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Weltenwächterinnen - Die verborgenen Jahre

von Eruanna
GeschichteAllgemein / P16
02.10.2018
04.10.2018
4
6.883
 
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02.10.2018 1.804
 
Inhaltsangabe: Dass die Vergangenheit klaffende Wunden hinterlassen und einem Lebewesen jeglichen Freude nehmen kann, hat Rhiannon Mallory, älteste Tochter Rowans und Maedhros’, am eigenen Leib erfahren. Obwohl sie eigentlich weiß, dass sie nichts mehr in diesem dunklen Teil ihres langen Lebens verändern kann, sitzt der Schmerz zu tief, als das sie ihr glückliches Leben mit ihrer Familie genießen kann. Bis jemand sehr Kleines sie an die wirklich wichtigen Dinge im Leben erinnert...

In der Nähe von Caras annûn, 24. März 2496 D. Z.:
Einst hatte mir mein Lehrer Taliesin gesagt, dass der Schmerz über den Verlust eines geliebten Menschen eines Tages verblassen würde. Damals war ich ein Kind gewesen, knapp zehn Jahre alt und ein Wildfang, immer auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer. An meiner Seite meine jüngere Zwillingsschwester Moira. Wir hatten alle Welten als große Spielplätze zu unserem alleinigen Vergnügen angesehen. Unsere Kräfte  hielten einander in Schach und ergänzten sich in perfekter Harmonie. In jener Zeit hatte ich nicht verstanden, was der Magier mir sagen wollte. Ich hatte die unterschwelligen Warnungen aller meiner Lehrer nicht ernstgenommen, auch als ich formal erwachsen galt. Gemeinsam mit meiner Schwester war ich durch Mittelerde gezogen, hatte leichtsinnig jede Herausforderung angenommen und sogar unnötige Kämpfe angezettelt nur um zu beweisen, das wir allen anderen dank unserer Macht weit überlegen waren. Meine Mutter hatte mich eindringlich vor den Folgen gewarnt, selbst die Valar machten sich die Mühe mir und Moira ins Gewissen zu reden. Es hatte nichts genützt und jede Erkenntnis kam zu spät. Zitternd vor Schmerz kniete ich mich vor dem verwitterten Eingang des Höhlengrabs hin. Moira hatte den Preis für unsere Dummheit zahlen müssen und ich musste mit dem Wissen leben, das ich ihren Tod hätte verhindern können, wäre ich nicht so arrogant gewesen, zu glauben, wir wären selbst vor dem Tod gefeit und stärker als alles, was die Welten an Gefahren aufbieten konnten. Meine arme kleine Schwester.
Sie war schon immer schwächer gewesen als ich und hatte mit ihrer großen Macht nicht umgehen können. Bei unserer vielseitigen Ausbildung hinkte sie immer hinterher und schaffte nur mit Mühe die einfachsten Zauber zu wirken. Es hatte genügend Zeichen gegeben, die mich in Alarmbereitschaft versetzten sollten. Aber ich war so verblendet gewesen, so töricht und dumm. Unfähig die Wahrheit zu erkennen, selbst als sich ihre Gesundheit verschlechterte und ihr Geist zerrüttet wurde.
Gerade ich als ihr Zwilling hätte ihr beistehen und sie um jeden Preis beschützen sollen. Doch ich hatte versagt und sie bezahlte mit ihrem Leben. Es war zu spät gewesen um sie zu retten.
Ich war ihr ohne zu Zögern in die Hallen Mandos gefolgt, hatte sie angefleht mir zu vergeben und mit mir zurückzukehren. Doch obwohl sie mir verziehen hatte, war sie nicht länger lebensfähig. Wäre sie mir gefolgt, hätte ich sie am Ende vernichten müssen, so zerrüttet und wahnsinnig war sie durch die Krankheit, die sie innerlich schon sehr lange plagte. Eine Weltenwächterin musste ihre Magie immer und in jeder Situation unter Kontrolle haben. Sie durfte sich niemals von ihren Kräften beherrschen lassen, denn genau das zerstörte erst ihre Seele, dann den Körper und schließlich den Geist. Der Wahnsinn war der größte Feind der Weltenwächterinnen. Die schlimmste Gefahr lauerte in ihnen selbst.
Moira hatte mir vergeben und mich von jeder Schuld freigesprochen. Und doch konnte ich keine Ruhe finden. In meinen Träumen durchlebte ich immer wieder ihren Tod, den Aufenthalt in Mandos Hallen und meinen Kampf mit jedem einzelnen Valar. Es spielte keine Rolle, dass ich als Siegerin aus allen Kämpfen hervorgegangen war. Ich hatte das Wichtigste in meinem Leben verloren. Die andere Hälfte meiner Seele und meines Herzens. Nicht einmal die Liebe meines Gefährten Daechir konnte diese tiefe Wunde heilen. Wenn nicht einmal er mir Heilung und Frieden schenken konnte, was war dann dazu in der Lage? Unsere Kinder wollte ich mit diesem dunklen Teil meiner Vergangenheit belasten. Sie waren ein Geschenk, das ich nicht verdient hatte. Jedes Mal, wenn ihre Augen sich mit kindlicher Unschuld und tiefempfundener Liebe auf mich richteten, spürte ich, wie mein Herz wieder brach und in Stücke gerissen wurde. Wie konnten sie nur ein Monster wie mich lieben? Eine Frau, die ihre eigene Schwester in den Tod getrieben hatte? Die sich in ihrem Schmerz und ihren Zorn gegen die eigenen Eltern gewandt hatte?
Ja, meine Eltern hatten mir vergeben. Sie hatten gesagt, dass Liebe auch bedeutete, zu vergeben und zu verzeihen. Aber ich hatte ihnen schreckliche Dinge an den Kopf geworfen, ihre Liebe öffentlich mit Füßen getreten und sie verflucht. Bei meinem Vater hatte dieser schreckliche Fluch auch seine Erfüllung gefunden. Nicht nur war er Morgoths Gefangene gewesen, nein, er war auch im Feuer elendig gestorben, ohne das jemand seiner Liebsten an seiner Seite war oder etwas von seinen Plänen wusste. Was ich damals tat war weitaus schlimmer als alles, was Feanor zu verantworten hatte. Nichts konnte die Last meiner Schuld aufwiegen. Nichts. Ich würde für immer die Gefangene meiner Vergangenheit sein und ich fürchtete den Tag der Wahrheit, an dem meine unschuldigen Kinder alles erfuhren.
Sie hätten jedes Recht mich zu verurteilen. Genauso wie meine süße Zwillingsschwester, meine Eltern, meine Familie und mein Gefährte. Aber keiner von ihnen tat es und ich konnte nicht begreifen warum.
„Nana?“ Ertappt zuckte ich zusammen und wischte mir eilig die Tränen ab. Eireann bewegte sich so leise, das ich sie niemals bemerkte, bis sie irgendeinen Laut von sich gab. Ich setzte ein Lächeln in der Hoffnung auf, das sie meine eigentlichen Gefühle nicht bemerken würde. Eine kleine zarte Hand legte sich auf meinen Arm. Mir stockte der Atem, als ich spürte, wie ein Teil meines Schmerzes wich und durch Frieden ersetzt wurde. Die Berührung einer wahren Seelenheilerin. Sanft umschloss ich die filigranen Finger, die nun schon mehr Macht besaßen als ich in diesem Alter hatte. Meine Jüngste war gerade mal sieben Jahre alt und war mächtiger, als ich jemals gedacht hätte. „Weinst du wegen Tante Moira?“ Kurz erstarrte ich, als die unschuldige aber zu wissende Frage erklang. Vorsichtig begegnete ich ihrem fragenden Blick. Sie schien den wahren Grund meines Schmerzes zu erkennen. Was für ein süßes weises Kind. Wie konnte so ein junges Geschöpf bereits so alte Augen haben und mit solchem Wissen ausgestattet sein? Ein warmer, liebevoller Glanz ließ ihre Augen wie grünes Feuer aufleuchten. Zärtlich schlang sie die Arme um meinen Hals und schmiegte sich an mich. Behutsam hielt ich sie fest und barg mein Gesicht in ihren seidigen Locken. Sie besaß die Sanftheit Moiras aus den Zeiten, als wir noch kleine Kinder waren und die Welt noch gut. Doch anders als befürchtet, schien sie ihre Kräfte intuitiv und instinktiv richtig einzusetzen, ja sogar die notwendige Stärke zu besitzen, eines Tages in meine Fußstapfen als Matriarchin zu treten. Ihr kleines Herz schlug stetig und in einer Melodie, der mein eigenes Herz sogleich folgte. Ohne das eigentlich nötige Wissen oder die jahrelange Ausbildung einer Heilerin zu haben, gab sie mir ausgerechnet das, was ich seit Moiras Tod nie wirklich gekannt hatte: meinen seelischen Frieden, Geborgenheit und Heilung. Ich spürte die Mächte uralter Geisterwesen, die sie bereits jetzt schützten und ihr die nötige Kraft verliehen, um die tiefen klaffenden Wunden meiner Seele zu heilen und zu reinigen.
Tränen liefen mir über die Wangen und sickerten ihr Haar.
Nie sollte irgendein Wesen dieses Kind verletzen und ihr ein Haar krümmen. Schützend zog ich sie enger an mich, strich über ihren schmalen Rücken. Meine kleine Eireann. Meine einzige Tochter. Mein Stern. Niemals würde ich zulassen, das ich sie aus denselben Gründen ins Verdammnis stieß wie einst meine Schwester und meine Eltern.
Ich würde mich ihrer als Mutter würdig erweisen und wenn es das Letzte war, was ich tat. Diese Mal würde ich nicht versagen.
„Du hast Recht, niben meril. Ich trauere immer noch um Moira.“
„Sie würde nicht wollen, das du dir selbst wehtust. Du musst die Schuldgefühle loslassen und wieder lachen! Nana, wir alle vermissen dein Lachen und deine fröhliche Art. Ada weint manchmal, wenn du weg bist. Er wollte mir nicht sagen warum, aber ich weiß, das es ihm wehtut, wenn du traurig bist und dich schuldig fühlst.“
Ich lächelte zum ersten Mal seit langem wieder befreit und ehrlich. Es stimmte was sie sagte. Daechir litt darunter, das es mir so schlecht ging und ich ihm nicht gestattete mir zu helfen. Schon erstaunlich das es erst ein Gespräch mit meiner Tochter brauchte, damit ich erkannte, das ich die Vergangenheit loslassen musste. Wenn es nicht die Zeit war, die alle Wunden heilen konnte, dann war es die Liebe zwischen Mutter und Kind. Für meine kleine Familie würde ich die Schuldgefühle und den Schmerz über Moiras Verlust hinter mir lassen. Ich würde kämpfen um ihre Liebe würdig zu sein und sie für immer in meinem Herzen zu behalten.
Wenn ich mich an meine Vergangenheit erinnerte, dann vor allem an die guten Zeiten. Die glücklichen Erinnerungen bargen genauso große Heilkräfte wie mein jüngstes Kind. Irgendwann würden sich Taliesins Worte bewahrheiten und ich würde keine Angst mehr davor haben, meinen Lieben alles über mich zu offenbaren.
Fehler gehörten dazu und da ich in Mittelerde geboren worden war, konnte ich auch nicht in die Vergangenheit zurückreisen um irgendetwas zu verändern. Nichts geschah ohne Grund.
„Was hältst du davon, wenn wir jetzt beide zurückkehren und als Familie unseren Ahnen danken? Wir werden alte Geschichten aus der Vergangenheit erzählen und zusammen singen. Denn das Wichtigste ist die Familie. Lange Zeit habe ich das vergessen und war blind für das Geschenk, das ihr für mich seid. Damit ist es nun vorbei.“
Begeistert lächelte mich Eireann an und küsste überschwänglich meine Wange. Leise lachend erhob ich mich und stellte sie sanft auf beide Füße. Fest ergriff sie eine Hand und zerrte mich jubelnd in Richtung Caras annun. Für einen Moment hielt ich kurz inne um zurückzublicken.
Wie zum Gruß hob ich die Hand und verabschiedete mich gedanklich von meiner Schwester. ,Ich liebe dich Moira und werde es immer tun. Du hattest Recht, das du mich nie wirklich verlassen würdest, solange ich mich in Liebe an dich erinnere. Danke für die Zeit mit dir und bis bald.’ Erstaunt spürte ich ihre geistige Präsenz, die mich liebevoll einhüllte und begriff endlich, das sie mich nie gehasst oder verurteilt hatte. Der Schmerz den ich nun empfand war süßer und zärtlicher Natur. Ich würde sie immer im Herzen tragen. Der Wind sang in den Zweigen des Eichenhains, das ich einst um den Eingang der Höhle mit ihr zusammen gepflanzt hatte. Er trug den Duft von Lilien und wildem Lavendel mit sich. Tief atmete ich die reine Luft ein und die eisernen Fesseln um mein Inneres zerbrachen. Ich war frei. Ich lebte. Ich liebte.
Meine Seele jubelte vor Lachen und mein Herz machte den Engelschören wahrlich Konkurrenz. Glücklich folgte ich meiner geliebten Tochter.
Nachhause. Dort, wo mein Herz wohnte und meine Seele ihren Gefährten gefunden hatte. Die Zeit des Trauerns war endgültig vorbei.
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