Seiltänzer II

von Ricky VL
GeschichteRomanze, Freundschaft / P18 Slash
30.09.2018
11.09.2019
53
121241
9
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„Der Tag kann beginnen. Oh Mann, wie machen sie das bloß, dass sie so früh am Morgen bereits so flott aussehen?“ warf Sascha am nächsten Tag schon vor dem Frühstück mit Komplimenten um sich, nachdem er Lotta auf deren Zimmer mit einer Bürste das Haar kämmte. „Du kleiner Charmeur. Ich und flott?! Flott ist was für die jungen Dinger,“ spielte Lotta natürlich die Anmerkungen gleich wieder herunter, während Sascha nebenan im Badezimmer der betagten Dame nach der Waschzeremonie wieder für Ordnung sorgte. Allerdings bat Lotta den Altenpfleger um einen Gefallen: „Kannst du mir bitte den roten Lippenstift mitbringen? Schließlich will ich ja nicht wie eine wandelnde Leiche durch die Weltgeschichte ziehen.“

„Ach was, sie sehen doch wie das blühende Leben aus,“  meinte Sascha, der sich gleich daraufhin nach dem benötigten Produkt umschaute und auch schnell findig wurde. „Aber gut, ein bisschen aufstylen kann ja nie schaden.“

„Mein Junge, man muss ja nicht wie eines dieser Mode – Püppchen aussehen, aber niemals gehen lassen ist meine Diviese. Selbst vor dem Schöpfer werde ich Haltung bewahren,“ versprach Lotta, woraufhin Sascha das Einfärben der Lippen übernahm. „Achtung, nun wird‘s bunt.“

„Danke, mein Lieber. Dann wird es wohl Zeit für das Frühstück,“ bestimmte Lotta ihren weiteren Tagesablauf, behaarte dann aber noch auf eine Auskunft seitens des jungen Mannes, welcher den Lippenstift wieder zurück an Ort und Stelle verstaut. „Hast du eigentlich den Zettel mit der Telefonnummer von diesem außerordentlich gut aussehenden Musiker wieder gefunden?“

„Nöö, der ist weg. Und somit hat das Gitarrenspiel ein Ende,“ antwortete Sascha sehr salopp, wobei Lotta ihm diese Leichtigkeit des Abschreibens nicht abnahm. „So schnell gibst du auf? Mensch Sascha, kannst du dich denn wirklich nicht an die Reihenfolge der Zahlen erinnern?“

„Ach, der will doch sowieso nichts von mir. Wahrscheinlich turtelt der heiße Aron bereits mit einer seiner tussigen Groupies rum. Kommen sie, auf geht‘s! Das Käsebrot und der morgendliche Tee warten,“ blieb Sascha bei seiner Haltung, riss dabei schon mal die Zimmertür auf, um Lotta, in ihrem Rollstuhl sitzend, in die Kantinenräume zu fahren.

„Okay, die Telefonnummer können wir wohl vergessen. Aber es muss doch noch eine andere Möglichkeit geben?! Wie wäre es zum Beispiel mit einem Aufruf im Radio?“ zeigte Lotta sich in der Not erfinderisch. „Wer weiß, vielleicht hat der Chanson – Sänger schon eine Platte aufgenommen und ist den Hitlisten vertreten?! Dann müssten ihn die Radiosprecher sogar kennen?!“

„Sie sind so süß, Oma Lotta. Aber glauben sie mir, ein berühmter Sänger ist er bestimmt nicht. Denn sonst müsste ihn auch Google kennen. Und das ist nicht der Fall. Dort habe ich nämlich schon recherchiert,“ hielt Sascha allerdings dagegen, schnappte sich dann den Rollstuhl und schob ihn hinaus auf den Gang, wo neue Fragen auf den jungen Pfleger warteten.

„Wer ist denn Herr Gugel? Oder ist das eine Frau?“ hakte Lotta unwissend nach, blieb aber dennoch felsenfest von den Zufällen auf der Welt überzeugt. „Aber gut, wenn die den jungen Mann mit der sanften Stimme nicht kennen, muss das ja nichts heißen. Die können ja auch nicht jeden kennen.“  

Sascha schmunzelte inzwischen, während er die Zimmertür verriegelte, verriet dann jedoch ein kleines Geheimnis von einem Strohhalm, der tatsächlich existierte: „Das einzige was ich rausfinden konnte ist, dass es hier in Hamburg eine Reederei gibt. Die heißt Grimm & Maibaum. Ein Eintrag im Internet stellt jedenfalls eine Verbindung von einem Aaron Grimm und dieser Reederei da.“

„Na, siehst du. Mann muss nur lange genug suchen, dann wird man auch mit Erfolg gekrönt,“ behauptete Lotta. Allerdings auch nun wurde abermals durch Sascha ein Beleg geliefert, dass nicht immer alle Lichtblicke zum Ziel führte: „Dieser Aaron wird aber mit zwei A geschrieben. Meiner nur mit einem.“

„Ein oder zwei, ach, es ist schon deiner?!“ zauberte Lotta erneut den Stern der Hoffnung vom Firmament, was Sascha nur zu gerne glauben würde. Noch während er über diese verflixte Situation nachdachte, plante Lotta bereits in ihrer Euphorie den weiteren Weg zum Erfolg, denn nur zu gerne würde sie Sascha helfen, damit er endlich einen sicheren Hafen finden würde: „Dann wird es Zeit, dass wir ihn aufspüren. Wir werden dieser Reederei einen Besuch abstatten. Am besten heute Nachmittag, wenn deine Schicht zu Ende ist. Also ich habe Zeit. Ich sage alle meine Termine ab.“

„Ich weiß nicht. Ich kann da doch nicht einfach so auftauchen? Und außerdem, am Ende mache ich mich wahrscheinlich voll lächerlich,“ wollte Sascha lieber nichts riskieren. Doch auch das ließ Lotta nicht gelten: „Wenn wir es nicht versuchen, werden wir es nie erfahren. Das du ihn magst, steht außer Frage. Das sehe ich dir an. Also musst du etwas unternehmen. Und ich helfe dir.“

„Das ist ja furchtbar nett. Aber ich habe echt Angst vor einer erneuten Enttäuschung. Da blase ich die ganze Story am besten gleich ab,“ wirkte Sascha nun wirklich nicht von sich überzeugt. Aber er hat ja Lotta an seiner Seite, die nicht so schnell die Flinte ins Korn werfen würde: „Ja gut, was am Ende dabei rüberkommt, kann ich mit meiner langjährigen  Lebenserfahrung auch nicht vorhersagen. Aber halber Kram ist doch Blödsinn. Ein bisschen suchen und dann wieder den Schwanz einziehen? Nein, nein, so geht das nicht. Mein Mann hat früher immer gesagt >> Lottchen, wenn schon Tango, dann richtig Tango << Also lass uns tanzen gehen.“

*****

„Wir sind zurück von unserer Runde,“ rief Remo noch von der gerade geöffneten Haustür aus, während Donna gleich auf direktem Wege in die Küche durchflitzte, weil dort wie gewohnt ihre Menüschalen auf sie warteten. Erst mal wurde reichlich Wasser geschleckt, was David durch seinen Blickwinkel wahrnahm. Dabei holte er noch die Kunststoffdose mit der Wurstauflage aus dem Kühlschrank, die er ebenfalls auf den Küchentisch stellte und daraufhin für den Heimkehrer hörbar verlauten ließ: „Frühstück ist auch fertig.“

„Sehr gut. Ich hab auch einen Bärenhunger,“ verkündete Remo, vergaß aber nicht daraufhin seinem Freund einen Kuss auf die Lippen zu drücken.

„Corinna hat mich übrigens eben angerufen. Sie kann noch zwei Tage in Hamburg dranhängen und würde natürlich Lucy gerne bei ihr behalten. Sie wollen noch eine Hafenrundfahrt mit ihr machen und auf einen Ponyhof in die Lüneburger Heide fahren,“ ließ Remo dann bei nächster Gelegenheit auch noch fallen, woraufhin David bereits eins und eins zusammenzählte: „Na, deine Ex lässt es ja richtig krachen. Und wir können uns dann hinterher wochenlang von Lucy anhören, dass sie auch ein Pferd haben will, inklusive Stall und Reitstunden. Aber gut, sie ist ja deine Tochter.“

„Da müssen wir wohl durch, Schatz,“ betrachtete Remo die Angelegenheit eher nüchterner, setzte sich währenddessen schon mal an den Frühstückstisch. „Als Lucy noch bei Corinna lebte und ich nur der Wochenendpapi war, habe ich meiner Prinzessin auch nur die Highlights geboten. Aufräumen durfte Corinna.“

„Ja, alles easy, ich sag ja schon nichts mehr,“ raunte David sich in den Bart, verteilte dabei den aromatisch gut riechenden Kaffee auf die Becher. Remo bemerkte schon, dass heute morgen etwas Zurückhaltung geboten ist, da David nicht mit seiner allerbesten Laune den kompletten Haushalt erfreute. Darum verstummte Remo lieber für einige Minuten, in der man lediglich das Radio im Hintergrund wahrnahm. Nach einer Weile inklusive sinnlosen Werbeblock wollte Remo dem Schweigen jedoch ein Ende setzen: „Hast du immer noch ein Problem mit diesem bescheuerten Kuss? Oder was ist los?“

„Ich? Nein, warum? Die Frage ist doch eher, ob du ein Problem damit hast?!“ drehte David den Spieß blitzschnell um, weil er sich selbst geschworen hatte, diese irrsinnige Geschichte nicht allzu sehr an sich herankommen zu lassen. Remos Blick hingegen sprach nun Bände. Denn er fühlte sich durch David direkt an den Pranger gestellt. Aber er blieb sich treu, ruhig bleiben und die gefühlte Wahrheit aussprechen: „Wenn du es unbedingt wissen willst?! Ich fand diesen aufgedrängten Kuss eher ekelhaft. Und nein, es hat mir nicht gefallen, dass ein fremder Kerl mich küsst. Hat dich etwa mal ein anderer Typ geküsst, der dir überhaupt nichts bedeutet?“

„Nur gegen Cash. Hat immer extra gekostet,“ servierte David seinen nächsten Aufschlag auf die gegenüberliegende Seite, der Remo zu einem unverständlichem Kopfschütteln verleitete: „Große Klasse, David. Jetzt holst du das Thema auch noch wieder hoch.“

„Sorry, aber bei den Fotos hast du es zum Thema gemacht,“ setzte David dagegen, schmierte mit leicht erhöhtem Puls seine Brotscheibe auf, konnte aber nicht umhin, etwas wichtiges klarzustellen. „Und außerdem wird das immer ein Thema bei mir bleiben. Mein Leben als Callboy gehört nämlich zu meiner Vergangenheit, genauso, wie ich aus dem Bauch meiner lieben Mami geklettert bin. Da kann ich nicht einfach auf Reset drücken und alles auf Null setzen. Und ebenso kannst du jetzt diesen Kuss mit deinem Tom nicht ungeschehen machen. Er existiert.“

„Er ist nicht mein Tom, mein Gott. Also hör bitte auf, da jetzt so ein Drama draus zu stricken,“ verlangte Remo, der mittlerweile sein Schinkenbrot, ohne auch nur einen Bissen davon genommen zu haben, wieder auf den Brotteller zurücklegte, weil ihm allmählich der Appetit verging. „Ja klar, herrlich, jetzt bin ich die große Dramaqueen,“ wütete David weiterhin, woraufhin Remo sein Brot wieder anpackte, es jedoch zusammenknüllte und zu Donna auf den gekachelten Fußboden warf. Neben der Hündin wirkte selbst David für einen Moment irritiert, fasste sich aber gleich wieder: „Hast du Lucy und mir nicht immer untersagt, dass wir Donna am Tisch füttern sollen?!“

Beide Männer sahen sich nun nur noch verwundert an, sagten beide kein einziges Wort, ehe sie dann gemeinsam erst vorsichtig zu lächeln und dann gegenseitig mit kurzem Kopfschütteln lauter zu lachen begannen. „Was machen wir hier eigentlich?“ stellte Remo zuerst die Gesamtsituation in Frage, wobei Davids Herz zu flattern begann. Er sprang sofort auf, sprintete um den Tisch, stellte sich hinter den sitzenden Remo, umklammerte ihn fest, bevor er einen sehr intensiven, wohl auch entschuldigenden Kuss auf dessen Kopf platzierte. Remo griff derweil fest an Davids Hände, spürte die innere Verbundenheit, die sie sich Beide bestimmt nicht nehmen lassen wollten.

„Hey, so ein hinterhältiger Kuss schubst uns doch nicht aus unseren Pantoffeln?!“ machte David keinen Hehl daraus, dass er an Remo und seine Wenigkeit als gemeinsames Team glaubte. „Was wir haben, dass muss der uns erst mal nachmachen. Aber bestimmt nicht mit dir. Da kann der Knabe dir noch so viele Liebesgeständnisse flüstern und dich unsittlich angreifen.“

Remo zögerte nicht länger, rutschte mit seinem Stuhl etwas seitlich zurück und zog David daraufhin auf seinen Schoss. David liebte diesen Blick in das tiefe Blau von Remos Augen, die nun voller Stolz glänzten, als Remo neben seinen zärtlichen Streicheleinheiten auch warme Worte sprechen ließ: „David, du bist das Beste, was mir jemals passieren konnte. Du bist so einzigartig, weißt mich wie eine Rakete in die Galaxie zu schießen aber auch wieder auf unseren Planeten einzuparken. Ich will niemanden anderen. Ich will nur meine süße Dramaqueen.“

„Hallo?! Sag das nie wieder zu mir,“ empörte David sich spielend, was Remo dazu bewegte, mit seinem Zeigefinger auf Davids Nasenspitze zu tippen und dann grinsend seinen Wiederholungstext zu starten: „Dramaqueen, süße Drama….“ Weiter kam Remo jedoch nicht, da sich bereits in Windeseile ihre Lippen trafen, um ihre starke Zweisamkeit, die beide Männer füreinander spürten, gebührend zu feiern.

*****

„Eigentlich schmeckte das stramm belegte Fischbrötchen, welches Markus sich in der Nähe der Landungsbrücken gönnte, wie immer. Trotzdem fehlte irgendetwas. Statt dem sonst ständigen Gequassel über den Polizeifunk lief nun nur belanglose Schlagermusik im Radio auf dem NDR. Wieder ein Biss hinein, bevor plötzlich die Beifahrertür aufgerissen wurde. Markus staunte bei dem überraschenden Gast jedoch nicht schlecht: „Kathrin, du?“

„Ich bin nicht tot, nur außer Gefecht gesetzt. Und so wie ich erfahren habe, bist du daran auch nicht unschuldig,“ merkte die damalige Chefin seiner Abteilung an, die als erste Aktion im Auto das Radio ausschaltete. „Ich hasse Schlager.“

„Hör zu, Kathrin. Es tut mir leid, wie das alles gelaufen ist,“ suchte Markus nach Worten für seine längst überfällige Entschuldigung, wobei er allerdings von Kathrin gestoppt wurde: „Ich bin nicht hier, um mir irgendwelche ausgedachten leiernde Floskeln anzuhören. Du wirst deine Gründe gehabt haben, warum du mich so mies hintergangen hast. Und weißt du was? Irgendwie habe ich es mir sogar die ganze Zeit gedacht, wollte es aber nicht wahrhaben.“

„Wie du siehst, sitze ich jetzt meine Strafe ab. Die haben mich gefeuert,“ erwiderte Markus, der den Rest seines Brötchens erst mal zurück in die Tüte auf Reserve packte, verschaffte sich dann aber weiter Luft. „Und jetzt kann ich den Tag sehen, wo ich bleibe. Meine Frau darf niemals erfahren, dass ich nicht mehr bei der Kripo bin. Und schon gar nicht darf sie wissen, warum überhaupt?! Aber das Schlimmste ist, dass Remo mir fehlt. Wie oft haben wir hier unsere Fischbrötchen gegessen. Und nun? Was für eine miese Scheiße?“

„Hör auf zu jammern. Das hilft uns beiden nicht,“ stutzte Kathrin ihren ehemaligen Kollegen  zurecht, dem sie dann auf ihre Seite ziehen wollte. „Ich brauche deine Unterstützung.“

„Wobei?“ wurde Markus natürlich sofort hellhörig, denn er verspürte schon, dass er Kathrin einen Gefallen schuldig ist. „Es geht um unseren lieben Polizeipräsidenten Gronau. Ich bin mir jetzt sicher, dass er hinter meiner Absetzung steckt. Der wollte mich loswerden,“ ließ Kathrin die Katze aus dem Sack, was Markus schon verblüffte: „Ich kann mir zwar immer noch nicht ganz erklären, womit du ihm auf die Füße getreten bist. Aber hast du Beweise gegen ihn in der Hand?“

„Noch nicht, aber es gibt nur diese einzige Lösung,“ antwortete Kathrin, felsenfest an ihre Eingebung glaubend. „Also, hilfst du mir?“

„Wenn wir Tom Fuchs, diesen missratenen, arroganten Tangotänzer, auch gleich mit dran kriegen?“ erwartete Markus eine Ausweitung des bestimmt schon feststehenden Planes, der Kathrin sicherlich genau im Kopf gebrannt ist. „Fuchs ist mir egal. Der ist nur ein Lakai für Gronau. Ich werde den Präsidenten zu Fall bringen, das schwöre ich dir,“ haute Kathrin ganz schön auf den Putz, wie Markus realisieren musste. Dennoch erklärte er sich bereit die Geschicke mit in die Hand zu nehmen: „Du hast dir einiges vorgenommen. Ich sehe nur noch nicht, wie ich dir bei deiner Mission behilflich sein könnte. Aber gut, wie wollen wir vorgehen?“
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