With every step I take I'll be missing you

OneshotSchmerz/Trost / P16 Slash
10.10.2018
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Du bist ein Lügner. Ein verdammter Lügner. Nicht einmal ein einziges Versprechen kannst du halten. Dabei bist du der Einzige, dem ich jedes Wort ohne Bedenken sofort glaube. Warst der Einzige. Ich baute auf dich, vertraute dir. Und nun? Ich schaue abends Fernsehen, esse unsere Lieblingsschokolade – alleine. Ich gehe durch die vertrauten Räume unserer Wohnung – alleine. Jeden Morgen decke ich den Tisch: Zwei Teller, zwei Becher, zweimal Besteck für ein schönes englisches Frühstück. So wie du es am liebsten hast. Wir beiden. Jeden Morgen koche ich für dich einen schwarzen Tee. Einen Tee, den du niemals trinkst. Weil du nicht mehr da bist. Alleine. Das bin ich. Ohne dich. Du bist ein Lügner, ein Heuchler! Hast du mir nicht geschworen, mich niemals alleine zu lassen? Komme, was wolle? Und was ist nun? Ich bin alleine. Du bist fort. Ich stehe morgens auf, mache mich für den Tag fertig. Ja, ich gehe auch zur Arbeit, gehe auch mal am Abend mit meinen neuen Kollegen aus. Einen trinken, gehört sich ja so, nicht wahr? Ich trinke vieles, je nachdem wie ich mich fühle. Meistens lasse ich den Alkohol weg. Er schmeckt mir nicht mehr. Und es hat einen Grund. Übrigens - weißt du was? Ich vermeide immer eine gewisse Seite in der Getränkekarte. Und weißt du welche? Weißt du es? Tequila Sunrise? Sex on the Beach? Mango Colada? Sweet Holly? Ich liebe 'Sweet Holly'. Du weißt es. Ich weiß es. Aber ich trinke ihn nicht mehr. Der Versuch ist da, so manches Mal. Aber ich trinke ihn nicht. Denn jeder Cocktail erinnert mich an dich. Ich will in deine Augen sehen, während mir der klebrige Saft die Kehle hinab rinnt. Dein Lachen. Deine glänzenden Augen. Deine vertraute Geste, wenn du wie aus dem Nichts mindestens drei verschiedene Farben Nagellack ans Tageslicht beförderst und mich fast schon hinterhältig angrinst. Weil du weißt, dass ich mich nicht wehre. Im Grunde war ich derjenige, der dich dazu brachte immer bewaffnet zu sein mit diesem Beautyprodukt. Nur noch einen Abend. Ein Abend mit dir und süßen, zu süßen Cocktails. Cocktails, die ich liebe. Cocktails, die ich verfluche. Du bist nicht mehr hier und die Getränke sind schuld! Ich liebe das Gefühl, wenn meine Hand in deiner liegt, während du langsam, fast schon professionell mittlerweile, mir die buntesten Fingernägel malst. Das macht der Alkohol mit mir. Harmlos. Doch du? Du verlierst dich in dem Alkohol, jedes Mal, wenn dein Blick zu tief ins Glas geht. Gebrochener Arm. Blaue Flecken am Rücken. Gebrochene Nase. Wir beide haben alles durch. Zumindest dachte ich das. Dann kam die eine Nacht. Du ließt mich alleine. In der einen Sekunde lachst du mich an, drehst dich wild im Kreis. Dann stolperst du. Die Ampel ist rot, die Straße belebt. Ich strecke meine Hand nach dir aus, stehe jedoch zu weit weg. Ich sehe noch deinen verwirrten Blick, als du deine Orientierung wiederfinden willst. Der Knall liegt mir noch in den Ohren. Niemals werde ich ihn vergessen. Du bliebst stumm. Kein Schrei. Kein Wimmern. Nur Stille. Nein, da ist ein Schrei. Mein Schrei. Ich bin alleine. Ohne dich.
Ich hasse dich.
Ich vermisse dich.
Ich liebe dich.

Ich habe mein Leben in den Griff bekommen. Irgendwie. Zumindest rede ich es mir ein. Du fehlst. Ich wohne noch in New York. Nach London ziehen? Unmöglich. London fehlt mir, meine Familie fehlt mir. Du fehlst mir mehr. Nach London ziehen bedeutet dich ziehen zu lassen. Du bleibst hier, du kommst nicht mit. Das kann ich nicht, nicht ohne dich. Also bleibe ich in New York. Ich lebe mein Leben. Ich schaffe das. Die Arbeit, Ernährung und auch schlafen. Die meisten Nächte schaffe ich es zu schlafen, ohne zu träumen. Es ist nicht schön, aber ich schlafe. Wenn ich träume, träume ich von dir. Dann wache ich auf, rufe nach dir. Und hasse dich. Du antwortest mir nicht. Du Lügner.
Heute ist so eine Nacht, wo du mich im Schlaf besuchst. Seit Wochen das erste Mal wieder. Es wundert mich nicht. Heute ist der Tag. Meine Glieder fühlen sich schwer an, jede Bewegung ist anstrengend. Ich will liegen bleiben. Ein Jahr. Ein Jahr ohne dich. Ich kämpfe, weil ich weiß, dass du das willst. Gebe ich mich auf, bist du traurig. Du bist ein Mistkerl. Dennoch will ich dich nicht traurig machen. Auch heute nicht. Also stehe ich auf und gehe ins Bad und nehme eine Dusche. Ein Jahr – eine Ewigkeit. Du brachtest Licht in mein Leben. Ich brauche dieses Licht. Ich brauche dich. Dein Verlust setzt mir zu. Besonders heute. Der Cast trifft sich. Unser Cast. Warum heute? Sie wissen welcher Tag ist. Hassen sie mich? Ich gehe doch durch die Hölle, was wollen sie mehr? Ich will absagen. Kurzfristig. Mich krank stellen. Aber ich tue es nicht. Noch zwei Stunden bis zum Treffen. Nach der Dusche trockne ich mich ab. Mit dem Rücken zum Spiegel, denn ich will deine Zahnbürste nicht sehen. Ich sollte sie wegwerfen – ich tue es nicht. Sie gehört dir. Das Handtuch wandert wieder an den festen Platz, ich brauche es nicht mehr. Meine Schritte tragen mich in dein Zimmer. Ich suche mir einen deiner Pullover aus. Es ist Juni, doch mir ist kalt. Er wird mir zu groß sein, doch das ist mir egal. Er gehört dir. Ich werde ihn tragen. In meinem Zimmer kleide ich mich zuende an. Ich habe noch Zeit bis zum Treffen. Küche. Der Tisch wie jeden Morgen gedeckt, die zwei Tassen schwarzer Tee runden das Bild ab. Jeden Morgen. Heute schütte ich deine Tasse nicht weg. Ich trinke sie. Langsam. Das Frühstück lasse ich stehen. Später. Es beruhigt mich, etwas zu tun zu haben. Für später.

Meine Finger umschließen den Haustürschlüssel in meiner Hosentasche, spielen leicht damit. Ich gehe zu Fuß zum Treffen. Ich habe die Zeit dafür. Einiges an Abstand liegt zwischen der Straße und mir, so gut es geht. Ich habe Angst vor Autos. Sie sind schuldig. Cocktails und Autos. Du bist fort, dank ihnen. Der Treffpunkt, ein kleines Restaurant, liegt nicht weit entfernt. Mit dem Bus zwanzig Minuten. Für New York kein großer Abstand. Ich brauche vierzig Minuten. Ich habe es nicht eilig. Cherrelle und Alex sind schon da. Auch einige andere Castmitglieder kann ich erblicken. Dich nicht. Ich weiß es, dennoch suchen meine Augen nach dir. Cherrelle kommt auf mich zu, umarmt mich. Ich lasse es zu. Das Bedürfnis sie von mir zu schieben ist da, aber ich tue es nicht. Ich schiebe sie nicht weg. Auch Alex nicht, der mich danach umarmt. Andere schließen sich an. Ich nicke hier und da, als sie mir was sagen, höre aber kaum zu. So sehr ich will, ich kann nicht. Meine Gedanken sind bei dir. Wie jeden Tag. Ohne dich, das bin ich. Ich fühle mich leer. Mein Lächeln ist falsch. Ich weiß es. Du weißt es. Cherrelle und Alex wissen es. Alle. Es ist kein Geheimnis. Keiner sagt etwas. Alex führt mich zu einem Stuhl. Ich setze mich, sehe mich um. Auch die anderen nehmen langsam Platz, die letzten vermissten Personen treten ein. Wir sind vollzählig. Nein sind wir nicht. Du fehlst. Ich suche nach einen leeren Stuhl, deinem Stuhl. Es gibt ihn nicht. Hier deckt keiner für dich mit ein. Sie vermissen dich nicht. Nicht so, wie ich dich vermisse, wie ich dich brauche. Ich schließe die Augen, nur für einen kurzen Moment. Kämpfe gegen Tränen. Ich weine nicht, seit einem Jahr nicht. Mir fehlt die Kraft. Heute aber weine ich. Leise und still – nur für mich. Um mich herum reden alle, ein großes Stimmengewirr. Sie lassen mich in Ruhe, dafür danke ich ihnen. Ich bin alleine. Sie sind da – dann wieder nicht. Alleine. Du bist fort. Wut und Trauer steigen in mir hoch. Ich hasse dich! Lügner! Verräter!
„Glaubst du wirklich, ich lasse dich alleine? Ich habe es dir versprochen, ich bin hier – nahe bei dir!“
Deine Stimme. Ganz leise. Ich öffne die Augen, schaue mich panisch um. Wo bist du? Ich kann dich hören, aber nicht sehen. Warum spielst du mit mir?
„Ich spiele nicht mit dir. Ich bin hier. Vertrau mir – ich habe nie gelogen.“
Wieder deine Stimme. Ich höre sie, nahe an meinem Ohr. Oder in meinem Kopf? Du sprichst leise, aber ich kann dich dennoch klar und deutlich hören. Wieder versuche ich dich zu finden. Da bist du! Ich weite die Augen, als ich deine schemenhafte Gestalt erblicke. Blass, kaum zu sehen. Aber du bist da. Du lächelst mir zu, mit deinem typischen Lächeln. Du lehnst an der Wand, nahe der Tür. Niemand beachtet dich – nur ich. Du bist da! Eine Träne rollt mir über die Wange als ich dein Lächeln erwidere. Ehrlich. Du hebst deine Hand und lachst leicht, zwinkerst mir zu.
„Ich werde immer bei dir sein – das weißt du doch, oder?“
Ich nicke langsam. Du nickst zurück. Ein erneutes Versprechen. Ich glaube dir, vertraue dir. So wie ich es immer tue. Cherrelle stupst mich an, fragt mich, ob ich was zu trinken haben möchte. Dieses Mal schenke ich ihr meine Aufmerksamkeit, konzentriere mich auf die Leute um mich herum. Dabei spüre ich deinen Blick auf mir, der mich keine Sekunde verlässt. Wie das letzte Jahr über auch. Ich habe es nur nie gemerkt.
Du bist kein Lügner. Du bist bei mir – jeden Tag. In meinem Gedanken, meinem Herzen. Du bist bei mir.
Mein ganz persönlicher Schutzengel.
Ich liebe dich, Sam.
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