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Hamburg II

Kurzbeschreibung
GeschichteFantasy, Sci-Fi / P16 / Gen
OC (Own Character)
30.09.2018
21.12.2018
11
7.400
1
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Dieses Kapitel
2 Reviews
 
06.10.2018 1.495
 
Are you happy, are you satisfied?
How long can you stand the heat?
Out of the doorway the bullets rip
To the sound of the beat

-Königliches Lied, England um 1970

„Archange“, hatte Papa Tuccarro immer gesagt, „Archange, bevor Du in die Manege steigst, guck nach, ob Du alles für die Vorstellung hast. Und wenn Du unter die Kuppel steigst, überprüfe alle doppelt. Wenn Du erstmal fällst ist es zu spät, das Seil zu prüfen.“
Daran dachte ich, als vor mir die Nixenbar auftauchte. Es war nicht mein erstes Treffen mit einem Schmidt, doch sicherlich das ungewöhnlichste. Die Einladung samt zweihundert Piepen lag in meinem Zimmer. Ich hatte keine Spur eines Einbruchs finden können und der Hauswart schwor, niemanden reingelassen zu haben. Also war ein Profi am Werk. Das ist gut, denn ich mag keine Amateure.
Hamburg ist nun keine schöne Stadt. Zu nah am Giftmeer, zu ätzender Regen, zu kaputte Leute. Aber die Schatten sind angenehm dunkel und in den Fight Clubs die ich bisher gefunden hatte fing ich an, mir einen Namen zu machen. Vielleicht war der Job von Schmidt ja der Treffer den ich brauchte.
Gemütlich schlenderte ich auf die Nixenbar zu. Meinen Informationen nach war der Laden exklusiv. Und teuer. Echtes Essen, nicht der reproduzierte Soy-Kram. Ich hoffte, dass ich den Vorschuss in den richtigen Anzug investiert hatte und Schmidt die Essesnrechnung übernahm. Alleine konnte ich mir vermutlich nicht mal ein Glas Wasser leisten.
„Archange“, würde Papa Tuccarro sagen, „wenn Du schnell auf dem Rampenlicht verschwinden musst, dann solltest Du vorher wissen, wo Du Deine Füße hinsetzt.“
Ich musterte die Frontseite der Bar. Ein einzelnes Gebäude, rechts und links ungefähr sechs Meter zum nächsten Gebäude. Zweigeschosser. Backstein oder Klinker. Ich kann das Zeug nicht auseinanderhalten. Kaum Fenster im Erdgeschoss, dafür die erste Etage fast  zu achtzig Prozent verglast. Trotzdem konnte ich von außen nur Schemen erkennen. Technologie oder Magie?
Ich wollte einmal um das Gebäude rum, doch schon nach wenigen Schritten sprach mich jemand an. Verdammt, ich hatte ihn nicht bemerkt. Ein recht blasser Mann im schlichten Anzug stand links hinter mir. „Mein Herr, kann ich Ihnen helfen? Der Eingang befindet sich an der Vorderseite, Sie können ihn nicht verfehlen.“
„Das ist sehr aufmerksam, doch ich wollte mir kurz das Gebäude von außen ansehen.“
„Die Geschäftsleitung versichert Ihnen, dass mit dem Gebäude alles in Ordnung ist. Darf ich Sie bitten?“
Seine einladende Handbewegung Richtung Gebäudefront, gepaart mit seinem Tonfall machte klar, dass ich hier nicht weiterkam.
„Vielen Dank für Ihre Bemühungen.“ Ich ging auf den Eingang zu. Zwei Trolle im Maßanzug standen davor.
„Ich gehe davon aus, dass der Herr über eine Einladung verfügt?“, sprach mich der erste an. Verdammt. Nicht so richtig. Ich gab ihm das Schreiben von Herr Schmidt. „Ah, natürlich. Sie werden erwartet. Gibt es irgendwelche Gegenstände, die Sie an der Gardrobe abgeben möchten?“ Er musterte mich ausdruckslos.
„Nein danke.“
„Dann treten Sie bitte ein. Der Fahrstuhl wird sie in den Speiseraum bringen.“
Ich überlegte was passiert wäre, hätte ich meine Waffen mitgenommen. Wäre das Alarmsystem angesprungen?
Im Lift stand ein junger Mann in Uniform. Das ist doch Dekadenz pur. Ein Liftboy für eine Etage?
„Mein Herr, ich begleite Sie an Ihren Tisch.“ Die Türen schlossen sich und der Lift beschleunigte und bremste kaum wahrnehmbar. Als die Türen sich öffneten, drang leise klassische Musik an meine Ohren. Johann Sebastian Hayden. Vielleicht auch Kandinski. Oder irgendein anderer dieser alten Meister. Der junge Mann führte mich an einen Tisch.
„Herr Schmidt, Ihr Gast ist eingetroffen“. Mit diesen Worten drehte er ab und schwebte wieder Richtung Aufzug.
„Herr Tuccarro, ich bin erfreut, dass Sie meiner Einladung gefolgt sind. Oder möchten Sie lieber als „Salto“ angesprochen werden?“
„Salto ist okay.“ Ich musterte meinen Gesprächspartner, der sich vom Tisch erhoben hatte und mir die Hand schüttelte. Er war ein großgewachsener, schlanker Elf. Alles an ihm schien akkurat zu sein, vom Schnitt seiner mittellangen blonden Haare, über den Anzug –der vermutlich mehr gekostet hat als ich in zehn Runs verdiene- bis zu den glänzenden Schuhen. Vermutlich irgendeine exotische Critterlederart.
„Sehr schön. Bitte nehmen Sie Platz. Wir warten noch auf drei andere Gäste. Darf ich Ihnen solange ein Glas Champagner ans Herz legen? Der Zweitausendzwanziger hat ein herausragendes Bouquet. Nicht so säuerlich wie der Zweiundzwanziger.“
„Archange“, hätte Papa Tuccarro gesagt, „wenn Du in Berlin bist, dann mach es wie die Berliner.“
Ich nickte und Herr Schmidt winkte kurz mit der Hand. Gleich darauf erschien eine Kellnerin mit zwei Gläsern.
„Auf Ihr Wohl.“
„Auf ihres.“
Vorsichtig trank ich einen Schluck. Eine kleine Geschmacksexplosion fand in meinem Mund statt. Ich glaubte, tatsächlich Beeren und Sonne zu schmecken. Während nippte noch ein paar Mal an dem Glas in der Hoffnung, dass es nicht zu schnell leer sein würde.
In den nächsten fünf Minuten wurden drei weitere Personen an unseren Tisch geführt. Ein mittelgroßer Asiate, der als Daito vorgestellt wurde, ein kleinerer Mann mit wenig Haaren, dafür mit mehr Bauch, der „Zero“ genannt wurde und ein großgewachsener Weißer mit dem Namen „Revolver“. Allen sah ich an, dass ihre Anzüge –genau wie meiner- nagelneu waren und sie trotzdem in diesem Ambiente fast schäbig wirkten.
„Meine Herren, wir sind nun vollzählig. Bevor wir zum geschäftlichen kommen, erlauben Sie mir, Ihnen das Essen dieses Hauses ans Herz zu legen. Ich pflege hier das südamerikanische Rindfleisch zu bestellen. Es wird täglich frisch eingeflogen. Dazu hauchzarte Bohnen und Kartoffeln, die ihren Namen noch verdienen. Die Krabben sind auch hervorragend. Dazu vielleicht noch ein Gläschen von dem Zweitausendzwanziger?“
Wir stimmten zu, nur Revolver wollte lieber ein Bier trinken. Er weiß nicht, was er verpasst.
Nachdem die Kellnerin die Bestellungen aufgenommen hatte, prostete der Elf uns zu.
„Kommen wir nun zum geschäftlichen Teil. Herr Zero, Herr Revolver, Herr Daito, sie sind uns als kompetente Persönlichkeiten bekannt, die ihre Fähigkeiten bereits unter Beweis gestellt haben.“
Er legte ein kleines Abspielgerät auf den Tisch, auf dem Bilder von verschiedenen Überwachungskameras zu sehen waren, scheinbar ein Einbruch. „ Auch Herr Saltos Fähigkeiten sind uns bekannt“. Meine drei potentiellen Partner guckten sich an, während eine Mischung aus Unglaube, Panik und Wut über ihre Gesichter huschte.
„Wir haben einen Auftrag für sie. Es handelt sich um eine Extraktion. Sind die grundsätzlich interesseiert?“
„Kommt drauf an, was Sie zahlen“, ließ Zero vernehmen.
„Und natürlich, wie hoch das Risiko ist.“ warf Daito ein.
„Und ob es eine freiwillige oder erzwungene Extraktion ist, also ob das Ziel weiss, dass es ..ähhh.. den Arbeitgeber wechseln will.“ fügte Revolver hinzu.
„Ah, natürlich. Nun, das Ziel ist wechselwillig, kann aber in den konkreten Plan nicht eingeweiht werden. Es hat einen recht festen Lebensrythmus, so dass eine Routine schnell erkennbar sein sollte. Aufgrund seiner Position sind aber fast rund um die Uhr zwei Wachen in seiner Umgebung.“
„Vermutlich werden Sie uns noch nicht sagen, um welche Person und welche Firma es sich handelt, richtig?“ wollte ich wissen.
„Natürlich nicht. Noch sind wir uns nicht handelseinig.“
„Wir wollen fünfundzwanzigtausend pro Nase. Und einen Vorschuß.“ Zero grinste den Elf an und verzog dann leicht das Gesicht, als wäre er unter dem Tisch getreten worden.
„Sprechen Sie für alle?“ Herr Schmidt sah uns an. Ich blickte die anderen an und nickte langsam. Eine Extraktion einer willigen Person sollte machbar sein, hier ist mehr Planung und Raffinesse gefordert.
Auch die anderen nickten.
„Nun denn, so haben wir einen Vertag. Somit bin ich berechtigt, Ihnen weitere Details zukommen zu lassen. Das Ziel ist Sebastian von Geradenochjespersgureken, der Exec der lokalen Niederlassung von Blohm und Voss. Er möchte seinen Job gerne in einem lukrativeren Umfeld wahrnehmen. Er isst jeden Dienstag hier zu Abend. Ich schlage daher vor, dass sie sich die hiesige Umgebung näher ansehen. Er wohnt in der Arcology, die genaue Adresse sende ich ihnen zu. Für den Auftrag ist ein Zeitraum von zwei Wochen geplant. Nach erfolgreicher Erledigung melden sie sich unter dieser Comnummern und erfahren den Übergabeort. Seine Bewachung besteht üblicherweise aus einem Magier und –wie sagt man auf der Straße?- einer Messerklaue. Erik Hauser und Tanja Ker. Bilder der drei schicke ich ihnen auf ihre Coms. Sie erhalten eine Anzahlung von zwanzigtausend.
Ich habe volles Vertrauen in ihre Fähigkeiten und muss mich nun verabschieden. Mein Arbeitgeber wartet auf mich. Genießen sie das Essen, die Rechnung ist natürlich schon beglichen.“
Er stand auf, verbeugte sich leicht und ging Richtung Fahrstuhl. Als die Türen sich schlossen, erschienen Nachrichten auf unseren Coms.
„Scheiße.“ Zero hatte sein Com zuerst in der Hand. „Wisst ihr wer der Herr von Krummenjurken ist? Das ist unser vorheriger Schmidt. Und damit ist Tanja Ker…“ er dreht das Com zu Revoler, „Gelbschuhchen“.
„Fuck“.
"Wenigstens ist das Essen gut." Daito grinste schief.
Dann erschien eine weitere Nachricht.
"Mein Herren, sie haben mit Abschluss des Vertrages ein Zweikomponententoxin zu sich genommen. Ich hoffe, sie werden nicht vertragsbrüchig."
"Fuck."

„Archange“, hatte Papa Tuccarro einst zu mir gesagt, "nimm niemals Essen oder Getränke von einem Elf an. Man weiss nie was paaisert und sie verlangen immer eine Gegenleistung. Früher oder später."
"Fuck.
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