Mein Versprechen [2016]

OneshotDrama, Freundschaft / P16
Jack Dalton Mac Gyver
08.10.2018
08.10.2018
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!!! Ich betone noch einmal: ALKOHOL IST KEINE LÖSUNG FÜR PROBLEME !!!


Ehrliche Warnung: Ich bin in meiner depressiven Schiene gelandet!
LG, eure Wolfstarlove <3




~~~***~~~

„Wie könnt ihr nur sagen, dass die Zeit alle Wunden heilt…?“

~~~***~~~

Der Knall zerriss die Stille der Lagerhalle.
Ich taumelte.
Ich stürzte.
Wurde mitgerissen von meinem Gegenüber.
Blut.
Sein Blut.
Ich höre mich schreien.
Ich sehe mich hilflos neben ihm knien.
Ein letztes Lächeln seinerseits.
Nein!
Tu‘ das nicht! Ich flehe dich an! Bitte…

~~~***~~~

Schluchzend erwache ich.
Höre mich selbst hektisch ein und aus atmen. Die Gewichte, die auf meiner Brust liegen, schnüren mir alles zu. Ich kann kaum Luft holen.
Meine Gedanken rasen.
Ein Traum. Nur ein Traum. Ganz bestimmt nur ein Traum.

Mit schnellen Bewegungen bin ich aus meinem Bett gestiegen. So schnell, dass ich mich festhalten musste, um durch meinen eigenen Kreislauf nicht außer Gefecht gesetzt zu werden.
Ich bin schnell bei meinem Handy. Tippe die vertraute Nummer meines besten Freundes ein. Meines Beschützers. Der Typ, mit dem ich so ziemlich jeden Tag verbringe. Einfach, weil wir nicht mehr ohne einander können. Selbst ohne die Nervereien des anderen können wir nicht mehr. Ja, darüber hat selbst schon Riley ihre Witze gerissen.

>>Die gewählte Rufnummer ist zur Zeit nicht erreichbar, bitte hinerlass-<<

Mailbox. Seit wann, bitte sehr, ging bei Jack die Mailbox ran? Eigentlich nie. Nun, außer, ich selbst hatte mal wieder das Handy zerlegt, natürlich waren die Proteste des Agents an mir abgeperlt wie Wasser an einer Wachsschicht.
Und…

Die Realität holt mich schlagartig wieder ein. Mein Zustand, der noch halb im Schlaf befindlich war, ist fort. Ich bin komplett wach. Bei Verstand und…
Alles holt mich ein.
Schluchzend falle ich zu Boden, vergrabe mein Gesicht in den Armen, raufe mir durch mein blondes Haar und die Tränen durchnässen meinen Pullover.

Wieso nur?
Wieso musste das geschehen?

Ich betrachtete nachdenklich meine zitternden Hände. Keine Seltenheit mehr. Nicht, seit dem sie eines der Seile gehalten hatten, die den Sarg meines bestens Freundes in das offene Grab hinabgeführt hatten.
Bis zur letzten Sekunde hatte ich auf einen makaberen Scherz gehofft.
Auf das vermutlich komplett schockierende Klopfen von Innen an der Sargdeckel,
oder, dass Jack gleich selbst aus eben dieser Holzkiste springen würde und laut:

„Verarscht!“

Rufen würde. Klar, solche komplett unsensiblen Witze waren eines der vielen lästigen Markenzeichen von ihm gewesen. Nur blöder Weise hörte ich seit exakt 30 Tagen keinen einzigen dieser Witze oder sarkastischen Sprüche mehr.

Denn Jack…

…war tot.

Unwiderruflich, unabdingbar, nicht zu verleugnen. Es war Fakt. Eine Tatsache.
Jack würde nicht mehr wieder kommen.
Ich habe ihn verloren.
Und mein Verstand, der so kühl, logisch, berechnend war, der wollte da nicht mitspielen.
Mein Geist gaukelte es mir Nach für Nacht vor. Und an manchen Tagen… da rechnete ich jeden Moment damit, dass er unangemeldet in meine Wohnung platzt, uns alle strahlend und wie ein Lausejunge angrinst und keck fragt:

„Na, habt ihr mich vermisst? Klar habt ihr!“

Verdammt noch mal, ja! Ja, ich vermisse ihn!
So sehr, dass es mich schmerzt!
So sehr, dass ich wünschte, ich könnte mich betäuben!
So sehr, dass meine Hände nicht mehr aufhören wollen, zu zitteren.
So sehr, dass ich ihm am liebsten folgen würde.
Doch das kann ich nicht. Ich kann mich nicht betäuben, ich kann nicht das Zittern stoppen.
Und ihm folgen, das kann ich erst recht nicht. Das kann ich unseren Freunden nicht antun.
Und mein Versprechen ihm gegenüber würde ich auch brechen.
Auf seiner Trauerfeier habe ich es ihm noch gegeben. Wie sagen diese Leute vom Militär doch immer? ‚Post mortem‘? Ja, das war es.
Diese kalkulierenden, schlauen Sprüche, die irgend etwas von Tapferkeit und Mut verkörperten und daran erinnerten, dass diese Person etwas vollbracht hat. Etwas geleistet hat.
Natürlich. Einen Vollidioten wie mich mit dem eigenen Körper abzudecken und dafür mit dem Tod zu bezahlen.
Das war es doch nicht wert gewesen!
Wie konnte es das wert sein, wenn mich die Schuldgefühle nun so sehr erdrückten?

Ich fand langsam wieder zurück in das Hier und Jetzt. In die Realität.
Nicht der Ort, an dem mich die Schuldgefühle auffraßen.
Nun konnte ich erkennen, wo ich war.
Ich kniete in meinem eigenen Wohnzimmer auf dem Boden, das Handy achtlos neben mir liegen, in meinen Schlafklamotten und tränendurchnässten Ärmeln.
Erbärmlich.
Nein, ich konnte mich nur schlecht aufraffen.
Doch das hatte bis jetzt kaum jemand registriert.
Matty hat uns eine Auszeit gegeben. Riley, Bozer, mir, ihr selbst.
Ohne Jack war das nicht mehr das selbe.
Aber wir würden irgendwann weitermachen müssen.
Ohne Jack.
Mit jemand anderem.
Wer könnte ihn ersetzten?
Niemand.
Und doch würde irgend ein anderer Kerl mit Pistole, Militärlaufbahn und von Pheonix bezahlt, bald neben ihm stehen und für meine Sicherheit garantieren.
Und wer würde für die Sicherheit dieses Mannes garantieren?

Unsicher erhob ich mich und mein Weg führte mich in die Küchenzeile.
Fahrig griffen meine klammen Finger nach der Flasche und dem Glas.
Schenkten ein.
Griffen zu.
Ich trank…
Viel.
Zu viel.
Aber immernoch zu wenig.
Zu wenig, um zu vergessen.
Zu wenig, um das bereuen zu verlernen.
Zu wenig, um mein Zittern abzustellen.
Also trank ich noch mehr.
Bernsteinfarben.
Brennend.
Alkohol.
Whiskey.
Mein einziger Freund, den ich die letzten Wochen an mich ran ließ.
Logisch. Der letzte menschliche Freund den ich in meiner Nähe hatte, hat mit seinem Leben dafür bezahlt.
Es war wohl doch zuviel von dem Gesöff, welches ich in letzter Zeit eher in Massen als in Maßen konsumierte.
Unvernünftig, ja, ich weiß. Ich sehe eure anklagenden Gesichter vor mir.
Doch was sollte mich das noch kümmern?
Was sollte mich kümmern, was irgendeiner da draußen noch von mir hält?
Immerhin, bin ich schuld am Tod eines anderen Menschen.
Eines Menschen, den ich wirklich aufrichtig gemocht habe. Geliebt wie einen Bruder.
Und ihr wollt wirklich mir Vorhaltungen machen, ich wäre unvernünftig meiner Gesundheit gegenüber?
Habt ihr schon mal an seine Gesundheit gedacht?
An Jacks‘?
Ich schon. Denn Jack ist tot. Und kommt nicht wieder.
Ich habe seinen Tod auf dem Gewissen. Ich habe ihn umgebracht… indirekt.

~~~***~~~

„Was tust du da?!“

Ich sehe sein Gesicht vor mir. Die dunklen Augen funkeln mich entsetzt und fassungslos an, die sonst so fröhlichen Gesichtszüge sind ihm entgleist, machen einer Mischung aus Wut und Traurigkeit platz, als er mir die Flasche Whiskey entreißt,

„Hey…!“,

protestiere ich schwach und nuschelnd. Ich lallte schon ob des Alkohols. Doch keine so gute Idee gewesen, meine Probleme ertränken zu wollen.
Sorgen können ja bekannter Maßen schwimmen. Es scheint, als hätte ich dies kurzzeitig verdrängt.

„Ist das… hast du das alles jetzt gerade getrunken? Bist du wahnsinnig? Willst du an einer Alkoholvergiftung sterben? Meine Güte, ANGUS!“

Mein wirklicher Vorname. Au weia… jetzt wurde es ernst.
Und ob ich wirklich sterben wollte? Nein. Das war gegen mein Versprechen.

„Nein, ich… ich muss doch leben für…“

„Eben!“,

wurde ich harsch von ihm unterbrochen. Aufgebracht fuchtelte er vor meinem Gesicht herum und wirkte alles andere als angetan von meinem Zustand.

„Herrgott noch mal, Mac! Warum tust du das? Warum tust du dir das an?“

„Ich bin schuld!“,

Tränen steigen in mir auf. Ich kann sie nicht zurückhalten.
Wie auch? Seit Wochen laufe ich verheult, mit geröteten Augen und geschwollenem Gesicht durch die Gegend. Die Blicke der anderen kümmern mich in der Regel nicht.

„An was?“

Wütend sah Jack mich an und hob herausfordernd die Augenbrauen an, die Arme vor der Brust verschränkt, das Kinn vorgestreckt.
Er wollte eine Antwort von mir? Konnte er haben:

„An deinem Tod, Jack!“

„An mein… an meinem Tod? Himmel noch einmal, Mac! Hast du nicht in Erwägung gezogen, dass dein ach so brillanter Verstand gerade eine gravierende Denkpause eingelegt hat? Denn das, was du da von die gibst, ist Bockmist!“

Er hatte ja leicht reden.
Er musste ja nicht mit der Schuld leben, dass…

„Du bist nicht schuld! Soll ich dir das vielleicht noch aufschreiben? Diktieren? Eintätowieren?“

Auf solche fragwürdigen Ideen konnte aber nur er kommen.

„Nein, nein. Das nun nicht…-“

„Aber merkst du es dir dann auch?“

Verdammt. Woher der ach so scharfsinnige Geist so plötzlich?
Und dabei wollte ich doch nur meinen Kummer im Alkohol ertränken.

„Sorgen können Schwimmen, mein Freund. Und das sogar äußerst gut.“,

kam es beinahe sanft von ihm, während mir nur wieder die Tränen kamen und ich mich ihm aufschluchzend in die Arme warf:

„Aber… du bist tot! Wieso hast du uns allein gelassen? MICH allein gelassen? Ich brauche dich doch. Und…-“

„Shsh, ist ja schon gut, Mac.“

Die starken Arme, die mich hielten, wirkten echt. So unerschütterlich die Schulter, an der ich weinte und an dem Shirt, in welchem meine Tränen versiegten.

„Wieso?“

„Weil das mein Job war, mein Freund. Das und nichts anderes. Und ich habe es gern getan. Verdammt, Mac – ich konnte nur sterben, weil ich die Gewissheit hatte, dass es dir gut geht. Dass du sicher bist und gesund. Aber so siehst du gerade nicht aus.“

„Bist du deshalb hier?“

„Weil du gerade einen auf Kampf-Säufer machst? Ja. Du Vollidiot! Habe ich nicht ein Versprechen von dir bekommen? Ein Versprechen, dass du weiterlebst? Für mich? Vergiss nicht, dass du jetzt zwei Leben hast, um die du dich kümmern musst. Deins und Meins. Ich habe dir noch locker 60 zusätzliche Jahre verpasst.“

Dank seinem so lockeren und gewohnt flapsigem Umgangston konnte ich nicht anders, als ebenfalls zu schmunzeln und belustigt zu erwidern.

„60 Jahre also, ja?“

„Natürlich! Was denkst du denn?“,

kam es empört und herausfordernd zurück. Darauf gab ich dann jetzt doch besser mal keine Antwort. Also wiegelte ich ab:

„Nichts, nichts… alles gut.“

„Sehr schön. Dann habe ich dein Wort? Kein Trinken mehr? Keine Selbstvorwürfe und Selbstgeißelung mehr für etwas, worfür du nichts kannst?“

„Ich…“

„Versprochen?“

„Versprochen.“,

willigte ich nur sehr widerstrebend und seufzend ein, besiegelte den Schwur allerdings mit einem festen Handschlag mit einem besten Freund.

„Sehr schön. Menschenskinder, Mac. Du machst aber auch Sachen. Und sollte ich dich daran erinnern müssen, dann tue ich es hiermit: Du hast noch Freunde, Mac. Unsere Freunde, die sich um dich sorgen und für dich da sind. Es ist nicht leicht, ich weiß…“

Traurig blickte ich ihn an. Meine blauen Augen trafen auf die beinahe schwarzen Augen des ehemaligen Deltaforce-Mitglieds, der mir einen so aufmunternden und verständnisvollen Blick zuwarf.
Seit wann so verständnisvoll?

Er zog mich in eine feste Umarmung.

„Ach, Mac? Nicht vergessen:…-“

Er flüsterte mir ins Ohr. Ich musste lächeln und nicken. Ich hatte verstanden.

„Alles klar?“

„Alles klar.“


~~~***~~~

Es fiel mir sehr schwer, meine Augen zu öffnen. Mein Kopf dröhnte schmerzhaft und das Licht war so grell. Und alles war so hell und weiß.
Es roch steril und nach Krankenhaus.

Ich war in einem Krankenhaus! Was zur Hölle…?!

„Mac!“,

der Aufschrei erfolgte von meiner linken Seite und ich musste das Gesicht verziehen. Gott, warum schrie Riley denn bittesehr so laut?

Ich wurde in eine vorsichtige, aber dennoch sehr enthusiastische Umarmung gezogen, die ich nur schwach und müde, mit schmerzenden Gliedern erwidern konnte.

„Riley… was… was ist denn los? Warum bin ich-“

„Bozer hat dich heute morgen in deiner Wohnung gefunden!“

„Bozer?“

„Ja! Bozer. Wir habe uns Sorgen gemacht. Du hast auf unsere Anrufe nicht mehr reagiert. Und dann… verdammt, Mac – du hättest sterben können!“,

die Stimme meiner besten Freundin sollte anklagend klingen, brach allerdings zum Ende hin weg und wandelte sich in ein ersticktes Schluchzen um, sodass ich sofort Gewissensbisse bekam.
Fest zog ich Riley zu mir und nuschelte in ihr Ohr:

„Ich mach‘ es nie wieder, okay?“

„Versprochen? Nie mehr so viel Alkohol, dass wir den Notarzt rufen müssen?“

„Versprochen.“,

ich musste halbherzig lächeln. Die letzte Zeit sagte ich dieses Wort wohl des öfteren. Wenn auch das eine Mal nur im Delirium. Zu viel Whiskey war definitiv schädlich für mich.
Zum ersten Mal seit gefühlten Jahrhunderten, durchströmte mich eine wundersame Wärme der Erleichterung und der Befreiung, als auch Bozer und Matty das Zimmer auf der Intensivstation betraten, in welchem mein Bett stand.
Auch ihnen versicherte ich, dass ich mit diesen Eskapaden und Unverantwortlichkeiten aufhören würde.
Sofort Schluss machen, wie es Bozer so treffend verlangte. Ich versicherte es mit einem entschuldigenden Lächeln in die Richtung meiner Freunde:

„Versprochen. Ich mache das nie mehr. Wisst ihr… gerade eben noch-“

Da hatte ich eine Begegnung, die mir kein Mensch glauben würde. Und trotzdem habe ich jetzt eines begriffen. Etwas, das mir gerade erst zugeflüstert worden war.

„Wisst ihr, Jack hat mir noch eine Sache gelehrt, was ich erst gerade eben so wirklich verstanden habe:
Das Leben geht weiter und die Wunden heilen, auch…-“

~~~***~~~

„-…wenn die Narben bleiben.“

Ich halte mein Versprechen, mit der Hilfe meiner Freunde.













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Hallo ihr Lieben!

Ich melde mich mit einer Fortsetzung zu 'Abschied ohne Reue' zurück.
Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich mich hier an gefährliche Themen rangewagt, und absichtlich nur leich angeschnitten, habe. Deshalb auch das höhere Rating.
Ich freue mich darüber, dass ihr bis hier her durchgehalten, und diesen OS gelesen habt!
Bitte jetzt nicht traurig über den OS sein, ja? Ich hoffe, es hat euch trotzdem 'gefallen'...

LG,
eure Wolfstarlove <3



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