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Irrschatten

OneshotSchmerz/Trost, Tragödie / P12
Gandwolf Viego Vandalez
01.10.2018
01.10.2018
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01.10.2018 551
 
Seine Finsternis tunkte die Gräber in Schwärze, die rot-goldenen Blätter verblassten zu Grau, Kälte strömte über den Kies und begleitete seine Schritte.
Viego schritt den Weg entlang zwischen den efeuumrankten Steinen, während Blutstropfen von seinem Mantel fielen. Er wusste, dass seine Reißzähne besudelt davon waren, hatte noch den metallischen Geschmack auf der Zunge und spürte, wie Schuld in seiner Seele tobte, doch seine Erinnerungen wurden von Dunkelheit umhüllt und so tat er es mit diesem Ort.
Unter einer Eiche blieb er stehen und ließ seine Augen über den Grabstein wandern, der von keinen Pflanzen außer einem Strauß Zwirnferkelröschen geschmückt wurde.
Wurzeln wuchsen um den Stein herum und die untersten Äste berührten ihn, sodass rote Blätter auf dem Grab verstreut lagen, die Rosen bedeckten und Grashalme unter sich begruben, die aus der aufgewühlten Erde sprossen.
Es hätte Geraldine gefallen ein Teil der Natur und des Lebens nach ihrem Tod zu sein, es berührte den Halbvampir, und doch schmerzte es, dass sie nun kein Teil mehr von ihm war. Dass ihr Lachen ihn nicht mehr aus der Finsternis seines Vampirerbes retten konnte, dass ihre Stimme ihn nicht mehr besänftigte und dass ihre strahlenden Augen nun dazu verdammt waren zu verwesen.
Viego biss sich auf die Lippe und schüttelte den Gedanken ab, sah zur Seite, als ihm das getrocknete Blut an seinen Fingern auffiel. Der Geruch löste eine Gier ihn im aus, die das Schwarz seines Blickes aufglühen ließ und die Dunkelheit sich verdichten. Rot verschleierte sein Denken, warmes Rot aus den Adern eines Lebewesens, das er jagen und in die Erschöpfung hetzen konnte, das zitterte, wenn seine Finsternis es in Angst tauchte und es spürte, wie der Jäger seine Reißzähne an seinen Hals setzte.
Er wandte sich um, Blutgeruch verdrängte das Aroma der Zwirnferkelröschen, als er einen Mann entdeckte, der den Weg auf ihn zu kam.
Der Fremde zog die Schultern gegen die Kälte hoch, zeigte jedoch keine Furcht in der Nacht des Vampirs, sondern schritt diesem unbeirrt entgegen und… lächelte?
Irritiert wich Viego an die Eiche zurück. Wieso machte dem seine Finsternis nichts aus? Der Halbvampir fletschte die Zähne und fixierte den Hals des Mannes, wo für Viego hörbar das Blut rauschte und nach ihm zu rufen schien; schließlich machte nicht nur das Jagen, sondern auch das Reißen der Beute Spaß. Ein gieriges Grollen ließ seinen Körper erbeben.
„Ich wusste, dass es dich früher oder später hierherziehen würde, alter Freund!“, rief ihm Gangwolf entgegen, Erleichterung schwang in seiner Stimme mit und ohne Besorgnis stellte er sich vor den Vampir.
Gangwolf! Geschockt starrte Viego ihn an, sah ihn seine Augen, in denen nichts als Vertrauen stand, und schaute wieder auf die Halsschlagader seines Freundes, die nun, da er wieder bei Verstand war, Entsetzen in ihm auslöste. Er hatte ihn nicht erkannt!
„Du hast dich doch nicht etwa die Monate durch die Wildnis geschlagen? Dein Mantel ist voller Schlamm!“ Nein, kein Schlamm, dachte der Halbvampir und Bilder von aufgerissenen Venen schossen durch seine Gedanken – beinah hätte er Gangwolf den Flecken hinzugefügt!
„Komm erstmal mit nach Moos Eisli, zurück in die Zivilisation, dann wird das schon wieder.“ Gangwolf legte einen Arm um Viegos Schultern und zog diesen von dem Grab weg, zu welchem beide noch einen letzten Blick zurückwarfen, beide aus Trauer, der eine mit Erleichterung im Herzen, der andere mit nagender Schuld.
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