Meine Schwester. Mein Bruder.

OneshotRomanze, Familie / P12
Birk Ronja
03.10.2018
03.10.2018
1
915
3
Alle Kapitel
3 Reviews
Dieses Kapitel
2 Reviews
 
 Datenschutzinfo
 
 
 
"Birk! Birk, komm schnell her!" Ronja saß oben auf einem Felsen, nahe unserer Bärenhöhle und deutete ins Tal herunter.
Birk legte sein Messer beiseite und kletterte zu ihr. "Was ist, meine Schwester?"
"Birk, sieh doch! Die Wildpferde sind wieder da!"
Birk spähte nach unten. Tatsächlich graste dort die Wildpferdherde, die sie seit Wochen nicht gesehen hatten.
"Da ist auch Lotte wieder", erklärte Ronja. "Dort, bei den Fohlen. Was meinst du, ist eines davon vielleicht ihres?"
"Bestimmt", lächelte Birk. Seine Schwester hatte sich kaum verändert in den letzten Jahren. Noch immer war sie aufgeweckt und wild und vorallem noch die Ronja, die den ganzen Winter aus sich herausschrie wenn der Schnee schmolz.
Ihr schwarzes Haar wilderte ihr mittlerweile bis zu den Ellenbogen und sie ähnelte immer mehr ihrer Mutter Lovis.
Birks Haarpracht war schön wie eh und je, vor allem da Ronja ihn regelmäßig entlauste, wie schon vor so vielen Jahren in den Gewölben der Mattisburg.
"Lass uns herunter gehen, Ronja. Der Lachs wartet auf uns", sagte Birk und deutete zur Höhle hinab.
"Ich komme gleich", erwiderte Ronja. "Geh nur mein Bruder und warte nicht auf mich."

Als die Sonne sich anschickte hinter den Baumwipfeln zu versinken saßen Birk und Ronja nebeneinander am Feuer und schnupperten den Geruch nach Sommer.
"So sollte es für immer sein", seufzte Ronja und legte den Kopf auf Birks Schulter.
"Es wird so sein", sagte Birk und legte einen Arm um sie.
"Weißt du, Birk? Das ich damals im Schnee steckengeblieben bin ist das beste was mir je passiert ist."
Birk lachte leise. "Ja, meine Schwester. Und ich würde dich jedes mal wieder retten."
"Weißt du noch, als wir im See geschwommen sind? Das erste mal? Oder als wir das verdammte Messer verloren haben?"
"Ja, das Messer", brummte Birk. "Es soll sich zum Donnerdrummel scheren dieses Messer."
Sie lachten gemeinsam und ihre Stimmen erfüllten diese letzten Augenblicke im Licht der Sonne.

Am nächsten Morgen wachte Birk vor Ronja auf. Er drehte sich zu ihr herum und sah ihr beim schlafen zu. Seine Schwester. Seine stolze, mutige Schwester.
Ronja schlug die Augen auf. "An was denkst du, Bruder?"
"Daram was ich für ein Glück habe, dich meine Schwester nennen zu dürfen."
Ronja kicherte. "Du hörst dich an wie Mattis wenn er betrunken ist und mit Lovis spricht."
"Sehe ich betrunken aus?"
"Nein."
Die beiden lagen noch eine Weile eingekuschelt in der Fellen, bis sie sich aufrafften. Ronja begann Brot zu backen, während Birk das Messer schärfte.
"Ich finde, wir sollten heute schwimmen gehen", meine Ronja bestimmt. "Es ist so lange her und unsere Kleidung muss gewaschen werden."
"Du hast recht", antwortete Birk und prüfte die Schneide des Messers. "Aber lass uns erst essen."
"Du Vielfraß", zog Ronja ihren Freund auf.
"Ich bin Birk Borkason, ich muss viel Essen", lachte dieser.
"Wenn du so viel futterst wie dein Vater kannst du bald den Berg runterollen!"
Bei dem Gedanken an einen kugelrunden Birk brachen die beiden in Gelächter aus.
Als sie dann gegessen hatten, begannen sie ein Wettrennen zum See. Ronja war schnell und leichtfüßig wie ein Reh, weshalb sie sich schnell einen Vorsprung sicherte und das Wasser zuerst erreichte.
Erschöpft lies sie sich ins Grün fallen und sah zum strahlend blauen Himmel empor.
Birk kam angehastet und plumpste neben sie. Im Schneidersitz versuchte er, wieder zu Atem zu kommen und lächelte erschöpft.
"Du wirst mit jedem Jahr schneller", keuchte er.
Ronja sebst lachte erstickt. "Irgendwann bin ich so schnell,da kann ich über den Wald zurück zu Lovis rennen und du musst alles hinterherschleppen."
"Lass das bloß nie geschehen", ermahnte Birk sie.
Sie schwammen fast den gesamten Tag lang. Manchmal ruhig in gleichmäßigen Zügen, manchmal jagten sie sich oder sprangen von den Felsen ins Wasser.
Es war Sommer. Es war ihr Sommer, ihr eigener, in ihrem Wald, geschaffen für Bruder und Schwester.

Abends lagen sie gemeinsam im Gras am Ufer. Ihre Kleider lagen noch immer auf den Steinen, wo sie sie zum trocknen hingelegt hatten und die kühle Abendluft bescherte ihnen eine Gänsehaut. Fröstelnd zog Ronja ihre Schultern hoch, dann erhob sie sich und atmete tief durch.
"Komm mein Bruder, tanz mit mir", rief sie mit einem Mal.
"Tanzen?" Birk erhob sich. "Zu welcher Musik?"
"Zu unserer eigenen!", rief Ronja. "Hörst du sie nicht? Die Vögel und das Wasser und der Wind und die Wolken schenken uns ein Lied!"
Und dann tanzte sie. Tanzte zu dem Wind, zu den Tieren, zu all dem was sie liebte.
Sie unf Birk tanzten, nachts am Ufer eines Sees, wo nur der Mond sie sehen konnte. Sie tanzten für den Sommer, für den Winter, für den Herbst und den Frühling.
Ronja drehte sich fünfmal um die eigene Achse, dann fiel sie hin.
"Hilf mir, Birk", lachte sie.
Birk streckte ihr die Hand hin, wollte ihr aufhelfen und fiel selbst hin.
Lachend hielten sie sich an der Hand und setzen sich auf.
"Meine Schwester", sagte Birk schließlich und versuchte ernst zu bleiben. "Meine Schwester, ich glaube ich liebe dich."
"Ich dich auch, mein Bruder."
Und nur der Mond war Zeuge als sie sich aufrappelten und sich dieser Liebe hingaben.
Review schreiben