Anything Can Happen If You Let It

GeschichteRomanze, Schmerz/Trost / P12
Bert Alfred Mary Poppins
30.09.2018
11.05.2019
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1. Weihnachtszeit


Dezember 1914

Heiligabend fiel in diesem Jahr auf einen Donnerstag. Und obwohl das nicht ihr freier Tag war und er in dieser Beziehung in der Regel keine Nachsicht zeigte, entschied Mr. Banks, Mary Poppins den Abend freizugeben. Das Weihnachtsfest sollte sich schließlich nur auf die Familie konzentrieren. Bei dieser Ankündigung stahl sich ein Lächeln auf Mary Poppins‘ Gesicht. Sie machten Fortschritte. Zwar hatten Jane und Michael sie darum gebeten, bei ihnen zu bleiben, aber um ihnen die gemeinsame Zeit mit der Familie zu gewähren, beschloss Mary, erst gar nicht im Haus zu sein, sondern den Abend wie in jedem Jahr bei Onkel Albert zu verbringen.

Bert hatte sie schon länger nicht mehr gesehen, da er an den kurzen Wintertagen oft bis spät arbeitete und dafür sorgte, dass die Schornsteine frei blieben. Doch am Tag vor Heiligabend begegnete sie ihm an der Ecke des Kirschbaumwegs, als sie gerade mit ein paar Besorgungen für die Familie Banks aus der Stadt zurückkehrte. Wie immer war er völlig verrußt und trug die Schornsteinbürste über der Schulter und wie immer hellte sich sein Gesicht bei ihrem Anblick schlagartig auf.
„Mary!“
Zur Begrüßung tippte er sich einmal an die Krempe seiner Schirmmütze und schenkte ihr ein strahlendes Lächeln.
„Lange nicht gesehen. Was machen die Banks-Kinder?“
„Denen geht es gut. Aber bei dieser Familie musst du dir eher um die Eltern Sorgen machen. Beide sind sie nur mit sich selbst beschäftigt und übersehen dabei, was ihnen wirklich fehlt“, erwiderte Mary seufzend.
„Ach, das ist alles halb so wild. Und ich habe noch keine Familie gesehen, die so zerrissen war, dass selbst du sie nicht mehr flicken konntest“, entgegnete Bert mit einem Zwinkern.

Das brachte sie zum Lächeln. Er wusste immer ganz genau, was er sagen musste, um ihr ein gutes Gefühl zu geben oder ihr ein Lächeln ins Gesicht zu zaubern. Vielleicht war das sogar die Eigenschaft, die sie am meisten an ihm schätzte. Aber mit einem Mal wurde er ernst:
„Mary, hat man dir eigentlich morgen freigegeben?“
Verwundert sah sie ihn an.
„Ja, das hat man durchaus. Warum fragst du?“
„Weil…“, er wirkte unsicher, „weil morgen Weihnachten ist und weil wir Heiligabend noch nie zusammen verbracht haben, obwohl wir uns schon so lange kennen. Und da wollte ich dich einfach fragen, ob du morgen Abend um sieben nicht mit mir zusammen Essen gehen und Weihnachten feiern willst. In ein Restaurant einladen kann ich dich zwar nicht, aber in meiner Wohnung könnte ich etwas für dich vorbereiten. Sofern du willst, natürlich“, schloss er seine Rede mit Nachdruck.
Marys Lächeln war etwas verrutscht und Bedauern zeichnete sich in ihrem Blick ab, als sie ihm antwortete: „Ich würde die Einladung sehr gerne annehmen, aber leider habe ich Onkel Albert schon fest versprochen, morgen Abend zu ihm zu kommen. Es tut mir leid!“

Bert starrte sie nur an, unfähig, ein Wort herauszubringen. Er hatte nicht damit gerechnet, dass sie schon etwas anderes vorhaben könnte. Obwohl er es zu verbergen versuchte, konnte sie ihm deutlich ansehen, wie niedergeschlagen er angesichts ihrer Antwort war. Also änderte sie kurzentschlossen ihre Meinung, irgendwie würde sie das Onkel Albert schon erklären.
„Also gut. Damit hatte ich nicht gerechnet und es wäre äußerst unhöflich, Onkel Albert so kurzfristig abzusagen. Aber vielleicht kann ich am Nachmittag zum Tee zu ihm gehen, damit ich abends bei dir sein kann. Ich kann dir nichts versprechen, aber ich werde sehen, was sich machen lässt.“
Während sie sprach, war das Lächeln in sein Gesicht zurückgekehrt und als sie endete, nahm er ihre Hand in seine und drückte sie.
„Das ist schon mehr als genug. Und wenn du den Abend doch bei ihm verbringst, haben wir wenigstens den Nachmittag, ja?“
„Auf jeden Fall“, versicherte Mary ihm lachend. „Jetzt muss ich aber wirklich gehen, Mrs. Brill wartet auf ihre Einkäufe. Ich lasse dir später eine Nachricht zukommen, wenn ich das mit meinem Onkel geklärt habe.“
Bert verabschiedete sich mit einem erneuten Tippen an seine Mütze, während Mary sich mit einem Lächeln begnügte. Dann setzen beide ihren Weg fort, in Gedanken beim jeweils anderen.

Später am Abend fand Bert einen blütenweißen Bogen Papier auf seinem Tisch, beschrieben mit einer vertrauten, geschwungenen Handschrift, die schon immer so viel schöner und leserlicher gewesen war als seine eigene. Auch heute noch kam es vor, dass Mary ihn wegen seines „Gekrakels“ aufzog, seltener zwar, aber es kam vor. Er wunderte sich gar nicht erst, wo das Blatt so plötzlich herkam. Eine der ersten Lektionen, die er von ihr gelernt hatte, war, dass bei Mary Poppins alles möglich ist. Ungeduldig überflog er die Nachricht, die sie ihm geschickt hatte:

Bert,
ich habe mit meinem Onkel gesprochen und er ist vollkommen einverstanden.
Erwarte mich morgen Abend um sieben Uhr in deiner Wohnung.
Bis dann
Mary Poppins

Wie seltsam es doch war. Wenige Zeilen von ihr reichten aus, um sein Herz schneller schlagen zu lassen und ihn zum glücklichsten Menschen Londons zu machen.
Wenn sie nur wüsste, welche Wirkung sie auf ihn hatte…
Wie sehr er sich wünschte, dass-
Mit einem Kopfschütteln verscheuchte er die unwillkommenen Gedanken. Er war ein Gentleman und solange sie keine Anzeichen zeigte, mehr zu wollen als nur einen guten Freund, würde er sich auch damit zufriedengeben. Wenn es sein musste sogar ein Leben lang.
Sorgfältig faltete er den Zettel mit ihrer Nachricht zusammen und legte ihn in die mit Seide ausgeschlagene Schatulle seiner Mutter zu den anderen Briefen und Andenken von Mary Poppins, die er darin aufbewahrte.
Lächelnd betrachtete er das alte Foto, das er in einem vollkommen unerwarteten Moment von ihr aufgenommen hatte. Es zeigte nur ihr Gesicht, in dem sich deutlich der Schreck und die Empörung über den ungewollten Schnappschuss widerspiegelten. Ihre Augen wirkten riesengroß und ihre Lippen waren leicht geöffnet. In seinen Augen hatte sie nie schöner ausgesehen als in diesem Augenblick. Noch einen kurzen Moment verharrte sein Blick auf dem Bild, dann löste er sich davon und klappte die Schatulle vorsichtig wieder zu.
Am nächsten Abend würde sie kommen!

Nachdem Mary die Nachricht für Bert abgeschickt hatte, breitete sich ein unbewusstes Lächeln auf ihren Lippen aus. Sie hatte nicht erwartet, von ihm eingeladen zu werden, dafür war die Überraschung umso schöner gewesen. Sie freute sich darauf, wieder Zeit mit ihm zu verbringen, seine gut gelaunte und unbeschwerte Art färbte dann immer ein wenig auf sie ab. Immer noch lächelnd ging sie hinunter, um Mrs. Brill mit dem Essen zu helfen.
Sie hatte eine Verabredung!


There’s something about Christmas Time
Something about Christmas Time
That makes you wish it was Christmas every day

To see the joy in the children’s eyes
The way that the old folks smile
Says that Christmas will never go away

Please tell me Christmas will never go away

Christmas Time - Bryan Adams
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