Notfallnummer

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Captain America / Steven "Steve" Grant Rogers Iron Man / Anthony Edward "Tony" Stark
09.10.2018
09.10.2018
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Es sagte schon einiges über einen Menschen aus, wenn man sich an einem exzentrischer Lügner, der mehrmals fast die gesamte Welt in Schutt und Asche gelegt hatte, klammerte. Aber Himmel, Steve tat es. Es war dumm, nicht nachzuvollziehen (er hatte doch Sam, er hatte sogar Bucky wieder und das war sehr gut, das war das Beste, was ihm passieren konnte also warum konnte er Stark nicht loslassen, wieso konnte er Tony nicht einfach vergessen?) und was konnte man von einem Mann außerhalb seiner Zeit auch anderes erwarten als schlechte Lebensentscheidungen zu treffen?

Was konnte man von einem alten Mann (er war alt, obwohl er keine Falten hatte und kein einziges graues Haar sich in sein blond verirrt hatte. Das verdammt Serum, es hielt in jung und stark und macht ihn zu Captain America. Ein zeitloser Held. Ein Idol. Steve Rogers machte es nur alt.) erwarten, der aus der Mitte des 2. Weltkrieges gerissen worden war, nur um in einer Welt aufzuwachen, in der er die gleichen Feinde bekämpfen musste wie vor 80 Jahren? Tony hatte ihn immer altmodisch genannt, wenn er Dinge lieber mit Füllfederhalter aufschrieb anstatt sich Notizen auf dem Handy zu machen (diese Dinger waren eine Pandorabox, ein einziges Sammelsurium an Irrwegen und Funktionen und er verstand beim besten Willen nichts davon). Selbst als ihm Iron Man im kleinsten Detail mit einer Geduld, die er dem Mann nicht mal im Traum zugemutet hatte, erklärte, wofür all die bunten Knöpfe waren, ließ Steve die Finger davon.

Der Mensch war ein Gewohnheitstier, Steve hätte die neue Welt mit all ihrem Glitzern und Blinkblink vielleicht sogar lieben gelernt, wenn er nicht aus seiner eigenen so ruckartig herausgerissen worden wäre. (Ein einziges wenn, wenn, wenn, das sich in seinem Kopf abspielte. Eine gesprungene Platte, und eigentlich doch ganz passend für so einen alten Knacker wie ihn oder? Niemand übersteht so etwas und trägt nicht einen kleinen Riss davon.)

So aber stand er in mitten einer neuen Welt, die gleichzeitig sagte, dass sie sicherer sei (Hydra war tot, bis sie es nicht mehr waren. Die Welt war sicher, bis sich der nächste Wahnsinnige in seinen Kreuzzug stürzte.) und gleichzeitig an allen Nähten gleichzeitig zu reißen schien. Alles war größer, lauter, tödlicher.

Howard hatte die Zukunft erschaffen, von der er immer geträumt hatte, hatte all die neuen Dinge erfunden, die Steve nur stirnrunzelnd auf Blaupausen hatte betrachten können. Die Zukunft trug den Stempel „Stark“ deutlich. Ob sie deshalb eine besser war, darüber ließ sich streiten.

Steve hatte also ein Klapphandy gekauft und einen Brief geschrieben und beides an den Mann geschickt, dem er mit einem Schlag alles genommen hatte. Der ihm auf einen Schlag alles genommen hatte.

Er hatte kein Schild mehr („du verdienst es nicht“, zischt Tony in seinen Träumen, eine körperlose Gestalt die ihn nie allein zu lassen scheint, selbst wenn er im selbigen verzweifelt versucht seinen Freund vor dem Verbluten zu retten. Er hat Iron Man öfters in seinen Träumen getötet, als er zählen wollte. Es tut ihm so leid, so unfassbar leid!), keine Uniform, kein Team. Er war ein Niemand, er hatte kein Land, keine Aufgabe und er klammerte sich an das Handy in der Hoffnung das Tony eines Tages anrufen würde.

Denn er hatte noch Tony.

Denn Tony war harsch, wütend, gemeingefährlich und konnte manchmal ein richtiger Mistkerl sein, aber Steve hatte in seinen Augen gesehen, wie sehr er sie geliebt hatte. Alle. Wie viel ihm die Avengers bedeutet hatten (und Steve hatte es ihm weggenommen, hatte alles aufgegeben für Bucky und hatte ihm am Ende das Schild in die Brust gerammt) und Steve wusste auch, dass Tony ein guter Mensch war.

Loyal. Aufopfernd (oh so aufopfernd, so selbstlos, so gleichgültig seinem eigenen Leben gegenüber, so darauf aus, all seine Sünden abzuzahlen dass Steve ihm am liebsten eine Welt präsentieren wollte, in dem er es nichts tun musste, weil alle sicher waren). Er war ein Held, jemand der sich auf den Stacheldraht legen würde. Sogar für Steve.

(Wieso rief er also verdammt noch mal nicht an? Wieso rief Steve ihn nicht an? Wieso konnte er sich nicht einfach betrinken, so lange bis das einzige was er herausbringen würde ein endloses „es tut mir leid, es tut mir leid, es tut mir leid“ sein würde?)

Sie verfolgten die Nachrichten mit einer rituellen Obsession, denn jeder Konflikt, jede Krise, jedes Gewaltdelikt war eins, das sie nicht verhindern konnten. Es war eine recht destruktive Art der Buße.

(Steve tat Buße. Er besorgte Papiere für Clint und für Scott, damit sie ihre Familien besuchen konnten, damit sie das wiederhaben konnten, was er ihnen genommen hatte. Er hinterfragte nicht, wenn Wanda fortblieb. Er half Natasha sich die Haare zu färben. Er redete mit Sam darüber, wie brillant Tony war. Dass Rhodney sicher wieder laufen würde. Er ließ Bucky wieder einfrieren. Er starrte auf den Fernseher und wünschte Tony das schönste Leben, auch wenn es bedeutete, dass er niemals anrufen würde, dass er niemals wieder die Gelegenheit haben würde, sich einen Film mit dem Team anzusehen. Auch wenn es bedeutete, dass er langsam alles verlor.)

Wie alles, was mit Captain America und Iron Man zu tun hatte, haftete dem ganzen ein schaler Geschmack der Tragik an. Aber Steve schluckte ihn bereitwillig, versuchte nicht daran zu denken was er fast getan hatte (er hatte Tony getötet, wäre Tony nicht Iron Man gewesen, dann hätte er ihn getötet. Er hatte gewusst, wie sensibel der Arc-Reaktor war, wie wichtig er für die Rüstung war. Und er hatte mit voller Macht zugeschlagen. Weil es so himmelschreiend einfach war, zu vergessen, dass Stark nicht aus Eisen gemacht war), versuchte nicht zu sehr das Handy mit seinen Händen zu zerdrücken (der Akku war immer voll, er war stets darauf bedacht, dass der Klingelton gut hörbar war, dass er immer in der Nähe war. Nur für den Fall. Nur, dass wenn Tony wirklich Hilfe brauchte, er ihn nicht im Stich ließ).

Er hatte sich nicht entscheiden wollen, zwischen der Vergangenheit und der Zukunft, er hatte selbstsüchtig versucht, alles zu behalten (er hatte Tony nicht verlieren wollen, aber Bucky noch einmal verschwinden zu sehen, das war etwas, was ihm das Herz gebrochen hätte) nur um am Ende vor dem Trümmerhaufen aufzuwachen.

(„Er hat meine Mutter umgebracht“, wispert Tony ohne seine Lippen zu bewegen und Steve drückt auf sein Herz, immer und immer wieder obwohl er längst weiß, dass kein Puls mehr in diesem Körper ist. Er erwacht nicht schreiend, er erwacht ohne jeglichen Laut und starrt drei Stunden die Decke an, die ihn mit großen, braunen Augen vorwurfsvoll ansieht. „Tony“, flüstert Steve Rogers in seinen dunkelsten Stunden und presst seine Hände auf die Augen. „Oh Gott Tony, was habe ich nur getan?“)

Aber er wartet, denn Tony hat eine Armee gesehen, damals als er durch das Loch im Himmel geflogen war. Und Steve würde bereit sein, sie an seiner Seite zu schlagen. Zusammen.

Als das Handy klingelt (endlich, endlich, endlich), ist es nicht Tony der sich meldet während Steve sich das Stück Plastik außer Atem an sein Ohr presst.

„Steve“, sagt Bruce Banner mit zittriger Stimme „Thanos ist hinter Vision her. Tony ist nicht mehr hier. Er hat gesagt er ruft dich an, aber dann hat ihn das Alien …“ Bruce hat Angst, panische Angst und Steve versucht, nicht das Handy in seiner Hand zu zerdrücken (etwas war passiert, Tony war etwas passiert und Steve hatte die letzte Chance vertan sich bei ihm zu entschuldigen, verdammt, verdammt, verdammt).

„Wir brauchen dich“, flüstert der Wissenschaftler und hinter Steve flimmert der Bericht über New York über die Mattscheibe (es sieht genauso aus wie damals, flüstert die Stimme, die nicht Tony ist und auch nicht Bucky sondern einfach nur eine kleine, fiese Stimme in seinem Kopf) und im Hintergrund steckt Black Widow neue Batterien in ihre Schlagstöcke.

„Wir kümmern uns darum“, entgegnet Steve und fühlt sich kein bisschen wie Captain America (und das liegt nicht nur am Bart, es liegt daran das seine Uniform dunkler ist und Iron Man nicht neben ihm steht).

Später, nachdem Thanos durch den Ring aus sprühenden Funken tritt und sie mit diesem überheblichen Lächeln hinwegfegt, ist das Handy sicher verstaut in der Rüstung, aber es klingelt kein einziges Mal und als Steve Bucky vor seinen Augen zu Asche zerfallen sieht, stirbt etwas tief in ihm.

(Tony ist tot, sagt die Stimme in seinem Kopf, die seit dem Eis nicht mehr verschwinden will. Tony ist tot, Tony ist tot, Tony ist tot. Sie hört nicht auf bis zu dem Augenblick, wo Tony, brillanter, genialer, halbtoter Tony, aus einem Flugzeug auf die grünen Wiesen von Wakanda stolpert und selbst dann folgt Steve ihm einen ganzen Tag auf Schritt und Tritt bis er nicht mehr das Gefühl hat, Tony könnte sich vor seinen Augen in Luft auflösen.)

Sie sind der Rettungsring des jeweils andern. Steve starrt Tony über eine Distanz von wenigen Metern an, wie dieser sich in einen Kampf hineinstürzt, der sein Ende zu sein scheint und drückt auf den einzigen Kontakt, den das Klapphandy hat.

Es freut ihn auf eine sehr rudimentäre und einfache Weise, die sich trotzdem kaum in Worte fassen lässt, als es aus der Hosentasche des anderen leise klingelt.

Tony starrt ihn an, nicht feindselig, denn Tony sieht niemanden mehr feindselig an seit er aus dem All zurück ist (nur müde, so unfassbar müde, was Steve einen kalten Schauer über den Rücken jagt).

Er nimmt ab, denn trotz einem Krieg, den sie geführt hatten und einem anderen, den sie verloren (weil Steve sie auseinandergebracht hatte, weil er sein Versprechen nicht gehalten hatte. Zusammen, sie hätten es zusammen durchstehen sollen und Steve wollte es Tony solange zuflüstern, bis der andere ihm wieder Glauben schenken würde) mussten sie aufeinander zählen können.

„Es tut mir so unfassbar leid“, sagt Captain America zu Iron Man über die Leitung eines veralteten Handymodells (denn so sind sie nun mal, das macht sie aus, nichts zwischen ihnen ist einfach und manchmal schafft es Tony trotzdem, dass Steve das Gefühl hat, dass seine Haut nicht mehr zum zerreisen gespannt ist und er sich fast wohlfühlt, hier in dieser neuen Welt) bevor sie gemeinsam schwören, Thanos zur Strecke zu bringen.

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*Hust*, na ja, und dann sterben sie wahrscheinlich. Aber immerhin machen sie es gemeinsam.
LG Anemonenfisch
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