Blonder Engel in der Nacht

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
10.10.2018
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Blasses Mondlicht schimmerte durch das Fenster herein und warf ein paar unregelmäßige Schatten an die gegenüberliegende Wand, ließ selbige einen kurzen, leicht gespenstischen Tanz aufführen, bevor sie sich wieder verflüchtigten und sich in ein neues Schattenbild verwandelten.
Hellwach und versunken in Gedanken, sah sie ihnen eine Weile zu, beobachtete sie bei ihrem kleinen Theaterstück, das – so erschien es ihr in diesem Moment zumindest – nur für sie aufgeführt wurde, bevor sie ihren Blick schließlich abschweifen ließ und ihn auf den kleinen Digitalwecker richtete, der auf dem Nachttischchen neben dem Bett stand.
3.40 Uhr, stellte sie fest und war einen Augenblick lang versucht zu seufzen, unterließ es allerdings, um ihn nicht aus Versehen aus seinen Träumen zu reißen und dadurch zu riskieren, dass er noch früher von ihr ging als abgesprochen.
Behutsam drehte sie sich ein Stückchen zu ihm herum und betrachtete einen Moment lang sein schlafendes Gesicht, das vom fahlen Mondschein sanft beleuchtet wurde und auf welchem ein tief entspannter, gelassener Ausdruck lag, wobei sich unweigerlich ein kleines Lächeln auf ihre Lippen legte.
Er sah so wunderschön aus, wenn er tief und fest schlief. Die leicht zerzausten Strähnen, die ihm in die Stirn und ins Gesicht fielen, verliehen ihm zusätzlich noch etwas Aufregendes, Geheimnisvolles, wenngleich sie auch so wusste, dass diese beiden Kriterien vollstens auf ihn zutrafen.
Seine Augen – seine tiefen, blauen Augen – waren fest geschlossen, ließen sie erahnen, dass er sich irgendwo im Reich der Träume befand. Dabei hatten sie sie noch vor wenigen Stunden so verführerisch, zärtlich und auch verlangend angesehen. Vor wenigen Stunden, als sie hier angekommen waren – hier in diesem Hotel, irgendwo am Stadtrand, in dem kein Mensch sie kannte und sie sich sicher sein konnten, dass alles, was in diesem Zimmer passierte, auch in diesem Zimmer bleiben würde.
Niemand wusste, dass sie hier waren, niemand kannte ihre Namen oder gar den Grund ihrer Übernachtung in diesen Räumlichkeiten. Niemand wusste von dem Geheimnis, das sie verband und das nun schon seit fast einem halben Jahr zwischen ihnen existierte. Niemand ahnte etwas von diesen heimlichen Verabredungen, von diesen Treffen, die sie beides jedes Mal aufs Neue dazu brachten, dieses ungeschriebene Tabu zu übertreten.
Jeden letzten Samstag des aktuellen Monats, für eine einzige Nacht, kamen sie hierher, um sich gegenseitig nahe zu sein und sich die Zuneigung zu geben, die sie draußen, in der Welt jenseits dieses Hotels, stetig verstecken mussten.
Es war das Geheimnis einer verbotenen Liebe, das sie beide miteinander verband, das sowohl ihr, als auch ihm jedes Mal aufs Neue Herzklopfen verursachte, sobald jener besondere Samstag näherrückte und sie sich schließlich auf den Weg hierher machten – an den Ort, an dem sie ungestört zusammen sein konnten, bis der neue Morgen sie einen weiteren Monat lang trennte, nur um das Spiel beim nächsten Mal wieder von vorne beginnen zu lassen.
Dabei hatte sie niemals in Erwägung gezogen oder gar geglaubt, dass ausgerechnet sie eines Tages so etwas tun würde. Dass sie sich je zu so etwas hinreißen lassen würde, zumal sie bestens wusste, dass diese Verabredungen alles andere als gut für sie waren.
Sie wusste, dass es ein riskantes Spiel war, auf das sie sich da eingelassen hatte – und auch, dass sein junges, wildes Herz nicht ihr allein gehörte. Sie wusste, dass es da die Andere gab – seine Freundin, mit der er bereits seit langem liiert war und die in der Öffentlichkeit an seiner Seite ging. Die das Recht dazu hatte, ihm immer nahe zu sein – und deren gemeinsame Zeit mit ihm sich nicht auf ein paar heimliche Stunden in der Nacht beschränkte. Sie war seine feste Partnerin, der Mensch, mit dem er sein Leben teilte – und nicht nur ein paar flüchtige Stunden, die an jedem Morgen danach vollkommen bedeutungslos und leer erschienen als wären sie überhaupt nicht passiert.
Sie wusste, dass sie nur seine Affäre war, die er zwar auch begehrte – jedoch niemals auf dieselbe Art und Weise wie er es bei seiner Freundin tat. Und mehr würde sie für ihn auch nie sein, mehr würde er nicht in ihr sehen, weil sein Herz dafür überhaupt nicht frei, geschweige denn, empfänglich war.
Es war egal, wie viel Zuneigung sie ihm entgegenbrachte, wie oft sie ihm ein Zeichen schickte oder mit ihm darüber redete – er würde es nicht erkennen, geschweige denn, sich darauf einlassen. Weil sie eben nicht die Frau an seiner Seite war. Und diese Erkenntnis tat manchmal unfassbar weh, auch wenn sie sich mit der Zeit eigentlich schon damit abgefunden hatte.
Denn anders als er liebte sie ihn wirklich. Sie hatte ehrliche, aufrichtige Gefühle für ihn und war nicht nur daran interessiert, möglichst schnell auf ihre Kosten zu kommen. Sie sah so viel mehr in ihm als eine Affäre, mehr als das schnelle Abenteuer einer Nacht.
Schon an dem Tag, als sie ihn kennengelernt hatte, war sie von ihm verzaubert gewesen, hatte er mit nur einem einzigen Lächeln den Grund ihres Herzens berührt. Sie hatte so gut wie nichts von ihm gewusst – aber in einer Sache war sie sich absolut sicher gewesen: Er war der Mensch, dem ihr Herz gehörte. Er war der Mann ihres Lebens. Und wenn sie ihn nicht haben konnte, dann wollte sie keinen. Niemals wieder.
Wie gut erinnerte sie sich noch an den Abend, als sie durch Zufall erfahren hatte, dass er in festen Händen war – und an den endlosen Schmerz, den sie dabei gefühlt hatte, weil ihr klargeworden war, dass ihre sämtlichen Bemühungen ins Leere laufen würden.
Immer wieder hatte sie nach neuen Wegen gesucht, mit ihren Gefühlen für ihn umzugehen und war schließlich zu dem Entschluss gekommen, dass die Wahrheit zu sagen der vermutlich beste Weg war, um zu einem halbwegs normalen Umgang mit ihm zurückzufinden.
Also hatte sie bei einem Treffen vor längerer Zeit schließlich all ihren Mut zusammengenommen und ihm ihre Gefühle gestanden. Und ganz anders als sie erwartete, hatte er sehr offen und verständnisvoll reagiert, sie sogar in die Arme genommen und ihr versichert, dass er kein Problem damit hatte. Sogar auf einen Drink hatte er sie noch eingeladen und ein unbeschwertes, nettes Gespräch mit ihr geführt.
Und sie war endlos erleichtert gewesen, hatte gehofft, nach dieser offenen Unterhaltung vielleicht ein freundschaftliches Verhältnis zu ihm aufbauen zu können – doch dazu hatte sich überhaupt keine Gelegenheit gefunden.
Denn noch ehe sie ihn beim nächsten Zusammentreffen darauf hatte ansprechen können, hatte er sie beiseite genommen und ihr ein Angebot gemacht, von welchem sie zunächst schockiert gewesen war und welches im Grunde genommen gegen alle Prinzipien verstieß, die sie sich selbst im Laufe ihres Lebens auferlegt hatte.
Um genau zu sein hatte er ihr vorgeschlagen, sich mit ihr zu treffen, in besagtem Hotel, in welchem sie sich seitdem immer verabredeten, um sich dort ganz ungestört näher kennenlernen zu können. Zu Anfang war sie natürlich misstrauisch gewesen – und wenn sie ehrlich war, hatte sie im Grunde genommen schon geahnt, worauf er mit diesem Angebot hinauswollte – doch ihre Gefühle für ihn waren so stark, dass sie seine Einladung einfach nicht hatte ablehnen können.
Also war sie an jenem Abend zu diesem Hotel gefahren und hatte sich mit ihm getroffen, dabei wohl die Tatsache bedenkend, dass es möglicherweise ein Fehler war und sie diese Entscheidung vielleicht noch bereuen würde.
Trotzdem hatte sie sich darauf eingelassen, wenn auch mit ziemlich gemischten Gefühlen, und wurde schließlich in besagtem Hotel von ihm in Empfang genommen. Ganz vorbildlich und gentlemanlike hatte er sie auf ein Zimmer gebracht und ihr mitgeteilt, dass er selbiges für die kommende Nacht reserviert hatte.
Auf ihre Nachfrage hin, warum er sich ausgerechnet hier mit ihr treffen wolle und ob seine Freundin etwas davon wisse, gab er ihr eine ganz ehrliche Antwort und erklärte ihr, dass er sich gerne ungestört die Zeit dazu nehmen wolle, sie kennenzulernen und etwas über den Menschen in Erfahrung zu bringen, der sie war und der sie ausmachte.
Auch als sie wissen wollte, was er sich darunter vorstellte und wozu dieses Treffen führen sollte, erklärte er ihr offen, dass dies allein von ihr abhinge und er sich ganz auf sie einstellen würde.
Tatsächlich erwartete sie, dass es ihm um das Eine ging, dass er sich nur deswegen mit ihr verabredet hatte, um sich ein Abenteuer für eine Nacht von ihr zu holen. Doch er machte nicht einmal die kleinste Andeutung in diese Richtung, blieb nach wie vor Gentleman und zog es stattdessen vor, offen mit ihr zu reden.
Unter anderem auch über ihre Gefühle für ihn, über die er dank ihres Geständnisses ausführlich Bescheid wusste und auch vollkommene Akzeptanz dafür zeigte. Sie unterhielten sich ziemlich lange darüber und sie erklärte ihm auch, dass er ganz einfach ein besonderer Mensch für sie war, der sie einfach berührt hatte und sie es nicht schaffte, ihn zu vergessen.
Und auch das nahm er ganz offen zur Kenntnis, versicherte ihr, dass es okay war und sie sich vor ihm wegen nichts zu schämen brauchte. Dann umarmte er sie noch einmal und hielt im Anschluss ein paar Augenblicke lang ihre Hand, schenkte ihr wieder dieses süße, herzliche Lächeln, das ihr seit jeher so gut an ihm gefallen hatte.
Und genau das war der Moment, in dem sie sich dazu entschloss, ihr ganzes Misstrauen und ihre Zweifel abzulegen und ihm zu vertrauen. Was auch immer der blonde Junge mit ihr tun wollte – sie würde es bedenkenlos zulassen. Weil sie wusste, dass er die Liebe ihres Lebens war. Wenngleich nur eine einseitige.
Sie unterhielten sich noch eine ganze Weile lang über alles Mögliche – so erfuhr sie unter anderem, dass er Kunststudent war und sich für das Tanzen interessierte, wenngleich er zugab, nicht besonders gut darin zu sein.
Dass dies jedoch mehr gemogelt als Wahrheit war, erfuhr sie noch am selben Abend, als er sie ganz freundlich um einen Tanz mit ihm bat – gänzlich ohne Hintergedanken oder Erwartungen. Und wenn sie ehrlich war, dann hatte mit genau diesem Tanz die eigentliche Geschichte erst ihren Lauf genommen. Denn noch ehe sie es richtig registriert hatte, war er ihr nähergekommen – so nah, dass sie einfach nicht in der Lage gewesen war, sich gegen ihn zu wehren.
Und noch bevor sie sich versah, überschritt der Blondschopf die Grenze zwischen Höflichkeit und Zuneigung, indem er sie mit einem spontanen Kuss überraschte – für sie ein komplett neues Gefühl und das erste Mal, dass sie einem Mann so nahe war.
Auch wenn sie tief in sich genau wusste, dass es ihr Leid tun würde, dass es falsch war, was sie hier gerade tat und sich immer wieder in Erinnerung rief, dass der blonde Junge eine feste Freundin hatte – es war trotzdem ein unglaublicher und überwältigender Moment für sie. Das erste Mal in ihrem Leben, dass ein Mann ihr so nahe kam – noch dazu einer, für den sie mehr empfand als nur bloße Sympathie.
Ihr Herzschlag ging schneller, als er sich nach ein paar Augenblicken wieder von ihr löste und mit demselben, bezaubernden Lächeln ansah wie bei ihrer ersten Begegnung. Im Anschluss machte er ihr ein Kompliment und teilte ihr mit, dass auch sie ein ganz besonderer Mensch war, der ihn sehr berührte und er sich deshalb gut vorstellen konnte, sie noch viel näher kennenzulernen.
Der Unterton in seiner Stimme verriet genau, wie er das meinte – und tief in sich wusste sie, dass sie eigentlich sofort gehen musste, um noch gravierende Ausschweifungen zu verhindern. Es war schlicht und ergreifend falsch, mit dem Blonden hier zu sein. Es war falsch gewesen, seinen Kuss zuzulassen. Und es war falsch, noch länger bei ihm zu bleiben.
Er war liiert. Er hatte eine feste Partnerin, zu der er gehörte. Und wenn sie sich nun tatsächlich auf ihn einließ, würde allenfalls eine kleine Affäre daraus entstehen, dessen war sie sich bewusst. Er würde ein bisschen Spaß mit ihr haben und ein paar reizvolle Stunden mit ihr verbringen, mehr aber auch nicht.
Die Gefühle, die sie für ihn hatte, würde er nie erwidern, geschweige denn, sich ernsthaft damit auseinandersetzen. Er mochte sie vielleicht leiden – möglicherweise fand er sie auch ein wenig attraktiv, wenn man bedachte, dass er sie gerade geküsst hatte. Aber mehr steckte sicherlich nicht dahinter. Dessen war sie sich bewusst.
Warum hatte sie dann trotzdem das Bedürfnis danach, zu bleiben? Warum wollte sie noch länger in seiner Nähe sein, obwohl sie genau wusste, dass es zu nichts führen würde? Warum fühlte sie sich hier und jetzt so wohl, wenn sie genau wusste, dass es ihr danach bitter Leid tun würde?
Weil sie in den Jungen verliebt war. War es das? Weil sie seit ihrer ersten Begegnung nur noch an ihn denken und von ihm träumen konnte. Weil er der allererste Mann in ihrem Leben war, der ihr Herz bis auf den Grund berührt hatte. Und weil sie irgendwie spürte, dass er das, was er gesagt hatte, auch ernst meinte.
Ja, überlegte sie im Stillen. Ja, vielleicht war es falsch, hier zu bleiben. Vielleicht würde er ihr weh tun und sie bereits am nächsten Tag fallen lassen. Möglicherweise war es ein Fehler, die Nähe des Blonden zuzulassen und sich ihm zu ergeben, was immer er auch vorhaben mochte. Aber wenn es ein Fehler war, dachte sie weiter, dann der wahrscheinlich schönste ihres Lebens.
Sie liebte den Blondschopf. Sie liebte ihn aufrichtig und tief. Und selbst wenn er nur auf Spaß aus war, selbst wenn er nicht mehr von ihr haben wollte als eine unverfängliche, belanglose Affäre oder einen One-Night-Stand – für sie bedeutete es wesentlich mehr. Deshalb wusste sie auch: Egal, was kam und egal, wie weh es tun würde – für ihn war sie bereit, das in Kauf zu nehmen. Weil er sie berührt hatte. So tief wie noch nie irgendein anderer.
Mit diesem Gedanken schob sie schließlich all ihre Zweifel beiseite und ließ sich ganz auf den blonden Jungen ein, verbrachte eine lange und intensive Nacht mit ihm, in der sie nicht nur das erste Mal in ihrem Leben aus vollem Herzen liebte, sondern auch geliebt wurde.
Ein leichtes Zittern überkam sie, als sie zum allerersten Mal die weiche, warme Haut des Blondschopfs berührte, als sie sich ganz an ihn verlor und dabei nicht nur neue Seiten an ihm, sondern auch an sich selbst entdeckte.
Sie gab absolut alles von sich, kostete jeden Streichler, jeden Kuss, jede noch so kleine Berührung in vollen Zügen aus, bis sie spät in der Nacht ganz nah an seiner Seite in einen traumlosen Schlaf sank.
Im Morgengrauen erwachte sie schließlich wieder und brauchte einige Momente, bis sie sich orientieren und feststellen konnte, wo sie sich überhaupt befand. Und beinahe zeitgleich gingen die Erinnerungen an die vergangene Nacht einher, die ihr noch einmal deutlich vor Augen hielten, was eigentlich passiert war.
Hastig drehte sie sich im Bett herum, doch der Blondschopf war verschwunden. Zurückgeblieben war nur ein weißer Briefumschlag, auf dessen Frontseite in Großbuchstaben ihr Name prangte und welcher ihrer Vermutung nach haargenau das verkündete, womit sie gerechnet hatte.
Zögernd nahm sie dem Umschlag an sich und öffnete ihn, faltete mit zitternden Händen das darin steckende Briefchen auseinander, aus welchem sich entnehmen ließ, dass er bereits gegangen war und ihm die Nacht mit ihr sehr gefallen hatte. Darüber hinaus bedankte er sich für alles und versprach ihr, dass auch sie immer ein besonderer Mensch für ihn sein würde. Außerdem ließ er sie auch durch die Blume wissen, dass von seiner Seite aus nichts dagegensprach, eine Nacht wie diese zu wiederholen, sofern auch sie dafür offen war.
Zum Abschluss schickte er ihr noch einen Kuss und versprach, sich bei ihr zu melden. Und wenn sie in diesem Augenblick nicht so hin- und hergerissen gewesen wäre, hätte sie glatt darüber lachen müssen, da sie diesen Spruch schon in mindestens hundert schnulzigen Liebesfilmen gehört, jedoch nie damit gerechnet hatte, dass er ihr selbst einmal begegnen würde.
Unweigerlich dachte sie an die vorangegangene Nacht, daran, wie nahe sie ihm gewesen war und wie schön seine Zuneigung sich angefühlt hatte. Und gleichzeitig fing der Herzschmerz an, sie zu beißen – weil er nicht mehr da war, ihr nicht mehr nah war, sondern höchstwahrscheinlich wieder bei seiner Freundin, die von den Ereignissen dieser Nacht nicht das Geringste erfahren würde.
Auch wenn sie es nicht wollte, liefen ihr Tränen übers Gesicht, fing sie an, sich elend zu fühlen und durchlebte damit genau das, was sie ursprünglich hatte vermeiden wollen. Es tat einfach so verflucht weh. Und sie wusste, dass es immer wieder wehtun würde. Denn auch wenn sie sich dagegen sträubte – irgendwie spürte sie, dass diese Nacht mit ihm nicht die einzige bleiben würde.

Und mit diesem Gefühl hatte sie letztendlich auch Recht behalten. So viel Zeit war inzwischen vergangen, so oft hatten sie sich mittlerweile heimlich in diesem Hotelzimmer getroffen und immer wieder dasselbe Spiel gespielt, bei dem es im Endeffekt nur Verlierer gab – auch wenn man sich bis zum Morgen danach noch wie ein Sieger fühlte.
Spätestens dann, wenn sie wach wurde und entweder seinen Abschiedsbrief auf dem Kissen vorfand oder seine leisen Schritte im Flur hörte, wusste sie, dass sie ihn wieder einmal an den neuen Tag verloren hatte – und es weitere vier Wochen dauern würde, bis dieses Spiel wieder von vorne begann.
Nur eine einzige Nacht, an jedem letzten Samstag des aktuellen Monats, gehörte er für ein paar wenige Stunden ihr, schenkte er ihr seine ganze Zuneigung, die nach Anbruch der Morgendämmerung verwehte wie ein Blatt im Wind.
Alles, was ihr dann noch blieb, waren seine Briefe, sowie im Idealfall ein kleiner Abschiedskuss, der jedoch die tiefe Sehnsucht, die bis zum Wiedersehen im nächsten Monat in ihr brannte, kaum zu stillen vermochte.
Und sie wusste genau, dass auch diese Nacht keine Ausnahme davon sein würde. Auch dieses Mal würde er gehen, sobald der neue Tag kam, würde sie ein weiteres Mal mit ihrer Sehnsucht alleinlassen und die Tränen, die sie wegen ihm weinte, nicht zu Gesicht bekommen.
Natürlich konnte und wollte sie ihm keinen Vorwurf daraus machen. Immerhin hatte sie gewusst, worauf sie sich einließ und dass sie einen Preis dafür bezahlen würde, um ihm für ein paar Stunden in der Nacht ganz nahe sein zu können. Sie wusste, dass sie nicht mehr war als seine Geliebte – und trotzdem träumte sie immer wieder davon.
Sie träumte, wie sie gemeinsam mit ihm durch die Stadt lief, Hand in Hand, wie sie ihn ganz offiziell als ihren Freund vorstellte und sich öffentlich zu ihm bekennen konnte. Davon, wie sie zusammen ausgingen, irgendwohin feiern oder tanzen, und er auf dieselbe Art nur Augen für sie hatte wie sie für ihn. Sie träumte davon, einmal von ihm den Satz zu hören, nach dem jede Frau sich sehnt – ein einziges Mal gesagt zu bekommen, dass sie mehr war als nur ein simples Betthäschen, für das er keinerlei Gefühle hatte.
Aber natürlich wusste sie, dass diese Vorstellung immer nur eine Vorstellung bleiben würde. Es mochte ja sein, dass er Zuneigung für sie hegte – aber eine vollkommen andere als die, welche sie für ihn empfand. Ebenso war sie sich auch sicher, dass ihm ihre Bedürfnisse nicht egal waren.
Sie bedeutete ihm schon etwas, das spürte sie – und diese Treffen waren auch für ihn wesentlich mehr als einfach nur belangloser, unverfänglicher Sex, der lediglich dazu diente, beide Parteien auf ihre Kosten kommen zu lassen.
Da waren schon Gefühle im Spiel, auch von seiner Seite aus, denn er war alles andere als kühl und distanziert dabei – aber es waren nicht dieselben, die sie für ihn hegte. Sie waren nicht so stark wie ihre, nicht so intensiv und ergreifend. Es war keine Liebe, die er für sie empfand, sondern vielmehr bloße Sympathie, Neugier und natürlich auch Lust.
Und auch wenn sie von Anfang an gewusst hatte, worauf sie sich einließ und trotz der vielen Abschiede nicht ein einziges Mal mit ihm bereute, so zerbrach trotzdem immer irgendetwas in ihr, wenn ein neuer Morgen den schönen Traum wieder zunichte machte und sie für einen weiteren Monat lang kalt auseinanderriss.
Es war jedes Mal wie eine Nadel, die sich langsam durch ihr Herz bohrte, wenn sie einen seiner Abschiedsbriefe fand, in denen er ihr versprach, sich bald wieder zu melden und es im Endeffekt doch nicht tat. Es schmerzte, ihm in der Öffentlichkeit zu begegnen und sich verstellen zu müssen, ganz besonders dann, wenn er seine Freundin mit dabei hatte, die von all dem, was sich zwischen ihnen abspielte, nicht den geringsten Schimmer hatte.
Und im Endeffekt wäre es ein Einfaches für sie gewesen, sich auf diese Art seine Zuneigung zu erpressen, indem sie ihm damit drohte, ihn auffliegen zu lassen, wenn er nicht bei ihr blieb.
Aber so eine Aktion hatte sie niemals in Erwägung gezogen. Zwar hatte sie durch die Briefe, die er ihr regelmäßig hinterließ, eindeutige Beweise für seine Untreue – und es wäre ein Kinderspiel für sie, diese seiner Freundin zukommen zu lassen und sie darüber in Kenntnis zu setzen, was ihr werter Freund heimlich so trieb – oder besser gesagt – mit wem er es trieb.
Aber sie tat es nicht. Schmerzte jeder Abschied von ihm sie auch noch so tief, sann sie nicht einen Augenblick lang nach Rache oder hatte gar das Bedürfnis, ihn dumm dastehen zu lassen, da sie sich eine Sache dabei stetig im Hinterkopf behielt: Sie hatte es selbst so gewollt. Sie hatte sich freiwillig auf diese Affäre mit ihm eingelassen, obwohl sie alle Fakten und Hintergründe gekannt und gewusst hatte, dass er in einer festen Beziehung war. Sie hatte die Wahl gehabt und sich für den Reiz des Verbotenen entschieden – und nun musste sie auch die Konsequenzen dafür tragen.
Deshalb konnte sie ihn auch nicht dafür verantwortlich machen. Er hatte sie schließlich nie zu irgendetwas gezwungen. Sie war hier, weil sie hier sein wollte – aus freien Stücken und sich wohl der Konsequenzen und Nachteile bewusst, die ihr Verhalten für sie hatte.
Aber was sollte sie dagegen tun? Sie liebte diesen blonden Jungen. Sie liebte ihn so sehr wie noch nie einen Menschen in ihrem Leben. An ihn hatte sie nicht nur ihr Herz, sondern auch ihre Unschuld verloren. Und ihren ersten Kuss hatte sie mit ihm geteilt. Es war einfach Liebe. Einseitige Liebe. Ohne Wenn und Aber.
Mit einem kaum vernehmbaren Seufzen kehrte sie schließlich aus ihren Gedanken zurück in die Wirklichkeit und wandte ihren Blick ein weiteres Mal in seine Richtung, schaute ihm ins Gesicht, das noch immer sanft vom fahlen Mondlicht beschienen wurde.
Ganz behutsam beugte sie sich schließlich zu ihm hinunter und musste schmunzeln, während sie damit anfing, ihm durch seine blonden Strähnen zu streicheln. Wie jedes Mal war es ein unvergleichlich schönes Gefühl, weshalb sie es auch so gut sie konnte auskostete.
Unabsichtlicherweise weckte sie ihn durch eine zu starke Berührung und brachte ihn dazu, sich einen Moment lang im Bett hochzusetzen. Etwas schlaftrunken schaute er sich kurz nach allen Seiten um und schickte sich dazu an, das Zimmer zu verlassen, bis er feststellte, dass es noch mitten in der Nacht war und ihm noch eine Weile Zeit blieb, bis er gehen musste.
„Entschuldigung“, hörte er sie neben sich flüstern und wandte sich kurz zu ihr um. „Das war keine Absicht“. Er musterte sie einen Moment lang im Schein des Mondlichts, bis er sich schließlich wieder ein Stückchen tiefer sinken ließ und aus einem unbewussten Reflex heraus nach ihrer Hand suchte.
„Schon gut“, antwortete er dann mit gelassener Stimme, die in ihren Ohren einen so klaren und reinen Klang hatte wie noch nie irgendeine andere zuvor. Behutsam tastete er nach ihrer Hand und versuchte ein kleines Schmunzeln, welches trotz der Dunkelheit gut sichtbar war und ihr Herz aus irgendeinem Grund wieder schneller schlagen ließ, so wie jedes Mal, wenn er sie ansah oder berührte.
Er hatte einfach etwas Besonderes an sich, etwas, dem sie sich nicht entziehen, geschweige denn, widerstehen konnte. Weil er eben ein blonder Engel war. Doch leider gehörte er nicht zu ihr.
„Kannst du nicht schlafen?“, durchbrach er schließlich ihre Überlegungen und sie spürte, dass das Streicheln auf ihrer Hand intensiver wurde. Seufzend verneinte sie seine Nachfrage und versuchte, sich ihre Grübeleien vor ihm nicht anmerken zu lassen, geschweige denn, ihre Traurigkeit darüber, dass er in ein paar Stunden wieder verschwinden würde.
„Warum nicht?“, hakte er weiter nach und fing an, ganz bedächtig ihre braunen Haarsträhnen zu berühren. „Was ist los?“. „Nichts“, antwortete sie ihm rasch, auch wenn sie im Prinzip wusste, dass er ihr diese Aussage nicht abkaufen würde. „Nichts. Schon gut“.
„Na komm“, erwiderte er hartnäckig und sah ihr direkt in die Augen. „Mach mir nichts vor. Du hast doch was“.
Ein weiteres Mal seufzte sie und senkte ihren Blick, während er sich rasch herumdrehte und das Licht anknipste. „Was ist los?“, wiederholte er seine Frage, abermals in ganz zartem, fürsorglichem Ton, so wie sie es seit jeher von ihm kannte. Und vielleicht würde es ja doch was bringen, einfach ehrlich zu sein und offen zu sagen, worüber sie nachdachte. Vielleicht würde es ihr dadurch ja gelingen, endgültig herauszufinden, was sie für den Blondschopf eigentlich war.
„Weißt du...“, begann sie schließlich nach kurzem Zögern. „Es gibt da etwas, das mich schon seit längerer Zeit beschäftigt. Aber ich wollte bisher nicht drüber sprechen, um dir keinen falschen Eindruck zu vermitteln“.
„Wie meinst du das?“, hakte er nach, woraufhin sie erneut ein Seufzen ausstieß. „Du weißt, was du mir bedeutest“, klärte sie ihn auf und suchte dabei den direkten Blickkontakt mit ihm. „Du weißt, was ich für dich empfinde. Und dass ich jetzt hier bei dir bin, hat auch nur den Grund, dass du mir eine Menge bedeutest. Sonst würde ich so etwas eigentlich niemals machen. Und du weißt auch, warum“.
„Ja“, antwortete er ihr geduldig. „Ja, natürlich weiß ich das. Und ich hoffe, du weißt auch, dass ich das mit uns nie aufs Spiel setzen würde. Dafür bedeutet es mir nämlich auch zu viel“.
„Das mit uns“, erwiderte sie und war einen Moment lang versucht, aufzulachen. „Treffender könnte man es nicht sagen. Aber was genau ist es denn eigentlich, das mit uns? Eine Affäre? Belanglose Sex-Dates? Ein netter Tapetenwechsel? Und vor allem: Was bin ich für dich?“.
„Wie meinst du das?“, hakte er nach, woraufhin ihr Gesichtsausdruck einen Moment lang ernst wurde. „So wie ich es sage“, erklärte sie ihm und schaute ihn an. „Was bin ich für dich? Bin ich deine Geliebte? Dein Betthäschen? Dein Spielzeug? Eine Abwechslung für zwischendurch? Was bin ich? Kannst du mir das sagen?“.
„Aber nein...“, fing er an zu erklären und schüttelte rasch seinen Kopf. „Nein, so ist das doch gar nicht. Du weißt genau, dass du mir sehr viel bedeutest und ein ganz besonderer Mensch für mich bist. Und ich würde dich auch gerne öfter sehen. Aber du weißt, warum das nicht geht“.
„Weil deine Ische sonst was merken könnte?“, warf sie ihm zur Antwort entgegen, da ihr der Gedanke daran, dass er am Morgen erneut verschwinden würde, dieses Mal ziemlich zusetzte. „Weil sie sonst dahinterkommen könnte, dass du dich heimlich mit ner anderen amüsierst? Würde sie sicherlich nicht so toll finden, oder?“.
„Hey“, versuchte er, besänftigend auf sie einzuwirken, auch wenn er solche Eifersüchteleien schon des öfteren erlebt hatte. Doch dieses Mal schien sie ehrlich aufgebracht und gekränkt zu sein, obwohl er nicht so ganz nachvollziehen konnte, was der Auslöser dafür war.
„Es ist ja schön, dass du mir zum Abschied wenigstens immer einen Brief hinterlässt“, setzte sie hinzu und bemühte sich, die Kontrolle über ihre Gefühle zu bewahren. „Aber bitte schreib in Zukunft nicht mehr rein, dass du dich meldest. Das machst du ja sowieso nicht. Erst einen Tag vor dem nächsten Treffen ne kurze Nachricht, ob es klar geht. Das brauchst du von nun an auch nicht mehr. Du weißt ja sowieso, dass ich komme“.
„Wirklich?“, erkundigte er sich, woraufhin sie versucht war, mit den Augen zu rollen. „Natürlich“, antwortete sie ihm dann. „Natürlich werde ich herkommen. Weil ich überhaupt nicht anders kann. Ich liebe dich eben. Auch wenn ich für dich nicht mehr bin als ein Spielzeug“.
„Das stimmt doch nicht“, antwortete er und versuchte, sie besänftigend zu streicheln, wogegen sie sich jedoch zur Wehr setzte. „Du bist doch viel, viel mehr für mich als nur das. Und das weißt du doch auch, oder nicht?“.
„So?“, fragte sie sarkastisch nach. „Weiß ich das? Ich bin mir inzwischen ehrlich gesagt nicht mehr so sicher, was ich dir noch glauben kann und was nicht“. „Warum?“, fragte er, was sie mit einem leichten Augenrollen kommentierte.
„Weil du dich nie an deine Versprechen hältst“, erklärte sie ihm dann betrübt. „Du sagst mir immer wieder, dass du dich meldest, machst es aber nie. Und du hast mir versprochen, dass wir auch so mal was zusammen unternehmen können, außerhalb unserer Treffen. Einfach mal zusammen ausgehen und Zeit miteinander verbringen. Ohne die ganzen Heimlichkeiten. Und vor allem, ohne dabei im Bett zu landen. Aber scheinbar ist Sex das einzige, wofür ich dir gut genug bin. Bisher haben wir uns nicht einmal getroffen, ohne dass du das Eine von mir wolltest. Also bin ich im Endeffekt doch bloß ein Spielzeug“.
„Aber nein“, lehnte er abermals ab und suchte behutsam ihre Nähe. „Nein, das stimmt doch nicht. Wirklich nicht. Es... ähm... es ist ganz einfach schwierig, weißt du. In der Öffentlichkeit ist es komplizierter, weil...“.
„Weil man uns erwischen könnte?“, unterbrach sie ihn und lachte kurz auf. „Glaubst du, ich bin so unbeherrscht und falle gleich über dich her? Oder ich verhalte mich zu aufdringlich? Oder hast du Angst, ich könnte deiner Ische stecken, dass du gar nicht einmal im Monat bei einem Kumpel übernachtest, so wie du es ihr die ganze Zeit vorlügst? Denkst du das ehrlich von mir?“. „Nein“, versuchte er, sich zu erklären. „Nein, natürlich nicht. Aber...“.
„Aber was?“, fiel sie ihm zum wiederholten Male ins Wort. „Aber was, Tristan? Was ist es dann? Warum können wir nicht einfach ganz normal miteinander umgehen? Oder auch mal was unternehmen? So wie Bekannte das eben ab und zu tun?“.
„Weil es einfach nicht richtig wäre“, antwortete der Blonde ihr ernst. „Ich glaube, es würde dir nur wehtun, wenn wir uns öfter treffen. Du tust dich doch jetzt schon schwer damit, deine Gefühle zu beherrschen“.
„Wundert dich das?“, entgegnete sie seine Frage und sah ihn lange an. „Wundert dich das wirklich, Tristan? Du weißt genau, dass ich das alles hier nur mache, weil ich nicht anders kann. Ich liebe dich. So wie noch nie einen anderen Menschen vorher. Nur deshalb habe ich mich auf dieses Angebot von dir eingelassen. Nur deshalb fahre ich Monat für Monat zu diesem Hotel und treffe mich mit dir. Weil ich so zumindest die Illusion habe, mit dir zusammen zu sein. Und weil meine Gefühle für dich stärker sind als der Schmerz“.
„Der Schmerz?“, wollte er mit leiser Stimme wissen. „Welcher Schmerz denn?“. „Der Schmerz, wenn du gehst“, antwortete sie und senkte den Blick. „Wenn ich nur noch einen Brief finde und du verschwunden bist. Glaubst du, das tut mir nicht weh? Glaubst du, es ist schön, zu wissen, dass du wieder zurück zu ihr gegangen bist, als wäre zwischen uns gar nichts gewesen? Glaubst du, das lässt mich vollkommen kalt?“.
„Ich...“, versuchte er zu erwidern, doch sie ließ ihn nicht zu Wort kommen. „Das ist jedes Mal die Hölle für mich“, rief sie aus, ein wenig lauter als eigentlich beabsichtigt, und zeigte ihm zum ersten Mal seit Beginn ihres Verhältnisses ungeschminkt ihre Gefühle. „Jedes Mal allein aufzuwachen und zu wissen, dass ich wieder einen ganzen Monat warten muss, bis wir uns wiedersehen. Jedes Mal Angst davor zu haben, dass es das letzte Mal gewesen sein könnte und du kein Interesse mehr an mir hast. Jedes Mal wieder zu hoffen, dass du vielleicht doch endlich mehr willst, nur um am Ende wieder mal enttäuscht zu werden. Das ist ein grauenhaftes Gefühl. Und ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie lange ich es noch ertrage“.
„Was meinst du damit?“, wollte er mit unsicherer Stimme wissen, woraufhin sie seine Hand nahm und ihn mit glasigen Augen musterte. „Tristan, ich liebe dich“, antwortete sie ihm aufrichtig. „Ich habe dich vom allerersten Moment an geliebt und werde dich auch immer lieben. Und genau deshalb war ich bisher auch bereit dazu, mich hier mit dir zu treffen. Weil ich so wenigstens die Möglichkeit hatte, dir ein bisschen nahe zu sein und meine Zeit mit dir zu verbringen. Du warst der erste Junge, den ich geküsst habe und auch der erste, bei dem ich mehr zugelassen habe. Und ich bereue nicht eine Minute unserer Zeit. Aber...“.
„Aber...?“, fragte er und hielt nervös den Atem an. „Aber so wie bisher kann es einfach nicht weitergehen. Nicht, wenn ich dir ständig Gefühle entgegenbringe, die du kalt zurückweist. Nicht, wenn du nicht zumindest ähnliche Gefühle für mich hast“.
„Was meinst du damit?“, wollte er wissen und schluckte nervös. „Ich möchte wissen, woran ich bin“, antwortete sie ihm ernst. „Ich möchte, dass du mir klar und deutlich sagst, was du für mich empfindest. Und ich will, dass du ein Zeichen setzt“.
„Welches Zeichen?“, fragte er nach, woraufhin sie ihn fest an beide Hände nahm. „Sag mir erst, was du empfindest“, bat sie ihn eindringlich. „Welche Gefühle hast du für mich, Tristan? Bist du einfach scharf auf mich? Findest du mich nett? Magst du mich? Oder ist es mehr? Was fühlst du?“.
„Ich...“, stotterte er ein bisschen überfordert, da er nicht genau wusste, was er ihr darauf antworten sollte. Denn wenn er ehrlich zu sich selbst war, dann war es schon mehr als bloßes Mögen, das er für sie empfand. Er hatte sie gern. Ziemlich gern sogar. Nicht so stark wie seine Freundin – aber ähnlich.
„Und?“, fragte sie schließlich noch einmal, als er mit der Antwort zögerte. „Was fühlst du? Sag es mir“. „Ich... ich mag dich“, erklärte er schließlich ein wenig verlegen, wenngleich es keinerlei Grund dafür gab. „Ich mag dich sehr. Wirklich sehr. Verstehst du, was ich meine?“.
„Ich weiß nicht“, entgegnete sie unsicher. „Meinst du damit nur mögen im Sinne von gern haben? Oder im Sinne von mögen-mögen?“.
„Mögen-mögen“, antwortete er leise und senkte schüchtern seinen Blick. „Oder anders gesagt: Ich habe Gefühle für dich. Nicht dieselben, die ich für meine Freundin habe, aber sehr ähnliche. Ich bin einfach gern mit dir zusammen. Und deine Nähe tut mir gut“.
„Deine mir auch“, ließ sie ihn wissen. „Weil ich dich einfach liebe, Tristan. Und genau deswegen teile ich dich auch. Auch wenn es mir noch so schwer fällt und ich weiß, dass es immer wieder wehtun wird – dir zuliebe stehe ich das durch. Auch wenn du mir nur eine Nacht im Monat schenkst und ich es die restliche Zeit ohne dich aushalten muss – auch wenn das wehtut und ich mir manchmal wünsche, dass es anders wäre, ich kann einfach nicht anders. Du hast mich berührt. So tief wie noch nie irgendein Mensch zuvor. Und allein diese eine Nacht in jedem Monat ist viel mehr für mich als ich mir wünschen kann. Und auch wenn es noch so unrealistisch ist, habe ich immer noch die Hoffnung, dass du vielleicht eines Tages hier bleibst“.
„Du weißt, dass ich dir nichts versprechen kann“, entgegnete er und streichelte sich erneut durch ihr braunes Haar. „Aber möglich ist alles“. „Das hast du schon oft gesagt“, meinte sie mit einem leisen Seufzen. „Und ich will auch nichts von dir verlangen. Aber kannst du mir sagen, ob du vielleicht irgendwann eine Chance für uns siehst?“.
„Vielleicht“, antwortete er und gab ihr behutsam einen Kuss. „Wenn du bereit bist, solange auf mich zu warten“.
„Ich werde immer auf dich warten“, ließ sie ihn wissen, während sie sich eng an ihn drückte. „Immer. Weil mich noch niemals ein Mensch so tief berührt hat wie du. Und egal, wie lange es auch dauert: Solange es auch nur den Hauch einer Chance gibt, werde ich warten. Weil ich dich liebe, Tristan. Mehr als alles andere“.
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