Lautlos

GeschichteDrama, Romanze / P18 Slash
10.10.2018
20.04.2019
8
15844
11
Alle Kapitel
15 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
„Meinst du den Rotschopf“, wurde ich von einem Jungen neben mir angegrinst.
„Ja, was ist daran so lustig?“
„Da kannst du lange rufen. Der ist taub. Der hört dich nicht.“, stellte er klar und rief lachend nach einer Leonie.

Taub? Robin? Das hätte er mir doch erzählt. Außer das war der Grund, warum er sich nicht mit mir treffen wollte… dann hätte ich es gemerkt. Davon war ich kurzzeitig überzeugt, bis mir auffiel, dass wir nie Sprachnachrichten verschickt und nie telefoniert hatten. Ich war etwas überrascht und auch überfordert, aber darüber konnte ich später nachdenken. Wer war Leonie?
Die Blondine neben Robin blickte sich um.

„Leonie, der Typ hier will zu Robin“, rief der Kleine neben mir.
„Ehm danke, den Rest mache ich schon allein“, murmelte ich und steuerte auf sie zu.

Da Leonie stehen geblieben war, drehte sich Robin nun auch um. Suchend blickte er sich um, bis er meinen Blick auffing. Erschrocken riss er die Augen auf. Ich lief auf sie zu, während er so aussah, als würde er gleich wegrennen. Er gestikulierte wild und Leonie sah ihm aufmerksam dabei zu. Es war Gebärdensprache.
Als ich ankam, begrüßte mich Leonie, aber ich sah sie nicht an, sondern achtete nur auf Robin. Er war wunderschön und sah aktuell echt ängstlich aus.

„Hallo, Robin meinte eben, du bist Benny?“
„Ja“, hauchte ich.
„Er ist taub. Er hört dich nicht. Ich bin Leonie, seine Dolmetscherin für die Regelschule.“
„Hallo. Warum hat er mir nicht gesagt, dass er taub ist?“
„Angst“, kam es leise von ihm.
„Hä?“

Ich dachte, er wäre taub und jetzt reagierte er sofort auf eine von mir gestellte Frage? Was ist heute nur los?

„Er kann Lippen lesen, zumindest ein wenig. Vermutlich war deine Frage auch absehbar.“
„Aber es ist nicht schlimm, dass er taub ist. Kannst du ihm das sagen, Leonie“, fragte ich.
Sie zeigte ihm, was ich sagen wollte und er schüttelte nur den Kopf. Dann drehte er sich um und lief weg. Er rannte nicht, er ging langsam weg. Ich wusste, dass ich ihm nicht folgen sollte. Sein ängstlicher Blick hat das ganz gut verdeutlicht. Es tat tierisch weh. Mein Plan war definitiv schief gegangen.

„Mach dir keinen Kopf. Er mag dich. Er ist wohl nur etwas panisch und noch nicht ganz überzeugt, dass du es ernst meinst. Robin ist ziemlich zurückhaltend, das hast du ja sicher schon gemerkt, solange wie du schon mit ihm schreibst.“
„Du weißt das“, murmelte ich fragend, war aber geistig nicht ganz anwesend.
„Ja. Er redet mit mir über sehr viel. Er hat nicht viele, die seine Sprache können. Robin hatte Angst davor mit dir darüber zu reden.“
„Was soll ich jetzt tun?“
„Schreibe ihm eine Nachricht. Wenn er bereit ist, wird er sich melden“, meinte sie und zuckte mit den Schultern.
„Danke“, murmelte ich.

Ich ging in die andere Richtung und war ziemlich enttäuscht. In der Nähe der Schule stand eine Bank und ich setzte mich erstmal hin. Mein Handy lag in meiner Hand. Ich drehte und wendete es, aber das Ergebnis blieb gleich. Ich musste ihm wohl schreiben. Na, hervorragend. Wie formulierte man so eine Nachricht? Das würde sich doch alles total doof anhören.

Es ist in Ordnung. Ich komme damit schon klar. Ich will dich trotzdem kennenlernen. Schreib mir, wenn du soweit bist.

Zu 100% war ich nicht davon überzeugt. Ich würde mich sicher daran gewöhnen mit der Zeit, aber aktuell war es noch nicht so weit. Er war taub. Die Ausmaße dessen waren mir nicht bewusst. Ich würde nie mit ihm normal reden können. Das ist irgendwie seltsam. Ich müsste vermutlich Gebärdensprache lernen. Das war so viel.
Ich brauchte Hilfe beim Gedanken ordnen. Ich öffnete die Whatsappgruppe mit Phil und Jo.

Ihr müsst mir helfen. In 30 min bei mir?

Zwei Bestätigungen kamen innerhalb kürzester Zeit bei mir an. Sie fragten zum Glück nicht jetzt schon nach. Naja, sie wussten sicherlich, worum es ging. Immerhin hatte ich sie lange genug mit dem Thema Robin genervt, sodass es ziemlich verwunderlich wäre, wenn sie das Detail jetzt übersehen. Ich stand auf und lief nach Hause.

Eigentlich hätte ich auch ein wenig mit dem Bus fahren können, aber ich brauchte die frische Luft. Der Versuch einen klaren Kopf zu bekommen, schlug allerdings fehl. Er war taub. Er konnte mich nicht hören, egal was passieren würde. War das ein Problem? Also für mich? Konnte ich damit umgehen? Was wenn ich es glaubte und dann nicht hinbekam?

Vor der Tür standen schon Phil und Jo. Sie sahen etwas besorgt aus. Ich sah sie an und guckte auf die Uhr. Sie waren beide zu früh. Das kam bei Jo öfter vor, aber Phil? Sie mussten beide sofort nachdem ich geschrieben hatte, losgefahren sein.

„Hey“, murmelte ich.
„Was ist passiert? Hat er dich angeschrien?“

Ich schüttelte den Kopf und schloss auf. Wir gingen in meine Wohnung und zogen uns Schuhe und Jacken aus. Ich schwieg immer noch. Erstmal wollte ich mich hinsetzen.

„Jetzt schweig hier nicht. Ich bin neugierig“, nörgelte Phil ungeduldig und schmiss sich auf mein Sofa.
„Ich habe ihn gesehen und ihn gerufen. Dann hat ein Knirps gemeint, dass das nichts bringt, weil er taub ist. Der Kleine hat dann nach der Frau neben ihm gerufen. Seine Dolmetscherin in der Schule. Er ist taub. Deswegen wollte er mich nicht treffen, weil er Angst hatte. Naja, ich habe gemeint, dass das kein Problem ist und er ist erstmal abgezischt. Seine Dolmetscherin meinte, dass er mich mag und ich ihm Zeit geben soll.“

„Er ist taub“, meinte Phil mit weit aufgerissenen Augen.
„Das erklärt immerhin, warum er so abweisend war, was das Treffen anging.“
„Das stimmt“, murmelte ich.
„Und du weißt nicht, ob du damit klar kommst“, fragte Phil.
„Jap.“
„Natürlich kommst du damit klar. Nur weil er taub ist, lässt du dich jetzt nicht aufhalten. Du rennst ihm seit Wochen hinterher“, grummelte Phil.
„Ja, aber es macht es komplizierter“, meinte ich.

„Benny, du lernst so gern alles Neue kennen. Wenn einer damit zurechtkommt, dann du. Außerdem stehst du auf ihn. Du lernst garantiert total schnell Gebärdensprache“, kommentierte Jo den Sachverhalt.
„Wie lange soll ich denn warten, bis er keine Angst mehr hat?“
„Solange wie er halt braucht. Du hast jetzt schon einige Wochen daran gesessen. Da kommt es jetzt auf etwas mehr oder weniger auch nicht an, wobei ich nicht glaube, dass er lange wartet, bis er schreibt.“

Sie hatten Recht. Ich musste warten. Die Hürde des Taubsein war da, aber ich komme damit klar. Zumindest erklärten sie mir das innerhalb der nächsten zwanzig Minuten. Ich hatte Bedenken, aber sie argumentierten für Robin. Ich sollte warten. Es ist sowieso nicht schlecht Gebärdensprache zu lernen. Spätestens als Arzt konnte ich das ganze nochmal gebrauchen.  So wie sie mir das erklärten, war das alles vollkommen logisch und ich wusste, dass sie mit vielen Dingen recht hatten, aber ich fühlte mich einfach etwas unsicher, obwohl ich sonst so selbstbewusst war. Ich hatte noch nie etwas mit einem gehörlosen Menschen zu tun gehabt, einfach weil es sich nicht ergeben hat. Es gab hier bestimmt etliche Fettnäpfchen, in die ich tappen würde.

Wir tranken gemeinsam noch ein Bier und spielten ein paar Runden Karten. Die beiden taten ihr bestes, damit sie mich ablenkten. Jo plante schon mal, wann wir morgen ins Fitnessstudio gingen und Phil überlegte tatsächlich mitzukommen, um sich noch ein paar Muskeln zuzulegen. Manchmal hatte er einen Anflug, da dachte er, er müsste mehr trainieren. Er zieht das dann ungefähr einmal durch und gibt dann wieder auf.
Am Abend bekam ich keine Nachricht mehr, am nächsten Morgen auch nicht. Frühs ging ich zuerst mit Jo und Phil ins Fitnessstudio. Phil machte anfangs einigermaßen mit, aber dann wurde es ihm zu anstrengend und er gab auf. Stattdessen sah er uns ganz genau zu, wie wir Sport machten.

„Also ich als Hetero muss ja mal feststellen, dass ihr echt gut dabei ausseht. Darauf müssen doch die Frauen fliegen.“
„Die Frauen interessieren mich jetzt irgendwie nicht so“, lachte ich.
„Und ich will keine, die nur auf meine Muskeln abfährt“, grummelte Jo.

Er hatte damit schlechte Erfahrungen gemacht. Eine Bekanntschaft hatte es tatsächlich mal nur auf seinen Körper abgesehen und nicht das geringste Interesse an seiner Person gezeigt. Das war ziemlich frustrierend für ihn gewesen. Er hatte sie anfangs wirklich gern, aber das hatte sich schnell erledigt.

„Braucht ihr noch lange? Ich habe Hunger“, nörgelte Phil nach weiteren 20min.
„Wir sind doch gar nicht lange hier“, meinte ich.
„Doch. Schon eineinhalb Stunden. Wir müssen bald zur Uni.“
„Okay, hast Recht. Jo, wir gehen am besten noch duschen. Sonst verscheuche ich alle in der Uni.“
„Oh, geht ihr jetzt schon zu zweit unter die Dusche“, grinste Phil mit hochgezogenen Augenbrauen.

Jo ging zu ihm, presste seinen Körper gegen Phils und legte eine Hand auf dessen Hintern. Dieser blickte ihn erschrocken an und Jo sagte nur verführerisch: „Wir gehen natürlich zu dritt, mein Lieber.“

Dann brach er auch schon in Lachen aus und ich kullerte mich auch schon fast auf dem Boden, weil ich nicht mehr konnte. Phils Blick war brillant. Er sah so verwirrt und geschockt aus, einfach herrlich. Da musste man einfach schmunzeln.

„Willst du mich etwa nicht flach legen“, fragte ich mit einem Hundeblick und schmollte leicht.
„Sofern ich auch nur einen Hauch von homoerotischen Gefühlen verspüre, melde ich mich sofort bei dir“, versprach mir Phil.

Wir gingen duschen und dann ging es für mich und Phil auch schon weiter in die Uni. Unterwegs besorgten wir uns noch ein paar Brötchen zu essen. In der Uni verblieben wir dann auch bis 17Uhr und ich war am Ende des Tages echt fertig, weil es ziemlich anstrengend war. Die Themen waren recht komplex gewesen und ich musste mich zwingen darauf zu achten, sonst würde ich noch mehr nacharbeiten müssen, als sowieso schon. Meine Gedanken landeten immer wieder bei Robin und ob er mir geschrieben haben könnte. Hatte er allerdings nicht. Somit wartete ich ziemlich vergeblich auf eine Nachricht.

Abends lenkte mich mein Bruder dann ab. Er rief mich an, um mir von den Entwicklungen mit der jungen Frau zu erzählen. Tatsächlich hat sich Henrik für eine Freundschaft plus entschieden, obwohl ich ihm 20 mal gesagt habe, dass es das nur schlimmer machen wird. Ich erklärte ihm auch nochmal, dass ich nicht viel davon hielt und aber wenn er das wollte, werde ich es ihm nicht verbieten. Als nächstes teilte er mir dann mit, wie gut die Kleine im Bett war. Ich durfte mir wie sonst bei Phil einen ausführlichen Bericht anhören. Ich wusste mittlerweile so viel über Sex mit Frauen, das war schon unglaublich. Vor allem wenn man betrachtet, dass ich noch nie Sex mit einer Frau hatte.

Danach ließ er sich die Neuigkeiten von Robin berichten. Er war ziemlich überrascht und meinte, dass es schwierig werden könnte, aber wenn er so etwas jemanden zutrauen würde, dann mir. Das beruhigte mich irgendwie, weil ich meinem Bruder schon vertraute, was diese Einschätzung anging.

Insgesamt telefonierten wir 2,5 Stunden und danach war ich so müde, dass ich nur noch schlafen wollte. Ich blickte nur nochmal auf mein Handy in der Hoffnung, dass er mir geschrieben hat, was jedoch nicht der Fall war.
Review schreiben