Massensterben im Herbst

OneshotAllgemein / P12
02.10.2018
02.10.2018
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Massensterben im Herbst


Mein Fuß drückt auf das Gaspedal und der Wagen beschleunigt sich. Die Straße ist rutschig und die Scheiben nass, es regnet und lose Blätter wehen ungeniert an mir vorbei. In der letzten Viertelstunde ist der Regen stärker geworden.
Die Scheibenwischer quietschen und beseitigen die Wassermassen gewissenhaft von meiner Windschutzscheibe, doch scheinen sie ihre Arbeit völlig umsonst zu tun. Nur wenige Sekunden nach ihrem Erfolg fallen neue Tropfen auf die Scheibe.
Mit dem Zeigefinger erhöhe ich die Temperatur der Heizung und schalte sogar das Gebläse an, das meine beschlagenen Scheiben von innen klären soll. Es dauert wie immer außergewöhnlich lange und ich seufze.
Mein Blick fixiert eines der gelb gefärbten Blätter, die zusätzlich zum Wasser auf mich niederregnen, denn es ist im Gestänge der Scheibenwischer eingeklemmt und flattert unter meiner Beobachtung.
Es nervt.
Sehr sogar.
Doch während der Fahrt werde ich es nicht beseitigen können und ich denke nicht im Traum daran, das Fenster hinunter zu kurbeln und meinen Arm bei voller Fahrt nach draußen zu strecken. Ich bin schließlich nicht verrückt.
Alleine mein ständiger Blick auf das flatternde Blatt macht mich unkonzentriert und lässt mich die eigentliche Priorität – nämlich den Straßenverkehr – für mehrere gefährliche Sekunden ausblenden und macht deshalb einem Ärgernis Platz.
Ein Ärgernis, das ich selbst nicht verstehen kann.
Ich liebe den Herbst, das weiß ich mit absoluter Sicherheit, und ich fühle mich in dieser Jahreszeit am wohlsten. Der heiße Sommer ist endlich vorbei und man kann draußen endlich wieder atmen, ohne ein Gefühl des Erstickens erleiden zu müssen.
Doch gleichzeitig weiß ich, dass der Herbst einige Tücken mit sich bringt. Die rutschige Straße und der hartnäckige Regen sind solche Tücken, auch wenn ich ihre Existenz durchaus nachvollziehen kann.
Aber dieses gelbe Blatt, das zwischen meine Scheibenwischer geklemmt ist und nicht fliehen kann, so sehr es sich anzustrengen scheint, das ist eine Kleinigkeit, die mich beunruhigt und sogar dazu verführt, nicht mehr auf meine Umgebung zu achten.
Dabei ist das Blatt auch nur ein Opfer seiner Umstände, ist sich seines Sterbens nicht einmal bewusst. So wie die meisten anderen Pflanzen oder wenigstens Pflanzenteile im Herbst, die ihr Leben aushauchen und ihre grüne Farbe aufgeben.
Sie sterben und es stört sie nicht einmal.
Jedes Jahr machen alle Pflanzen dieselbe Metamorphose durch und wir Menschen räumen den dabei entstehenden Dreck einfach weg, schmeißen ihn in den Abfall, ärgern uns sogar, wenn am nächsten Tag die Straße und der Gehweg wieder voller Blätter sind.
Ich frage mich unwillkürlich, ob wir eines Tages so auch mit Menschen umgehen werden. Eines Tages, wenn auf keinem Friedhof mehr genügend Platz herrscht, wenn urplötzlich die Lebenserwartung auf ein Minimum schrumpft und alle medizinische Sicherheit, jede soziale Verankerung verschwindet.
Eines Tages werden die Menschen es geschafft haben, ihre wichtigsten Errungenschaften eigenhändig obsolet zu machen, ja sogar ad absurdum zu führen. Es wäre ja nicht das erste Mal, dass sich der Mensch selbst ein Bein stellt.
Während ich das Blatt am Scheibenwischer weiterhin beobachte, fällt mir ein Satz ein, den ein schlauer Kopf einmal gesagt hat: „Der Mensch erfand die Atombombe, doch keine Maus der Welt würde je eine Mausefalle konstruieren.“
Wer hat dies noch gesagt? Es fällt mir nicht ein, obwohl ich fieberhaft nachdenke; das flatternde Blatt im Blick und den trommelnden Regen auf den Scheiben des Autos im Ohr. Wird uns irgendwann unser Tod auch egal sein, so wie den Blättern, die massenhaft von den Bäumen und Sträuchern abfallen, um weggeworfen zu werden?
Endlich löst sich das Blatt aus der Umklammerung und rutscht flach über meine nasse Windschutzscheibe, um sich seinen anstrengenden Weg über die gesamte Fläche des Wagens nach hinten auf das Dach zu bahnen, wo es schließlich vom Fahrtwind aufgebäumt und von Oberfläche gerissen wird.
Im Rückspiegel kann ich es noch davonwehen sehen und am Ende wird der gelbe Punkt so klein, dass ich ihn nicht mehr erkennen kann. Mit einem Mal fehlt mir das flatternde Gelb vorne in meinem Blickfeld.
Ich fühle mich schäbig, weil es mir auf die Nerven gegangen ist. Ein sterbender Mensch würde mir schließlich auch nicht auf die Nerven gehen, oder?
Eine Frage, die ich heute nicht zu beantworten vermag.

Anmerkung: Hier geht es zu Teil 1 - Wellenbewegungen im Frühling, Teil 2 - Schallschutzmauern im Sommer und Teil 4 - Wasseroberflächen im Winter.
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