Vom Fliegenlernen

von MissBecca
GeschichteAngst, Familie / P12
06.10.2018
12.12.2018
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Dieses Kapitel
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Hallo ihre Lieben,
das letzte Kapitel hat mich einfach nicht losgelassen und ich musste dringend weiterschreiben:)
Habt viel Freude,
Becca

Der Tarnumhang glitt seidig von Harrys Schultern. Bevor er es sich anders überlegen konnte, klopfte er an die Tür, hinter der er einige Stunden zuvor einen Blick in Snapes Wohnzimmer erhascht hatte. Nichts passierte. Harry betrachtete zögerlich seine nackten Zehen, die von der Kälte der Kerkersteine schon ganz taub waren. Er klopfte erneut, diesmal dringlicher. Er wusste, wenn er seinen Verdacht nicht mit Snape besprach, würde er diese Nacht kein Auge mehr zu tun. Viel zu aufgewühlt waren seine Gedanken, viel zu hektisch sein Herzschlag.

Wieder passierte nichts. Ob er es wohl wagen konnte einfach reinzugehen und nach Snape zu rufen? Harry beschloss, dass es einen Versuch wert war. Er atmete tief durch und drückte die Klinke hinunter. Zu seiner Überraschung schwang die schwere Holztür direkt auf. Dahinter erwarteten ihn zwei Hosenbeine. Harry ließ seinen Blick höher wandern, immer höher, und schließlich blickte in das geräderte Gesicht des Professors.

„Was zum Teufel hast du hier verloren?“, fragte Snape mit belegter Stimme. Ein Glas Wasser hätte ihm sicher gut getan, schoss es Harry durch den Kopf.

„Kann ich reinkommen?“, wisperte er zurück.

„Natürlich nicht, Potter.“ Snape stellte sich so in den Türspalt, dass er Harry den Weg verbaute. „Was treibst du hier mitten in der Nacht? Ich hoffe, du hast eine gute Erklärung, oder-“

„Hab ich!“, warf Harry rasch ein. Snape verstummte. Er zog eine fragende Augenbraue in die Höhe. Ermutigt tat Harry noch einen Schritt auf die Tür zu und erklärte: „Wissen Sie noch, als Sie mich gefragt haben, ob ich weiß, wer hinter dem Stein der Weisen her ist?“

Snape nickte.

„Ich weiß es jetzt.“ Harry blickte erwartungsvoll zu Snape auf. Der Mann musste doch verstehen, dass es dringend war. Tatsächlich ließ Snape die Tür aufschwingen und tat einen Schritt zur Seite.

„Hinein mit dir“, befahl er mit einem tiefen Seufzen und ließ Harry passieren. Er führte ihn durch ein kleines Wohnzimmer und bedeutete ihm, sich auf ein grünes, samtiges Sofa zu setzen, das die hintere Wand des Zimmers einnahm. Wie in Snapes Büro schienen auch hier sämtliche Wände mit Büchern tapeziert zu sein. In dunklen Regalen türmten sie sich zu hohen Stapeln auf und gaben dem Raum etwas Beklemmendes. Ein dicker Teppich lag auf dem Boden. Er fühlte sich gut an unter Harrys eisigen Zehen.

Harry durchfuhr ein leichtes Zittern, als er sich setzte und seine Knie an die Brust zog, doch wahrscheinlich eher vor Aufregung als vor Kälte. Snape schnalzte ungehalten die Zunge. Er verschwand durch eine Tür und kam mit der Decke zurück unter der Harry schon einmal in seinem Büro geschlafen hatte. Kommentarlos hielt er sie Harry hin, der sich dankbar einmummelte.

Snape zückte seinen Zauberstab und ließ ein kleines Feuer im erkalteten Kamin auflodern, das schauerhafte Schatten auf sein Gesicht warf. Er steckte in einem langen Morgenmantel, seinem Umhang nicht unähnlich, der ihn bis zu den besockten Füßen einhüllte. Er ließ sich in einen Sessel sinken, seine dunklen Augen fest auf Harry gerichtete.

„Ich sollte dir diesen Umhang wegnehmen“, bemerkte Snape trocken. Er deutete mit seinem Kopf auf Harrys Tarnumhang, der in einem Knäuel neben ihm auf dem Sofa lag. „Alle deine nächtlichen Abenteuer scheinen mit ihm zu beginnen und enden mit schlaflosen Nächten für mich.“

Harry wollte protestieren, doch Snape hob eine beschwichtigende Hand. „Der Stein der Weisen, darum bist du doch hier. Wer will ihn deiner Meinung nach stehlen?“

„Ich hatte einen Traum“, begann Harry mit fester Stimme. Er setzte sich ein wenig grader hin und zog seine Hände aus der Decke, um besser gestikulieren zu können. „Einen Traum über ein blutendes Einhorn. Hagrid hat uns heute erzählt, dass er ein totes Einhorn im Verbotenen Wald gefunden hat. Jemand hat es getötet, um sein Blut zu trinken. Einhorn Blut sorgt dafür, dass man nicht sterben kann – doch man ist nach dem ersten Schluck für immer verdammt. Auch der Stein der Weisen sogt dafür, dass man nicht sterben kann, aber anders, auf eine bessere Art.
Und ich habe von Voldemort geträumt, von ihm und seinem grünen Blitz. Es passt alles zusammen. Er ist es, er will den Stein stehlen. Noch ist er nur irgendwo im Verbotenen Wald und fängt sich Einhörner um zu überleben, aber bald wird er zur Schule hochkommen, um sich den Stein zu stehlen und ewiges Leben zu erlangen.“

Harrys Finger krallten sich tief in die Wolldecke. Aufgewühlt sah er Snape an, der emotionslos zurück blickte. Snape blinzelte. Einmal. Zweimal. Dann holte er tief Luft.

„Du hast es also herausgefunden“, stellte er resigniert fest. Harry nickte. Seine Brust zog sich schmerzhaft zusammen. „Also habe ich Recht? Es ist wirklich Voldemort, der hinter dem Stein der Weisen her ist? Und – und Sie wussten es schon längst? Sie sind nicht überrascht?“, stammelte er.

Snape war bei Voldemorts Namen zusammengezuckt, als hätte er einen Schlag bekommen. Langsam beugte er sich zu Harry vor. „Benutze niemals wieder seinen Namen, Potter. Es bringt Unglück ihn auszusprechen. Zu deiner Frage: Ja, ich wusste es. Professor Dumbledore weiß es, alle Lehrenden dieser Fakultät wissen es. Warum sonst denkst du, wurde der Stein in Hogwarts deponiert unter den Augen Dumbledores? Er ist der einzige, den er Dunkle Lord jemals gefürchtet hat. Er soll den Stein schützen.“

Harry schwieg. Bittere Enttäuschung wallte in ihm auf. Er spürte, wie Snape einen Finger unter sein Kinn legte und seinen gesenkten Kopf nach oben drückte – eine Geste, die Harry zutiefst hasste.

„Jetzt guck nicht so. Es ist äußerst beachtlich, wenn auch bedenklich, dass du all das herausgefunden hast. Ich schätze, keiner der anderen Schüler hat auch nur die kleinste Ahnung. Der Schulleiter tut alles, um die Sache geheim zu halten.“

Snape blickte Harry eindringlich an und in seiner Stimme schwang ein Hauch von Anerkennung mit. Harry befreite sein Kinn mit einem Ruck. Er war nicht gewillt Snape so einfach zu verzeihen.

„Sie sagen immer, ich soll Ihnen vertrauen, aber Sie vertrauen mir kein Stück. Nichts sagen Sie mir, auch wenn Sie alles wissen, auch wenn es sehr wichtig ist“, rief er anklagend.

Harry spürte, wie sich die Enttäuschung in ihn hineinfraß. Er hatte erwartet Snape etwas Bahnbrechendes mitzuteilen, etwas Wichtiges beizutragen zu dem Geheimnis um den Stein der Weisen, aber alles, was heute Nacht herauskam war, dass er einmal mehr außen vor gelassen wurde. Erwachsene machten Pläne und er war kein Teil von ihnen. Sie erwarteten Ehrlichkeit und zurück bekam er nichts als Lügen...

„Genau das ist der springende Punkt, Potter“, entfuhr es Snape mit frustrierter Stimme. „Es ist nicht sehr wichtig für dich. Das ist genau das, was ich dir das letzte halbe Schuljahr konstant zu vermitteln versuche: Der Stein der Weisen und der, der ihn zu stehlen versucht, gehen dich nichts an. Nur weil du dich auf ihre Fährte begibst und schlauer bist als andere Kinder dieser Schule, hast du trotzdem kein Recht dich einzumischen. Das sind Dinge, um die sich die Erwachsenen um dich herum kümmern müssen. Sie sind dafür da den Stein zu schützen und die Schüler dieser Schule vor jeglichem Unheil zu bewahren.

Du dagegen bist ein Kind, das sich nur auf die Dinge konzentrieren sollte, die für dich wichtig sind. Du sollst lernen und quidditch spielen und Zeit mit deinen Freunden vergeuden. Du sollst keine haarsträubenden Ermittlungen anstellen oder dich sorgen. Es ist nicht deine Aufgabe die Last des Steins auf dich legen.“

„Aber Voldemort-“, begann Harry schwach.

„Hatte schon genug negativen Einfluss auf dein Leben“, unterbrach ihn Snape harsch. „Nur weil du ihn einmal besiegt hast, heißt das nicht, dass du es wieder tun musst. Ich bitte dich inständig, dich nicht mehr in diese Sachen einzumischen. Genieße dein erstes Schuljahr, konzentriere dich auf die kommenden Prüfungen und lass alles andere die Professoren dieser Schule machen.“

Harrys Augen wurde groß. Snape hatte ihn noch nie um etwas gebeten. Er befahl immer nur und erwartete, dass Harry gehorchte. Was für eine schöne Abwechslung. Und dennoch...

„Ich glaube nicht, dass ich das kann, Sir“, sagte er mit leiser Stimme. „Ich meine, mich nicht mehr einzumischen...“

Snape lachte gequält auf. Er erhob sich aus seinem Sessel und baute sich vor Harry auf. „Beim besten Willen, ich glaube es auch nicht. Ich habe schon vor einiger Zeit akzeptiert, dass du anscheinend immer den Helden spielen musst und nein, das meine ich diesmal nicht mal negativ. Du meinst es gut, das habe ich langsam begriffen.
Aber hab keine Angst, Potter, ich werde dich den Rest des Schuljahres beschäftigt halten und nächstes Jahr ist dieser vermaledeite Stein hoffentlich an einem anderen Ort untergebracht. Der Schulleiter kann ihn der Schule nicht noch ein weiteres Jahr aufbürden. Hier-“

Snape zog seinen Zauberstab aus seinem Ärmel und ließ ihn durch die Luft fahren. „Trink das.“ Etwas klirrte, dann ertönte ein lauter Pfiff wie von einem Wasserkessel. Zwei Teetassen kamen durch die Luft geflogen, wobei Snapes verdächtig nach Alkohol roch. Er drückte Harry die dampfende Teetasse in die Hand.

„Danach kannst du besser einschlafen. Ich weiß, es ist ein erschreckender Gedanke, dass der Dunkle Lord sich dort draußen rumtreibt und Einhörner meuchelt, aber er wird dir hier oben im Schloss nichts anhaben können.“

Snape Stimme war erstaunlich sanft und sein Tee schmeckte stark und süß. Harry entspannte sich ein wenig.

„Verstehst du jetzt, warum ich dich nicht in den Verbotenen Wald lassen konnte? Es wäre blanker Selbstmord gewesen", fügte Snape hinzu und ließ sich mit seiner eigenen Tasse in seinen Sessel sinken.

Harry erschauderte bei dem Gedanken. Er raffte die Decke fester um seine Schultern und kuschelte sich in die Ecke des Sofas.

„Sir, wenn Voldemort wirklich nicht ins Schloss gelangen kann, was hatte Professor Quirrell dann heute?“

Snape verschluckte sich an seinem Tee. Er hustetet keuchend, bis Harry schon dachte, er würde ersticken.

„Was ist mit Quirrell?“, fragte Snape, als er wieder Luft bekam. Harry lächelte zufrieden in sich hinein. Hatte er also doch noch was, mit dem er Snape überraschen konnte.

„Irgendjemand hat ihn heute Abend bedroht. Ich weiß nicht wer, er konnte entwischen bevor ich ihn gesehen habe, aber Quirrell hat ihn angebettelt aufzuhören. Es ging ihm gar nicht gut.“

„Wann und wo ist das passiert?“, fragte Snape alarmiert.

„Heute nach dem Abendessen. Quirrell steckte in einem leeren Klassenzimmer im sechsten Stock. Ich habe ihn zufällig – sagen wir – gehört.“

„Sagen wir eher belauscht“, korrigierte Snape, aber er schien viel eher beunruhigt als wütend. „Ich werde der Sache auf den Grund gehen, das verspreche ich dir. Und jetzt hoch mit dir. Du musst zurück in deinen Schlafsaal. Du kannst unmöglich noch eine Nacht in meinen Zimmern verbringen oder McGonagall lyncht uns beide.“

Snape nahm Harry die Tasse ab und scheuchte ihn hinüber zum Kamin. „Es war richtig heute Nacht zu mir zu kommen, Potter“, sagte er, bevor er eine Handvoll Flohpulver in die Flammen warf. "Ich bitte dich dennoch inständig, deine Nachforschungen einzustellen."

Harry stieg in den Kamin. "Das werde ich, Sir!", versprach er feierlich und wirbelte im nächsten Moment hoch in seinen Gemeinschaftsraum. Erst da lockerte er seine gekreuzten Finger.
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