Son cœur

von Jaeger
OneshotAngst, Übernatürlich / P16 Slash
Noé Archiviste Vanitas (Mensch)
30.09.2018
30.09.2018
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if i was born as a blackthorn tree
i’d wanna be felled by you, held by you
fuel the pyre of your enemies




     Fairerweise musste festgehalten werden, dass das alles Noés Schuld war.
     So sehr Vanitas auch zufrieden war ein so nützliches Schild wie ihn gefunden zu haben, viel öfter fühlte er sich unglaublich irritiert und dem Bersten nahe, wie eine Schüssel, in die es stetig hineintropfte und die bald auszulaufen drohte, und wenn Vanitas die Situation betrachtete, in der sie nun wegen Noé steckten, befürchtete er mit wachsender Frustration, dass der Moment eher früher als später eintreffen würde.

     In die Festung der Chasseurs einzudringen war ein Kinderspiel gewesen. Lügen kam Vanitas so natürlich wie Atmen, obwohl er sich doch ein wenig über die Spontanität wunderte, mit der er sich für die Namen Gilbert und Vincent entschieden hatte… nun, es gab schlimmere Namen. Nur die Tatsache, und insgeheim hätte Vanitas damit rechnen müssen (immerhin hatten sie den Bal Masqué überlebt und bereits da hatte Vanitas in der ersten Reihe gesessen bei dem spektakulären Kunstwerk, das Noé Archiviste war), dass Noé seine Prinzipien nicht einfach über Bord warf und andere tödlich verletzte oder skrupellos handelte, hatte sie letztendlich in das Schlamassel gebracht. Für das viele Blut, das Noé unzweifelhaft in seinem langem Leben getrunken hatte, war seine Seele überraschend rein— das komplette Gegenteil von Vanitas, der eine pechschwarze, verfaulte Leinwand vor seinem geistigen Auge sah, das in einer dunklen Kammer vor den gierigen Blicken der Welt versteckt hing und in die deformierte Motten Löcher fraßen.

     Der Zeitpunkt für einen Beweis hätte nicht passender kommen können als jetzt: Weil Noé sich geweigert hatte Maria als Geisel zu verwenden, hockten sie nun eingepfercht hinter meterdickem Metall, dessen Ausweg nur die fest versiegelte Tür gegenüber Vanitas war, und warteten auf ihr Urteil.
     In Momenten wie diesen fühlte Vanitas einen unglaublichen Hass auf Noé; die Abneigung krallte sich mit schwarzem Verfall in Vanitas Brust und versuchte ihn auszuhöhlen wie einen Kürbis; ein Monster, das nach einem Weg nach draußen suchte, um die Welt in Brand zu setzen, dabei unterschied es nicht zwischen Stadt oder Dorf, Täter oder Opfer. Dieses Ding und Vanitas waren nun schon so lange Bekannte, es fühlte sich eher wie das Wiedersehen eines alten Freundes an, statt der Überraschung des plötzlichen Auftauchen eines Fremden vor der Haustür— und doch, was sollte er tun?
     Physisch war er Noé so gnadenlos unterlegen, es war lächerlich. Das Buch des Vanitas könnte ihm helfen, doch welchen Nutzen hatte es, Noés wahren Namen aufzustöbern, ihn zu verfluchen und dann hier von ihm angegriffen zu werden. Beide Optionen führten zu Vanitas unabwendbarer Zufuhr von Schmerzen, auf die er gern verzichtete und so betrachtete er Noé, als könnte er durch bloßes Starren und eisernen Willen selbst endlich herausfinden, wieso der Junge so tickte. Wenn es eine Sache auf der Welt gab, die Vanitas noch mehr hasste als den Vampir des Blauen Mondes und Fragen zu seiner selbst, dann waren es Fragen über andere, die er nicht durch bloße Beobachtung beantworten konnte. Und ausgerechnet Noé Archiviste war so ein Paradebeispiel dafür.

     »Mon dieu, kannst du endlich mal aufhören da herumzutanzen und dich endlich setzen?«, forderte Vanitas; seine ersten Worte seit ihrer Gefangennahme, denn er war sich sicher, alles andere würde als Schwall obszöner Beleidigungen aus seinem Mund kommen. Noé warf ihm einen flüchtigen Blick über seine Schulter zu, die roten Augen leuchteten dämmernd in der kaum beleuchteten Zelle.
     »Wenn ich mich hinsetze, kann ich uns nicht befreien«, erwiderte Noé, bevor er erneut seine Faust gegen das Metall schlug und der Knall durch den gesamten Raum hallte. Irgendwo in Vanitas Hinterkopf nistete sich ein dumpfes Pochen ein und weigerte sich wieder zu gehen.
     »Bisher erledigst du einen ziemlich miserablen Job darin, uns zu befreien, Noé«, bemerkte Vanitas gelangweilt und ignorierte dabei, wie Noés Name normalerweise einfach und geschmeidig über seine Lippen glitt, nun allerdings wie ein schwerer Brocken auf seiner Zunge lag und ihn erstickte. Vanitas drapierte sich quer über den Boden, um seine langen Beine auszustrecken und stützte den Kopf auf der Hand des angewinkelten Arms. Er schloss die Augen und zählte bis zehn, um sich zusammenzureißen und danach mit einem besseren Plan als dem hier aufzukommen. Er kam nur bis drei, als der nächste Knall durch seinen ganzen Körper vibrierte und das Pochen zu seinen Schläfen wanderte.
     »Noé«, wiederholte er erneut, beißender. »Lass es sein. Du verschwendest deine Energie. Hebe sie dir lieber auf, denn wenn die Chasseurs wiederkommen. Bis dahin gibt es für uns keinen Ausweg.« Vanitas wusste, dass manchmal die Niederlage zu akzeptieren weitaus größeren Erfolg trug, als seine Finger an der undurchdringlichen Wand blutig zu kratzen im Versuch zu fliehen.
     »Wovon redest du?« Noés Stimme rang zu Vanitas, klar wie eine Glocke trotz seiner tiefen, geschmeidigen Stimme. Vanitas sah auf. »Es gibt immer einen Ausweg.«

     Ohne sofort zu antworten, starrte Vanitas ihn einen Moment an— ein wenig verblüfft, denn dies war mindestens das dritte Mal, dass Noé in der Lage gewesen war, Vanitas sprachlos zu hinterlassen. Und Vanitas, der sonst so sicher und wissend bezüglich des Chaos seiner Gefühle (oder deren Fehlen von Zeit zu Zeit) war, verblieb mit Emotionen, die er weder einordnen, noch entschlüsseln konnte, und er wünschte sich nichts anderes, als seine Brust aufzureißen und alles bis ins kleinste Detail zu sezieren, bis er endlich verstand, welches üble Spiel hier am Werk war.
     Die Dreistigkeit Noés diese Sorte an Macht zu besitzen, ohne es einmal zu bemerken.

     »Oh?« Vanitas versuchte gar nicht erst den Spott in seiner Stimme zu verstecken. »Also bitte, sei mein Gast und zeige mir den Weg nach draußen.« Noé bewegte sich nicht (was hatte Vanitas auch anderes erwartet), aber eine bekannte Falte schlich sich zwischen seine hellen Augenbrauen und verkündete den Jungen tief in Gedanken.
     »Überanstrenge dich nicht, während du dein hübsches Köpfchen benutzt, ja?«, schlug Vanitas mit einem schiefen Grinsen vor, aber entweder hörte Noé ihn nicht oder ignorierte ihn (beides war in Ordnung, denn Vanitas konnte nicht erklären, wieso er sich dazu berufen gefühlt hatte, den unnützen letzten Part zu sagen), denn er drehte sich weg und ging in die Hocke, genau über der Stelle, wo eine tiefe Einbuchtung durch seine Faust in der Wand zurückgeblieben war. Vanitas starrte seinen Rücken an, seine breiten Schultern, die Spitzen seiner weißen Haare, wie sie sich um seine Halsbeuge kräuselten und dachte Drehe dich nicht fort von mir, Noé, und dann mit dem gleichen Atemzug Es ist besser, dass du mich nicht mit diesen Augen anschaust, die mich um Erlaubnis anflehen, dass du mich retten darfst. Vanitas schloss seine Augen, die sachten Linien von Noés durch den schwarzen Stoff drückenden Schulterblätter noch frisch in seinem Kopf.

     »Es gibt einen Weg«, wiederholte Noé und als Vanitas seine Augen wieder öffnete, entdeckte er, wie Noé ihn beobachtete. »Aber es wird dir nicht gefallen.«
     »Es wird mir nicht gefallen,« wiederholte Vanitas, drehte Noés Worte ein bisschen und beanspruchte sie für sich. Vanitas ließ seinen Kopf fallen und senkte ihn, bis seine Stirn auf dem kühlen, glatten Untergrund ruhte und er Noé besser ansehen konnte. »Was genau wird mir daran nicht gefallen, sage mir das doch bitte, Noé.« Er sollte wirklich aufhören, Noés Namen so oft zu sagen.

     »Ich kann durch diese Wand brechen, aber ich brauche mehr Kraft«, erwiderte Noé mit seiner üblichen Vorliebe für Direktheit (obwohl Vanitas dieses üblich in Frage stellte, denn er verpasste selten, wie Noés Augen ihm länger zu folgen schienen, als notwendig; wie sie an der Kurve seines Nackens, dem Bogen seiner Handgelenke und Fußknöchel, der Rundung seiner Waden verweilten). »Und du kannst mir exakt das geben, was ich brauche, Vanitas.«
     »Und ich kann dir exakt das geben, was du brauchst, Noé.« Er konnte wirklich nicht aufhören, Noés Namen so oft zu sagen. Aber davon ganz abgesehen, konnte sich Vanitas nicht bremsen und stieß ein hohles Lachen aus, das sein Mund wie einen Pistolenschuss feuerte— ein humorloses und barsches Geräusch, das zwischen ihnen in ihrem stählernen Käfig hing. »Kommt das nicht gelegen? Wir sind gefangen und der einzige Ausweg besteht darin, dass du mein Blut trinkst!«
     »Daran kommt gar nichts gelegen«, widersprach Noé, der überall hinsah, nur nicht zu Vanitas. »Ich weiß, du willst nicht, dass ich es mache.«
     »›Willst nicht‹«, sagte Vanitas, »erscheint mir als die Untertreibung des Jahrhunderts, wenn man bedenkt, dass ich sagte, ich werde dich umbringen, solltest du jemals mein Blut trinken, Archiviste.« Er bemerkte das kleine Zucken in Noés Schultern, den flüchtigen Anblick von Wiedererkennung in Noés Augen. Die Erinnerung an ihr Gespräch war so deutlich in Noés Gesicht, dass Vanitas erwartete Blut überall an ihm zu sehen, so wie Noé sein Herz geradeheraus auf der Zunge trug.
     »Das kannst du ruhig machen, sobald wir hier raus sind«, sagte Noé langsam. »Es ist immerhin besser, als von diesen Vampirjägern erledigt zu werden.«

     Das nun war doch wahrlich interessant. In Vanitas’ Berufung war es lebensnotwendig, dass er sämtlichen Worten anderer Beachtung schenkte. So viel Bedeutung verblieb in der Luft hängend, so viel Munition, von der man profitieren konnte. Und was Noé gesagt hatte, sprach zu Vanitas eine klare Sache: Ich bin damit einverstanden zu sterben, solange du derjenige bist, der mich tötet.
     Vanitas schenkte Noé eines seiner messerscharfen Grinsen. »Oh, die Dinge, die du sagst. Vielleicht sollte ich wirklich dein Haupt abschlagen, sobald du uns hier raus holst. Ich bin mir sicher, Roland wird mir dafür mit Freude Durandal borgen.«
     Überraschenderweise zuckte Noé nicht zusammen. Er wusste vermutlich bereits, dass entgegen all der faulen Dinge, die Vanitas von sich gab, er nur einige von ihnen in Handlungen umsetzte. Trotzdem fühlte Vanitas ein ihm bekanntes Kribbeln in den Fingern, das Blut verlangte für die Gräueltat, die sie imstande waren zu begehen, und die einzige Möglichkeit die Situation erträglicher zu gestalten, bestand darin, sie zu verspotten— eine Eigenschaft, in der Vanitas unübertroffen war.

     Er tippte einen behandschuhten Zeigefinger gegen sein Kinn und machte sich nicht die Mühe seine liegende Position auf dem dreckigen Boden zu ändern. »Vielleicht lasse ich dich, wenn du nett fragst.«
     Noé wartete einen Moment, damit Vanitas mit einer ernsteren Aussage folgen konnte (überschätzte ihn dabei offensichtlich), aber als Vanitas schweigend verblieb, abgesehen von dem mysteriösen kleinen Lächeln auf seinen dünnen Lippen, wurde er allmählich gereizt. »Das ist kein Spiel, Vanitas«, sagte er.
     »Natürlich ist es keines.« Vanitas hob die Schultern und zwirbelte eine dunkle Haarsträhne um einen Finger. »Gleichzeitig bedeutet es nicht, dass ich nicht auch etwas davon haben kann und dich dazu bringe, darum zu betteln.«
     Noé verfügte über genug Würde, darüber die Augen zu verdrehen. »Bitte lass mich dein Blut trinken, Vanitas,« sagte er mit ausdrucksloser Stimme.
     Vanitas zwinkerte ihm zu. »Wie wäre es, wenn du mich zuerst zum Speisen einlädst?«
     Noé ächzte, eine Hand fuhr über sein Gesicht. »Vergessen wir es. Ich hätte wissen müssen, dass du diese Situation nicht ernst nimmst.«
     »Weil du mich so vortrefflich kennst, nicht wahr?«, forderte Vanitas, der gar nicht erst versuchte das Gift in seiner Stimme einzudämmen. Noé spähte zwischen seinen langen, schlanken Fingern hervor. Er erinnerte Vanitas an ein Haustier, das von seinem Besitzer gerügt und zurückgelassen worden war.

     Als Noé keinerlei Anzeichen zur Durchführung seiner Worte zeigte, wurde Vanitas ungeduldig.
     »Noé«, sagte er. »Komm hierher.«
     Noé rührte sich nicht, also wiederholte Vanitas: »Noé.«
     Endlich stand Noé auf. Seine Bewegungen waren vorsichtig, aber entschlossen, und Vanitas wunderte sich, wie Noé wohl Dinge ansteuern würde, die ihm wirklich Angst bereiteten. Eines Tages musste er ihn unbedingt über diesen Louis ausfragen. Es war schier unmöglich, dass dieser Name keinerlei Bedeutung trug, so wie Noé ihn häufig im Schlaf murmelte, sein Körper sich dabei krümmte und seine Finger sich verzweifelt nach Halt suchend in das Bettlaken krallten.
     Als Noé endlich vor ihm stand, hob Vanitas träge eine Hand wie eine holde Maid, die darauf wartete, dass ihr Liebster ihre zarte Hand nahm und sie mit sanften, federleichten Küssen bedeckte. Nur sobald Noés Finger die von Vanitas streiften, rollte Vanitas sie um Noés Hand (erst jetzt bemerkte er, dass Noés Fingerknöchel blutig geschlagen waren) und zog ihn zu sich runter. Es reichte nicht aus, damit Noé das Gleichgewicht verlor; vielmehr fühlte es sich an, als erlaubte Noé Vanitas ihn herunterzuziehen, was einen Nerv in Vanitas traf und seinem Verdruss über die Situation mehr Brennstoff zuführte.
     Vanitas stützte sich auf seinen Ellenbogen auf und lehnte den Kopf zur Seite, präsentierte Noé dabei seinen nackten Hals wie ein Opferlamm, das den Göttern zum Auseinanderreißen dargeboten wurde.
     »Nun gut«, sagte er leise und sah unter dem dichten Vorhang seiner schwarzen Wimpern zu Noé auf. »Dann lass uns anfangen.«

     Noé, ähnlich wie ein Hund, dessen Herrchen endlich eine Erlaubnis erteilt hatte, lehnte über Vanitas; eine Hand auf seiner Brust als Vanitas’ Finger über den schwarzen Stoff der Uniform tanzten. Das kleine Geräusch, das Noés Lippen entkam, als Vanitas ihre Position umdrehte und sich auf Noés Schoß setzte, würde er wie einen Schatz verpacken und irgendwo tief in seiner Brust verstecken, um es später wieder zu enthüllen und zu analysieren.
     »Hast du wirklich geglaubt, ich würde es dir so einfach machen?« Vanitas grunzte und ließ das wie dumm ungesagt aber greifbar zwischen ihnen hängen. Er hob seine linke Hand und zog den Handschuh mit den Zähnen aus.
     »Es gibt zwei Bedingungen«, sagte er, als der Stoff zu Boden fiel; gegen den Schauer ankämpfend, der seinen Arm überzog und den Rest seines Körpers einzunehmen drohte, während er sich selbst zusprach (ohne es abkaufen zu können), dass es an der Kälte in dem Zellenblock lag, anstatt der Blöße und Enthüllung ohne seinen Handschuh. Noé nickte und Vanitas hob einen Finger. »Nachdem du getrunken hast, wirst du nichts sagen.« Noé nickte erneut, also hob Vanitas den zweiten Finger. »Nachdem wir hier raus sind, wirst du nichts sagen und solltest du jemals versuchen oder auch nur annähernd darauf hindeuten, darüber reden zu wollen, werde ich dich umbringen.«

     Noé weigerte sich, den Blick abzuwenden, und Vanitas weigerte sich dem Drang zu unterliegen, sich vor diesen stechend roten Augen bis zu seinem innersten Kern zu entblößen. Sollte Noé jemals Einblick bekommen, was unter Vanitas’ glatter, alabasterfarbenen Haut lag, würde er nur auf Würmer und Schaben treffen, die durch verdorbene, faulige Erde krochen, um die selbst Gaia nicht weinen würde.
     »Sage mir, dass du verstanden hast, was ich gerade sagte«, verlangte Vanitas, dicht über Noés Gesicht gebeugt.
     Noé atmete langsam aus; die Spitze seiner Zunge schoss hervor und glitt über seine Unterlippe. Vanitas wollte ihn schlagen.
     »Ich werde nicht darüber reden«, sagte Noé und weil er Noé war, musste er natürlich noch hinzufügen: »Solange nicht, bis du dich aus eigenem Willen dazu entscheidest.«
     Diesmal fehlte Vanitas’ Gesichtsausdruck seine übliche Schadenfreude. Durch halb geschlossene Augen betrachtete er Noé (was sich als schmerzhaft verstreichende Minuten anfühlten, in Wirklichkeit aber kaum ein paar Sekunden waren), bevor er sagte: »Das wird nicht passieren und du solltest dabei aufpassen, das zu erwarten, wenn dir dein Leben lieb ist.«
     Noé schluckte, aber Vanitas konnte nicht sagen, ob es an seinem tödlichen Versprechen lag oder dem Hunger, der einen beim Erwarten einer Mahlzeit begleitete.
     »Nun denn.« Vanitas bot Noé seinen nackten, linken Arm dar. »Bon appétit.«

     Zu seiner Anerkennung stürzte Noé sich nicht sofort auf Vanitas (obwohl Vanitas Wünsche in sich erspähte, dass Noé sich auf ihn stürzte) und nahm zuerst Vanitas’ knochiges Handgelenk, als wurde ihm gestattet, den wertvollsten Schatz der Welt in seinen Fingern zu halten (was wirklich unnötig war, denn Noé sollte wissen, dass für jemanden mit dünnen Handgelenken, Vanitas überraschend stark war). Noé drückte seinen Daumen gegen die Innenseite von Vanitas’ Handgelenk, und Vanitas forderte Noé mit seinen ausdruckslosen Augen heraus einen Kommentar über den Stolperer seines Herzschlages zu machen, bevor es sich wieder seinem natürlichen Rhythmus anpasste, aber Noé sah ihn gar nicht an. Zu sehr war er darauf konzentriert, Vanitas’ Puls einfach zu fühlen und überraschenderweise spürte Vanitas, wie er ungeduldig wurde. Vanitas wusste nichts von langsam oder vorsichtig oder sanft, nur hart und schmerzhaft und viel zu schnell, als dass er sich an den Schmerz, die Angst und die Hoffnungslosigkeit gewöhnen konnte.

     »Noé, ich schwöre bei Gott, wenn wir das jetzt nicht endlich hinter uns—« Der Schmerz von spitzen Zähnen, die durch seine Haut brachen, sollte kein so fremdes Gefühl für Vanitas sein und dennoch konnte er sich nicht davon abhalten zurückzuzucken, oder seine Zähne aufeinander zu beißen, oder seinen Oberkörper unbewusst von dem Vampir; nein, von Noé weg zu lehnen. Aber nur die ersten Sekunden waren unangenehm, dann trat die Substanz von Noés Zähnen in Vanitas’ Körper und minderte den Schmerz, betäubte Vanitas’ Haut und er schloss seine Augen, unfähig (und er wollte es auch gar nicht) gegen das Gift anzukämpfen, das nun durch seinen Körper gepumpt wurde und ihn darum anflehte, sich zu entspannen und einfach der Fraß eines Tieres zu werden; sich zu ergeben und vielleicht wenn es Noé war, würde es auch in Ordnung sein.

     Vanitas kicherte und schwor, seine eigenen Finger in seine Augen zu fahren, sollte er weiterhin solch lächerliche Gedanken verfolgen. »Was würde Dominique denken, sollte sie dich dabei sehen, wie du dich an den dreckigen Menschen krallst, hm?« Vanitas lehnte vor, über die leicht nach vorn gebeugte Form Noés, der immer noch trank und saugte und leckte, und wunderte sich, durch welche der unzähligen tragischen Seiten, die Vanitas’ kurzes, miserables Leben verfassten, Noé gerade blätterte. Sah er Vanitas junge, kleine Figur vor seinen toten Eltern stehen, mit Blut überall nur nicht da, wo es hingehörte— in den Körper seiner Mutter, und in den Körper seines Vaters und wie konnte ein einfacher Mensch nur so viel Blut in sich tragen—. Oder vielleicht sah er Vanitas’ frühe Zeit als Experiment für Doktor Moreau, dieses Mal selbst derjenige, der auf den Versuchstisch blutete, kurz bevor Moreau begonnen hatte, nach Vanitas in seinem Zimmer zu sehen, ihn dort auszog und untersuchte, was er üblicherweise Nachts durchgeführt hatte, bevor er auch tagsüber dazu übergegangen war (es würde sicherlich äußerst interessant werden, Noés Reaktion zu sehen, sollten sie den verrückten Wissenschaftler ausfindig machen). Vielleicht lief Noé gerade Vanitas nach, der vor dem Vampir des Blauen Mondes floh, das schwarze Grimoire fest an sich gedrückt wie eine Rettungsschnur und mit einem verängstigten Gesichtsausdruck, von dem Noé sicherlich nicht einmal zu träumen gewagt hatte, ihn Vanitas zuzuschreiben und hörte, wie Vanitas immer und immer wieder flüsterte »Ich habe ihn im Stich gelassen, ich habe ihn im Stich gelassen, er ist tot; bitte Gott, vergib mir«— sein erstes und letztes Gebet an Gott. »In der Tat, was würde sie denken, mon cheri«, flüsterte Vanitas. Etwas Warmes tropfte auf seine Haut und er brauchte nicht hinsehen, um zu wissen, denn was anderes hatte er von so jemandem wie Noé erwartet.

     »Ach herrje.« Vanitas konnte nicht anders, als leise darüber zu lachen und wunderte sich, ob Noé in seinem Trinkrausch die Kapitulation in dem fragilen Ton hören konnte. Er legte seine freie, behandschuhte Hand auf Noés Kopf und fuhr mit den Fingern durch seine weißen Haare, tätschelte ihn und strich sie glatt, bis sie Noé wieder ins Gesicht fielen. »Du bist so eine Heulsuse. Ich bin mir sicher, dass de Béranger seine Musik schrieb mit den Gedanken bei Leuten wie dir.« Son cœur est un luth suspendu; Sitot qu’on le touche il resonne. Sein Herz ist eine frei hängende Laute. Sobald man es berührt, erklingt es.
     Wie konnte Noé nur die Kraft aufbringen, sich immer noch zu kümmern. Sein Herz war offen. Niemals geschlossen, niemals verschlossen. Es brauchte keinen Schlüssel und Vanitas fühlte eine unglaubliche Unzufriedenheit, wie einfach Noé Fremde in sein Herz willkommen hieß.

     Endlich ließ Noé von Vanitas’ Handgelenk ab, verblieb jedoch sitzend mit hängendem Kopf, sodass Vanitas seinen eigenen ducken musste auf der Suche nach den scharlachroten Augen; ohne jegliches Interesse, sich um die Wunde zu kümmern, die nun Blut über seinen Arm und die Uniform weinte. Er legte seine Finger um Noés feuchte Wangen und hob seinen Kopf, versuchte den Tränenvorhang in diesen hübschen rubinfarbenen Spiegeln zu ignorieren, aber es war schwierig, denn mea culpa, mea maxima culpa.
     »Nun, ich hoffe, du hast etwas daraus gelernt«, sagte Vanitas und schob seinen linken Daumen über einen von Noés Mundwinkeln, an dem sein Blut noch frisch hing und skandalös passend auf Noés dunkler Haut aussah— ein wahrhaft schönes Kunstwerk. Er zog den Daumen über Noés Lippen und färbte sie rot. »Bitte mich nie wieder danach. Selbst in den Tiefen der Hölle, wo unser einziger Weg zur Erlösung darin besteht, dass du mein Blut trinkst, bitte mich nicht danach, Noé«, flüsterte Vanitas gegen Noés Lippen in einer für ihn offensichtlichen grausamen Verhöhnung und Drohung, obwohl Vanitas sich in Wahrheit nichts Besseres vorstellen konnte, als Seite an Seite mit Noé in der Hölle zu verbringen, bis die Welt verfiel und ihren eigenen verrotteten Kern präsentierte— was einfach lächerlich und dumm war, denn Leute wie Noé landeten nicht in der Hölle wie Vanitas. Sie blieben ewig lebend, weil Götter ihre Unsterblichkeit als Darbietung von Hingebung opferten und Vanitas wäre ein Heuchler, wenn er sie deswegen der Idiotie anklagte.

     Aber was hatten die Götter ihm gegeben? Sie hatten aus ihm ein laufendes Desaster kreiert, bestehend aus der tödlichen Kombination des Drangs zur Selbstzerstörung und der Vorliebe zum Kollateralschaden. Und das einzige, das Vanitas darüber dachte, war So soll es sein, denn wenn ich den Himmel nicht erreichen kann, dann erhebe ich die Hölle.


     Noé hielt sein Wort und sagte nichts.
     Vielmehr sprach er überhaupt nicht mehr, nachdem er die Wand mit einem einzigen Schlag niedergerissen und Rolands Mithilfe für das Lokalisieren von Doktor Moreau beschaffen hatte, aber ein einziger Blick in seine Augen genügte Vanitas, um zu sehen, welcher Sturm dort gerade wüstete und die Fundamente von Noés Unschuld und gütigem Glauben entwurzelte, und Vanitas dachte erneut mea culpa, mea maxima culpa.



ain’t it a gentle sound, the rolling in the graves
ain’t it like thunder under earth, the sound it makes
ain’t it exciting you, the rumble where you lay
ain’t you my—

[Hozier NFWMB]
















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Mein Versuch mal wieder etwas zu schreiben. Diese Story habe ich teilweise aus dem Englischen übersetzt (beides ist von mir), daher gibt es ein paar Dinge, die im Deutschen leider nicht so gut laufen.
Bsp.: Statt "üblich" konnte ich im Englischen straight verwenden und mit der Doppeldeutigkeit der Bedeutung spielen, genauso wie statt "auf ihn stürzten" go down on him.
Ansonsten bin ich auch mit der deutschen Fassung ganz zu frieden!
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