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Wenn der Schleier fällt

GeschichteMystery, Übernatürlich / P12
Claudia Brown / Jenny Lewis Connor Temple Emily Merchant Nick Cutter Sarah Page Stephen Hart
01.10.2018
01.10.2018
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Connors Geheimnis


Fast hätte Abby den Gegenstand übersehen, als sie gedankenverloren und übermüdet die Treppe aus dem U-Bahn-Schacht hinaufstolperte. Dann aber fielen ihr die bunten Farben ins Auge, die sich zwischen den anthrazitfarbenen, gebügelten Hosenbeinen und teuren, glänzenden Schuhen der Geschäftsleute, die so früh am Montagmorgen hauptsächlich unterwegs waren, so unpassend ausnahmen. Sie bückte sich und hob den knallbunten flauschigen Triceratops-Schlüsselanhänger hoch. Er war nicht besonders schön, eher hässlicher Jahrmarktkitsch, doch gerade deshalb besaß er solchen großen Wiedererkennungswert. Sie wusste, dass Connor einen solchen Anhänger besaß – sie hatte ihn selbst dabei beobachtet, wie er an einem Automaten, an dem man eine dreigliedrige Greifkralle steuern musste, um ein Plüschtierspielzeug zu erlangen, von Ehrgeiz gepackt worden war, und wahrscheinlich zehnmal so viele Münzen in die Maschine gesteckt hatte, wie der Dino wert war. Der Schlüssel, der am Plüschsaurier hing, war ihr jedoch unbekannt. Es war nicht Connors Wohnungsschlüssel; der große, leicht angerostete Schlüssel wirkte klobig und erinnerte sie an spinnwebbedeckte Kellertüren. Mit einem Schulterzucken steckte sie ihn ein. Sie würde Connor ja gleich im ARC sehen, vielleicht würde er ihr erzählen, was es damit auf sich hatte. Vielleicht war es ja gar nicht seiner, und noch jemand hatte den Spielzeugautomaten bezwungen.

Seltsamerweise war Connor im gesamten Gebäude nicht anzutreffen. Dabei war er doch schon in den frühesten Morgenstunden aufgebrochen, hatte behauptet, er habe eine ganz wichtige Idee bezüglich des Anomaliendetektors, die er sofort ausprobieren müsste. Abby stand gerade vor seinem Schreibtisch und überlegte, ob sie ihm den Schlüssel mit einer kleinen Notiz einfach hinlegen sollte, da wurde seine Bürotür aufgerissen und Connor stand sichtlich aufgewühlt vor ihr. Bevor sie fragen konnte, was denn los war, war sein Blick schon auf den Schlüssel gefallen und er stürzte auf sie zu.
„Ich kann es nicht glauben, du hast ihn gefunden! Abby, du bist die Größte!“
Verwirrt erwiderte sie seine Umarmung, sie hatte ihn selten so aufgewühlt erlebt.
„Ich hab den ganzen Morgen versucht, ihn zu finden, ich bin extra wieder zurück nach Hause gefahren und habe sämtliche Taschen aller Stücke in der Schmutzwäsche von letzter Woche durchwühlt …“
„Ich hab‘ ihn an der U-Bahn gefunden“, erklärte Abby. „Sag‘ mal, was ist denn das für ein Schlüssel, der dir so wichtig ist?“
Plötzlich löste Connor sich aus der innigen Umarmung und trat sogar noch einen großen Schritt zurück. Unsicher sah er sie an: „Du, das würde ich dir lieber nicht sagen. Also, jetzt noch nicht. Vielleicht irgendwann. Bald, ich verspreche es! Aber gerade sollten das so wenige Leute wie möglich wissen, das gibt sonst nur Probleme.“ Er vermied es, ihr in die Augen zu sehen, schnappte sich nur schnell ein paar Aufzeichnungen aus dem Blättergewirr, das seinen Schreibtisch bedeckte, und gab sich dann als mit dem Detektor unglaublich beschäftigt und nicht ansprechbar.

Abby wollte nicht aufgeben und fragte ihn um die übliche Zeit, ob er vielleicht Lust auf eine Mittagspause in einem nahe gelegenen chinesischen Restaurant hatte. Und als nicht einmal die Aussicht auf gebratene Nudeln mit Ente Connor aus seinem Schweigen und seiner Isolation locken konnte, da wusste sie, dass wirklich etwas faul war. Und so kam es, dass Abby also tat, was sie zu den meisten Gelegenheiten für moralisch verwerflich hielt und spionierte Connor nach. Sie konnte sich schon denken, dass er wahrscheinlich die Gelegenheit, sie in der Pause zu wissen, nutzen würde, um dorthin zu entschwinden, wo er sich heute Morgen ohne Schlüssel so sinnlos aufgehalten hatte. Um ihn nicht zu verpassen, schlug sie sich also die Aussicht auf Gemüse in Sojasoße aus dem Kopf und ernährte sich, auf dem Parkplatz des ARC hinter einer Hecke lungernd, von ein paar Müsliriegeln, die sie immer für besonders stressige Tage in ihrer Schreibtischschublade aufbewahrte. Tatsächlich musste sie auch gar nicht lange warten: Schon nach ein paar Minuten verließ Connor das Gebäude. Beim Anblick des jungen Mannes, der so naiv und unbedarft über den Platz schlenderte, sich nicht einmal umsah, also augenscheinlich keine Verfolgung fürchtete, bekam Abby dann doch ein schlechtes Gewissen. Fast wäre sie zurück ins ARC gegangen, doch ihre Neugier war stärker.

Sie hatte sich ans andere Ende des U-Bahn-Wagens gesetzt, konnte Connor dank seines charakteristischen Hutes aber gut im Auge behalten. Zunächst hielt sie sich ständig bereit, bei der nächsten Haltestelle aufzuspringen, doch nachdem Connor es sich gemütlich gemacht hatte und sogar ein Buch aus der Tasche zog, lehnte auch sie sich in ihrem Sitz zurück. Immer weiter entfernte die Bahn sich aus der Innenstadt, bis Connor endlich, in einem Vorort der auf Abby niederschmetternd dörflich wirkte, das Gefährt verließ. Auf den leeren, ruhigen Gehwegen war es schwieriger, Connor zu folgen. Abby gelang es, in dem sie ihre Kapuze tief über ihr blondes Haar zog und sich konstant auf der gegenüberliegenden Straßenseite aufhielt. Mit Amüsement konnte sie beobachten, dass der Halloween-Hype nun auch in langweilige Vorstädte vorgedrungen war: Kaum einen Hauseingang gab es, den keine ausgehöhlten Kürbislaternen zierten, sie entdeckte sogar Kunststoffkzombies, deren Augen in der Nacht wahrscheinlich aufleuchten würden, sowie Girlanden aus roten und orangenen Plastiktotenköpfen.
Als Connor eine kleine Schrebergartensiedlung betrat, hätte sie fast gelacht. Hatte Connor das Gärtnern als Hobby entdeckt, was ihm so peinlich war, dass er ihr nicht davon erzählen wollte? Tatsächlich öffnete er mit dem geheimnisvollen Schlüssel ein Gartentor. Statt die Pflanzen, die wild um ihn wucherten, zu beachten, ging er aber gleich auf den kleinen Schuppen zu, der sich mit dem gleichen Schlüssel öffnen ließ. Er zog die Tür hinter sich zu und Abby starrte auf die kleine Holzhütte. Dort verbarg sich also Connors Geheimnis.

Da Abby nicht erkennen konnte, ob Connor vielleicht aus dem kleinen Fenster nach draußen sah, wagte sie es zunächst nicht, näher an seinen Garten heran zu treten. Schließlich sagte sie sich: „Was soll’s, auch wenn er mich jetzt bemerkt, mich wegzuschicken lohnt sich sowieso nicht mehr!“ Mit diesem Gedanken schwang sie sich über den Zaun und ging aus dem Schuppen zu, hinter dessen Fenster sie nun ein leichtes Flackern bemerkte. Sie hielt inne. Brannte dort eine Kerze, oder ein Kaminfeuer? Doch das Flackern war nicht von einem warmen Orangerot. Kalt und weiß zuckte es hinter der Fensterscheibe. Abby wurde unheimlich zu Mute.

Sie näherte sich dem Schuppen und hielt vor der Tür inne. Aus einem ungewissen Gefühl zögerte sie, die Tür einfach zu öffnen, also klopfte sie an. Von drinnen drang ein überraschter Aufschrei zu ihr hinaus. Connor hatte sich sicher und unbeobachtet gefühlt. Die Tür wurde einen Spalt geöffnet und Connors nervös aufgerissene dunkelbraune Augen lugten hervor.
„Abby! Was machst du denn hier?“
„Sei mir nicht böse! Ich bin dir gefolgt – dein seltsames Gehabe wegen des Schlüssels hat mich einfach zu neugierig gemacht.“ Zugegebenermaßen etwas beschämt blickte sie auf den Boden.
Connor seufzte. „Nun, wenn du schon mal da bist, komm‘ am besten rein. Aber vorsichtig, ich will die Tür nicht zu weit aufmachen!“

Sie hielt sich an diese Anweisung und quetschte sich durch einen Spalt, so schmal wie es eben möglich war. Das Innere des Schuppens sah so aus, wie man es erwarten würde: eng, düster, vollgestellt mit Werkzeugen und einigen Gartenmöbeln aus Plastik. Außer ihr und Connor war niemand zu sehen, doch in einer Ecke flackerte es leicht. Vorsichtig wollte Abby nähertreten – Connor würde doch wohl in diesem alten, hölzernen Gebäude kein Feuer angezündet haben? – doch der Freund packte sie am Ärmel und hielt sie zurück.
„Pass auf, ich glaube, es ist ziemlich schüchtern!“
„Wer … was ist ziemlich schüchtern?“
Sie starre in das Flimmern, doch konnte nichts erkennen.
„Ich glaube, es ist ein Irrlicht.“
„Ein … was?“
„Ein Irrlicht! Du weißt schon, diese Kreaturen die Menschen auf Mooren und Sümpfen dazu verleiten, vom Weg ab zu kommen.“
Abby warf Connor einen scharfen Blick zu, doch er schien nicht zu Scherzen aufgelegt zu sein. „Aber Irrlichter gibt es nicht – die meisten Wissenschaftler gehen davon aus, dass die Erscheinungen durch Gase ausgelöst werden“, versuchte sie dennoch zu erklären.
„Ja, das habe ich auch geglaubt. Bis zur letzten Anomalie.“
„Die letzte … oh, das war, als ich krank im Bett lag?“
„Genau! Deswegen habe ich dir nicht sofort davon erzählt, und irgendwann erschien es mir zu spät, noch auszupacken.“
„Aber was ist denn passiert? Becker hat nur mal nebenbei erwähnt, dass er ganz enttäuscht gewesen war, weil es kaum etwas zu tun gab. Niemand hatte die Anomalie entdeckt und es war noch nichts ausgetreten.“
„Ja, so dachten wir zumindest … Doch dieses schüchterne kleine Wesen ist wohl unbemerkt an uns vorbei gehuscht – vielleicht haben wir es bei dem ganzen Flackern und Reflektieren der Anomalie an sich einfach nicht sehen können. Es hat sich dann wohl irgendwie an mich geheftet und ist mit zurück zum ARC gekommen. Für ein paar Tage ist es auf der Männertoilette im zweiten Stock herumgehangen, doch dann habe ich mir den Garten hier angemietet, es in einer Tupperdose eingefangen, und hier eingesperrt, damit nicht irgendjemand zu Schaden kommt, oder es entdeckt. Auch wenn es keine Absicht war, Lester würde bestimmt nur zu gerne glauben, dass ich ein Wesen aus einer anderen Zeit habe mitgehen lassen … Tja, und seitdem bin ich täglich hier. Versuche, herauszufinden, was ich kann. Und mehr über das Licht zu lernen, es ist ja durchaus sehr faszinierend.“
Auf seinem flackernd erhellten Gesicht zeichnete sich fast Sehnsucht ab.
Als er wie stumm erstarrt stehen blieb gab Abby ihm einen Ellbogenstoß in die Seite. „Hey, lass‘ dich ja nicht hypnotisieren! Wie sieht dein Plan aus – wolltest du dein Licht einfach hier im Schuppen lassen, und es täglich besuchen kommen?“

Unangenehm berührt räusperte Connor sich. „Nein, natürlich nicht! Ich habe die letzten Tage damit verbracht, mich über Irrlichter schlau zu machen. Dann wollte ich es irgendwo hinführen und quasi auswildern. Also, irgendwo, wo es für niemanden eine Gefahr darstellen kann, das ist das größte Problem.“
Abby nickte, während sie weiter konzentriert in die Ecke starrte. Inzwischen schien sie zwischen den schimmernden Blitzen eine Gestalt ausmachen zu können, Gliedmaßen, die ihr zuwinkten. Es war wirklich verlockend, immer näher zu treten. Sie schüttelte den Kopf und wandte ihren Blick ab, um sich aus ihrer Verzauberung zu reißen.

„Anscheinend halten sich Irrlichter in der Regel in Sümpfen, Wäldern und manchmal auch auf Friedhöfen auf. Letzteres würde ich gleich streichen – die Hysterie, wenn Trauernde seltsame Lichter um die letzte Ruhestätte ihrer Verstorbenen streifen sehen, möchte ich mir gar nicht vorstellen! Bisher bevorzuge ich den Forest of Dean. Wir haben ja schon gemerkt, dass sich da auch die seltsamsten Wesen länger verstecken können. Das Problem ist nur, falls sich wirklich mal ein einsamer Wanderer tief in den Wald begeben sollte, wäre der dann wahrscheinlich genauso vom Erdboden verschluckt …“
„Das Beste wäre also ein Ort, der natur-nah liegt, an dem aber keine Menschen sind“, überlegte Abby laut. „Das heißt … das wichtigste ist doch, dass die Menschen weder nachts noch alleine dort sind, oder?“
„Ja – wieso, hast du eine Idee!“
„Ich glaube schon …“ Connor hatte das Gefühl, er konnte die Gedanken in ihrem Kopf umher rasen hören, dann sprach sie endlich aus, was ihr soeben eingefallen war. „Wir könnten das Licht in den Zoo bringen! Die Gäste sind nur tagsüber da, und das in Massen. Vielleicht wird es sich aber sowie damit zufrieden geben, Tiere an der Nase herumzuführen. Und denen kann nichts passieren, die Gehege sind so gestaltet, dass sie keine Risiken bieten.“
„Das ist es!“, rief Connor aus. „Ich hätte dir gleich davon erzählen sollen …“
„Das hättest du vielleicht – aber sieh es einfach so, dass ich nur meine Schuld abbezahle, dafür, dir nachgeschlichen zu sein.“

Ein Transportgefäß für das flackernde Licht war auch schnell gefunden – in ihrer zweiten moralisch fragwürdigen Handlung an diesem Tag stibitzte Abby einen ausgehöhlten Kürbis aus dem Schrebergarten nebenan, doch sie konnte es damit rechtfertigen, dass es um den guten Zweck der öffentlichen Sicherheit ging. Nachdem Connor sein Licht, das sich wohl schon etwas an ihn gewöhnt hatte, unter viel gutem Zureden in die orangene Frucht gelockt hatte, machten sie sich auf den Weg. Zwischen der all der Halloweendeko, die schon Anfang November viele Orte zierte, fielen die beiden nicht auf, auch nicht, dass ab und zu ein Flackern zwischen dem grinsenden Mund und den starrenden Augen hervortrat, das für eine Kerze zu kalt und unstet war.



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Vorgabe:  Abby findet einen seltsamen Schlüssel, der nirgendwo passt. Connor scheint mehr über den Schlüssel zu wissen, spricht aber nicht darüber. Was hat es mit dem Schlüssel auf sich und warum hüllt Connor sich in Schweigen?
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