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von KiraNear
KurzgeschichteAllgemein / P6
03.10.2018
03.10.2018
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„Warte, ich komme doch überhaupt nicht hinterher!“ sagte Maya und versuchte, mit ihrem Bruder Schritt zu halten. Ein paar Jahre trennte die beiden, doch auch zwischen ihren Körpergrößen bestand ein größerer Abstand, als ihr lieb war. Während Steffen mit einer normalen Höhe gesegnet war, wie ihre beiden Eltern, hatte Maya viel mehr die Gene ihrer Großmutter geerbt und war bei einem viel kleineren Wachstumsstand stehen geblieben. Auch war sie nicht gerade die Fitteste, die höchstens im Schulsport zu ein wenig Bewegung kam. Zwar war sie, was ihre Figur betraf, von einem Moppelchen weit genug entfernt, dennoch war ihre Ausdauer nichts, worauf sie stolz sein konnte. Nun versuchte sie ihren Bruder einzuholen, was sich als schwerer herausstellte, als es ihr lieb war.

“Jetzt komm schon, beeil dich oder willst du, dass die ganzen guten Eissorten schon verkauft werden, bevor wir überhaupt ankommen?“, fragte er verschmitzt, aber auch auffordernd nach hinten. Zwar versuchte sie, ein höheres Tempo an den Tag zu legen, nur um dann festzustellen, dass sie ihr Limit bereits erreicht hatte.

„Aber ich kann nicht schneller“, begann sie zu schnaufen und die Schmerzen in ihren Beinen nahmen immer weiter zu. Schon jetzt bereute sie es, dass sie nicht wenigstens das Schwimmangebot in den Ferien wahrgenommen hatte. Nun war sie vollkommen untrainiert und schleppte sich vielmehr hinter ihrem älteren Bruder hinterher. Langsam wünschte sie sich, sie hätte ihr Fahrrad mitgekommen, wenn es nicht längst zu klein für sie wäre. Trotzdem würde sie nun eine Fahrradtour der Lauferei vorziehen.

„Dann musst du eben mehr Sport machen“, erwiderte Steffen, mit einem neckischen Nachdruck. „Vom ewigen Herumsitzen und Bücher angucken wird man auch nicht fitter, das musst ja sogar du mal merken!“

Gespielt beleidigt plusterte sie ihre Backen auf, bis sich zwei kleine runde Kugeln in ihrem Gesicht gebildet hatten.

„Also das will ich gar nicht gehört haben! Bücher angucken, als würde ich einfach nur die Buchstaben ansehen. Mein lieber Bruder, wie oft soll ich dir noch sagen, dass ich die Bücher nicht einfach nur ansehe, sondern wirklich etwas darin lese!“

Doch dieser winkte nur ab.

„Tja, das hilft dir hier jetzt aber auch nicht weiter. Ich stell mich schon mal, damit wir wenigstens einen guten Platz in der Schlange haben. Das Geld ist in deiner Tasche, also beeil dich bitte!“, rief er ihr zu, bevor er einen Sprint loslegte und damit aus ihrem Sichtfeld verschwand. Schnaufend und prustend folgte sie ihm.

„Ja, wenn ich nicht gerade vor Erschöpfung ohnmächtig werde“, sagte sie und schleppte sich die letzten Meter des Berges hinauf.