Familie Lucas: Teil I / George (*1780)

von kira 21
GeschichteRomanze / P16
Charlotte Lucas Lady Lucas Maria Lucas Mr. Collins Sir William Lucas
04.10.2018
19.09.2019
17
22062
 
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Der Reiter jagte auf seinem schwarzen Hengst über die Hügel Hertfordshire. Hinter der nächsten Anhöhe lag das Haus. George bringt sein Pferd zum stehen und lässt den Anblick des hoch-herrschaftlichen Landsitzes (18) auf sich wirken.

Als er im Mai einen halben Tag hier war um den Fortgang der Arbeiten in Augenschein zu nehmen war er darauf bedacht Miss Blount aus dem Weg zu gehen. Er fürchtete von ihr erkannt zu werden denn diesmal wollte er selbst den Ablauf ihrer Begegnung bestimmen. Da sie nun vollkommen allein auf der Welt war und nicht wusste wohin sie sich wenden sollte hatte der Verwalter ihr großzügig eine der Katen und nicht etwa das Cottages überlassen.

George Gedanken schweiften zurück zu jenem verhängnisvollen Tag vor sechs Jahren. Er war jung und verliebt gewesen und so geschah es dass, ebendieser George Lucas mit dem verhängnisvollen Blick des Liebestrunkenen, dazu erzogen, sich selbst zu achten und sich allen Menschen ebenbürtig zu fühlen, den sprichwörtlichen Hut in der Hand, Hoffnung im Herzen und einen Blumenstrauß an die Brust gedrückt, eines schönen Frühlingsmorgens die Marmorstufen zum Herrenhaus am Belgrave Square hinauf-stürmte und mit dem Türklopfer scharf gegen die massive Tür klopfte.

George ließ seine äußere Erscheinung vor seinem geistigen Auge Revue passieren. Geschlagene zwei Stunden hatte er daran gefeilt und dabei ein halbes Dutzend Halstücher und die Nerven seines Kammerdieners zerfetzt.

Er präsentierte sich herausgeputzt in Vormittagsgarderobe bestehend aus feinsten hellbraunen Wildlederhosen, strahlend weißem Leinen, einer fantastischen, aber unaufdringlichen Seidenweste, raffiniert durchzogen mit sehr hellbraunen Querstreifen, und einer tief dunkelblauen Jacke, die ihm so eng auf den jugendlich schlanken, muskulösen Leib geschneidert war, dass er ohne Hilfe nicht hinein oder hinausschlüpfen konnte.

Den kecken Sitz seines Filzhutes hatte er volle zehn Minuten vor dem Wandspiegel in seinem Ankleidezimmer korrigiert, bevor er mit dem Neigungswinkel zufrieden war. So wurde sein dichtes blondes Haar betont, aber nicht zerdrückt.

Erst jetzt fiel ihm ein, dass er den Hut, die neuen hellbraunen Handschuhen und den Spazierstock ja beim Diener der Blounts abgeben würde. Miss Blount würde ihn nicht zu Gesicht bekommen.

Hmm, noch immer hatte niemand auf sein Klopfen reagiert. Schäbig, solch ein Benehmen. Er hob die Hand erneut an den Klopfer; im selben Moment öffnete sich die Tür, und um ein Haar hätte er dem Diener eins auf die Nase gegeben.

George sah den Burschen böse an, der hastig zurücktrat. Der gut gekleidete Mr. Lucas schlenderte in die mit schwarzem und weißem Marmor geflieste Halle.

Kurz darauf gewährte ihm der Butler Zutritt in den keinen Empfangssalon, wo er auf Miss Blount warten sollte, der einzigen Tochter von Sir Harry Blount und George Angebetete. Es vergingen einige Augenblicke bis Miss Blount (19) in Begleitung ihrer Gesellschafterin erschien.

„Mr. Lucas. Welche hübsche Überraschung. Ich hatte nicht erwartet, Sie so bald nach unserem Tanz auf dem gestrigen Ball wieder zu sehen. Wie ungezogen, ohne Einladung dort aufzutauchen. Eigentlich sogar schockierend. Und nur um mit mir zu tanzen und dann gleich wieder zugehen. Das war ziemlich romantisch und verwegen.“

Miss Blount blickte auf den Strauß Blumen, den George in der Hand hielt und mit einer Verbeugung reichte der junge Gentleman die Blumen seiner Angebeteten.

„Miss Blount, wenn ich jetzt mit Ihnen ein paar Worte unter vier Augen wechseln dürfte? Ich möchte Ihnen eine Frage von großer persönlicher Bedeutung stellen. Vermutlich wissen Sie aufgrund der gestrigen Ereignisse, welche.“

Sie rührte sich nicht, zuckte nicht mit der Wimper, und dennoch ging eine Veränderung in Miss Blounts eisblauen Augen vor sich. Ihr Lächeln gefror und ihr sahne weißer Teint schien noch mehr zu verblassen, sah aus wie Porzellan und genau so kalt und hart.

„Mr. Lucas, falls ich Ihre Andeutung richtig verstehe, glaube ich, dass Sie bei meinem abwesenden Vater vorstellig werden müssen und nicht bei mir.“, schimpfte sie mit reichlich erstickter Stimme und wandte sich dann an ihre Gesellschafterin. „Bitten Sie meinen Bruder hierher.“

George Lucas war jung und verliebt und wie so viele seiner ähnlich heimgesuchten Altersgenossen keines allzu klaren Gedanken fähig. Aber man musste nicht klar denken können, um zu erkennen, dass die rosarote Szene, die er sich ausgemalt hatte, meilenweit von dem entfernt war, was sich vor seinen Augen abspielte.

Vermutlich war sie aufgeregt. In Situationen wie dieser neigten Frauen zur Nervosität, sie konnten nicht anders. Das wollte er ihr zugute halten.

„Miss Blount ... und wenn ich so kühn sein darf, liebe liebste Margarete“, sagte er, indem er den Augenblick ihres Alleinseins nutzte, sich auf ein Knie niederließ und ihre rechte Hand ergriff. „Es ist kein Geheimnis, dass ich Sie seit unserer ersten Begegnung über alles bewundere. Mit jedem Wiedersehen ist meine Zuneigung gewachsen, und ich glaube, sie wird erwidert, besonders nach unserem Spaziergang neulich abends, als ich wagte Sie zu küssen, und Sie mir die große Ehre erwiesen, mir zu gestatten ...“

„Kein Wort mehr! Wie außerordentlich ordinär von Ihnen, über solche Dinge zu reden. Es war ein Spaß, eine Mutprobe, nicht mehr. Stehen Sie auf.“

Ein einziger Kuss? Es war entschieden mehr als einziger Kuss. Sie hatte voller Wonne unter seinem Kuss geseufzt.

Wenn er bei Verstand gewesen wäre, hätte er sie nun für ein kaltes herzloses Flittchen gehalten. Aber nein, er war verliebt und sie eindeutig verärgert.

„Ich weiß ich bin dreist“, sagte er Miss Blount. „Ich bitte Sie nur um die Erlaubnis mit Ihrem Vater zu sprechen. Das möchte ich nämlich nicht tun, wenn meine Zuneigung nicht aufrichtig erwidert würde.“

„Tja, sie wird nicht erwidert.“, entgegnete Miss Blount hitzig und entzog ihm ihre Hand. „Sie unverschämter Niemand. Nur weil Ihr Vater ein Knight (20) ist und Ihnen durch sein erarbeitetes Vermögens den Besuch von Eton ermöglichte glauben Sie einer von uns zu sein. Doch Sie werden niemals wirklich einer von uns sein. Merken Sie nicht einmal, wenn jemand sich über Sie lustig macht? Sie sind ein Witz, George Lucas, die größte Lachnummer in ganz London, und Sie sind der Einzige, der es nicht weiß. Als ob ich oder sonst eine Dame der guten Gesellschaft sich zu Ihnen herablassen würde.“

Eine Mutprobe? Ein Spaß? Mehr war er nicht? Sie – und Gott allein wusste, wer sonst noch – hatte ihn ermutigt und doch insgeheim über ihn gelacht? So sah ihn also die gute Gesellschaft in Wirklichkeit? Als eine Art Affen, den sie tanzen lassen konnten? Wie einen Tanzbären, den sie mit einem Stock stießen, nur um zu sehen, wie er reagierte?

Während George noch wie erstarrt vor der Dame kniete erschien ihr Bruder; sein Kamerad aus Eton und Cambridge, den er für seinen Freund hielt, begleitet von zwei stämmigen Dienern, die George flugs bei den Armen gepackt und ihn hoch gezerrt hatten.

Endlich kam George zur Besinnung, nachdem er alle Hoffnungen seines jungen Lebens zerschmettert vor seinen Füßen liegen sah. Er versuchte wild sich loszureißen, vergebens, bis er ohne viel Aufhebens nach draußen befördert und die Marmorstufen hinunter aufs Pflaster gestoßen worden war. Noch bevor er sich aufrappeln konnte traf ihn der erste Peitschenhieb.

Mr. Blount höhnte, „Sie wollen meine Schwester beleidigen? Schindluder mit ihrer Unschuld treiben?“

Immer wieder ließ Mr. Blount die Peitsche niedersausen. Der geflochtene Lederriemen mit der harten Metallspitze zerriss Georges neuen Frack und seine Haut, so dass sein Rücken brannte.

„Den großen Mann spielen, sich über Ihren Stand erheben? Das kommt davon, wenn Ihresgleichen verhätschelt wird, verdammt noch mal. Die Gesellschaft geht in die Brüche. Verschwinden Sie und wagen Sie nicht noch einmal mir oder meiner Schwester unter die Augen zu kommen.“

Endlich hörten die Peitschenhiebe auf. Darauf folgten noch ein-paar gezielte Fußtritte von den Dienern, dann hörte George Lucas wie im Inneren des Hauses eine Tür zugeschlagen wurde. Zaghaft kam er auf die Füße. Sein Körper bestand nur noch aus Schmerzen, sein Herz und seine Seele waren ebenso zerrissen wie sein schöner Frack.

Am nächsten Tag entsprach George der Bitte seines Vaters und bewarb sich für die Stelle des zweiten Sekretärs des Generalgouverneurs Indiens.

Der junge Mann schüttelte diese unglücklichen Erinnerungen ab.

Mr. Blount ließ sich Ziellos treiben, wie viele junge Männer der ersten Gesellschaft ohne Aufgabe. Er spielte und trank, vergnügte sich bei der Jagd und bei Pferderennen, und verführte verheiratete Frauen der Gesellschaft. Als einer der Ehemänner Mr. Blount zum Duell (21) forderte erschloss der junge Mann versehentlich einen Unbeteiligten im Hyde Park (22), und um dem Galgen zu entgegen richtete sich Mr. Blount selbst. Diese Tat trieb seinen Vater, den ehrenwerten Sir Harry Blount in die Trunk- und Spielsucht, und nachdem er beinah alles verlor starb er schließlich verbittert.

George Lucas war als überaus reicher Mann nach England zurück gekehrt und hatte Tyttenhanger House von der Krone erhalten. Er war entschlossen zumindest die Tochter eines Lords (23) wenn nicht sogar eines
Viscount (24) zu heiraten.

George hatte in Indien Freundschaft mit Lord Bentinck (25) und dessen Gattin geschlossen, dieser sagte eines Abends während ihre Rückreise von Indien. „Sie müssen nur eine verarmte Adlige finden, deren Familie sich bereit erklärt, sie zu verheiraten, wenn ihnen im Gegenzug finanzielle Sicherheit für den Rest ihres Lebens garantiert wird. ... Wir stellen Sie einigen entsprechenden jungen Damen vor, Lucas.“



-(18; Tyttenhanger House: https://www.novaloca.com/office-space/for-sale/london-colney/coursers-road/146571)-

-(19; Miss Blount: http://www.bbc.co.uk/schools/gcsebitesize/english_literature/images/jane_eyre_blanche.jpg)-

-(20; Knight: http://de.wikipedia.org/wiki/Knight)-

-(21; Hyde Park: http://de.wikipedia.org/wiki/Hyde_Park)-

-(22; Duelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Duell#19._Jahrhundert)-

-(23; Lord = Baron: https://en.wikipedia.org/wiki/Baron)-

-(24; Viscount: http://en.wikipedia.org/wiki/Viscount)-

-(25; Lord Bentinck: http://de.wikipedia.org/wiki/William_Cavendish-Bentinck)-