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Black Feather

von Ala5ka
Kurzbeschreibung
GeschichteDrama, Sci-Fi / P16 / Gen
OC (Own Character)
06.10.2018
18.05.2022
2
5.366
2
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06.10.2018 2.016
 
Black Feather


Prolog




Staubpartikel tanzten im schummrigen Licht.

Rhythmisch folgten sie einem Lied, schienen im flackernden Kerzenlicht aufzutreten, sanken zu Boden, wirbelten dank eines leichten Luftzugs wieder auf und suchten sich ihren Weg durch den Raum. Ihr Weg war unbeschwerlich, es standen lediglich eine Couch und ein Fernseher in der Ecke. Erst am nächsten Tag würde der Umzugswagen die Sachen aus der alten Wohnung bringen und bis dahin wirkten die grauen Wände bis auf Weiteres trostlos. Das Wohnzimmer schien weiter nichts zu beinhalten, was das Augenmerk auf sich hätte lenken können, bis auf das alte Klavier, welches in der Mitte dieses kalten, trostlosen Ortes stand.

Davor, auf einem runden Hocker, saß eine junge Frau. Sie hatte lange, wellige, dunkelblondes Haar, welches sie zu einem lockeren Zopf gebunden hatte, ein spitzes Gesicht und ihre Augen waren geschlossen. Ein hellblaues, weiß gestreiftes Hemd, das ihr sichtlich zu groß war und fast bis zu den Knien reichte, bedeckte ihren Oberkörper. Ansonsten trug sie nur Unterwäsche.

Die Frau ließ ihre Hände - mal langsam, mal schneller - über die alte Elfenbeintastatur gleiten und drückte jede Taste mit einer gewissen Sanftheit, um der Melodie einen besonders schönen Unterton zu geben. Den leidenschaftlichen Klang, den sie diesem Stück dabei verlieh, war etwas, dass man nur selten in dieser Zeit zu hören bekam. Es war, als würde die Melodie diesem Zimmer eine innere Wärme schenken, die niemals durch eine Heizung oder durch ein Feuer im Kamin hätte ersetzt werden können.

Hinter ihr stand jemand im Schatten verborgen, versuchte jedes Geräusch zu vermeiden und lauschte. Auch ihn erfüllte das Gespielte mit Ruhe und Wärme und in Moment wünschte sich die Person für immer hier stehen zu können und ihr beim Spielen zuzuhören.

Plötzlich verstummte die Musik. Die Frau hob ihre Hände von der Tastatur, drehte sich um und strahlte über das ganze Gesicht. „Gefällt es dir, John?“, fragte sie aufgeregt.

John schenkte ihr ein warmes Lächeln und ging in die Hocke, um mit ihr auf gleicher Augenhöhe zu sein. Die Frau war mit ihren 165 cm im Vergleich zu seinen 182 cm klein, doch fand John, dass sie perfekt war und als er in ihre giftgrünen Augen blickte, erkannte er auch warum. „Gefällt? Ich liebe es“, erwiderte er ruhig und nahm ihre Hände in seine. „Zwar nicht so sehr wie ich dich liebe, aber es ist nah dran.“

„Ach komm, hör auf.“ Die Frau lachte leise und zog ihre Hände zurück. „Das sagst du doch zu allem.“

„Vielleicht weil du so wundervoll bist, Katelyn?“

„Das ist doch kein Argument!“

Kurz sahen sich beide ernst an, dann schmunzelte sie und nahm sein Gesicht in beide Händen. „Haben wir morgen endlich Strom?“, fragte sie und John nickte. „Und unsere Sachen kommen. Dann können wir endlich damit anfangen aus diesem kahlen Haus ein Zuhause zu machen.“

Kates Augen glänzten. „Das wäre großartig.“

Langsam erhob sich John wieder und legte seine Hände auf ihre Schultern. Es würde alles großartig werden. Nicht nur das Haus, sondern auch die gesamte Zukunft, die er sich schon im Kopfausgemalt hatte. Er war sich sicher, dass er mit Kate sein Leben verbringen wollte. Sowohl in guten als auch in schlechten Zeiten hoffte er an ihrer Seite zu stehen und aus diesem Grund war er bereit ihr einen Heiratsantrag zu machen, sobald die Ringe nächste Woche fertig waren. Innerlich war er aufgedreht wie ein kleines Kind, äußerlich verzog er keine Miene. Er wollte Kate überraschen.  Und obendrauf gab es noch den kleinen Welpen, von dem sie immer schwärmte. John hatte sich bereits beim Züchter gemeldet und den jungen Hund reserviert. In zwei Wochen war er bereit einzuziehen, aber davon wusste die Liebe seines Lebens natürlich auch nichts. Es war perfekt, einfach alles.

John sah zu ihr hinab. Kate war eine zierliche Frau und jeder gute Gentleman würde das Bedürfnis empfinden, eine solche Person zu beschützen. Hinzu kam, dass Kate durch eine schwierige Kindheit gegangen war und dennoch schaffte es niemand ihr das Funkeln aus den Augen zu nehmen. Sie war so lebensfroh und weltoffen. Es gab nichts, was sie nicht zu schaffen schien und ihre Sturheit brachte sie umso weiter. Sie war das wandelnde Beispiel dafür, dass es immer etwas gab, wofür es sich zu kämpfen lohnte. Und das wollte John mit aller Kraft, die er in sich trug, beschützen.

„Au! Verflucht, John. Das tut weh.“

Kates Zischen riss ihn aus den Gedanken. Erst verstand er nicht, warum sie fluchte, dann realisierte er, dass sich die metallischen Finger seiner kybernetischen Hände, tief in ihre Haut bohrten. Sofort lockerte er den Griff, nahm die Hände zurück und wich einige Schritte nach hinten. „Entschuldige, ich …“

„John? Ist alles okay? Deine Finger zucken so komisch…“, fragte sie, während sie vorsichtig ihre Schulter abtastete. Trotz der Schmerzen, die John ihr zugefügt hatte, blieb sie mit der Stimme ruhig und sie schien sich auch ernsthaft zu sorgen. „Hast du dein Neuropozyn genommen?“

Ja, das hatte er und er würde auch nie auf die Idee kommen, es nicht zu tun. Sein Körper würde sonst die Augmentierungen, die er trug, abstoßen und das war ein sehr schmerzhafter Vorgang.

Voller Sorge stand Kate von ihrem Hocker auf und folgte John, der sich immer weiter von ihr distanzierte. „John, hey… komm her und lass dich umarmen. Vielleicht ist das nur eine kurze Nebenwirkung. Bestimmt nichts Ernsthaftes.“ Und da war wieder dieses warme Lächeln und sie streckte die rechte Hand nach ihm aus, als sie ihren Kopf etwas zur Seite neigte. „Jedenfalls nicht so ernsthaft, dass wir das nicht bewältigen können.“

Mittlerweile musste sich John den Kopf mit beiden Händen halten. Das Head-up-Display vor seinem Auge spielte nun ebenfalls verrückt. Fenster sprangen auf, fehlerhafte Warnmeldungen zeigten sich und reizten sein Auge mit einer Überflutung von verschiedenen grellen Farben. Hauptsächlich rot und gelb. Ein stechender Schmerz schien seinen Kopf zu durchbohren und er befürchtete fast den Verstand zu verlieren.

„John, bitte rede mit mir“, versuchte es Kate nochmal flehend, als John nicht auf sie reagierte. „Soll ich einen Arzt rufen?“

Unerwartet hob er seinen Blick und jeder Schmerz, jede Störung war fort. Stattdessen machte sich etwas anderes in John breit. Etwas, was er so nie gespürt hatte, jedenfalls noch nie so intensiv. Es übernahm seine Sinne, seinen Verstand, ja sogar jedes Gefühl zu Katelyn: blanke Wut.

Als die junge Frau ihre Hand vorsichtig auf Johns Oberarm legte, war es so, als ob sie einen Schalter umlegte. Der Mann packte plötzlich grob nach ihrem Hals, drehte sich mit ihr und drückte ihren zierlichen Körper gegen die nächste Wand. Zappelnd versuchte sich Kate aus dem Griff zu befreien und quetschte unverständliche Wörter hervor. Doch alles blieb unbeachtet. Immer noch strampelnd suchte die junge Frau nach einem Ausweg aus dieser Situation und verpasste John dann mit ihrem Knie einen harten Schlag gegen seine Magengegend. Tatsächlich wirkte das und der Augmentierte ließ sie überraschenderweise los. Viel Zeit für eine Verschnaufpause blieb ihr nicht und keuchend rappelte sie sich ungeschickt wieder auf, lief in die Küche und nahm das Messer vom Tisch, welches noch in einem Apfel stecke, den sie vor kurzen aufgeschnitten hatte. Zitternd und unbeholfen hielt sie es vor sich und starrte mit blanker Angst in Johns Richtung. „Was zur Hölle ist in dich gefahren?“, fragte sie eingeschüchtert und ihre Stimme klang heiser. Nach wie vor spürte sie den Druck an ihrem Hals. Er schmerzte.

John antwortete nicht, stattdessen näherte er sich ihr unbeirrt und als sie zur Verteidigung verzweifelt zustechen wollte, hob er seinen Arm mit geringster Mühe, wehrte den Angriff ab, drehte seinen Arm nach außen und drückte zu, sodass er Kates Hand quetschte und sie keine andere Wahl hatte, als das Messer fallen zu lassen. Schmerz und Todesangst trieben ihr Tränen in die Augen und wenn John nur ansatzweise bei Verstand gewesen wäre, würde sein Herz bei diesem Anblick brechen.

Doch das war er nicht.

Mit seinem rechten Fuß zog er ihr die Beine weg und sie stürzte hart zu Boden. Schluchzend hielt sie schützend die Hände vor ihr Gesicht und weinte: „Ich weiß nicht was los ist, John, aber bitte tu das nicht. Ich dachte wir lieben uns.“ Und im Inneren tat John das auch. Sein Unterbewusstsein sträubte sich gegen jedes Vergehen, welches er gerade an ihr beging, aber ihre Worte gingen in seiner Wut unter. Etwas zwang ihn zu dieser Tat und er registrierte es nicht. Er hatte keinen Willen mehr, etwas Schlimmeres zu verhindern. Im Gegenteil: er war so wütend auf Katelyn, dass er es für das Richtige hielt, dieses Gefühl nun ausbrechen zu lassen, auch wenn es hieße, ein Leben zu nehmen.

Also griff er nach dem Messer und setzte sich auf ihren Körper, um sie auf dem Boden zu fixieren.

Kate gab auf und fixierte Johns Augen ein letztes Mal. Plötzlich erkannte sie in ihnen etwas Fremdartiges. Das war nicht John, der handelte. Irgendetwas veranlasste ihn dazu das zu tun. Irgendetwas kontrollierte seinen Verstand. Und als sie die kalte Klinge an ihrem Hals spürte, fühlte sie in der letzten Sekunde ihres Lebens unglaubliches Mitleid für John. Sie hasste ihn nicht für die Tat, die er gleich begehen würde. Nein, sie empfand Mitleid, denn wenn dieses „Irgendwas“ von ihm losließ, dann würde er erkennen was er getan hatte. Er würde das Blut sehen und Schuldgefühle würden ihn in den Wahnsinn treiben.

„Tu das nicht…“

John zog gleichgültig die scharfe Seite der Klinge über ihren Hals und durchschnitt Kates Kehle. Blut quoll aus der Wunde und mit ihren zitternden Lippen schaffte sie es noch ein leichtes Lächeln zu ziehen.

Bis zum letzten Atemzug war sie überzeugt, dass John sie liebte und dass sie diese Liebe erwiderte.

Dann wich das Licht, welches John eigentlich zu beschützen beabsichtigte, aus ihren Augen und sie war tot.

Zuerst erfüllte dieser Anblick den Augmentierten mit Zufriedenheit, es war, als ob eine Last von seinen Schultern fiel. Dann aber, als mehr Blut ihren Hals hinunterlief und die Taubheit sich in seinen Kopf löste, schwächelte er. Es dauerte eine halbe Minute, bis sein Verstand endlich das Feuer der Wut in ihm erstickte und eine weitere halbe Minute bis er realisierte, wer da auf dem Boden lag.

„Kate… Katelyn… oh mein Gott…“

Panisch drückte er eine Handfläche gegen ihren Hals und versuchte verzweifelt die Blutung zu stoppen. Tränen brannten in seinen Augen und er verleugnete ihren Tod noch eine Weile, bis er schließlich einsah, was er angerichtet hatte.

„Ich wusste nicht, was ich tue. Ich konnte es nicht kontrollieren.“, schluchzte er und setzte sich neben Kates Körper auf die Knie. Eine Hand, die mit Kates Blut getränkt war, legte er auf sein Gesicht und versuchte erfolglos das Weinen zu unterdrücken. Sein Atem zitterte, die Brust wurde schwer und dann überkam ihn die Schuld, Wut und Trauer. Panisch sprang er auf, lief orientierungslos hin und her, blieb dann vor einer weißen Wand stehen und starrte eine Weile bewegungslos ins Leere. John verstand gar nichts mehr. Noch nie hatte er in seinem gesamten Leben eine solche Wut verspürt und er war auch nie gewalttätig gegenüber unschuldigen Personen gewesen. Was hatte ihn nun dazu getrieben? Wieso musste Kate mit ihrem Leben bezahlen?

Johns Magen krampfte sich zusammen, immer mehr Tränen rollten über seine Wange, er holte mit seiner Faust aus und schlug so hart gegen die Wand, dass Putz von der Decke rieselte.

Und er schrie in die Dunkelheit hinein und brach zusammen.



Am nächsten Tag waren die Nachrichten voller Berichte über die Morde.

Augmentierte waren auf Zivilisten losgegangen und hatten alles, was sich ihnen in den Weg stellten, zerstört und dabei spielte es keine Rolle, ob es lebendig war oder nicht. Die Straßen wurden rot getränkt und unzählige Menschen fanden in dieser Nacht ihren Tod. Keiner wusste warum es passierte und es gab auch in der darauffolgenden Zeit keine Erklärung, nur Vermutungen. Viele, hauptsächlich die Opfer - und hier konnte man sich streiten, wer die Opfer waren - behauptete, „die da oben“ hätten etwas damit zu tun, um eine neue Weltordnung zu erschaffen. Die Nicht-augmentierten, sahen dieses Vergehen als eine Art „Machtdemonstration“. Die Augmentierten wollten damit zeigen, dass sie gottesgleich waren. Sie wollten Gott spielen.

Später nannten die Medien es „den Zwischenfall“ und dieser führte zur Spaltung der gesamten Menschheit.
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