde, irgendwas, das ihm verriet, dass Romain vielleicht doch etwas Ähnliches fühlen konnte, aber wenn er ihn Arm in Arm mit Marion durch das Fahrerlager gehen sah, dann verließ ihn diesbezüglich sofort der Mut. Sie sahen wirklich glücklich aus und er war niemand, der eine intakte Beziehung zerstören wollte. Das wäre schlicht und ergreifend nicht richtig und dafür war Romain ihm viel zu wichtig. Denn er würde ihn damit ebenfalls verletzen und das würde er niemals über sich bringen.
Auch, wenn das für ihn selbstverständlich bedeutete, dass er weiter unglücklich bleiben würde. Ihm blieb nichts weiter übrig, als dem Älteren diese hoffnungsvollen Blicke zuzuwerfen, die er augenscheinlich nicht einmal sah. Anscheinend war er vollkommen unsichtbar für ihn und das tat weh. Und er konnte es dem Lotus-Piloten nicht einmal vorwerfen, weil dieser überhaupt nichts davon wusste. Es war zum verzweifeln und langsam aber sicher wusste er gar nicht mehr, wohin eigentlich mit all diesen seltsamen und unbrauchbaren Gefühlen.

Er musste hier schleunigst weg. Immerhin standen noch ein paar kurze Interviews – vorzugsweise mit der französischen Presse – und ein Teammeeting auf der Termin-Liste für heute und erst danach würde er dieses Rennwochenende abhaken können. Ihm graute jedes Mal davor. Vor der Presse musste er ein zufriedenes Gesicht zeigen, damit ihm niemand unangenehme Fragen stellte und im Team hatte er es mit Daniel zu tun, der scheinbar immer grinste und gute Laune versprühte.
Nicht, dass er etwas gegen positiv eingestellte Menschen hatte, doch war Daniel so ziemlich der härteste Kontrast, den es zu seiner momentanen Gefühlslage geben konnte. Manchmal wusste er nicht einmal, wie echt diese gute Laune war. Manchmal kam ihm schon der Verdacht, dass der Australier Unsicherheit oder etwas anderes dahinter zu verstecken versuchte, doch er hatte nie die Zeit gefunden, um sich mit ihm auseinanderzusetzen.
Seine eigenen Gedanken und Gefühle vereinnahmten ihn dermaßen, dass er sich fast auf gar nichts anderes mehr konzentrieren konnte. Kein Wunder, dass Charles ihm schon in schöner Regelmäßigkeit vorwarf, dass er zu nichts mehr zu gebrauchen war. Vermutlich hatte er sogar recht, auch wenn er ihm gerne widersprechen würde. Ob er womöglich doch mal versuchen sollte, von Daniel weniger genervt zu sein? Könnte es sein, dass diese positive Energie ihn auch ein Stück weit von seinen Problemen ablenken würde?

Er seufzte auf. So richtig kam er damit irgendwie auch nicht weiter. Er begab sich besser zu seinen Interviews, brachte das Meeting hinter sich und dann konnte er sich auf sein Hotelzimmer verkrümeln und sich unter seiner Bettdecke verstecken, bis Antti ihn aus dem Bett schmiss und ihn zum Flughafen scheuchte. Einen anderen Plan hatte er im Augenblick nicht, allerdings den Verdacht, dass selbst Antti bereits etwas bemerkte.
Der Finne war so gar nicht das, was man von seinen Landsleuten hier so gewohnt war. Er war niemals kurz angebunden, nicht wortkarg oder gar kühl. Antti hatte eigentlich immer etwas zu erzählen und seinen Redefluss zu stoppen, konnte manchmal schon ein schweres Unterfangen sein. Er hatte am Rande mal mitbekommen, wie Kimi seinem Landsmann auf die Schulter geklopft und ihm mitgeteilt hatte, dass er zu viel Reden würde. Gut, er konnte kein Finnisch, aber Antti war so anständig, ihn damals trotzdem über die Situation aufzuklären.
Doch auch Antti würde ihm mit seinem Problem nicht weiterhelfen können und er wollte auch gar nicht darüber sprechen. Er kam sich jetzt schon elendig und erbärmlich vor und er half sich und anderen nicht, wenn er immer wieder bekundete, wie unglücklich er damit war. Er musste das wohl aushalten. So lange, bis es aufhörte wehzutun, aber irgendwie hatte er den dummen Verdacht, dass das auch nicht funktionieren würde.

~ * ~   ~ * ~   ~ * ~


„Was soll das heißen, du kannst das nicht mehr?“
Er konnte nichts weiter tun, als seine Freundin überrascht anzusehen. Das konnte sie doch unmöglich ernst meinen! Nicht jetzt und nicht heute. Die Gewissheit, dass sie an seiner Seite war, ihm den Rücken freihielt, hatte dieses gute Ergebnis erst möglich gemacht und wenn sie das nun beendete dann...
Nun, er hatte kein Recht dazu, es weiterhin von ihr zu verlangen. Er wusste, wie groß die Belastung für sie war und dass sie es nur ihm zuliebe getan hatte. Es war ein Abkommen und nichts weiter und sie waren sich immer einig gewesen, dass sie es jeder Zeit beenden konnten, wenn es einem von ihnen zu viel wurde und kannte natürlich auch den Grund, weshalb Marion gerade jetzt die Kräfte verließen, weiterzumachen.
„Romain, bitte... Wir waren uns darüber doch einig und seit ich Émile kennengelernt habe...“ Er nickte das lieber rasch ab, denn sie musste ihm jetzt wirklich nicht erzählen, was sie mit ihm für einen Mann gefunden hatte. Das war ihr gutes Recht.

Trotzdem traf es ihn. Er war nicht mit Marion zusammen. Nicht privat. Das war eine Beziehung für die Öffentlichkeit, denn wie würde es aussehen, wenn er niemals mit einer Freundin an die Rennstrecke kommen würde. Er war zuletzt sehr unter Druck geraten. Leute, die Spekulationen angestellt hatten, er würde sich aus Frauen nichts machen und vermutlich Interesse an anderen Fahrern zeigen.
Leider stimmte das, nur was wäre wohl losgewesen, wenn diese Gerüchte sich erst dermaßen verfestigten, dass sie sich nicht mehr zerstreuen ließen? Er hatte Panik bekommen und es war ein großes Risiko gewesen, ausgerechnet Marion um Hilfe zu bitten. Immerhin war sie Journalistin und als Sportler, der dermaßen im Fokus der Öffentlichkeit stand, erzählte man denen besser nicht zu viel. Er hätte es auch niemals getan, wenn er sie vorher nicht schon so gut gekannt hätte und sie war bereit dazu, ihm zu helfen.
Nicht wenige französische Medien hatten damals schon vermutet, dass sie ein Paar sein könnten, nachdem sie sich so oft an der Rennstrecke getroffen hatten. Es war die leichteste Lösung, um all die Probleme auf einen Schlag los zu werden. Aber ihnen war klargewesen, dass diese Beziehung nichts für die Ewigkeit sein würde und sie sich eines Tages auch öffentlich wieder trennen mussten. Nämlich spätestens ab dem Punkt, an dem Marion ihr privates Glück finden würde.

Er konnte von ihr nicht verlangen, dieses Spiel jetzt noch weiter zu spielen und das würde er auch nicht machen. Dafür war sie ihm eine zu gute Freundin geworden. Er wünschte ihr alles nur erdenklich Gute und trotzdem stellte ihn das vor große Probleme. Er fürchtete, dass die Gerüchte wiederaufkommen würden, dass gewisse Leute sich bestätigt fühlen würden und das machte ihm Angst. So sehr, dass er glaubte, er würde jetzt schon die Nerven verlieren. Für Panik und Stress war er leider schon immer äußerst anfällig gewesen. Was sollte er jetzt nur tun? Wie sollte er aus der Nummer wieder rauskommen?
Marion konnte ihm seine Panik natürlich ansehen. Sie war nicht dumm und sie wusste nahezu alles, weil er es ihr erzählt hatte. Sie griff nach seiner Hand und versuchte sich an einem mitfühlenden Blick. „Es tut mir leid, dass es jetzt so plötzlich kommt, aber wenn ich weiterhin vorgebe, eine Beziehung mit dir zu haben, dann fühlt es sich an, als würde ich ihn damit betrügen und das kann ich einfach nicht“, erklärte sie ihm und auch das sah er ein. Es würde ihm selbst nicht anders gehen, nur gab es in seinem Leben keine Person, der er so tiefe Gefühle entgegenbringen konnte.
Zuletzt hatte er sich über dieses Thema auch keine Gedanken mehr gemacht. Seine Scheinbeziehung mit Marion hatte ihn wieder zu Atem kommen lassen. Endlich hatte er sich wieder auf den Motorsport konzentrieren können und sogar die Chance erhalten, wieder in die Formel 1 zurückzukehren. Eine zweite Chance bekam man nicht oft und all die Meisterschaften, die er gewonnen hatte, hatte er nur gewinnen können, weil Marion ihm wieder Sicherheit gegeben hatte. Er fürchtete, was nun geschehen würde, wenn er wieder jeden Tag mit der Angst lebte, dass jemand etwas gesehen haben wollte und all das Gerede zurückkehren könnte.

Aber er hatte kein Recht, etwas anderes von ihr zu verlangen. Sie hatten sich darauf geeinigt, dass es keinen Zwang und keine Verpflichtungen gab und er wollte ja auch, dass sie glücklich mit diesem Émile wurde. Er würde ihr schließlich geben können, was er niemals konnte, weil er nun einmal nicht so fühlte. Das war bitter, aber nun einmal die Wahrheit. Wenn er eins gelernt hatte, dann, dass man Gefühle nicht erzwingen konnte. Immerhin hatte er es versucht. Er hatte es versucht, weil er sich wünschte, Marion könnte doch die Frau an seiner Seite sein, dass sie alles ändern konnte, aber das war nicht so.
Es traf ihn, gleichzeitig war er irgendwie auch froh, diese Lüge beenden zu können. Obwohl er sich langsam daran gewöhnt hatte und vielleicht war es gerade deswegen auch notwendig, dass hier Schluss damit war. Im Moment hatte er keine Hemmungen mehr, in aller Öffentlichkeit zu lügen, um sich selbst zu schützen. Wie würde es sein, wenn das noch ein paar Jahre so weiterging? Würde er dann vielleicht generell kein Problem mehr damit haben, anderen nicht die Wahrheit zu sagen?
Er wusste, dass es in diesem Business manchmal nicht ohne die berühmten, kleinen Notlügen ging, aber er wollte sie dennoch nicht praktizieren. Nicht an Stellen, an denen sie nicht nötig waren. Er hatte es immer gehasst, anderen Menschen nicht die Wahrheit zu sagen, leider aber schmerzhaft lernen müssen, dass ehrlich zu sein auch oft bedeuten konnte, selbst verletzt zu werden oder Menschen zu verletzen, die man eigentlich liebte. Dank seiner Freundin hatte er sich zumindest noch im Spiegel ansehen können und er fürchtete, dass das nun alles zerbrechen könnte. Doch er würde sie nicht überreden, zu warten.

Stattdessen nickte er und antwortete: „Ich weiß und ich verstehe das.“ Er musste innerlich einmal tief durchatmen. Er wollte jetzt nicht wie jemand aussehen, der sich zurückgewiesen fühlte, also brachte er ein Lächeln auf seine Lippen, bevor er sie freundschaftlich in seine Arme schloss. „Ich freue mich für dich. Du verdienst es, glücklich zu sein. Ich wünsche dir alles Gute.“ Und das war nicht gelogen. Er würde ihr niemals etwas Schlechtes wünschen können.
Alleine ihr Strahlen, als er sie wieder losließ, verriet ihm, dass es wirklich besser so war. „Danke, dass du das verstehst. Ich weiß, es wird jetzt nicht leicht für dich sein-“, setzte sie an, doch er unterbrach sie mit einem raschen Kopfschütteln. Wenn Marion eins nicht tun sollte, dann sich weiterhin Sorgen um ihn zu machen, wenn sie sich besser auf eine wunderschöne Beziehung konzentrieren sollte. Das würde er unter keinen Umständen zulassen.
„Mach dir deswegen keinen Kopf. Du hast mir so sehr durch diese schwierige Zeit geholfen und ich bin mir absolut sicher, dass es jetzt auch ohne eine Alibifreundin funktionieren müsste. Auch, wenn du selbstverständlich die beste Alibifreundin warst, die man sich nur vorstellen kann.“ Ein bisschen seltsam fühlte sich dieses Kompliment schon an, doch sie lächelte. Vielleicht auch nur, weil es so merkwürdig klang, aber das spielte jetzt keine Rolle.

~ * ~   ~ * ~   ~ * ~


Er war froh, diese Teambesprechung endlich hinter sich zu haben und gehen zu dürfen. Bestimmt hatte er nicht einmal die Hälfte von dem mitbekommen, was sie eben besprochen hatten und das war schon ziemlich schlecht. Für gewöhnlich konnte er das ein bisschen besser, aber die Gedanken schweiften immer wieder an Orte, an denen sie sich besser nicht aufhalten sollten. Es war so unsinnig, sich immer wieder dieselben Fragen zu stellen.
Warum hatte er das Gefühl, dass Romain ihn übersah? Warum schaffte er es nie, den Älteren in ein Gespräch zu verwickeln? Weshalb wollte ihm nicht in den Schädel, dass das einfach keine Zukunft haben konnte? So viele Fragen, auf die er schlicht und ergreifend keine Antworten finden konnte. Es war zum Verzweifeln. Er versank schon wieder vollkommen in diesen Überlegungen, als sie das Gebäude verließen und dabei fiel ihm nicht auf, dass seine Nachdenklichkeit bemerkt wurde. Umso heftiger zuckte er zusammen, als er so unvorbereitet eine Hand auf seiner Schulter spürte und dann ein breites Grinsen sehen konnte.
„Hey, Jev, jetzt lauf doch nicht wieder mit so einem Gesicht durch die Gegend. Platz Fünfzehn ist zwar kein tolles Ergebnis, aber wir werden schon noch besser“, versuchte Daniel sich tatsächlich daran, ihn ein wenig aufzubauen. War das sein Ernst? Ihm kam wieder in den Sinn, wie absurd es war. Als Konkurrenten verbrachte man seine Zeit für gewöhnlich nicht damit, nette Worte für den Teamkollegen zu finden, aber andererseits...

Es war eigentlich auch mal ganz angenehm, dass es nicht immer direkt zum Äußersten kommen musste. Es gab genügend Teamkollegen, die so weit gingen, sich den Dreck unter den Fingernägeln nicht zu gönnen. So mussten sie doch nicht zwangsläufig auch sein. Es ging bestimmt auch anders. Aber das würde ihn trotzdem niemals dazu veranlassen, nicht vorsichtig und skeptisch zu bleiben. Bei Jules und Charles war er sich sicher, dass sie ihm niemals in den Rücken fallen würden. Er kannte sie eine halbe Ewigkeit. Das war etwas vollkommen anderes, aber den Rest...
Was sollte er denn jetzt bloß darauf sagen? Er war ja nicht wegen seiner Platzierung so geknickt. Also nicht nur. Das spielte auch mit rein, aber zu einem relativ geringen Teil. Er würde nicht sagen, dass er deswegen mit so einem Gesicht durch die Gegend lief, aber vielleicht war es besser, bei dieser Version zu bleiben. Es war besser, dass Daniel das glaubte, als ihm die Wahrheit zu erzählen oder ihn vielleicht sogar noch spekulieren zu lassen. Ein Gedanke, bei dem er das Gefühl bekam, augenblicklich etwas Farbe zu verlieren.
Also versuchte er sich lieber rasch an einem Lächeln und antwortete: „Ja, da hast du wohl recht, aber irgendwie waren meine Erwartungen an mich selbst doch ein bisschen höher.“ Das war nicht einmal gelogen. Ihm war zwar bewusst gewesen, dass es bei Toro Rosse niemals darum ging, um Siege zu fahren, aber dass sie sich immer nur mit den letzten Plätzen begnügen mussten, war eben auch nicht das, was er erwartet hatte. Zumal Daniel und er wohl gleichermaßen von sich sagen durften, dass sie was draufhatten. Da waren diese ewigen, schlechten Positionen ein wahrer Nackenschlag. Bislang hatten sie beide nur jeweils einmal gepunktet und das war ihnen eindeutig zu wenig!

„Wem sagst du das? Ich dachte, ich könnte wenigstens ein paar Konkurrenten in Grund und Boden fahren, aber das war dann wohl nichts“, meinte Daniel, relativ locker und immer noch gut gelaunt, wenngleich man ihm den Frust zumindest doch ein wenig ansehen konnte, als er allerdings auch schon wieder lachte und ihm leicht gegen die Schulter stieß. „Vor allem habe ich nicht erwartet, dass du so ein harter Gegner sein würdest. Du machst es mir echt schwer, aber das ist gut so. Ich muss ja ein Ziel vor Augen haben.“
Diesmal musste er tatsächlich schmunzeln. Er konnte gar nichts dagegen machen. „Wunderbar, ich bin also dein Ziel.“ Nicht unbedingt der Titel, den man gerne bekommen wollte, aber im Grunde war er schon froh, dass Daniel in ihm nicht einen erbitterten Feind witterte, den er mit allen Mitteln eliminieren musste. Er wusste, dass gerade im Rennsport gerne mit harten Bandagen gekämpft wurde und manchmal griffen junge Fahrer in ihrem verzweifelten Ringen um Anerkennung und Chancen, eben auch zu drastischen Maßnahmen.
„Sieh es als Kompliment und wenn es dir hilft, bin ich gerne dein Ziel und wir sehen am Ende der Saison, wer die Nase vorn hat. Von mir aus können wir ja wetten“, schlug Daniel ihm vor und im ersten Moment war er drauf und dran, das abzulehnen. War das nicht ein bisschen kindisch, sowas zu tun? Andererseits war das vielleicht die sicherste Methode, einander nicht zum Feindbild zu erklären, wenn sie den Sportsgeist auch dann noch aufrechterhielten, wenn sie längst aus dem Cockpit gestiegen waren.

„Also gut. Und worum wetten wir?“, hakte er also nach und wenn er sich Daniels Grinsen so ansah, dann konnte das nichts Gutes bedeuten. Worauf hatte er sich da nur wieder eingelassen? Er würde es gerne darauf schieben, dass er in diesem Moment nicht ganz zurechnungsfähig war, aber dann müsste er ja zugeben, dass er ständig Romain in seinem Kopf hatte und das wäre mehr als seltsam. Das konnte er ja vor sich selbst schon so schwer zugeben und außer ihm und Jules brauchte das auch niemand zu wissen.
Ein fast schon bösartiges Grinsen zeichnete sich auf Daniels Gesichtszügen ab und ließ ihn diese Wette schon bereuen, bevor er überhaupt wusste, worum es ging. „Also, wenn ich verliere, dann renne ich das ganze Rennwochenende in Australien, nächstes Jahr, barfuß durch das Fahrerlager!“ Okay, er hätte mit deutlich schlimmeren Ideen gerechnet, aber das klang fair. Vorausgesetzt, dass er selbst im Falle einer Niederlage nichts Schlimmeres machen musste, als das. „Und wenn du verlierst, dann lackierst du dir für dasselbe Rennwochenende deine Fingernägel in Red-Bull-Farben!“
Er sollte was machen? Ein ganzes Rennwochenende mit rotblauen Fingernägeln durch die Gegend rennen? Gut, kneifen würde jetzt dämlich aussehen und das wäre definitiv ein guter Ansporn, um Daniel dieses Jahr besser in Grund und Boden zu fahren. Dennoch fand er lackierte Nägel irgendwie schlimmer und vielleicht sah Daniel ihm das auch an, dann er kam gar nicht dazu, etwas zu sagen, als der Australier das Wort erneut ergriff.
„Von mir aus können wir den Einsatz auch tauschen. Lackierte Nägel... Da muss man schon sehr selbstbewusst für sein und es war schließlich meine bekloppte Idee!“, räumte Daniel nun ein und dafür war er ihm gewissermaßen dankbar. Er war wirklich nicht sehr scharf darauf, sich so der Öffentlichkeit zu präsentieren, also stimmte er diesem Tausch besser schnell zu, bevor sein Teamkollege es sich ein weiteres Mal anders überlegen konnte.

Tatsächlich hatte dieser Unsinn ihn eine Weile ablenken können. Für ein paar Sekunden musste er nicht daran denken, dass Romain ihn übersah, dass er für den Mann, für den er schwärmte, gar nicht zu existieren schien. Er hatte fast schon wieder gute Laune, als er ins Hotel kam und vielleicht musste er nicht die ganze Nacht unter der Bettdecke verbringen. Vielleicht musste er nicht einmal Jules anrufen und...
All die Euphorie verabschiedete sich ins Nirvana, als er Romain in der Hotellobby sitzen sah. Ausgerechnet Romain. Ausgerechnet jetzt und dort. Er wusste, dass der Ältere ihn wieder nicht beachten würde, wenn er ihn ansprach. Manchmal war er sich nicht einmal sicher, ob der Lotus-Pilot überhaupt wusste, wie er hieß. Und eigentlich wollte er genug Stärke besitzen, um einfach an ihm vorbei zu gehen, so wie Romain es mit ihm unzählige Male getan hatte.
Doch das ging nicht. Spätestens, als ihm auffiel, dass Romain die ganze Zeit auf den Boden starrte, dass seine Schultern leicht eingesunken waren und ihm einfiel, dass der Ältere doch eigentlich seinen zweiten Platz mit dem Team feiern sollte, veranlasste ihn das doch dazu, innezuhalten und Romain einen Moment aus der Ferne zu mustern. So sah man nur aus, wenn es etwas gab, was einen zutiefst beschäftigte. Das kannte er schließlich von sich selbst und dann...

Waren das tatsächlich Tränen, die er in den Augen des anderen schimmern sehen konnte?

~ * ~   ~ * ~   ~ * ~


Der Tränenschleier verklärte seinen Blick, aber in der kaum beleuchteten Lobby spielte das keine Rolle. Eigentlich wollte er sie wegwischen, aber das war unnötig, wenn man ganz alleine war. Immerhin war es spät und die meisten Fahrer wohl längst im Bett. Gut, sein Teamkollege vermutlich nicht. Wahrscheinlich war der wieder sonst wo versackt. Nach einem Podium feierte der Finne ausgiebig seinen Erfolg und wenn er nicht aufs Podium kam, so wie heute, dann musste er feiern, dass er beim nächsten Mal wieder besser sein würde.
Innerlich schüttelte er den Kopf über den Finnen. Kimi war ungefähr so, wie man es nach den Medien zu urteilen auch erwartet hatte. Wortkarg, trinkfest und er machte einfach was er wollte. Alles was nicht stimmte war, dass er angeblich humorlos war. In Wahrheit sorgte er durchaus für recht gute Stimmung im Team. Das setzte nur voraus, dass er selbst auch einen guten Tag hatte. Allerdings war es nicht sein Teamkollege, über den er an dieser Stelle nachdenken musste. Schließlich hatte er mit ihm nicht wirklich viel zu schaffen.
Nein, was ihn so aufwühlte war die Angst, die seit seinem Gespräch mit Marion wieder so präsent war. Was, wenn jemand erfuhr, dass er nicht auf Frauen stand? Was, wenn das Gerede wieder anfing und ihn das aus der Bahn warf? Er fühlte sich dafür nicht gefestigt genug, aber er konnte Marion auch nicht dazu nötigen, weiterhin die Freundin an seiner Seite zu spielen, wenn sie jemanden gefunden hatte, den sie von ganzem Herzen liebte. Das wäre einfach nur falsch! Nein, sowas würde er ihr niemals abverlangen.

„Ist alles in Ordnung?“
Eine Frage, die ihn fast aufschrecken ließ, weil er nicht mit einer Stimme und einer dazugehörigen Person gerechnet hatte. Er war davon ausgegangen, dass er ganz alleine hier sein würde und es war mehr ein Reflex, als er sofort versuchte, sich die Tränen aus dem Gesicht zu wischen. Niemand sollte sehen, dass... Aber wer auch immer es war, hatte es ja nun schon gesehen, sonst hätte man ihm diese Frage nicht gestellt.
Er seufzte innerlich, bevor er es wagte, den Blick zu heben und er war einmal mehr überrascht. Er blickte in ein Gesicht, mit dem er sogar noch viel weniger gerechnet hatte. Mit dem Franzosen hatte er sich noch nie besonders viel unterhalten und er kam nicht umhin sich zu fragen, weshalb eigentlich. Er war freundlich, höflich und fast genauso zurückhaltend wie er selbst, wenn es darum ging, andere Menschen anzusprechen.
Und wenn er eines an ihm sehr zu schätzen wusste, dann seine Höflichkeit. Ihm war noch nie jemand in diesem Business begegnet, der trotz Schwierigkeiten und Frust noch so freundlich bleiben konnte. Manchmal fragte er sich schon, ob das normal war. Andererseits wollte er momentan keine weiteren Fragen stellen.
Im Grunde war er nur verblüfft, dass er es hier überhaupt mit ihm zu tun bekam. Er war davon ausgegangen, dass er längst auf sein Zimmer verschwunden sei und morgen zu den ersten gehörte, die abreisen würden, doch...

„Jean, mit dir habe ich nicht wirklich gerechnet“, gab er von sich und irgendwie klang das in seinen Ohren schon mehr als merkwürdig. Was war das für eine hölzerne Erkenntnis? Aber offenbar war er gerade ein wenig durch den Wind und das durfte man in seinem Fall vielleicht auch sein.
„Hast du überhaupt mit jemandem gerechnet?“, kam allerdings auch prompt die richtige Frage zurück. Genau aus diesem Grund war seine Aussage ein bisschen daneben gewesen und er konnte sich nur etwas verlegen den Nacken reiben.
„Nein. Ehrlich gesagt dachte ich, dass das hier ein ganz guter Ort wäre, um niemandem zu begegnen“, gab er also zu. War das unhöflich? Immerhin signalisierte er Jean-Éric damit, dass er eigentlich in Ruhe gelassen werden wollte und das, wo es so überaus freundlich von ihm war, sich überhaupt nach seinem Wohl zu erkundigen.
Vielleicht hatten die Lügen seine Fähigkeit, mit seinen Mitmenschen richtig umzugehen, schon viel zu stark eingeschränkt. Noch ein Grund, weshalb es besser war, damit aufzuhören und doch wusste er nicht, wie es nun weitergehen sollte...

Es herrschte ein kurzes Schweigen zwischen ihnen. Er konnte wohl froh sein, dass Jean-Éric sich nicht längst über das Bild lustig machte, welches er ihm hier bot. Im Motorsport galt nichts anderes, als in allen anderen Sportarten auch. Man durfte seinem Gegner keine Schwäche zeigen. Darum wusste auch niemand etwas. Jahre lang war Marion nun die einzige gewesen, die um seine Geheimnisse wusste und der er sich anvertrauen konnte. Den Mut, es jemand anderem zu sagen, den würde er niemals aufbringen können und...
„Kann ich mich setzen?“, wollte der Jüngere nach einer Weile wissen und deutete auf den freien Platz neben ihm. Er nickte sofort, obwohl er sich nicht sicher war, ob er nicht vielleicht lieber hätte ablehnen sollen. War es denn nicht ein viel zu großes Risiko, den Franzosen ausgerechnet in einem Moment größter Schwäche an sich heranzulassen? Andererseits glaubte er nicht, dass er gerade die nötige Kraft aufbringen konnte, um Stärke vorzutäuschen, wo einfach keine vorhanden war.
Der Toro-Rosso-Pilot ließ sich an seiner Seite nieder und wieder blieb es eine Weile vollkommen still zwischen ihnen. Zeit, die er zu nutzen versuchte, um sich zusammenzureißen, doch... Es ging nicht. Er war so alleine mit sich und seinen Problemen und ihm fehlte eine Bezugsperson, der er sagen konnte, was in ihm vor sich ging. Es war nicht beabsichtigt, dass er Jean-Éric überhaupt irgendetwas erzählte, doch in diesem Moment brach es aus ihm heraus. Er konnte die Worte nicht dazu zwingen, in seinem Mund und damit unausgesprochen zu bleiben...

„Marion und ich... wir gehen ab jetzt getrennte Wege und das...“, setzte er also an und seine Stimme klang verräterisch dünn. „Es ist nicht so einfach, sowas jetzt wegzustecken.“ Er wusste nicht, wie er es sonst erklären sollte und ihm war auch bewusst, dass der Jüngere zunächst nur falsche Schlüsse daraus ziehen konnte.
„Ihr... Ihr habt euch getrennt?“ Er klang deutlich ungläubiger, als er erwartet hatte, aber vielleicht wirkten Marion und er nach außen auch vollkommen anders, als sie gedacht hatten. In jedem Fall sah der Jüngere aus, als habe er ihm gerade etwas unglaublich Verstörendes erzählt. Das schmerzte unerwartet. Ihre Lüge war also perfekt gewesen. Sie waren glaubhaft und möglicherweise wirkte seine Traurigkeit in diesem Moment tatsächlich, wie Trennungsschmerz, aber es war etwas anderes und er wusste selbst nicht, wieso er so verrückt war, Jean-Éric die Wahrheit zu sagen...
„Wir waren nie zusammen“, gab er also zu. „Das war doch alles bloß zum Schein.“ Ein trauriges Lächeln drängte sich auf seine Lippen. „Wir haben der Öffentlichkeit doch nur etwas vorgemacht, damit sie die Wahrheit nicht erfahren. Damit sie nicht erfahren, dass ich...“
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