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Schlaflos in Berlin

von RedChilli
KurzgeschichteDrama, Angst / P16 / MaleSlash
05.10.2018
05.10.2018
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553
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05.10.2018 553
 
And like a deer in the headlights I meet my fate
cw: gender dysphoria, identity issues


I watch you like a hawk
I watch you like I'm gonna tear you limb from limb
Will the hunger ever stop?
Can we simply starve this sin?


Wenn du auf der Bühne stehst, ist dein Name Psycho Nikoros, und niemanden schert's, was auf deiner Geburtsurkunde steht - Kyrillisch können in Berlin, dem Babylon der Neuzeit, sowieso die wenigsten lesen.
Alfred Nyssen sitzt irgendwo im Publikum und starrt dich an, in der Gewissheit, dass er der einzige Groupie ist, den du je in dein Bett lässt, mit der Ausrede im Hinterkopf, die er vor seiner Mutter anführen kann, sollte sie fragen: Ihr Name ist Swetlana Sorokina.
Er starrt dich an wie ein Habicht seine Beute fixiert: Als wolle er dich quälend langsam in deine Einzelteile zerlegen.
Und vielleicht, denkst du, will er das auch. Um zu verstehen warum
du so bist, wie du bist; ein Mars im Körper einer Venus, ein Adonis ohne stählerne Brust, der König der Nacht. Um zu verstehen warum
er dich so sehr will, obwohl er doch eigentlich gar nicht schwul ist, oder vielleicht auch obwohl er doch so sehr auf klassisch attraktive Männer steht, und nicht auf kleine verlorene Jungs, die niemals altern.

*

"Hört es jemals auf?", fragt er dich in einem dieser zeitlosen Momente, in denen ihr das Bett teilt, und fährt eine unschuldige Linie durch das Tal zwischen deinen beiden Brüsten, das Tal, das Flachland sein müsste, wie du findest, weil du die Hügel, die dir an manchen Tagen zentnerschwer vorkommen, manchmal so schrecklich unattraktiv - zumindest für einen Mann - findest, auch, wenn du weißt, dass sie die meisten Männer schwach machen.
"Was denn, mon cher?", fragst du träge - ihr seid zwei Männer, die einander mon cher nennen, französischer geht es nicht, und da gibt es auch nichts mehr zu leugnen - und drehst dich auf den Bauch, als seine Finger deinem Schritt zu nah kommen; Heute nicht, mon cher.
"Der Hunger", presst Alfred zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor, und beginnt damit, einen Pfad von Bissspuren auf deinem Rücken zu hinterlassen.

*

"Darf ich dich um etwas bitten, mon cher?", fragt er nach einem deiner Auftritte, du sitzt in der Garderobe und er steht, blickt auf dich hinab, aber es könnte genausogut umgekehrt sein, du auf deinem Bett, auf einem Thron aus Kissen, und er auf den Knien davor, deine Füße küssend. "Können wir... können wir etwas ausprobieren?"
"Ich bin ganz Ohr, mon cher", hauchst du, ein verruchtes Lächeln auf den blassen, ungeschminkten Lippen, obwohl, oder vielleicht gerade deshalb, weil du Angst hast, er könnte vorschlagen, dass du bei euren Treffen wieder mehr Kleider trägst und er dich wieder Swetlana nennt.
"Können wir... für eine Weile auf Abstand gehen? Uns nicht mehr so oft sehen, am Besten gar nicht mehr?"
Und du nickst, weil du dich an seine Frage erinnerst. Hört es jemals auf? Du kannst nur erahnen, dass so, wie seine Berührungen manchmal auf deiner Haut brennen, die Fragen auf seiner Seele brennen.
Wer bist du, Psycho? Was willst du von mir? Was will ich von dir? Bist du Succubus oder Inkubus? Will ich, dass du mich liebst, oder dass du mich hasst?

(tbc?)
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