Ein echter Brief für Tristan

KurzgeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
02.10.2018
02.10.2018
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Lieber Tristan,

auch wenn Du Dich bestimmt darüber wunderst, warum ich Dir einen Brief schreibe und ich mir nicht sicher bin, ob Du ihn lesen wirst, so möchte ich dies heute trotzdem tun. Der Grund, warum ich es schriftlich mache, ist, dass ich ganz einfach besser schreibe als rede – und es trotz unseres offenen Gesprächs noch ein paar Dinge gibt, die ich Dir mitteilen will, die ich mich frage und die ich auch gerne klarstellen möchte.
Mir ist bewusst, dass ich dies nicht tun müsste, dass ich Dir keinerlei Rechenschaft schuldig bin – und letztlich bin ich mir auch gar nicht sicher, ob es für Dich von Interesse ist. Jedoch habe ich das Gefühl, es mir selbst schuldig zu sein, einmal alle Dinge auf den Tisch zu legen, um Dir offen begegnen zu können und mich Dir gegenüber nicht falsch zu verhalten.
Vorneweg möchte ich gerne noch schicken, dass ich absolut nichts von Dir erwarte – und auch, ob Du diesen Brief bis zum Ende liest, ihn zerreißt oder in den Müll wirfst, hängt ganz von Dir ab. Ich schreibe Dir nicht, weil ich mir irgendetwas davon verspreche, sondern weil ich ein Mensch bin, der immer mit offenen Karten spielt, ganz gleich, ob es sich zu seinem Vor- oder Nachteil auswirkt.
Deshalb: Falls ich in den nachfolgenden Zeilen zu ausführlich werde oder Dir damit zu nahe trete, dann tut es mir aufrichtig Leid, denn das liegt keinesfalls in meiner Absicht.

Mittlerweile ist es über ein halbes Jahr her, seit wir uns das erste Mal getroffen haben – und wenn ich ehrlich bin, habe ich damals bei unserer ersten Begegnung nicht damit gerechnet, dass daraus eine Sache entstehen würde, die mich über einen so langen Zeitraum hinweg beschäftigt.
Im Grunde genommen war auch gar nichts Außergewöhnliches dabei. Ich erinnere mich, dass Du irgendwann hereinkamst und den anderen aus der Gruppe zur Begrüßung ein freundliches Lächeln geschenkt hast, darunter auch mir.
Zu einem Gespräch zwischen uns ist es gar nicht gekommen, selbst Deinen Namen erfuhr ich nur durch reinen Zufall – und offen gesagt war ich auch viel zu schüchtern dazu, Dich anzusprechen. Nichtsdestotrotz hast Du mich bereits an jenem Abend fasziniert, auch wenn ich mir selbst nicht genau erklären kann, womit oder warum. Du hattest irgendetwas an Dir, was mich ansprach – und genau deshalb habe ich beim Abschied auch gehofft, Dich beim nächsten Mal wiederzusehen.
Diese Hoffnung wurde dann auch tatsächlich erfüllt, denn Du warst beim darauffolgenden Gruppentreffen wieder dabei – obwohl wir abermals nicht mehr miteinander gesprochen haben als ein freundliches, knappes „Hallo“ zur Begrüßung.
Meine Faszination war nach wie vor vorhanden und ich versuchte, irgendwie mit Dir ins Gespräch zu kommen – was im Grunde ein leichtes gewesen wäre, denn Du saßt am selben Tisch wie ich, sodass ich eigentlich nichts weiter hätte tun müssen als das Schweigen zu brechen und Dich anzusprechen.
Doch mir fehlte irgendwie der Mut dazu, so wie eigentlich jedes Mal, wenn ich auf neue Menschen treffe, mit denen ich vorher noch nichts zu tun hatte. Also schwieg ich stattdessen und hörte Dir nur zu, ehe ich mich auf ein paar andere Leute konzentrierte, mit denen ich bereits vertrauter war.
Meine leise Hoffnung war, dass Du vielleicht mich ansprichst – doch dazu kam es an diesem Abend leider nicht, weshalb ich erneut in die Rolle des „Zuhörers“ geschlüpft bin und mir zum zweiten Mal die Chance entging, etwas über Dich zu erfahren.
Ohne dass ich selbst mir dessen richtig bewusst war, konzentrierte ich mich fast nur auf Dich und Deine Worte, und langsam aber sicher merkte ich, dass meine anfängliche Faszination sich in ein stärkeres Gefühl wandelt, das ich zu Anfang nicht richtig deuten, geschweige denn, benennen konnte.
Erst beim Abschied, der ebenso unspektakulär verlief und mit einem kurzen, freundlichen „Ciao“ Deinerseits vonstatten ging, wusste ich, was passiert war und hatte ein Wort für das Gefühl, das sich in mir regte: Zuneigung.
Genau das war es, was ich empfand, als ich ging: Schlicht und ergreifend Zuneigung. Sowie natürlich die erneute Hoffnung darauf, Dich beim nächsten Mal wiederzusehen.
In den darauffolgenden Tagen kreisten meine Gedanken immerzu um Dich, kehrten zu dem Abend zurück, an dem ich Dich kennenlernte und ließen mir keine Ruhe, ganz gleich, womit ich mich auch abzulenken versuchte.
Aus diesem Grund vertraute ich mich im Laufe eines ausführlichen Telefonats Joanna an, die schon einmal so eine Situation mit mir erlebt hatte, und erzählte ihr, worüber ich nachdachte und was ich fühlte. Und obwohl sie geduldig zuhörte, nahm sie mir rasch den Wind aus den Segeln, indem sie mir erzählte, dass Du nicht frei bist.
Spätestens nach dieser Erkenntnis wäre es sicherlich das Beste gewesen, Dich zu vergessen und einen Haken darunter zu setzen. Schließlich war das eine klare Botschaft, ein Umstand, der dagegen spricht und für den keiner verantwortlich ist – Du nicht und ich nicht.
Und ich habe auch lange Zeit versucht, damit umzugehen und letztendlich auch abzuschließen. Ich versuchte, mich abzulenken, mich auf etwas anderes zu konzentrieren, nicht mehr über Dich nachzudenken. Doch je mehr ich mich bemühte, es zu verdrängen, desto erfolgloser blieb die ganze Aktion.
Besonders schwierig war es fortan natürlich, wenn ich Dir begegnen musste – ganz gleich, ob sich zwischen uns eine Unterhaltung ergab oder nicht. Es reichte schon Deine Anwesenheit, weshalb ich auch mehr als einmal mit der Überlegung spielte, überhaupt nicht mehr zum Treffen zu gehen und die Situation auf diese Weise zu vermeiden.
Andererseits kam ich mir schlecht und auch feige dabei vor, ganz besonders deshalb, weil ich mich innerhalb der Gruppe sehr wohlfühlte und -fühle, weswegen ich mein Vorhaben auch direkt wieder verwarf. Denn im Grunde genommen machte es keinen Unterschied: Ob ich Dich nun sah oder nicht – an Dich denken musste ich sowieso. Die Angst davor, mich Dir gegenüber peinlich zu verhalten, schwang natürlich jedes Mal mit – ebenso wie die Überinterpretation Deiner Gesten und Worte.
Mir war und ist klar, dass sie mir wesentlich mehr bedeuten als Dir und Du im Grunde genommen nur höflich bist, mehr aber auch nicht. Und deshalb hoffe ich auch, dass Du in der Lage bist, mir das nachzusehen und zu verzeihen.

Mit der Zeit habe ich nach verschiedenen Wegen gesucht, die Sache zu verarbeiten, da mir bewusst war, dass es nicht ewig so weitergehen kann. Also habe ich unter anderem mein Hobby, das Schreiben, dazu genutzt und verschiedene Texte zu Papier gebracht, in der Hoffnung, auf diese Weise damit abschließen zu können.
Das gelang mir allerdings auch nur mehr schlecht als recht, denn obwohl ich so alles ausdrücken konnte, was mir durch den Sinn ging, ebbten meine Gefühle deswegen nicht einfach so ab. Sie waren nach wie vor vorhanden – auch wenn es tausend Gründe und Fakten gab, die eindeutig dagegen sprachen, wenn man es vernünftig betrachtet.
Aber Tristan, vielleicht verstehst Du, wenn ich sage, dass Gefühl und Vernunft zwei Dinge sind, die man nur schwierig miteinander in Einklang bringen kann. Ganz besonders dann, wenn es sich um sehr starke Gefühle handelt und man ein so emotionsgesteuerter Mensch ist wie ich es bin.
Schlicht und ergreifend gesagt: Es hat nicht funktioniert. So sehr ich es versucht habe – es wollte einfach nicht klappen.
Also musste ich eine Alternative suchen – und diese bestand nach langem Überlegen, sowie Rücksprache mit Joanna, der ich über Wochen damit in den Ohren lag, darin, Dir gegenüber ehrlich zu sein und auszusprechen, was Sache ist.
Lange habe ich darüber nachgedacht, ob ich damit das Richtige tue, habe mir alle möglichen Pros und Kontras zurechtgelegt, dabei immer die Tatsache bedenkend, dass selbst ein offenes Gespräch mit Dir nichts an der Situation verändern würde.
Trotzdem kam ich irgendwann zu der Entscheidung, dass dies vermutlich der richtige Weg ist, aus dem oben schon genannten Grund, dass ich ein Mensch bin, der immer mit offenen Karten spielt, egal wie gut oder schlecht die Chancen stehen. Und ich beschloss, es durchzuziehen. Mit allen Konsequenzen.
Anfangs wollte ich es in der Form tun, die ich jetzt anwende, nämlich Dir einen Brief schreiben – allerdings empfand ich das als unfair Dir gegenüber. Es wäre schlicht und ergreifend feige gewesen, Dir eine solche „Neuigkeit“ auf so unpersönliche Art und Weise mitzuteilen. Deshalb war es unvermeidlich, mit Dir zu reden – und Dir nicht einfach einen Brief hinzuknallen und Dich völlig unvorbereitet damit zu konfrontieren.
Wobei, unvorbereitet war es denke ich trotzdem, denn ich glaube nicht, dass Du mit so etwas gerechnet hast, als ich Dich um ein Vier-Augen-Gespräch gebeten habe. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass Du überrascht und auch überfordert gewesen bist, noch dazu, weil wir uns ja kaum kennen und so wenig voneinander wissen. Du hast sicherlich mit vielem gerechnet – aber bestimmt nicht damit.
Und das kann ich absolut nachvollziehen, denn mir würde es in einer solchen Situation nicht anders gehen. Offen gesagt komme ich mir noch immer komisch vor, da ich mir denken kann, wie seltsam das für Dich gewesen sein muss – und noch weniger will ich mich daran erinnern, welchen Quatsch ich sonst noch von mir gegeben habe.
Und dennoch, trotz meines vielen, verschwurbelten Geredes – klar auf den Punkt gebracht habe ich es nicht. An Deiner Reaktion konnte ich zwar ablesen, dass Du trotzdem verstehst, was ich meine, doch klar und deutlich ausgesprochen habe ich es nicht.
Soweit ich es richtig in Erinnerung habe, sagte ich nur „Ich mag Dich“. Das stimmt zwar auch, trifft aber das Eigentliche nicht so ganz, da das, was ich für Dich empfinde, deutlich über „mögen“ hinausgeht.
Deshalb möchte ich das an dieser Stelle nachholen, auch wenn mir bewusst ist, dass Du es auch so deutlich verstanden hast: Tristan, ich mag Dich nicht nur. Ich habe Dich gern. Sehr gerne sogar. Und auch auf die Gefahr hin, dass ich mich durch diesen Satz noch mehr vor Dir blamiere als ich es ohnehin bereits getan habe – der Ehrlichkeit halber möchte ich es hier und jetzt klar und deutlich festhalten.
Auch möchte ich mich noch einmal dafür bedanken, dass Du trotz der ungewohnten Situation so entspannt geblieben bist und so offen auf meine Worte reagiert hast. Wenn ich ehrlich bin, hatte ich tatsächlich Bedenken, ob Du mich nach meiner Bekanntgabe für seltsam halten wirst, weil ich Dich mit so einer Nachricht überfalle, obwohl wir uns wie gesagt kaum kennen.
Wobei ich glaube: Spätestens wenn Du diesen Brief gelesen hast, hältst Du mich garantiert für merkwürdig. Und auch das kann ich wieder absolut nachvollziehen. Ich denke, mir würde es in dieser Situation nicht anders gehen.
Trotzdem war und ist es mir wichtig, offen zu Dir zu sein, weil Du genauso offen zu mir warst. Deshalb möchte ich an dieser Stelle auch die Umarmung in Erwähnung bringen, mit der Du mich völlig unvorhergesehen überrascht hast. Als Du fragtest, ob Du mich in den Arm nehmen darfst – das war ein überwältigender Moment für mich.
Auch wenn Du es nur aus Höflichkeit oder eventuell auch Mitleid gemacht hast und Dir diese Geste nicht im Ansatz das bedeutet hat, was sie für mich war, so kann ich trotzdem eines mit absoluter Gewissheit sagen, nämlich, dass ich noch nie zuvor einem Menschen so nah war wie Dir in diesem Augenblick. Jedenfalls keinem, den ich mehr als nur mag.
Bitte verzeih mir, wenn das nun kitschig klingt, aber wie bereits gesagt, möchte ich diesen Brief nutzen, um absolut ehrlich zu Dir zu sein.
Du bist ein besonderer Mensch für mich, Tristan. Auch wenn ich in meinem Leben schon viele Jungen getroffen habe, gab es trotzdem noch niemals einen, der mich so fasziniert hat wie Du. Auch wenn ich weiß, dass Du es völlig unbewusst getan hast und es überhaupt nicht in Deiner Absicht lag – aber Du hast ganz einfach mein Herz berührt. Du hast mich berührt. Vom allerersten Moment an. Bitte entschuldige, wenn ich das so direkt sage, aber ebenso unabsichtlich wie Du mich angezogen hast, ebenso unabsichtlich habe ich diese Anziehung zugelassen und meine Zuneigung für Dich entdeckt.
Meine Hoffnung ist, dass wir es trotz – oder vielleicht gerade wegen – dieses Briefes schaffen, weiterhin offen miteinander umzugehen und dass es nicht zwischen uns steht.
Ebenfalls steht es mir nicht zu, mir etwas von Dir zu wünschen – denn allein jede Begegnung mit Dir, wie flüchtig sie auch sein mag, bedeutet mir unendlich viel.
Trotzdem hoffe ich auch hier, dass sich für uns beide die Möglichkeit ergibt, uns näher kennenzulernen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszufinden und vielleicht irgendwann ein freundschaftliches Verhältnis zueinander aufzubauen.
Wenn Du an dieser Stelle lachst, verüble ich es Dir nicht einen Moment, denn mir ist bewusst, wie einfallslos und auch bescheuert diese Aussage klingt. Trotzdem schäme ich mich nicht dafür, denn wie schon erwähnt, bin ich ein Mensch, der immer offen und ehrlich ist. Auch dann noch, wenn er sich damit total blamiert.

Abschließend bleibt mir nicht mehr viel zu sagen, denn was ich Dir mitteilen wollte, habe ich getan. Ich möchte nur noch einmal zum Ausdruck bringen, dass ich mich sehr darüber freuen würde, wenn unser Kontakt nicht gänzlich abreißt.
Und ich erwarte wie bereits gesagt absolut nichts von Dir, sondern lege nur dar, worüber ich mich freuen würde, auch wenn es mir überhaupt nicht zusteht. Ebenso wenig habe ich das Recht dazu, irgendwelche Bitten an Dich zu stellen, hoffe aber, dass Du mich für das, was ich hier geschrieben habe, nicht verurteilen wirst.
Ich werde Dich immer mit anderen Augen betrachten als Du mich. Und ich werde mich über jede Begegnung mit Dir freuen, egal wie kurz sie auch ist. Du wirst immer ein besonderer Mensch für mich sein.
Denn auch wenn Du ihn vielleicht überhaupt nicht willst, hast Du trotzdem einen festen Platz in meinem Leben. Und ich hoffe sehr, dass Du das akzeptieren kannst – unabhängig davon, ob Du diesen Platz nutzen möchtest oder nicht.

Zuletzt möchte ich mich noch einmal entschuldigen, falls ich Dir mit etwas zu nahe getreten bin oder Du Dich beim Lesen unwohl gefühlt hast. Das lag und liegt nicht in meiner Absicht.
Ich wollte Dich nur wissen lassen, wie mein Standpunkt ist und dass Du immer ein besonderer Junge für mich sein wirst.
Der erste, der es geschafft hat, mich im Grunde meines Herzens zu berühren.


Alles Liebe,

Deine R.
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