Hoch oben (OS)

KurzgeschichteFreundschaft, Schmerz/Trost / P12
Alex Breidtbach Anton "Toni" Vogel Emma Wolfshagen Hugo Krüger Jonas Neumann Leo Roland
05.10.2018
05.10.2018
1
3692
2
Alle Kapitel
2 Reviews
Dieses Kapitel
noch keine Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
Hallo ihr Lieben,
lang ist es her, dass ich das letzte Mal was hier geschrieben hab und ich muss leider auch immer noch sagen, dass die dritte Staffel mir irgendwie kaum Schreibstoff bietet. Ich weiß nicht genau warum, ich fand sie großartig, aber irgendwie haben in der ersten und zweiten Staffel viel mehr Situationen Ideen für Geschichten in meinen Kopf gepflanzt. Deshalb spielt auch diese Geschichte deutlich früher - ganz zu Beginn des Clubs, als noch gar nicht so viel zwischen den Kindern passiert ist. Ich hoffe, es gefällt euch trotzdem, es passt auf jeden Fall zum nahenden Herbst :)
Viele liebe Grüße, Jule
PS: Der Titel ist von der Liedermacherin Dota geklaut, absolute Hörempfehlung: Hoch oben


---------------------------------------------

„Ich wette, ihr kommt nicht drauf, wo ich war“, rief Alex mit glänzenden Augen, als er seinen Rollstuhl in das Zimmer steuerte, das er sich mit Hugo teilte. Vier fragende Augenpaare blickten ihn an.
„Ich hoff für dich, es war schön da, du bist nämlich zu spät“, brummte Leo, der sich schon ein paar Minuten zuvor ausführlich darüber ausgelassen hatte, wie sehr ihm Alex‘ Extrawürste auf die Nerven gingen. Doch Alex winkte ab.
„Ich war im Keller“, offenbarte er triumphierend. Daraufhin verzog Emma nur unbeeindruckt das Gesicht und Leo schnaubte geringschätzig.
„Toll, hast du dich gut mit den Spinnen unterhalten?“, fragte er spöttisch. „Ich wette, dass sie...“ In diesem Moment schaltete Jonas sich ein.
„Lass ihn in Ruhe, Leo“, murmelte er und dann an Alex gewandt: „Also, gibt‘s an der Geschichte noch was erzählenswertes? Ansonsten können wir uns nämlich weiter über die Planung des restlichen Tages unterhalten. Wir waren grade dabei, zu überlegen, ob wir lieber Monopoly oder Mau mau...“
„Vergesst die blöden Brettspiele“, fiel Alex ihm ins Wort. „Ich hab was besseres. Um Längen besser!“ Er grinste geheimnisvoll.
„Mau mau ist kein Brettspiel“, warf Toni ein und Alex verdrehte die Augen.
„Ist doch egal, auf jeden Fall hab ich im Keller was gefunden, das viel, viel cooler ist!“, versprach er. Emma seufzte betont laut auf.
„Also entweder, du hörst jetzt auf, uns auf die Folter zu spannen oder ich hau ab“, drohte sie. „Was für ein Kindergarten.“
„Also gut, also gut“, gab Alex nach. „Ich muss das Ding nur noch aus dem Keller hoch bekommen ohne dass jemand was merkt. Dann zeig ich es euch.“
„Sollen wir dir helfen?“, fragte Jonas, aber Alex schüttelte nur den Kopf.
„Ich schaff das schon“, meinte er. „Kommt einfach in einer halben Stunde runter ins Erdgeschoss. In den Flur hinter den Aufzügen, hinten beim Lager, wo es runter in den Keller geht. Und passt auf, dass euch niemand folgt.“
„Alles klar, Mister Bond“, sagte Leo mit tiefer Stimme und salutierte. „Geheime Mission gestartet.“
„Aber er heißt doch Alex“, merkte Toni an, doch nur Emma wuschelte ihm daraufhin im Gehen durch die Haare, während Leo und Jonas schon davon rollten.

„So ein Wichtigtuer“, seufzte Leo, als sie in den Gang einbogen, in dem ihr Zimmer lag.
„Was glaubst du hat er gefunden?“, fragte Jonas und obwohl es ein Tag war, an dem er sich nicht besonders gut fühlte, gewann seine Neugier die Oberhand. Leo zuckte die Achseln.
„Keine Ahnung“, meinte er. „Aber wahrscheinlich spannt er uns nur auf die Folter und am Ende ist es ein Eimer mit rostigen Nägeln und er lacht sich kaputt, weil wir drauf reingefallen sind.“ Jonas überlegte kurz, dann schüttelte den Kopf.
„Irgendwie hat er nicht so ausgesehen, als ob er uns nur verarschen will“, erwiderte er. „Da ist irgendwas.“
„Naja, wir werden‘s ja in einer halben Stunde rausfinden“, gab Leo besänftigt zurück, schnappte sich einen von Jonas‘ Comics vom Tisch und stand aus dem Rollstuhl auf. Auf einem Bein hüpfte er zum Fenster hinüber und ließ sich auf die breite Fensterbank sinken. Der Wind rüttelte draußen an den Jalousien, doch hier drin war nichts zu spüren.
„Ganz schön stürmisch heute“, bemerkte er noch, bereits halb in sein Buch vertieft.
„Stimmt“, bestätigte Jonas, doch er sah, dass sein Zimmernachbar ihm schon nicht mehr richtig zuhörte. Er setzte sich auf sein Bett und blickte an Leo vorbei nach draußen. Es war wirklich besonders stürmisch draußen. Der Wind peitschte die Zweige der Bäume hin und her und man hörte das Pfeifen, wenn er um die Häuserecken strich. Jonas ließ sich nach hinten fallen und schloss die Augen. Es war einer der Tage, an denen ihn ein Ausflug in das Zimmer seiner Freunde schon so müde machte, als wäre er einen Marathon gelaufen. Manchmal machte es ihm Angst, wenn er morgens im Bett lag und wusste, dass der anbrechende Tag wieder genau so ein Tag sein könnte. Ein Tag, an dem sein Körper darüber bestimmte, was er tat und nicht er selbst.

„Kommt ihr endlich?“, ließ eine Stimme Jonas hochschrecken. Er musste eingenickt sein. Leo, der offenbar die ganze Zeit neben ihm am Fenster gesessen und gelesen hatte, sprang sofort auf, stürzte sich in seinen Rollstuhl und fuhr zu Toni hinüber, der in der Tür saß und sie erwartungsvoll ansah.
„Komm schon, Jonas“, forderte Leo ihn auf und Jonas rappelte sich auf. Nach dem kurzen Schlaf fühlte er sich leider nicht wacher, sondern nur noch erschöpfter. Trotzdem trieb ihn seine Neugier aus dem Bett, er setzte sich in den Rollstuhl und schob die Räder an.
„Ich bin bereit“, verkündete er und versuchte, seine Stimme abenteuerlustig klingen zu lassen, was ihm sogar fast gelang. Er wollte nicht, dass sich die anderen Sorgen machten. Hier im Krankenhaus taten das alle sowieso viel zu oft. Und er war ja okay, er war nur ein wenig müde.
Zu dritt fuhren sie den Gang hinunter. Toni hatte sein Handy in der Hand, das offenbar mit Hugo verbunden war, der natürlich wie immer reglos in seinem Bett lag. Immer, wenn sie an eine Ecke kamen und Leo vor fuhr, um zu sehen, ob die Luft rein war, erzählte Toni dem zurückgelassenen Freund, wo sie sich befanden und wie gespannt er doch auf Alex‘ Überraschung war.

Jonas ertappte sich selbst dabei, wie er Toni einen neidischen Blick zuwarf – Toni, der alles so positiv sah und immer fröhlich zu sein schien – und schämte sich im nächsten Moment dafür. Toni hatte es nicht leicht im Leben, auch wenn er mit seinen beiden gebrochenen Beinen der erste von ihnen sein würde, der aus dem Krankenhaus entlassen wurde. Das war es nicht, was ihn einschränkte. Dass die Welt dort draußen ihn nicht nahm, wie er war, das war das eigentliche Problem. Und dennoch gelang es ihm immer wieder so überraschend leicht, sich an Dingen zu freuen, dass Jonas ihn bewunderte. Wie viel Begeisterung er aufbringen konnte. Wie er jedem ein unerschütterliches Vertrauen entgegenbrachte, auch wenn er schon einige schlechte Erfahrungen hatte machen müssen.
So sehr Jonas es auch von sich schob, so konnte er die kleine Stimme in seinem Kopf nicht ganz abschalten. Die Stimme, die eifersüchtig darauf war, wie leicht Toni sein Leben zu nehmen in der Lage war. Und wie schwer es ihm selbst fiel, mit seinem eigenen Los zurecht zu kommen. Er hatte hier im Krankenhaus mehr gefunden, als er sich jemals hätte ausmalen können. Er hatte Freunde, die ihn verstanden und sich nicht seiner Krankheit wegen von ihm abwandten. Weil sie genau wussten, wie er sich fühlte. Eigentlich konnte er dankbar sein. Und doch hasste Jonas das Krankenhaus. Er hasste es, hier sein zu müssen, während draußen das Leben weiterging. Er hasste es, einer der Bemitleidenswerten zu sein, die ihre Kindheit in weißen Zimmern mit weißen Betten, Schläuchen und Apparaturen verbringen mussten. Er hasste es, dass er derjenige war, der ein Bein hatte einbüßen müssen und jetzt nie, nie wieder so sein würde wie die anderen.

„Jonas, kommst du?“, drang Tonis Stimme in sein Bewusstsein vor und wie automatisch nickte er und schob den Rollstuhl an, um Leo und Toni zu folgen, die mit einem letzten Blick zu ihm gerade in einem der Aufzüge verschwanden. Er drückte auf den verbliebenen Knopf, um den anderen zu rufen und wartete.
„Hi“, sagte eine Stimme hinter ihm und er zögerte einen Moment, bevor er sich umdrehte. Es fiel ihm immer noch schwer, in ihrer Gegenwart nicht nervös zu wirken.
„Hallo Emma“, antwortete er betont lässig und ein kleines Lächeln zeichnete sich in ihren Mundwinkeln ab. Es war nicht leicht, Emma zum Lächeln zu bringen. Umso mehr freute es ihn, wenn er es dennoch schaffte. Es war schön, zu wissen, dass ihr Lächeln sein Verdienst war. Es machte ihn selbst irgendwie mit glücklich.
„Steigen wir da ein oder willst du mich lieber noch ein bisschen anstarren?“, fragte Emma inzwischen deutlich amüsiert und deutete auf den Aufzug, dessen Ankommen Jonas gar nicht mitbekommen hatte. Jetzt fühlte er, wie er knallrot wurde und sein Herz schien ihm irgendwo in der Kehle zu schlagen. Peinlich berührt murmelte er etwas vor sich hin, von dem er selbst nicht wusste, ob es Zustimmung, Entschuldigung oder eine abstruse Mischung aus beidem war, während er seinen Rollstuhl in den Aufzug lenkte. Emma folgte ihm, doch er wagte es nicht, sie noch einmal anzuschauen. Wie schrecklich peinlich!

Die Fahrt dauerte gefühlt eine halbe Ewigkeit, obwohl es nur ein paar Stockwerke waren. Und immer, wenn Jonas aus dem Augenwinkel über den Spiegel zu Emma lugte, sah er, wie belustigt sie aussah und er hätte sich für seine Blödheit am liebsten selbst in den Hintern gebissen.
Endlich ertönte das Signal und Jonas atmete innerlich auf, als sich die Türen öffneten. Er wollte schon hinausfahren, da spürte er eine Hand auf seinem Arm.
„Warte kurz, ich schau nach, ob die Luft rein ist“, erklärte Emma und Jonas versuchte in den nächsten Sekunden der Stelle, an der ihre Finger seinen Arm berührt hatten, nicht allzu viel Beachtung zu schenken, obwohl sie kribbelte wie ein ganzer Ameisenhaufen.
„Keiner da, komm“, murmelte Emma, als sie eine halbe Minute später wieder angeschlichen kam und sie beeilten sich, den Flur entlang und bis zu seinem Ende zu gelangen. Dort schob Emma die Tür auf, die ins Treppenhaus führte und sie trafen wieder auf Leo und Toni, die schon vor ihnen angekommen waren. Von Alex war jedoch noch nichts zu sehen. Nur sein Rollstuhl stand am Treppenabsatz, wo es hinunter in den Keller ging.
„Glaubt ihr, ihm ist was passiert?“, fragte Emma gerade besorgt, da hob Leo die Hand und bedeutete ihr, still zu sein. Von unten waren Geräusche zu hören. Zuerst ein Knistern und Schaben, dann ein leises Fluchen.
„Alex, bist du das?“, rief Toni und Jonas und Leo machten beide gleichzeitig „shhht“, um ihn zum Schweigen zu bringen. Toni zuckte entschuldigend die Achseln und flüsterte noch einmal „Alex, bist du das?“
„Ja, verdammt“, drang die Stimme des Freundes zu ihnen herauf. „Und wenn mir nicht gleich jemand hilft, dann flieg ich rückwärts die Treppe wieder runter!“ Emma schaltete sofort und sprang die Stufen hinunter. Sekunden später hörte Jonas ihren überraschten Aufschrei.
„Was ist das denn für ein Ding?“, sagte sie ungläubig.
„Nicht reden, anpacken“, kommandierte Alex daraufhin und sie hörten noch mehr Knistern und Rascheln. Und dann riss Jonas, genau wie seine beiden Freunde neben ihm, vor Erstaunen die Augen auf, denn am Ende der Treppe tauchte etwas auf, das er in seinen kühnsten Träumen nicht erwartet hatte. Es war groß, rot, aus Papier und Schnüren und mit unzähligen bunten Kordeln verziert. Alex und Emma konnten es nur mit Mühe um die enge Kurve bugsieren.

„Das ist ein Drache!“, stellte Leo verblüfft fest, was Jonas schon durch den Kopf geschossen war.
„Nein, Drachen gibt es gar nicht“, sagte Toni. „Nur in Märchen und in Fantasyfilmen.“
„Kein echter Drache natürlich“, erklärte Jonas, während er den Blick nicht von dem Ungetüm abwenden konnte. „Ein Drache aus Papier, den man im Wind steigen lassen kann. Aber was für ein riesen Ding – sowas hab ich ja noch nie gesehen!“
„Ich auch nicht“, keuchte Emma, die jetzt nur noch drei Stufen unter ihnen war und einen kurzen Stopp einlegte, um das Papiermonstrum anders zu packen. „Und ich weiß auch nicht“, fügte sie hinzu, „was Alex damit vor hat.“ Der stand zwei Stufen unter ihr und grinste.
„Na, ist doch logisch“, erklärte er triumphierend. „Wir lassen ihn steigen!“
„Wir machen was?“, rutschte es Leo heraus. „Alex, dir ist schon klar, dass wir dafür raus müssen.“
„Durchaus“, erwiderte Alex, brachte Emma mit einem Kopfnicken dazu, die letzten Stufen hinter sich zu bringen und sie legten den Drachen vor den Füßen der anderen auf den Boden.
„Wir kriegen heute definitiv keinen Sonnenschein“, schob Leo hinterher, als Alex auf die Problematik nicht weiter einging und sich stattdessen in seinen Rollstuhl fallen ließ. Emma setzte sich auf die unterste Stufe der nächsten Treppe.
„Ja, weil es zu windig ist“, ging Alex jetzt auf Leos Einwand ein. „Aber das ist genau das richtige Wetter zum Drachen steigen lassen. Wenn wir also nicht aufs Dach können, müssen wir den Wind wo anders abfangen.“
„Wo anders?“, echote Jonas. „Was zur Hölle hast du vor?“
„Na, wir schleichen uns raus“, grinste Alex. „Hier am Ende vom Flur gibt es eine Tür, die führt nach draußen. Dahinter ist eine große Wiese. Und da lassen wir das Ding dann in die Luft.“
„Super Plan“, meinte Leo sarkastisch. „Und wenn wir die Tür benutzen, geht der Alarm los und wir sind schneller wieder eingefangen, als wir schauen können. Und was machen wir dann, Mister Oberschlau?“

„Ich kann sie ablenken“, kamen die Worte aus Jonas‘ Mund, die alle Köpfe zu ihm herumschnellen ließen. Bei Alex‘ Ausführungen war Jonas wieder bewusst geworden, wie schwach er sich heute fühlte und er war kaum noch in der Lage, die Augen offen zu halten, geschweige denn draußen auf einer Wiese herumzufahren, wo der Boden uneben war und es ihm schwer fallen würde, die Räder des Rollstuhls zu bewegen.
„Ich mach im gleichen Moment einfach eine andere Sicherheitstür auf, dann denken sie, der Alarm kommt nur davon“, erklärte er den Geistesblitz weiter, den er gehabt hatte.
„Stark!“, freute Leo sich und schenkte ihm ein anerkennendes Grinsen.
„Das würdest du echt machen?“, hakte Alex mit zusammengezogenen Augenbrauen nach. „Du musst dann hier drin bleiben, das ist dir klar, oder?“ Jonas nickte.
„Mir geht‘s eh nicht so gut“, erklärte er heldenmütig. „Ist wahrscheinlich besser so. Und die Wiese kann ich oben vom Fenster aus sehen, dann bin ich sogar fast auch dabei.“ Gerade wollte er sich abwenden, um nach einer anderen Sicherheitstür Ausschau zu halten, da spürte er eine Hand auf seiner Schulter.
„Du bist ein Schatz“, sagte Emma, strahlte ihn an und ehe er sich versah, hatte sie ihm einen Kuss auf die Wange gedrückt. Jonas spürte, wie er rot wurde und gleichzeitig zu grinsen begann. Da das selten dämlich aussehen musste, wandte er schnell den Kopf ab.
„Kein Problem“, nuschelte er nur im Wegrollen. „Viel Spaß euch.“
„Ruf an, wenn du was gefunden hast“, rief Leo ihm noch nach und winkte mit seinem Handy, als Jonas sich umsah. Er nickte und fuhr den Gang weiter hinunter.

Wenig später fand er eine Tür, rief Leo an, dass er bereit war und drückte sie auf. Es lief beinahe zu glatt: Eine Schwester kam, fragte ihn, was er da tat und er erwiderte, dass er sich in der Tür geirrt hatte. Seine müden Augen und das halblebige Lächeln schienen ihr übriges zu tun und auf das Gesicht der Schwester legte sich sofort ein mitfühlender Ausdruck. Sie schloss die Tür wieder, schaltete den Alarm ab und schob Jonas‘ Rollstuhl noch bis in sein Zimmer. Er bedankte sich gähnend und gab besonders darauf Acht, dass die Schwester dem Fenster nicht zu nahe kam. Sonst hätte sie gesehen, was Jonas sah, als er hinausblickte, kurz nachdem sie gegangen war:
Vier Kinder – drei Jungen im Rollstuhl und ein ziemlich dünnes Mädchen – die mit einiger Mühe einen großen roten Drachen zwischen sich her trugen, an dem bereits der Wind zerrte.
Jonas seufzte, als er sich auf den Platz am Fenster sinken ließ, auf dem Leo zuvor gesessen hatte. Er hatte richtig gehandelt, er fühlte sich viel zu müde, um sich überhaupt noch groß zu bewegen. Und trotzdem konnte er den Neid nicht ganz unterdrücken, als er seine Freunde dabei beobachtete, wie sie den Drachen auseinander falteten und Emma sich damit langsam von den anderen entfernte. Alex hielt die Spulen in der Hand, die sich langsam abwickelten. Der Wind zog und riss an dem roten Papier, bis Emma stehen blieb, den Drachen in die Luft streckte und mit Schwung in den Himmel schleuderte. Er gewann schnell an Höhe und Jonas bildete sich ein, die begeisterten Rufe seiner Freunde hören zu können, als sie ihm dabei zusahen. Auch er selbst war einige Minuten fasziniert vom Anblick des riesigen roten Ungetüms, das inzwischen auf die Höhe seines Fensters hinaufgestiegen war, bis sein Blick wieder zum Boden zurück wanderte.

Er sah, wie Leo und Emma zusammen lachten. Wie er ihr die Spulen entwand, die sie offenbar von Alex übernommen hatte. Wie er versuchte, damit weg zu fahren und sie ihn einholte. Es versetzte Jonas einen Stich. Und obwohl Emma ihn zuvor geküsst hatte, weil er sich für die Sache geopfert hatte, so war es jetzt trotzdem Leo, der dort unten bei ihr war und mit ihr herumalberte. Jonas wendete den Blick ab und hüpfte zu seinem Bett, auf das er sich fallen ließ und die Decke anstarrte.
Es war nicht fair. Wieder einmal verfluchte er seinen Körper dafür, dass er nicht das tat, was Jonas von ihm verlangte. Wäre es ihm heute gut gegangen, hätte er niemals vorgeschlagen, im Krankenhaus zurück zu bleiben. Vielleicht hätten sie einen anderen Weg nach draußen gefunden, vielleicht wären sie auch erwischt worden, aber immerhin wären sie zusammen gewesen.
Er spürte, wie seine Kiefer sich verkrampften und die Augenbrauen sich zusammenzogen. Es war einfach nicht gerecht. Leo hatte die gleiche Krankheit wie er, warum ging es ihm so gut, dass er dort unten mit Emma war und Jonas nicht?
Als Jonas bewusst wurde, wie gemein dieser Gedanke war, bekam er ein schlechtes Gewissen. War er jetzt schon so weit, dass es ihm lieber wäre, es ginge seinen Freunden schlechter als ihm selbst? Die Vorstellung erschreckte ihn. Aber ganz lossagen konnte er sich davon trotzdem nicht. Wenn es um Emma ging, waren Leo und er Konkurrenten. Und den Etappensieg hatte heute eindeutig Leo davongetragen. Jonas krallte die Finger in seine Bettdecke und schloss die müden Lider. Doch vor seinem inneren Auge sah er Emma und Leo und den wunderschönen roten Drachen über ihren Köpfen. Das Bild war so perfekt, dass Jonas vor angestauter Wut aufschrie.

„Jonas, alles in Ordnung bei dir?“, hörte er Sekunden später eine besorgte Stimme von der Tür her. Es war Dietz, der ihn jetzt fragend ansah, als er die Augen öffnete. Jonas schaffte es, zu nicken.
„Ja, ich hab nur… an was doofes gedacht“, antwortete er und verfluchte sich im nächsten Moment dafür, so albern und kindisch klangen die Worte. Es machte ihn noch wütender. Wahrscheinlich gab es einfach diese Tage, an denen man es sich selbst nicht recht machen konnte, egal, was man tat.
„Hm, dann denk doch einfach an was Schönes“, schlug Dietz mit einem Grinsen vor. „Einen riesigen Berg Eis zum Beispiel. Oder ein hübsches Mädchen?“ Er zwinkerte ihm zu und normalerweise hätte Jonas sich davon aufmuntern lassen. Aber nicht heute.
„Ja, danke für den Tipp“, motzte er stattdessen und drehte dem Pfleger den Rücken zu. Der schien noch ein paar Sekunden da zu stehen, dann hörte Jonas, wie er ging und ihn wieder mit seinem Selbstmitleid alleine ließ. Ja, denn genau darin versank Jonas gerade. In Selbstmitleid. Seine Situation, sein schwacher Körper, seine unüberlegten Worte und dass er unfreundlich zu Dietz war, obwohl der wahrlich nichts dafür konnte – all das machte ihn wütend und traurig zugleich. Und er hatte keine Ahnung, was er dagegen tun sollte.

Er lag einfach nur da, in seine schwarzen Gedanken vertieft, bis wieder jemand ins Zimmer kam.
„Oh Mann“, drang Leos Stimme an sein Ohr. „Das war so abgefahren, schade, dass du nicht dabei warst!“ Er hörte die Begeisterung und die Freude und konnte sich vorstellen, dass Leos Wangen vom Wind gerötet waren und auf seinen Lippen ein Grinsen lag, ohne sich umzudrehen. Doch das machte es nur noch schlimmer.
„Schön für dich“, knurrte er zur Antwort, den Blick weiter starr gegen die Wand unter dem Fenster gerichtet.
„Wir haben ihn extra so hoch steigen lassen, dass du ihn vom Bett aus sehen kannst“, sprudelte es weiter aus Leo hervor und Jonas hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten. Er konnte die gute Laune nicht ertragen, er konnte es nicht ertragen, dass Leo ihn aufmuntern wollte und überhaupt und sowieso konnte er Leo gerade einfach nicht ausstehen, ohne dass der wirklich etwas dafür konnte.
„Ich will einfach meine Ruhe haben, ja?“, sagte er patzig. „Ist ja schön, dass ihr euren Spaß hattet.“ Jetzt schien auch Leo zu begreifen, dass etwas nicht in Ordnung war.
„Aber… du hast doch gesagt, es ist okay, dass du...“, begann er, doch in Jonas kochte die Wut auf einmal hoch und sie musste raus. Er richtete sich auf und drehte sich zu Leo um.
„Es war aber nicht okay“, zischte er und spürte, wie ihm Tränen in die Augen stiegen. Verärgert wischte er sie weg und fuhr fort: „Glaubst du, mir macht es Spaß, als einziger hier oben zu sitzen? Denkst du, ich find das geil oder was?“ Er tat Leo Unrecht und sein Gewissen schrie in seinem Kopf, aber er ignorierte es. Irgendwohin musste er mit der ganzen Enttäuschung und jetzt, wo er einmal angefangen hatte, war es sowieso zu spät.
„Wenn du‘s genau wissen willst: Es war beschissen. Und mir geht es scheiße. Aber Hauptsache, ihr hattet einen schönen Tag. Vor allem Emma und du!“ Die letzten Worte hatte er am wenigsten von allen sagen wollen, aber sie entwischten ihm, ohne dass er es verhindern konnte. Leos perplexe Miene wurde jetzt mitfühlender.
„Tut mir Leid, Mann“, sagte er. „Ich hab echt gedacht, es ist okay. Sorry. Nächstes Mal...“ Er verstumme. Ja, was nächstes Mal?
„Lass gut sein“, murmelte Jonas, der sich mit einem Mal nur noch schrecklich müde fühlte. Die Wut war fort und hatte einer Leere Platz gemacht, die fast noch schwerer zu ertragen war, weil sie sich langsam mit Schuldgefühlen füllte. Ein „Tut mir Leid“ wollte trotzdem nicht über seine Lippen. Also verstummte er, wandte sich wieder ab und legte sich zurück in die Kissen.
Er würde schlafen. Vielleicht würde morgen ein besserer Tag sein. Ein Tag, an dem er sich nicht so schrecklich schutzlos fühlte. Ein Tag, an dem er wieder die Größe besaß, sich bei Leo und Dietz zu entschuldigen. Ein Tag, an dem er Emma wiedersah, ohne vom Neid auf Leo zerfressen zu werden. Ein guter Tag eben. Daran musste er glauben.

------------------------------------------------

"Und natürlich kann man fragen, was das Drachen steigen bringt,
Man steht nur rum und hält die Schnur, aber die Seele fliegt mit ihm
Hoch oben, hoch oben, hoch oben am Wind."
(Dota - Hoch oben)
Review schreiben