Die Welt der Bücher

OneshotAllgemein / P12
05.10.2018
05.10.2018
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Die Welt der Bücher


Erleichtert lasse ich mich in meinen Sessel sinken; ein ganzer Tag voller Stress und Anspannung scheint von mir abzufallen, als würde ich endlich einen schweren Rucksack ablegen, den ich zu lange getragen habe, und ich schließe meine Augen. Die letzten Sonnenstrahlen wärmen mein Gesicht und draußen brummt der Verkehr gedämpft, doch sonst herrscht wohltuende Stille. Endlich Zuhause.
Endlich alleine.
Ein warmes, schweres Gewicht, das plötzlich auf meinen Beinen lastet, straft meinen Gedanken Lüge. Träge öffne ich ein Auge und kraule Cinders Kopf. Wohlig schnurrend reckt der Kater seinen Kopf meiner Hand entgegen und kleine Nadelstiche malträtieren mein Bein, wo er seine Krallen unwillkürlich ausgefahren hat.
»Na du? Hattest du einen schönen, faulen Tag auf der Fensterbank?«, flüstere ich und vergrabe mein Gesicht kurz in seinem flauschigen Fell, als wolle ich Trost bei meinem vierbeinigen Gefährten suchen. Dabei brauche ich doch gar keinen Trost; da war nur der blöde Kunde, der einen Aufstand machen musste, und der blöde Chef, der ständig mehr will; mehr Einsatz, mehr Energie, mehr alles, und der blöde Kollege der seine Klappe nicht halten kann – Vielleicht brauche ich doch Trost.
Eine Weile lang sitze ich einfach nur da. Meine Füße schmerzen und meine Knochen fühlen sich wie Blei an, doch der Hunger nagt an meinem Bauch und lässt ihn sich schmerzhaft zusammenziehen. Ob ich noch eine Pizza im Tiefkühlfach habe? Das wäre am einfachsten, kein Gemüseschnippeln nötig, nur den Ofen anheizen und dann abwarten, vielleicht ein wenig extra Käse als Belag reiben…
Auch Cinder scheint Hunger zu haben, denn er springt von meinem Schoß und stolziert in die angrenzende Küche, von wo er auffordernd miaut. Ein Lächeln zupft an meinem Mundwinkel. Typisch Katzen, Herren der Welt.

Die Welt ist dunkel, da wo ich bin. Es gibt nichts. Weder Sonne noch Mond, weder Himmel noch Erde. Kein Wind raschelt in gefallenem Laub, kein Wasser plätschert über moosige Steine.
Hier sind noch andere, doch ich sehe sie nicht. Manche sind stark, so wie ich, von anderen spüre ich kaum ihre Präsenz. Blasse Geister, die nur existieren, wenn sie gebraucht werden. Sie sind kaum mehr als ein Echo, Zierde für Das Große Ganze.
Mir ist langweilig. Neue Erfahrungen gibt es hier nicht. Nur das Nichts und eine Welt danach; irgendwie da, aber immer außerhalb meiner Reichweite, wenn ich die Hand danach ausstrecke. Es ist egal. Selbst jene weit entfernte Welt ist nichts weiter als ein Gefängnis, wie eine Bühne auf der immer wieder dasselbe Stück aufgeführt wird. Freiheit ist eine Illusion. Wir sind Figuren, spielen unsere Rollen, sagen unsere Worte, und verschwinden wieder im Nichts wenn unsere Zeit abgelaufen ist, bis zum nächsten Mal wenn das Licht nach uns ruft.
Es gibt keine neuen Dinge. Es gibt keine freien Entscheidungen. Ich hasse diese Welt, die in Dunkelheit getaucht ist.  
Dann kommt das Licht.


Satt und mit einem heißen Getränk in der einen und meinem Lieblingsbuch in der anderen Hand sinke ich wieder in meinen Sessel. Die Dunkelheit der Nacht hat sich in meine Wohnung geschlichen, die jetzt nur noch von einer Straßenlampe schwach erleuchtet wird. Ich liebe die Nacht; die Ruhe, die sie bringt, die friedliche Dunkelheit. Den funkelnden Sternenhimmel, jeder Punkt Lichtjahre entfernt, ein ganzes Universum voller Möglichkeiten, voller Geschichten.
Ich liebe die Nacht, wenn ich in Kissen und Decken gekuschelt ein neues Abenteuer erleben kann – eine neue Liebe, mächtige Zauberer, phantastische Welten oder düstere Grüfte. Manchmal kehre ich in bereits besuchte Welten zurück, voller Sehnsucht und freudig wie ein Kind, wenn ich etwas Neues entdecke, das ich beim ersten, oder zweiten, oder dritten Mal lesen nicht bemerkt habe. Ich liebe das Gefühl der Geborgenheit, die diese Welten mir bringen.
Heute versinke ich in der mir liebsten Welt von allen.

Ich hasse diese Welt, doch ich liebe dich.
Du kommst mit dem Licht und weist uns unsere Rollen zu. Wir sind deine Diener und Helden, deine Barden und Tänzer. Deine Spielfiguren.
Ich sollte dich hassen, doch ich liebe dich. Du führst uns durch diese Welt wie ein Puppenspieler. Du ziehst an meinen Fäden und schaust mir zu, wie ich für dich tanze, so fern und doch bist du mir immer nah. Wenn ich kämpfe und liebe, leide und lebe, bist du da. Niemand sonst ist so beständig wie du, niemand sonst kümmert sich um uns wie du es tust.
Ich sollte dich hassen, doch du liebst uns.
Wie kann ich dich hassen, wenn du unser Alles bist?


Es ist spät geworden und meine Augen werden schwer, doch ich will nicht aufhören zu lesen. So oft schon bin ich dieselben Pfade entlanggewandert, so oft habe ich mit diesen Figuren gelacht und geweint, gelitten und frohlockt, dass sie sich wie alte Freunde anfühlen. Wie meine Geliebten. Wie Menschen, nach denen ich nur die Hand ausstrecken brauche und sie sind da, warm und lebendig.
Meine Finger landen auf Papier und spüren nichts als die glatte Oberfläche einer tintenbedruckten Seite. Sie fühlen keinen Hinweis auf die Welt, die sich hinter diesen Worten verbirgt. Ich kann nur hier sitzen und ihnen zuschauen, wie sie ihre Abenteuer bestehen und ihre Welt retten, wortwörtlich oder auch nur ihre eigene, kleine Welt.
So weit entfernt, und doch fühle ich mich ihnen so nah.

Wir nähern uns dem Ende. Bald haben wir dir erneut unsere Geschichte erzählt, bald ist es wieder an der Zeit, dass wir unsere Kostüme ablegen und wieder Nichts werden.
Doch noch lachen und leben wir, noch kämpfen wir um unser Glück, noch ist es nicht vorbei.
Noch ist das Ende nicht erreicht.
Lachst du mit uns? Weinst du mit uns? Lebst du mit uns? Ich hoffe es. Ich hasse diese Welt, ich hasse dieses Gefängnis. Und doch hoffe ich, dass wir dich glücklich machen. Mache ich dich glücklich? Liebst du mich, oder bin ich dir egal?
Du bist unser Licht, mein Licht, doch die Dunkelheit naht wieder.
Bald ist unsere Geschichte zu Ende.


Es ist vorbei. Alle Ziele wurden erreicht, alle Geschichten sind erzählt. Die Fäden des Schicksals sind zu Ende, und es ist Zeit für mich, meine eigenen wieder aufzugreifen, sobald die Sonne wieder über den Horizont taucht und Licht in die Dunkelheit bringt.
Gedankenverloren sitze ich in meinem Sessel, mein Buch immer noch auf der letzten Seite aufgeschlagen in einer Hand. Ich will noch nicht auf Wiedersehen sagen.
Cinder auf meinem Schoß schläft tief und fest; sein regelmäßiger Atem hat fast etwas Meditatives, und seine Wärme ist einlullend. Wenn ich nur für immer so bleiben könnte… Doch ich kann nicht. Vorsichtig hebe ich Cinder von meinem Schoß, was ihn schläfrig protestieren lässt.
»Ich weiß, ich würde auch lieber sitzen bleiben«, murmele ich, mehr zu mir selbst als ihm. Ein letzter Blick auf die letzten Worte, ein letzter Traum für eine Geschichte, die nie endet.
Dann schlage ich das Buch zu und gehe zu Bett.

Und die Dunkelheit fällt und taucht alles wieder in Nichts. Wir werden warten, bis du wiederkommst und das Licht bringst. Bis du uns erneut Leben einhauchst.
Wir werden warten.




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Herzlich willkommen und danke fürs lesen!

Ich bin nicht sicher, was mich hierzu inspiriert hat - es kam auf einmal einfach aus meinen Fingern und hat sich von selbst geschrieben. Ich wollte anfangs eigentlich nur eine etwas individuelle Interpretation von ReaderXChara schreiben, und dann wurde es philosophischer und vager als geplant. (Und das, obwohl ich sonst einen riesen Bogen um solche Geschichten mache... Plotbunnies sind unberechenbar.)
Oh well. Ich mag das Ergebnis, und ihr hoffentlich auch ^^
Es tut mir leid, dass ich keine Warnung in die Kurzbeschreibung gepackt habe - ich wollte den Anfang mysteriös/kryptisch haben und dem Leser einen Aha-Moment geben, wenn er versteht, was eigentlich los ist, und ihn vielleicht ein wenig zum Mitdenken anregen. Ich hoffe, das ist mir gelungen?  

Als letztes möchte ich noch meiner Beta Cookie danken - Dankeschön, dass du dir Zeit hierfür genommen hast :*

Liebe Grüße und noch eine schöne Woche,
~ Nightstorm =^-^=
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