AWARE - Mr. Hayden

GeschichteRomanze / P18
30.09.2018
18.08.2019
22
75687
82
Alle Kapitel
179 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
Madison

Nach Haydens Anruf habe ich mir mehr Zeit gelassen meinen Schreibtisch zu räumen, als wohl notwendig gewesen wäre. Er hat ernst geklungen, was für ihn zwar normal zu sein scheint, mir im Zusammenhang mit Lanes Kündigung aber enorme Bauchschmerzen bereitet. Aleksander Hayden wird mich nicht irgendwann in ein paar Wochen rausschmeißen, er wird es heute tun. Einfach, weil ihn die Umstände nerven, die ich ihm bereite. Er muss über mich nachdenken. Nicht nur als Angestellte, sondern auch als einmaligen Ausrutscher. Folglich musste er mich irgendwohin versetzen, mir mehr Gehalt zahlen und sich nun mit einem seiner Teilhaber auseinandersetzen, weil dieser L-Anteil mich nicht in seiner Etage sehen möchte. Wir sind zurück am Ursprungspunkt der Problematik und ich fordere zu viel kostbare Zeit des CEOs. Eine derartige Angestellte kann man nur rausschmeißen, wenn man sich weiteren Ärger sparen möchte.

Mutlos erreiche ich die Sechsundsechzigste und trage meinen kleinen Karton den Flur entlang. In meinem ehemaligen Büro hoffe ich das angenehm vertraute Gesicht von Virginia zu sehen und mir damit wenigstens etwas mentalen Baldrian zu schnorren, doch die Frau sitzt nicht an ihrem Platz. Lediglich Emma, die mich mit einem eindeutigen Grinsen beobachtet, nachdem sie den Karton mit den gepackten Sachen erkannt hat, befindet sich an ihrem Schreibtisch. Natürlich kann sie eins und eins zusammenzählen und sich ausmalen, was mein Erscheinen mit Sack und Pack bedeutet. Haydens Bürotür ist angelehnt und seufzend gehe ich darauf zu.

'Wir könnten erst einmal im Starbucks kellnern. Damit haben wir wenigstens ansatzweise eine Chance, einige Wochen zu überleben'

Ich würde zwar nicht behaupten, dass mir Kellnern besonders gut liegt, aber es klingt vorerst nach einer brauchbaren Alternative. Dad wird mir sicherlich ebenfalls unter die Arme greifen, wenn ich ihn anrufe und ihm die Sachlage erkläre. Stellt sich nur die Frage, wie man einem Polizistenvater erklärt, dass seine scheinbar unschuldige Tochter in einer Stadt wie New York einen One-Night-Stand mit einem unbekannten CEO hatte und diese unzüchtige Nacht derartige Folgen mit sich bringt.

'Wir sollten Dad daraus halten!'

Sehe ich genauso.

,,Kommen Sie rein, Miss Harper!“, ertönt Haydens Stimme durch die angelehnte Tür, vor welcher ich viel zu lange unschlüssig herumgestanden bin. Umgehend wird dieses beklemmende Gefühl in meiner Brust noch kräftiger und der Klos in meinem Hals beinahe unüberwindbar. In wenigen Minuten werde ich ohne Job sein und ich kann nichts dagegen unternehmen, außer im Nachgang zu klagen, weil er gegen meinen Arbeitsvertrag verstößt.

'Hätte er das vor drei Wochen riskiert?', fragt's zweifelnd.

Ich glaube nicht, dass Hayden vor drei Wochen hätte ahnen können, welche Wendung sein Masterplan nehmen könnte.
Mit wild rasendem Herzen stelle ich den Karton auf Virginias Schreibtisch ab und betrete das Vorzimmer zur Hölle. Mein bald ehemaliger Boss steht mitten im Büro, sodass er mich gar nicht vor der Tür hat stehen sehen können. Verwundert sehe ich von ihm zur Tür und wieder zurück. Woher hat er gewusst, dass ich vor seinem Büro gestanden und das Unausweichliche hinausgezögert habe? ,,Setzen Sie sich.“ Er deutet auf eines der schwarzen Sofas. Unwohl nehme ich auf dem kalten, aber weichen Leder Platz und beobachte, wie er sich mir gegenüber setzt. Mit geübten Fingern öffnet er sein Jackett und offenbart damit ein hellgraues Hemd samt anthrazitfarbener Weste.

'Das klaust du ihm nicht auch noch, Madison!'

Natürlich nicht. Ich kann zwar bis hierher riechen, wie gut es wieder schnuppert, kann mich aber doch leicht davon abhalten, ihn um den Stoff zu bitten.

,,Wissen Sie, weshalb ich Sie herbestellt habe?“

'Sag nein! Tu so, als wärst du vollkommen ahnungslos! Vielleicht weiß er ja gar nichts von der Kündigung und will dich nur fragen, wie deine letzten Wochen im Einkauf gelaufen sind!'

Natürlich. Und meine Sachen musste ich packen, damit er eine Bestandsaufnahme meiner persönlichen Dinge machen kann?

'Vielleicht hat er aber auch gemerkt, dass er hier oben nicht auf dich verzichten kann und will dich zurückholen! Sag nichts!'

Ich kann mir das zynische Lachen gerade noch verkneifen. Das würde für Hayden sicher denkbar bescheuert wirken, wenn ich seine Frage mit einem Lachen beantworte. ,,Ich glaube, dass eine mündliche Kündigung nicht unerheblich Teil des Gesprächs sein wird“, antworte ich entgegen jeglicher imaginären Vorschläge. Ich bin es, die mit den Konsequenzen leben und hungern muss, nicht sie!

,,Unter Anderem“, bestätigt er vage und zieht einige Dokumente zu sich heran. ,,Drei Wochen sind bei Weitem nicht ausreichend, um sie wirklich einschätzen zu können, aber es genügt mir. Mehr als das, was sich hierauf befindet, muss ich nicht wissen.“ Zur Veranschaulichung hebt er den knappen Papierstapel an und beginnt darin zu blättern. Hayden schlägt die Beine übereinander und sieht dabei ununterbrochen auf seine Dokumente. Es ist eine unbewusste Geste, die man eher bei Frauen sieht, bei ihm wirkt sie aber keinesfalls weiblich. Der Mann hat unverschämt wohlgeformt lange Beine. Dass ich weiß, wie die Muskeln seiner Oberschenkel nackt aussehen, die sich gerade kaum merklich unter dem dunklen Stoff bewegen, macht es nicht leichter, meine Aufmerksamkeit auf etwas anderes zu richten. ,,Du hast mich in eine verfluchte Zwickmühle manövriert, Madison.“

Schockiert, weil er mich plötzlich so vertraut anspricht, sehe ich von seinen Beinen auf und presse umgehend die Zähne zusammen, damit mir der Kiefer nicht unangemessen aufklappt. In meinem Kopf höre ich es scheppern, ich muss gar nicht fragen, was da oben gerade vorgefallen ist. Meine krankhafte Dialogpartnerin ist unvorbereitet in Ohnmacht gefallen. Ich kann es ihr nicht verdenken! Nicht nur, dass ich mich gegen die Erinnerung meines nackten CEOs wehren muss, er hat dem i sein Tüpfelchen – in Form einer Brille - aufgesetzt.

'Wir stehen auf diese verfluchte Brille!'

Doch nicht ohnmächtig, aber richtig in der Annahme. Ich besitze keinen Brillenfetisch, Aleksander Hayden könnte aber der Grund zur Änderung werden.

Mit gehobener Augenbraue legt er den Kopf schief und mustert mich erwartungsvoll. Er hat hundertprozentig etwas gefragt und ich habe hundertfünfzigprozentig mal wieder den Zug verpasst!

,,Ja.“

'Ja? Bist du dir sicher, dass Ja die richtige Antwort ist? Ja, schmeißen Sie mich einfach raus, Mister Hayden?!', sie hebt ihren Kopf und funkelt aufgebracht.

Ja muss jetzt einfach die richtige Reaktion gewesen sein. Gelassen, als wäre ich mir sicher, dass Ja einfach korrekt war, lehne ich mich im dunklen Leder zurück und überschlage nun meinerseits die Beine. Diese Bewegung hat zur Folge, dass mein ohnehin schon leicht zu kurzer Rock weiter hinaufrutscht und mehr Bein zeigt, als im Büro des CEOs angemessen wäre. Es war gewiss keine Absicht, aber jetzt mit dem Zurechtzupfen beginnen, käme einer Markierung mit pinkem Marker gleich. Also tue ich so, als hätte ich das Rutschen nicht bemerkt und stelle mit diebischer Freude fest, dass meine Beine eine ähnliche Wirkung auf den Mann zu haben scheinen, wie seine auf mich. Kaum merklich befeuchtet er sich die Lippen, das dunkle Grün seiner Augen fest auf meine nackte Haut gerichtet. Beinahe kann ich das Kribbeln seiner Finger in meinen Eigenen spüren. Zu präsent wird die Erkenntnis, dass wir das Gefühl der Haut des jeweilig anderen nur zu gut kennen. Mein Mundwinkel zuckt ohne mein Zutun. Wieder beginnt mein Herz einen Stepptanz der Superlative zu vollführen. Dieses Mal nur aus anderen Gründen. Es ist ein unangemessen wundervolles Gefühl zu wissen, dass Aleksander Hayden am Ende auch nur ein Mann ist, der zu schätzen weiß, was er sieht und durchaus Gefallen daran finden kann. Dass dieses Gefallen auch noch mit mir zusammenhängt, hebt mich auf ein ungesundes Podest und lässt mich irrational mutiger werden. Langsam fahre ich mit meinen Handinnenflächen über den weichen Stoff meines Rockes, als müsse ich sie trocken reiben, und lasse mir dabei viel mehr Zeit, als angemessen wäre. Diese Bewegung holt ihn aus seiner Betrachtung zurück und lässt ihn wieder in mein Gesicht sehen.

Ein Mann wie Aleksander Hayden muss selbstbewusst und aufrecht durchs Leben gehen, wenn er seine überlegene Position halten will. Aber sein jetziger Blick hat lange nichts mehr mit einfachem Selbstbewusstsein zu tun. Das Einzige, was ihm in diesem Moment bewusst ist, ist die Tatsache, dass ich mit jeder Faser meines Körpers auf ihn reagiere. Mit einem arroganten Grinsen beobachtet er, wie ich meine Oberschenkel fester zusammenpresse, weil sich das Kribbeln nicht mehr nur in meinen Fingern befindet. Es ist wirklich eine Scheißidee für den Mann zu arbeiten, mit dem man bereits im Bett gewesen ist. Das ohnehin haydensichere Kopfkino bleibt kein optischer Genuss, sondern eine handfeste Folter. Zu wissen, wie er sich unter all dem teuren Stoff anfühlt und dieses Gefühl nicht auffrischen zu dürfen, ist wie ein fieser Schlag in den Nacken. Als nähme man einem Kind die Schokolade weg, weil sie ungesund ist.
Und das wirklich Schlimme an meiner Situation ist, dass Aleksander Hayden genau weiß, was gerade in mir vorgeht. Weiterhin dieses unverschämt wissende Grinsen auf den Lippen, lehnt er sich zurück und knöpft nun auch noch die Weste auf, um einen ungehinderten Blick auf seinen Bauch zu gewährleisten. Ohne darüber nachzudenken tue ich es ihm gleich, öffne meinen Blazer und lasse zu, dass er damit barrierefreie Einsicht auf die Knopfleiste meiner Bluse hat, die auf Höhe meiner Brust leicht spannt. Erneut zuckt sein Mundwinkel. ,,Wir können das Spiel jetzt so lange weiterspielen, bis wir nackt sind, oder zur eigentlichen Thematik zurückkommen, Madison.“

'Ist das jetzt eine: was ist dir lieber? - Frage?'

Keine Ahnung, ich glaube nicht.

'Machst du dich jetzt nackig?'

Unter keinen Umständen!

Es seufzt frustriert in meinem Kopf. 'Aber wieso denn nicht?'

,,Eigentlich war ich mir sicher, dass deine Versetzung in die Fünfzigste die richtige Entscheidung gewesen ist. Du kennst dich mit den Einkäufen des Projektes aus, beherrschst die Abläufe besser, als viele Andere.“

,,Aber?“

Er hebt fragend eine Braue und legt das Papier zurück auf den kniehohen Tisch zwischen uns.

,,Alles, was vor dem Wort 'aber' kommt, ist Bullshit.“

,,Haben wir heimlich zu viel ferngesehen?“, fragt er schmunzelnd und lässt sich zurück in die Polster sinken. Dabei legt er seine Arme auf der Rückenlehne ab und wirkt, als würden wir hier kein Personalgespräch, sondern Smalltalk führen. Mir ist nicht nach Smalltalk mit ihm.

'Nachvollziehbar', pflichtet das Stimmchen bei, setzt sich mit angezogenen Knien hin und umschlingt sie. 'Sei einmal ehrlich zu dir selbst, Madison. Du kannst hier jetzt die knallharte spielen, die sich von Hayden nicht ins Bockshorn jagen lässt, oder du gestehst dir ein, dass Aleksander dir nachhaltig die Erfolgstour vermasselt hat. Das wird nichts mehr.'

Und warum nicht?

Versucht gleichgültig erwidere ich den Blick des Mannes, dem ich besser niemals begegnet wäre. In keinster Weise schadet er mir, dennoch hat er einiges unwiderruflich durcheinandergebracht. Kein Chaos der schön bunten Sorte.
'Weil du niemals professionell mit ihm umgehen kannst, egal wie sehr du es versuchst. Du hast seinen Schwanz gesehen und gespürt, hast dich ordentlich vögeln lassen und reagierst konsequent auf alles, was ihn ausmacht. Guck dir den Mann doch bitte mal genau an! Selbst wenn er nur die Beine überschlägt, springt deine Libido im Dreieck. Erklärst du mir bei Gelegenheit, wie du damit jahrelang arbeiten willst?'

Was soll ich deiner Meinung nach tun?

'Kündigen und dir etwas Neues suchen. Kneif bis dahin die Schenkel zusammen. Nicht, dass du dich wieder aus Versehen von deinem zukünftigen Boss ficken lässt.'

Ich schlucke, ob der harten, weniger zurückhaltenden Gedanken. Aleksander legt den Kopf schief und beobachtet mich interessiert dabei, wie ich meinen inneren Monolog führe, in dem ich mir selbst die Nase breche, als könnte er hören, was ich denke. Als wisse er, dass in meinem Kopf mehr vor sich geht, als ein Affe, der tumbe zwei Becken aneinander schlägt.

Vielleicht sollte ich einfach mit ihm darüber reden und diese Sache ein für alle mal aus der Welt schaffen. Es besteht doch die Möglichkeit, dass wir danach normal miteinander umgehen können.

'Auf gar keinen Fall! Dann mach dich lieber nackich!'

,,Wir sollten das klären.“

'Scheiße, du bist echt bescheuert!'

,,Davon gehe ich aus“, bestätigt Aleksander im ruhigen Ton. Weder Stimme noch Mimik lassen darauf schließen, dass er weiß, worauf ich hinauswill. Was nicht unbedingt untypisch für ihn sein muss. Ich darf nicht vergessen, dass er Konfliktgespräche und das dafür notwendige Pokerface weit besser beherrscht, als ich.

,,Bis hierher ist einiges nicht unbedingt vorteilhaft verlaufen“, beginne ich vage und weiche seinem intensiven Blick aus. Irgendwie springen wir zwischen zwei Beziehungen hin und her, sodass ich nicht recht fassen kann, an welcher Stelle wir uns gerade befinden. Wer sitzt mir gegenüber? Aleksander Hayden, der millionenschwere Firmenboss, der mir im Handumdrehen meine berufliche Zukunft versauen kann, oder Aleksander mit ks, der Mann, der durchaus verstehen könnte, dass Sex nichts ist, was man einfach ausblendet? ,,Und ich weiß ehrlich nicht, wie ich das Ruder umreißen soll und eine angemessene Lösung finden kann.“

,,Korrigiere mich, wenn ich mich irre, aber ist es nicht eigentlich meine Aufgabe, angemessene Lösungen zu finden?“, fragt er noch immer mit neutraler Stimme. Vorsichtig löse ich mich von seinem eingerahmten Abschlusszeugnis einer Eliteuniversität voller Bestnoten. Streber!

,,Ich weiß nicht, ob mir die Lösung gefallen wird“, gestehe ich leise und beginne mich tatsächlich kleiner zu machen. Warum habe ich es bei Lane geschafft, mich zu erheben und ihm die Stirn zu bieten und bei Hayden schaffe ich das nicht? Lane hat mich beleidigt und ich hätte es als angestelltes Bienchen schlucken müssen, anstatt ihm Konter zu geben. In diesem Moment werde ich weder beleidigt, noch anderweitig angegriffen, und dennoch fühle ich mich verprügelt.

'Weil du dich von dir selbst verprügeln lässt!', gibt das Stimmchen achselzuckend zu bedenken und erinnert mich an meine eigenen Gedanken mir gegenüber.

,,Das ist hier definitiv nicht die Frage, Madison.“ Schwungvoll erhebt er sich und sieht auf mich hinab. ,,Die Frage ist viel eher, wie viel du zu ertragen bereit bist.“

,,Wie bitte?“ Ich weiche zeitgleich zurück, während Aleksander einfach seinen Fuß auf die niedrige Tischplatte stellt und darüber steigt, anstatt drumherum zu gehen. Er kommt direkt vor mir zum Stehen, was ihn aufgrund meiner sitzenden Position noch größer wirken lässt. Lediglich dieser - für einen CEO unangemessene - Stunt macht ihn weniger bedrohlich.

,,Ich wollte dich in dem Moment rausschmeißen, in dem ich dich vorne im Büro wiedererkannt habe. Einzig Nate und Marcus ist es zu verdanken, dass aus dieser Kündigung eine Versetzung geworden ist. Es hätte klappen können, Madison. Du hättest weiterhin deinen Lebensunterhalt verdienen können und ich wäre dich ohne schlechtes Gewissen losgeworden.“

,,Aber?“

,,Alles, was vor dem Wort 'aber' kommt, ist Bullshit?“

Ich nicke schweigend zur Bestätigung und weiche weiter zurück, als er sich über mich beugt und sich zu meinen Seiten auf die Rückenlehne stützt. Augenblicklich fühle ich mich in den Club zurückversetzt und wie das geendet ist, wissen wohl alle in diesem Gebäude.

,,Du scheinst vehement darauf zu bestehen, in meiner direkten Nähe zu arbeiten.“ Mein hilfloses, dafür hektisches Kopfschütteln übergeht er einfach. ,,Und da du in Virginia einen Schutzpatron gefunden hast, werden wir mit uns und unserer Vorgeschichte leben müssen, bis einer nachgibt.“

,,Äh....“

'Sehr eloquent, Maddy. Wortkotze mit Umlaut?' Es klatscht verhöhnend in meinem Kopf, den ich erneut lediglich hilflos schütteln kann. Ich weiß ehrlich nicht, was er mir hier sagen will und wie ich darauf antworten soll! Anstatt das hier vernünftig zu klären, redet er wirres Zeug, das nur er allein verstehen kann und kommt mir dabei so nah, dass mich sein bekannter Duft vollkommen umnebelt. ,,Was bedeutet das jetzt für mich?“, bringe ich nach einigen Augenblicken über die Lippen und bin kurz davor, einfach die Luft anzuhalten, um nicht von seinem Geruch allein besoffen zu werden.

,,Das bedeutet, dass du deinen Schreibtisch wieder beziehen und die Organisation des AWARE-Projektes von dort aus erledigen wirst. Nebenher kannst du Virginia in ihren täglichen Abläufen unterstützen, bis Xavier über seine eigene Unzufriedenheit hinwegkommt und seinen Einkauf endlich für ihn angemessen besetzt hat.“

Was hat das mit Virginia auf sich?

'Frag nicht!'

,,Ist Virginia überlastet?“

'Du hörst mir echt gar nicht zu, oder? Warum rede ich überhaupt mit dir?'

Aleksander schüttelt den Kopf und stößt sich keine zwei Sekunden später von der Rückenlehne ab. Ich nutze die letzte Möglichkeit, atme einmal tief ein und genieße den betörenden Duft des Parfums, gemischt mit dem unverkennbaren Geruch seiner Haut. ,,Virginia ist fünfzig und wird wohl irgendwann in Rente gehen wollen. Wenn es soweit ist, habe ich keine Zeit, mich um einen Ersatz zu kümmern. Im Gegensatz zu Xavier denke ich nach, bevor ich spreche und handle, bevor ich von Vorhersehbarem erschlagen werde.“

,,Sie geht doch erst in zehn Jahren in Rente. Ich soll so lange dort vorne sitzen?“

,,Der Arbeitsvertrag ist doch unbefristet?“, fragt er rhetorisch.

,,Ist das eine gute Idee?“, stelle ich die selbstzerstörerische Gegenfrage.

,,Kommt drauf an“, antwortet er grinsend und vergräbt die Hände in seinen Hosentaschen. Der desolate Zustand seines Jacketts samt Weste scheint ihm vollkommen am Arsch vorbeizugehen.

,,Worauf?“

,,Ob wir es schaffen, Geschehenes auszublenden und eine rein geschäftliche Beziehung zu führen, oder einer von uns nachgibt.“
Er setzt mich nicht vor die Tür, in eine andere Abteilung oder dergleichen. Mir ist nur noch nicht klar, welche Antwort er jetzt von mir erwartet. Das klang schon wieder nach so einem 'entweder – oder' Ding, bei dem er mir nur augenscheinlich die Wahl lässt.

Mein Schweigen wird als Zustimmung angesehen, weil er sich umdreht und den Stapel Dokumente erneut herbeiholt. Ebenso wortlos reicht er ihn mir und ich wage nur einen flüchtigen Blick. Alles, was ich auf die Schnelle erkennen kann, ist eine Menge Text, mit meinem Namen als Topper. ,,Was ist das?“

,,Deine Personalakte.“

,,Was gab es denn in drei Wochen so viel zu schreiben?“ Zur Veranschaulichung, weil es dann doch bestimmt fünfzehn bis zwanzig Seiten sind, wackle ich damit herum.

,,Nicht sonderlich viel. Hauptsächlich handelt es sich um deine Personalakte aus Helena.“

,,Was soll ich damit?“

,,Wegwerfen?“, fragt er achselzuckend, als würde es ihn wirklich nicht interessieren. Ich kann doch meine Personalakte nicht einfach vernichten!

,,Aber... Soll das für Normalsterbliche einen Sinn ergeben, Aleksander?“

Wir stutzen beide, weil es das erste Mal ist, dass ich in diesem Gebäude das Rückgrat besitze, ihn ebenfalls persönlich anzusprechen.

,,Ich weiß, was ich wissen muss, habe die Akte mehr als einmal gelesen. Glaubst du wirklich, dass es Virginia allein zu verdanken ist, dass ich mich gegen Xaviers Kündigung ausspreche? Abgesehen einiger für dich unwichtiger Aspekte, befindet sich in dieser Akte nichts, was meinen Bewertungsrichtlinien nach gegen dich spricht.“

,,Warum dann vernichten?“

,,Weil die Grundlage meiner Personalbewertungen nicht immer mit denen anderer Geschäftsinhaber vergleichbar ist.“

Ich erwidere seine Aussage mit einem stummen 'Ah', was ziemlich deutlich macht, dass ich keinen blassen Schimmer habe, was er mir zu sagen versucht. Was aber auch irgendwie nebensächlich ist. Alles, was ich wissen muss, ist, dass ich meinen Job behalten kann. Und natürlich die Tatsache, dass ich irgendwie damit zurechtkommen muss, ihn täglich in meiner Nähe zu wissen. Geklärt haben wir hier nämlich aktiv gar nichts!

Ich will mich gerade erheben und das Büro verlassen, als er mich ein letztes Mal auf seine ganz eigene, unangemessene Weise davon abhält und ich nicht wirklich angemessener darauf reagiere. Mit Zeigefinger und Daumen umschließt er mein Kinn, zwingt mich, ihn anzusehen und ich dummes Huhn folge, lehne mich sogar in die Berührung. Aleksanders unterschwelliges Grinsen ist frech und die Tatsache, dass er mir dabei so dicht auf die Pelle rückt, bis beinahe kaum eine Handbreit Raum zwischen uns bleibt, mehr als dreist. Sofort spüre ich das Knistern wieder und das Kribbeln in meinen Fingern. Ich will mich gegen ihn pressen, ihm auch das Hemd öffnen und seinen wundervollen Oberkörper freilegen, von dem ich - trotz meines damaligen Alkoholpegels - noch weiß, dass er nahezu perfekt trainiert ist. Nur die Tatsache, dass er mich erneut anspricht, hält mich von meinem Vorhaben ab. ,,Eines musst du mir noch erklären, ehe du deinen neuen alten Posten antrittst: Hast du gewusst, wer ich war, als wir uns angetrunken nahezu ungebremst in diese Situation gefahren haben?“

Obwohl er mein Kinn fest umschließt, schaffe ich es den Kopf zu schütteln.

,,Bist du dir sicher, dass du mich nicht online gesucht und daraufhin im Club gefunden hast?“

,,Habe ich nicht, auch wenn du es nicht glauben magst. Was hätte ich davon?“

Er hebt alles und nichts aussagend eine Augenbraue.

,,Glaubst du, die letzten Wochen haben sich vorteilhaft für mich angefühlt?“

Noch immer sagt er kein Wort. Lediglich seine intensiv grünen Augen taxieren mein Gesicht, versuchen auch nur den Hauch einer Lüge darin zu finden. Vorsichtig umschließe ich sein Handgelenk ziehe daran, bis er mein Kinn freigibt. ,,Du solltest daran zu glauben beginnen, dass es Menschen geben kann, die in dein Leben stolpern und dabei andere Dinge im Sinn haben, als dir zu schaden oder dich auszunutzen.“

,,Welche Dinge sollten das sein, Tinkerbell?“

,,In meinem Fall am besagten Abend?“ Er nickt und lässt zu, dass ich mich rückwärtsgehend entferne. Die alte Personalakte presse ich fest gegen meine Brust, als könnte sie mir die Courage geben, endlich das auszusprechen, was schon seit Wochen wie das Damoklesschwert über uns schwebt und zumindest mir das Leben erschwert. ,,Sex, Aleksander. Das ist alles, was ich von dir gewollt habe. Bedeutungslosen, befriedigenden Sex.“ Nach diesen Worten drehe ich mich um die eigene Achse und verlasse sein Büro. Weder habe ich gehört, noch gesehen, wie er auf meine Worte reagiert hat, aber meine Flucht konnte nicht schnell genug gehen. Ich spüre, dass ich mit hochrotem Kopf das Vorzimmer betrete und von mindestens zwei Augenpaaren neugierig gemustert werde. Und dennoch empfinde ich pure Erleichterung. Nicht nur, dass ich weiterhin für Hayden arbeiten darf, ich konnte ihm – wie auch immer ich das hinbekommen habe – zeigen, wie wenig mich unsere gemeinsame Nacht aus der Ruhe bringt.

'Was absolut gelogen ist!'

Selbstverständlich ist es das!