Veränderungen sind nicht immer schlecht

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
29.09.2018
03.06.2020
19
75.840
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Dieses Kapitel
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31.03.2020 4.416
 
Hallo Leute.
Ich melde mich nach einer gefühlten Ewigkeit auch mal wieder. Mir ging es leider eine Zeit lang nicht so gut und dann war ich im Abitur-Stress, letzte Woche hätte ich meine erste Prüfung schreiben sollen, aber das ist ja alles jetzt etwas anders gelaufen. Ich hoffe, es geht euch allen gut und das ihr euch mehr oder weniger mit der Situation arrangieren könnt.
Hier also jetzt das neue Kapitel, ich hoffe es gefällt euch.
LG red

Kapitel 17
Es ist nur ein sanfter Kuss, zaghaft und unendlich liebevoll. Zart berühren sich unsere Lippen und doch ist es das Beste, das ich je erlebt habe. Alles in mir kribbelt und ich habe das Gefühl, ich könnte die ganze Welt umarmen. Es fühlt sich einfach richtig an, als würden unsere Lippen perfekt aufeinander passen.
Nach einer halben Ewigkeit, die trotzdem viel zu kurz war, beende ich den Kuss und lehne mich wieder etwas zurück, damit ich in Felix' Gesicht sehen kann. Dabei kann ich nicht verhindern, dass ich nervös auf meiner Unterlippe herum kaue. Habe ich das alles vielleicht doch missverstanden und in die Situation etwas hineininterpretiert, dass so gar nicht da ist? Was ist, wenn ich ihm jetzt zu nahe getreten bin? Oder ihn verschreckt habe? Ich meine, nur weil er schwul ist und ich ein Junge bin, heißt das noch lange nicht, dass er mich mag. Scheiße, ich hätte das wirklich nicht machen sollen! Was habe ich mir nur dabei gedacht?
Eine vorsichtige Berührung reißt mich aus meinen Gedanken und lässt mich erschrocken zusammenzucken. Verwirrt sehe ich zu Felix, der mich aus seinen grünen Augen, in denen ein wahrer Sturm zu wüten scheint, fest anschaut. Seine Hand liegt an meiner Wange, sein Daumen fährt zart über meine Unterlippe. Sofort höre ich auf ihr herum zukauen und halte leicht den Atem an. Ich kann meinen Blick nicht von seinem lösen, es ist, als seien sie ineinander verhakt. Gebannt schaue ich in seine wunderschönen Augen und bilde mir tatsächlich ein, dass sie meinen näher kommen und das obwohl ich mich keinen Millimeter bewegt habe.
Erst als sich seine Lippen zaghaft auf meine legen begreife ich, dass er mir wirklich näher gekommen ist und mich gerade, genau in diesem Moment, tatsächlich küsst. Ich reiße die Augen auf, bevor sie mir reflexartig zufallen und ich ein leises Seufzen nicht unterdrücken kann. Er küsst mich! Felix küsst mich! Ich habe es mir nicht eingebildet, er mag mich auch! Die Gedanken in meinem Kopf überschlagen sich förmlich, als der Kuss auch schon vorbei ist.
Mit knallroten Wangen löst er sich von mir und spielt nervös mit seinen Fingern. „Ich, ähm...“, fängt er an, stockt aber sofort wieder. Ich kann ihn verstehen, ich weiß auch nicht wirklich, was ich sagen soll.
Also greife ich mit meiner Hand vorsichtig nach seiner und verschränke unsere Finger miteinander. „Ich mag dich wirklich sehr gerne, Felix.“, sage ich leise und schaue ihn leicht unsicher in die Augen.
Seine Augen weiten sich, dann legt sich ein glückliches Lächeln auf seine Lippen. „Ich mag dich auch sehr.“
Ich kann nicht anders, als breit zu grinsen und ihn an mich zu ziehen. Ich setze mich seitlich auf die Schaukel, winkle ein Bein an und lasse das andere locker herunter hängen, während Felix sich zwischen meine Beine setzt und sich mit dem Rücken an meine Brust lehnt. Mein Herz klopft so schnell das ich Angst habe, dass es mir gleich aus der Brust springen könnte. Außerdem bin ich mir zu 100% sicher, dass Felix es bemerkt, aber zum Glück sagt er nichts. Vorsichtig, um ihn nicht zu erschrecken, schlinge ich meine Arme um seinen Körper, sodass ich ihn jetzt ganz im Arm halte. Es ist einfach ein wunderbares Gefühl und ich könnte die ganze Welt umarmen.
„Leo?“, fragt Felix da leise.
Ich versteife mich etwas, mache mich bereit mich zurück zuziehen. Vielleicht geht ihm das jetzt alles zu schnell und ich bedränge ihn zu sehr. „W-was?“, frage ich und könnte mich dafür ohrfeigen, dass ich so unsicher klinge.
„Was, was ist das jetzt mit uns?“ Er dreht leicht seinen Kopf und sieht mich unsicher an.
Erleichtert atme ich aus, also bin ich ihm schon mal nicht zu nahe gekommen. „Ich...ich weiß es nicht. Also, wie schon gesagt, ich mag dich wirklich gerne. Und du mich ja auch. Also, keine Ahnung, würdest du...würdest du denn...mit mir zusammen sein wollen?“, stammle ich und sehe ihn unsicher an.
„Meinst du das wirklich ernst? Das du mich magst, also auf diese Weise und das du mit mir zusammen sein willst? Oder willst du mich nur aufmuntern?“ Die Skepsis und das Unglaube in seiner Stimme verletzen mich. Nicht nur das er denkt ich würde so etwas fragen, nur um ihn aufzumuntern, sondern auch, dass er sich selbst so klein einschätzt, dass er es nicht für möglich hält, das ich ihn wirklich mögen könnte.
„Natürlich meine ich das ernst! Du bist ein wundervoller Mensch und ich...ich glaube ich bin auf dem besten Weg mich ernsthaft in dich zu verlieben. Wenn es nicht schon längst so weit ist.“ Mit roten Wangen aber fest sehe ich ihm in die Augen.
„Du-du bist in mich verliebt?“, fragt er mit einer Stimme, die mindestens eine Oktave höher ist, als seine normale. Ich nicke mit einem schiefen Lächeln. „Ich- ich glaube ich habe mich auch in dich verliebt.“, gibt er dann zu und schaut mich glücklich an. „A-aber ich bin nicht gerade eine einfache Person. A-also ich...ich habe nicht sonderlich viel Erfahrung, also eigentlich gar keine Erfahrung, also wenn du irgendwas willst, dann, ich...“ Er stockt und sieht mich verzweifelt an.
Sanft lächle ich ihn an und fahre mit meinem Daumen beruhigend über seinen Handrücken. „Hey, das ist doch nicht schlimm. Ich habe jetzt auch nicht sooo viel Erfahrung und mit einem Mann schon mal gar keine. Also mach dir nicht so viele Gedanken, wir finden einfach alles zusammen raus.“ Aufmunternd stupse ich ihn an. Dann kommt mir ein Gedanke: „War das eben dein erster Kuss?“, frage ich.
Einen Moment zögert er, dann kommt ein vorsichtiges Nicken als Antwort. „Schlimm?“
„Nein, warum sollte es? Irgendwann hat doch jeder seinen ersten Kuss. Und ich fühle mich geehrt, dass ich deinen bekommen habe.“, schmunzelnd drücke ich ihm einen Kuss auf den Mundwinkel, der ihn sofort wieder erröten lässt.
Eine Weile lang sitzen wir einfach nur stumm neben einander und hängen unseren Gedanken nach, mein Arm liegt um seine Schulter und er hat seinen Kopf auf meine Schulter gelegt. Ich genieße einfach den Moment und denke einfach nicht darüber nach, was jetzt passieren könnte. Das lasse ich einfach alles auf mich zukommen. Es wird schon nicht zu schlimm werden. Felix und ich bekommen das alles schon hin, da glaube ich fest dran.
„Leon?“, reißt mich Felix' leise Stimme aus meinen Gedanken.
„Hmm.“, mache ich und streichle mit meinem Daumen über seinen Arm. „Was ist?“
„Wir sind jetzt wirklich richtig zusammen? Ein Paar?“, fragt er und ich kann nicht anders, als leise lachend zunicken.
„Ja, ganz wirklich.“, stimme ich zu.
„Und, ist...ist das ein Geheimnis?“, fragt er zögernd und ich stutze einen Moment.
Das ist genau das, worüber ich noch nicht nachdenken wollte. Aber ich weiß, dass Felix eine Antwort braucht und wissen möchte, woran er ist. Ich kann verstehen, dass er das möchte.
„Ich weiß es nicht. Ich denke, Papa, Mischa und Andrea können wir es auf jeden Fall sagen und Kai wird es mir eh an der Nasenspitze ansehen, aber wie wir an der Schule miteinander umgehen sollen, dass weiß ich ehrlich gesagt nicht. Oder eher, darüber habe ich noch nicht nachgedacht.“, erkläre ich vorsichtig und beobachte dabei genau, wie er reagiert. Als ich darauf zu sprechen komme, dass ich noch unsicher bin, ob ich mich in der Schule sofort outen will, verspannt er sich zwar etwas, aber nicht für lange, bevor er sich wieder entspannt und in meine Arme kuschelt.
„Das ist okay. Das ist eigentlich mehr als okay, ich kann schließlich nicht erwarten, dass du dich sofort outest. Ich habe auch eine ganze Weile gebraucht, es mir überhaupt selbst einzugestehen, geschweige denn es meinen Eltern oder den Anderen zu erzählen. Jeder braucht seine Zeit und du solltest dich nicht mir zu Liebe gleich vor Gott und der Welt outen müssen.“, erklärt er leise und ich habe das Gefühl, mich noch ein Stückchen mehr in ihn zu verlieben.
„Du bist einfach wundervoll, Felix.“, murmle ich in sein Haar und drücke ihm einen Kuss auf den Kopf. „Aber so schön ich es auch finde, hier mit dir zu sitzen, ich glaube, wir sollten langsam mal wieder reingehen, es wird ziemlich kalt.“ Tatsächlich fange ich langsam an zufrieren und auch Felix hat schon eine Gänsehaut auf den Armen.
„Wahrscheinlich hast du Recht.“, stimmt er mir mit einem bedauernden Seufzen zu und steht auf. Ich erhebe mich ebenfalls, nehme dann sofort seine Hand und verschränke unsere Fingen miteinander. Lächelnd hebe ich unsere ineinander verschränkten Hände hoch und hauche einen Kuss auf seinen Handrücken, was ihn erröten lässt. Grinsend lasse ich sie wieder sinken und ziehe ihn hinter mir her zum Haus hinüber.
Einladend öffne ich die Terrassentür und lasse ihn ganz Gentlemanlike zuerst eintreten, natürlich nicht ohne eine alberne Verbeugung zu machen, was ihm ein Lachen entlockt. Ich muss unweigerlich grinsen, es ist einfach so toll, wenn man eine Person, die einem so wichtig ist, zum Lachen bringt.
„Na ihr beiden, ist es euch zu kalt geworden?“, fragt Andrea, die gerade die Küche betreten hat und betrachtet uns schmunzelnd.
Ich nicke zustimmend. „Ja, so langsam aber sicher ist es ziemlich abgekühlt.“, stimme ich ihr zu. „Ich hätte jetzt auch ziemlich Lust auf einen Tee und du?“, wende ich mich an Felix.
„Ich nehme lieber einen warmen Kakao.“, meint er leise.
„Dann also ein Kakao.“ Sofort hole ich einen Topf aus dem Schrank und stelle ihn auf den Herd.
Andrea winkt jedoch ab. „Lass mal Leon, ich mach das schon. Ich wollte eh gerade was für alle zum Trinken machen, da kann ich das auch noch übernehmen. Kommt einfach in einer viertel Stunde wieder runter, dann gibt es nämlich Kuchen.“
„Aber du musst doch nicht alles alleine machen, ich kann dir helfen.“, widerspreche ich, da es mir wirklich unangenehm ist, wenn ich sie die ganze Arbeit machen lassen würde.
Andrea winkt jedoch ab. „Ich hab schon Hilfe, keine Sorge, dein Vater kommt gleich.“ Verschwörerisch grinst sie mich an.
Ich erwidere das Grinsen, greife nach Felix' Hand und ziehe ihn hinter mir her in den Flur und die Treppe hinauf in mein Zimmer. Dort bleibe ich erst einmal etwas desorientiert in der Tür stehen und blicke leicht verblüfft auf Kai, der es sich auf dem Boden vor meiner Kommode bequem gemacht hat und seelenruhig meine DVD Sammlung durchguckt, während er zu einem Lied von Panic! At the Disco mitsummt, das aus meiner Musikbox ertönt.
„Stören wir dich?“, frage ich belustigt. Kai zuckt erschrocken zusammen und schaut uns an wie ein Reh im Scheinwerferlicht. Laut lache ich los und auch Felix kann sich ein Lachen nicht verkneifen. Kai schmollt daraufhin nur und schiebt seine Unterlippe vor, doch keine Sekunde später erhellt sich sein Gesicht und ein ehrliches, erleichtertes Lächeln schleicht sich auf sein Gesicht.
Verwundert über den plötzlichen Umschwung runzle ich dir Stirn und folge seinen Blick. Er schaut geradewegs auf unsere, ineinander verschränkten Hände. Sofort spüre ich, wie mir die Hitze in die Wangen steigt. Mir war ja klar, dass wir Kai nicht lange etwas vormachen können, nicht das wir es wollten, aber das er es sofort durchschaut, damit hatte ich eigentlich nicht gerechnet. Vor allem, weil Felix und ich ja auch schon vorher Händchen gehalten haben. Woher will er also wissen, dass es jetzt anders ist.
„Ihr habt es also geschafft, gratuliere.“, freut er sich für uns. Überschwänglich springt er auf, kommt mit drei großen Schritten zu uns hinüber und schlingt seine Arme um uns. Perplex erwidere ich die Umarmung, Felix braucht einen Moment länger, bevor er ebenfalls einen Arm um Kai legt, wobei er das um einiges weniger überschwänglich macht.
„Woher zur Hölle wusstest du das?“, frage ich, als er uns wieder loslässt.
Verschmitzt grinst er uns an und fährt sich mit seiner Hand einmal durch die Haare. „Ihr seht beide viel glücklicher, zufriedener aus, als eben noch. Ach was sag ich, als die ganzen letzten Tage. Und ich hätte nicht gedacht, dass man das noch toppen kann. Naja, und dann muss man kein Genie mehr sein, ihr beiden steht hier, haltet Händchen und strahlt um die Wette.“ Er zuckt lässig mit den Schultern, bevor er mir einen Stoß in die Rippen gibt. „Außerdem kenne ich dich doch. Du kannst mir nichts vormachen.“
Ich lächle ihn an und würde ihn in dem Moment am liebsten abknutschen, aber ich glaube das lasse ich mal lieber. Stattdessen lasse ich Felix Hand los, schlinge meine Arme um ihn und ziehe ihn fest an mich. „Danke.“, flüstere ich ihm ins Ohr und hoffe einfach, dass er versteht wofür ich mich alles bedanken will.
Ich spüre, wie sich seine Arme ebenfalls um mich schlingen und er mir beruhigend über den Rücken streichelt. „Dafür nicht, ich bin immer für dich da. Ist doch scheiß egal, mit wem du zusammen bist. Solange ich ihn mag, natürlich.“ Ich höre deutlich das Grinsen in seiner Stimmt und muss ebenfalls schmunzeln.
„Das hoffe ich doch.“, sage ich und löse mich von ihm.
Er schnaubt. „Aber natürlich, du hättest dir keinen besseren aussuchen können.“, meint er und zwinkert Felix zu, der sofort verlegen wird und auf den Boden schaut.
„Da hast du Recht.“, stimme ich ihm zu, schlinge einen Arm um Felix und ziehe ihn an mich, um ihn einen Kuss auf die Wange zu drücken.
„Hey.“, protestiert er lachend und versucht mich halbherzig weg zudrücken.
Ich lache nur und schlinge auch noch meinen zweiten Arm um ihn. „Vergiss es, dich lasse ich so schnell nicht mehr gehen.“
„Hab ich was verpasst?“
Erschrocken wirbeln wir alle herum und blicken zur Tür, wo Mischa, locker an den Türrahmen gelegt, steht und uns eher weniger überrascht ansieht.
„Die beiden haben es endlich geschafft.“, erklärt Kai und grinst Mischa an, wobei ich glaube, einen etwas lauernden Unterton zuhören. Aber das bilde ich mir bestimmt ein. Ich meine, warum sollte Kai skeptisch gegenüber Mischa sein? Er mochte ihn doch von Anfang an und ich glaube auch nicht, dass er ihn nicht mag oder ihm misstraut.
Mischas Gesichtszüge entspannen sich, bis er uns sanft anlächelt. „Na dann, Glückwunsch! Ich bin froh das ihr es geschafft habt.“ Ich erwidere sein Lächeln, während Felix ihn kurz umarmt.
„Ist alles gut?“, raune ich Kai zu, während wir die beiden beobachten.
Aus den Augenwinkeln sehe ich, dass er leicht nickt. „Ich war ehrlich gesagt ein wenig besorgt, wie er es aufnimmt, aber er hat sich anscheinend seine Gedanken gemacht.“ , antwortet er ebenso leise. Erleichtert nicke ich ebenfalls. Ich scheine mir also nicht nur einzubilden, dass Mischa kein Problem damit hat, das Felix und ich jetzt zusammen sind. Zum Glück, sonst hätte das ganze echt unschön werden können.
„Und was machen wir jetzt?“, fragt Mischa und schaut uns alle fragend an.
Ich zucke mit den Schultern. „Andrea hat eben etwas von Kuchen gesagt.“
Kai ist sofort hellauf begeistert. „Also ich weiß ja nicht was ihr drei jetzt macht, aber ich werde jetzt definitiv runter gehen und Kuchen essen.“, verkündet er und hat sich schon an uns vorbei aus dem Zimmer gedrängelt.
Belustigt schnaube ich und schüttle den Kopf. „Du bist so verfressen!“, rufe ich ihm hinterher.
Felix und Mischa fangen an zulachen. „Tu  doch nicht so, als wüsstest du das noch nicht.“, meint Felix schmunzelnd und greift vorsichtig nach meiner Hand. „Außerdem würde ich jetzt auch gerne ein Stück Kuchen essen, also lass uns runter gehen, bevor gleich nichts mehr da ist.“
„Ach, du kennst doch meine Mutter, die backt immer für eine ganze Armee.“, winkt Mischa belustigt ab. „Das wird selbst Kai nicht schaffen, dass alles in ein paar Minuten zu vernichten.“
„Trotzdem, ich hab Hunger.“ Damit dreht er sich um und zieht mich hinter sich her aus meinem Zimmer und die Treppe hinunter. Gut gelaunt laufe ich hinterher, Mischa folgt uns, der Geräuschkulisse nach, ebenfalls, wenn auch etwas langsamer.
„Da seid ihr ja. Ich dachte schon ihr kommt gar nicht mehr.“, begrüßt uns Kai, als wir ebenfalls ins Esszimmer kommen, wo er schon am Tisch sitzt, mit einem großen Stück Kuchen auf seinem Teller versteht sich.
Papa und Andrea werfen sich einen belustigten Blick zu. „Jetzt setzt euch und nehmt euch ein Stück, sonst bekommt ihr nichts mehr ab.“, meint Papa grinsend und deutet auf die drei freien Stühle.
Gesagt getan, sofort setzen wir uns und nehmen uns je ein Stück Kuchen. Erst jetzt merke ich, dass auch ich einen ziemlichen Kohldampf habe. Aber naja, wir haben heute Mittag auch alle nicht so viel runter bekommen, allen voran Felix, weshalb es auch nicht verwunderlich ist, dass gerade er ziemlich reinhaut und mit ordentlich Appetit seinen Kuchen mampft. Lächelnd beobachte ich ihn dabei, wenn auch nur aus den Augenwinkeln, ich will ja nicht wie der letzte Creep rüber kommen.
„Der Kuchen ist wirklich lecker.“, lobt Kai, während er sich ein zweites Stück nimmt.
Andrea wird tatsächlich leicht rot. „Danke, aber der ist doch nichts besonderes. Nur ein einfacher Apfelkuchen.“, winkt sie ab.
„Trotzdem, er schmeckt echt gut.“, bekräftigt er. Ich nicke zustimmend und auch Mischa und Felix murmeln, mit vollem Mund, irgendetwas unverständliches, dass anscheinend ebenfalls ein Lob ausdrücken soll. Ich kichere leise vor mich hin. Ich bin gerade so gut gelaunt, ich könnte wirklich die ganze Welt umarmen. Ich stecke voller Energie und habe das Gefühl, dass ich jeden Moment platzen könnte.
„Ist alles in Ordnung bei dir, Leo?“, schreckt mein Vater mich aus meinen Gedanken.
Desorientiert sehe ich ihn an. „Warum fragst du? Was soll sein?“
„Du bist irgendwie so abwesend.“, erklärt er seine Frage und sieht mich besorgt an.
Ich schüttle den Kopf und mache eine wegwerfende Handbewegung. „Nee, alles in Ordnung. Sogar mehr als das, ich bin einfach nur gut gelaunt.“, verkünde ich und zwinkere Felix zu, der sofort wieder rot anläuft.
Das entgeht natürlich weder Papa noch Andrea. „Na, habt ihr beiden etwas, das ihr uns sagen wollt?“, fragt Papa.
Ich nicke leicht. Ich habe keine Angst den beiden zu erzählen, dass wir jetzt zusammen sind. Eigentlich hätte ich damit gerechnet, dass ich noch ein paar Zweifel habe, aber wenn ich ehrlich bin mache ich mir gar keine Gedanken. Mit Papa habe ich ja mehr oder weniger schon drüber gesprochen und ich glaube nicht, dass Andrea damit ein Problem hat. Warum sollte sie auch. Deshalb bin ich ich komplett ruhig, als ich Felix Hand wieder in meine nehme und sie sanft drücke, nachdem ich unsere Finger miteinander verschränkt habe. „Wir sind zusammen.“, sage ich kurz und knapp.
Auf Papas Lippen breitet sich ein breites Grinsen aus und auch Andrea, wenn auch etwas überrascht, lächelt. „Das freut mich so für euch.“, verkündet Papa und sieht dabei irgendwie stolz aus.
„Ich freue mich auch.“, sagt Andrea mit einem sanften Lächeln und streicht sich eine Strähne ihrer braunen Haare hinter das Ohr. „Ich wusste gar nicht das du schwul bist.“
Ich schüttle den Kopf. „Ich bin auch nicht schwul.“ Verwirrt runzelt sie die Stirn. „Also, ich glaube, mir ist das Geschlecht einfach egal. Wenn es mit der Person stimmt und man einfach merkt, dass es passt, dann sollte es nicht am Geschlecht scheitern, finde ich zumindest.“, erkläre ich, bevor sie noch etwas sagen kann.
Sie überlegt einen Moment, zuckt dann aber nur mit den Schultern. „Solange ihr damit glücklich seid, ist es ja eh egal.“ Damit steht sie auf, kommt um den Tisch herum, legt einen Arm um mich und drückt mir einen Kuss auf den Kopf, bevor sie sich die Kuchenplatte nimmt und damit in die Küche verschwindet, um sie wieder aufzufüllen. Wie versteinert sitze ich da. Diese Geste war irgendwie so mütterlich und hat so viel Liebe und Fürsorge ausgedrückt, dass ich mich einen Moment komplett überwältigt davon fühle.
Papa scheint meinen Stimmungsumschwung zu bemerken, denn er mustert mich besorgt. Ich schüttle leicht meinen Kopf und lächle ihn dann beruhigend an. Ich möchte die anderen jetzt nicht beunruhigen, vor allem, weil ja eigentlich nichts los ist. Ich fühle mich von der mütterlichen Liebe, von der ich anscheinend vergessen habe, wie sie sich anfühlt, gerade nur ein bisschen überfahren, nichts schlimmes also.
In diesem Moment spüre ich, wie Felix vorsichtig meine Hand drückt und mit seinem Daumen sanft über meinen Handrücken streichelt. Ich werfe ihm ein liebevolles Lächeln zu, bevor ich mich zu ihm herüber beuge und ihm einen leichten Kuss auf den Mundwinkel hauche. Natürlich wird er sofort wieder rot und schiebt mich peinlich berührt von sich weg, aber seine Augen strahlen regelrecht und auch sein Grinsen könnte nicht breiter sein, als es gerade ist.
„Ihr seid schon echt süß zusammen.“, bemerkt mein Fast-Bruder grinsend, als er seine Kaffeetasse erneut auffüllt. Das ist auch so etwas, was ich in den letzten Wochen bemerkt habe, Mischa liebt Kaffee über alles.
Grinsend strecke ich ihm die Zunge raus. Felix hingegen zieht nur eine Grimasse. „Ich bin nicht süß.“, meint er und verschränkt empört die Arme vor der Brust, was es nicht gerade besser macht, da ich immer noch seine Hand halte und das ganze dadurch einfach nur ungelenk und, meiner Meinung nach, absolut niedlich aussieht.
„Oh doch, ihr seid beide absolut süß zusammen.“, stimmt Kai lachend zu und klatscht sich mit Mischa ab.
Besänftigend lege ich meinen Arm um meinen Freund. „Lass dich von den beiden doch nicht ärgern.“, raune ich ihm ins Ohr. „Außerdem siehst du wirklich niedlich aus, vor allem wenn du so schmollst.“ Damit drücke ich ihm einen Kuss auf die Wange.
„Aber mal eine andere Frage, habt ihr euch schon überlegt, wie das Ganze in der Schule aussehen soll?“, erkundigt Kai sich vorsichtig. „Also, nur damit Mischa und ich keine unpassende Bemerkung loslassen.“
Ich seufze und fahre mir mit einer Hand über das Gesicht. „Ich möchte es erst mal noch nicht jedem erzählen. Glaube ich zumindest. Ich meine, die wichtigen Leute wissen es ja schon. Ach, ich weiß auch nicht.“ Überfordert vergrabe ich mein Gesicht in meinen Händen. Eigentlich hatte ich das ja schon mit mir selbst und auch mit Felix schon geklärt, aber es hier nochmal auszusprechen... ich komme mir so blöd vor. Warum sollte ich mich und das was ich bin verstecken?
Mischa legt beruhigend seine Hand auf meine Schulter. „Jetzt mach dir nicht so einen Druck, du hast alle Zeit der Welt. Keiner drängt dich dazu, gleich mit Regenbogenfarnen durch die Schule zu hüpfen.“, versucht er mich aufzumuntern und tatsächlich entlockt er mir damit ein kleines, aber ehrliches Lächeln.
„Genau. Egal wie du dich entscheidest, wir stehen hinter dir.“, stimmt auch Kai zu.
Felix beschränkt sich darauf seinen Kopf auf meine Schulter zu legen und mir einen Kuss auf den Hals zu hauchen. Ein angenehmer Schauer läuft meinen Rücken hinunter und ich lehne meinen Kopf an seinen.
„Denk nicht so viel darüber nach. Wir werden die nächsten Tage und Wochen schon sehen, wie es sich entwickelt und wie du dich dabei fühlst. Wie gesagt, ich erwarte nicht von dir, dass du es sofort jedem erzählst.“, erklärt Felix sanft und lächelt mich aufbauend an.
Ich lächle zurück. „Man, manchmal vergesse ich wirklich, was für ein Glück ich mit euch habe.“, sage ich und merke, dass ich ein bisschen rot werde.
„Ach, da erinnern wir dich schon immer wieder dran. Spätestens zu unseren Geburtstagen oder Weihnachten, also mach dir da mal keine Sorgen.“, witzelt Kai und erhält dafür eine leichte Kopfnuss von meinem Vater, der sich das Lachen allerdings auch nicht verkneifen kann.
„So Kinder, ja Michael, ich meine auch dich, jetzt lassen wir das Thema mal sein und reden über etwas anderes.“, entscheidet Andrea in dem Moment. Sie hat sich das ganze ein paar Minuten still angeguckt und scheint jetzt zu dem Entschluss gekommen zu sein, dass sie Felix und mich von der geballten Aufmerksamkeit erlösen will.
Dankbar lächle ich sie an, was sie mit einem verschwörerischen Zwinkern zur Kenntnis nimmt.

Der Rest des Nachmittags plätschert so vor sich hin. Wir machen alle mehr oder weniger gar nichts. Papa und Andrea haben sich im Wohnzimmer irgendeinen Film angemacht, während wir vier uns in das andere Zimmer setzen, das so etwas wie unser zweites Wohnzimmer geworden ist. Nachdem wir Andrea das Zimmer mal als unser Spielzimmer vorgestellt haben, woraufhin sie in schallendes Gelächter ausgebrochen ist und uns erklärt hat, woran sie das erinnert, haben wir beschlossen, es nur noch als zweites Wohnzimmer zu bezeichnen. Nach einer mehr oder weniger hitzigen Diskussion haben wir uns dann darauf geeinigt, dass wir anfangen Prison Break zu schauen, da Felix und Mischa die Serie noch nicht kennen und Kai und ich sie einfach nur geliebt haben, als sie damals raus gekommen ist. Bis heute zählt sie zu einer meiner Lieblingsserien, weshalb ich mir deutlich schlechtere Arten vorstellen könnte, dieses anstrengende Wochenende ausklingen zu lassen.
Inzwischen ist es halb neun, Kai ist vor etwa einer halben Stunde nach Hause gegangen und wir haben beschlossen, dass wir alle heute mal früh zu Bett gehen. Immerhin ist morgen Schule und wir sind alle ziemlich geschafft von dem Wochenende. Mischa ist beim Abendbrot vorhin schon fast eingeschlafen und auch Felix und mir sind immer mal wieder die Augen zugefallen.
„Ich habe keine Lust auf Schule.“, murmelt Felix und kuschelt sich enger an mich. Wir liegen zusammen in meinem Bett, weil das einfach größer ist. Irgendwie stand es gar nicht mehr zur Debatte, ob er jetzt mit bei mir schläft oder in seinem eigenen Zimmer.
Ich drehe mich auf die Seite, sodass ich ihn ansehen kann, auch wenn es schon dunkel im Zimmer ist und ich nur seine Silhouette erkennen kann. „Ich auch nicht. Am liebsten hätte ich jetzt schon Ferien.“
„Das dauert ja zum Glück nicht mehr allzu lange.“, murmelt Felix.
Ich brumme nur zustimmend und lege dann einen Arm um ihn. „Ist das so in Ordnung?“
Er nickt. „Sogar mehr als in Ordnung.“ Die Decke raschelt, als er sich noch einmal zu mir umdreht und mir einen sanften Kuss gibt. „Gute Nacht.“
„Gute Nacht.“, antworte ich. Es dauert noch ein paar Augenblicke, bis wir beide so liegen, dass es für jeden von uns bequem ist und wir einschlafen können. Erst kurz bevor ich selbst in den Schlaf über drifte und als Felix Atemzüge schon langsam und gleichmäßig sind, traue ich mich noch zu flüstern, was mir den ganzen Tag schon auf der Zunge liegt: „Ich liebe dich.“
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