Veränderungen sind nicht immer schlecht

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
29.09.2018
10.10.2019
17
64050
14
Alle Kapitel
40 Reviews
Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
 
Hallo :)
Da bin ich mal wieder mit einem neuen Kapitel. Ich weiß, es ist eine Ewigkeit her, aber ich hatte wahnsinnig viel zu tun in der letzten Zeit :/ Ich hoffe euch gefällt das Kapitel und freue mich wie immer über eure Meinung ;)
GLG red

Kapitel 16
Gerade will ich diesen letzten Abstand überwinden, als die Stimme meines Vaters zu uns herüber weht. „Leo? Felix? Seid ihr hier draußen?“
Sofort schnellen wir auseinander und sehen uns mit roten Gesichtern an, bevor wir beide hektisch den Blick abwenden.
„Ja, wir sind hier.“, rufe ich und räuspere mich, da meine Stimme bei weitem nicht so sicher klingt, wie sonst. Dabei vermeide ich es, in Felix' Richtung zu sehen. Oh Gott, ist das peinlich. Am liebsten würde ich mich jetzt in mein Bett legen und so tun, als sei das eben nie passiert. Wie konnte ich ihm nur so auf die Pelle rücken?
„Ach hier seid ihr? Naja, wo solltet ihr beide auch sonst sein?“ Schmunzelnd sieht Papa, der inzwischen bei uns angekommen ist, auf uns herunter und runzelt dann die Stirn. „Ist irgendwas passiert?“, erkundigt er sich und sieht immer wieder zwischen uns hin und her. „Hab ich euch bei irgendwas gestört?“ Mit einem Mal läuft er rot an, als er anscheinend eins und eins zusammenzählt. Aber auch wenn er ja irgendwie Recht hat, ist es ja doch nicht so, wie er wahrscheinlich denkt.
Überfordert fahre ich mir mit der Hand übers Gesicht. Es ist gerade mal später Vormittag und ich bin schon so erschöpft, wie sonst nach einer ganzen Schulwoche. „Nein, es ist alles okay.“, versichere ich ihm. „Was wolltest du denn?“
Wir bekommen zwar noch einen skeptischen Blick, dann scheint ihm wieder einzufallen, warum er gekommen ist: „Ich sollte euch eigentlich nur fragen, ob ihr lieber Schokoladen- oder Zitronenkuchen haben wollt.“
„Schokolade.“, antworten wir beide wie aus einem Mund. Kurz schauen wir uns an und grinsen, wenden dann allerdings sofort wieder den Blick ab. Man, das habe ich aber ordentlich vergeigt.
„Okay, dann lasse ich euch beide mal wieder allein.“ Mit einem letzten Blick auf uns wendet er sich ab und geht wieder in Richtung Haus.
Sofort breitet sich eine unangenehme Stille zwischen uns beiden aus. Wir wissen anscheinend beide nichts mit der Situation anzufangen, geschweige denn, wie wir mit ihr umgehen sollen. Leicht verzweifelt fahre ich mir mit der Hand durch die Haare, sodass sie bestimmt zu allen Richtungen abstehen, aber das könnte mich gerade nicht weniger kümmern.
„Leo, was...was war das eben?“, durchbricht Felix dann irgendwann leise die Stille.
Überrascht zucke ich zusammen. Ich hätte nicht damit gerechnet, dass er tatsächlich etwas sagt und schon gar nicht damit, dass er dann gleich zum Punkt kommt und so eine Frage stellt. Ich muss krampfhaft schlucken und kann mich nicht dazu bringen, meinen Blick zu heben und ihn anzusehen. Man, ich bin ja sowas von feige. „I-ich weiß es nicht.“, gebe ich leise zu und verstecke mein Gesicht in meinen Händen. „Hör mal, es tut mir Leid, ich wollte dich nicht bedrängen oder so.“, bringe ich dann hervor und sehe ihn nun doch zerknirscht an.
Jetzt ist es an ihm, mich überrascht anzusehen. „Mich bedrängen? Wie meinst du das denn?“
Gequält verziehe ich das Gesicht. „Na...das eben.“
Ich weiß nicht, was genau ich erwartet habe, aber ganz sicher nicht, dass Felix tatsächlich anfängt zu lachen. Zuerst ist es nur ein leises Kichern, doch es wird immer lauter und ehrlicher, bis er am Ende laut und befreit lacht. Ich fühle mich zunehmend unwohler und habe immer mehr das unangenehme Gefühl, dass er mich auslacht.
Das scheint auch Felix zu merken, denn gerade, als ich aufstehen will, greift er nach meinem Handgelenk und sieht mich entschuldigend an. „Tut mir Leid, dass war wahrscheinlich mehr als unpassend.“, entschuldigt er sich und sieht mich, immer noch lächelnd, ernst an. „Meinst du wirklich, dass du mich eben bedrängt hast?“
Ich nicke matt, bin mir, wegen seines Tonfalls aber nicht mehr ganz so sicher.
„Das ist doch Blödsinn. Wenn ich mich bei so etwas bedrängt fühle, dann gebe ich dir das auch zu verstehen. Und es ist ja nicht so, dass du mich großartig zu etwas gezwungen hättest. Ich hätte mich schließlich jeder Zeit weglehnen können.“, erklärt er mir mit einem spitzbübischen Lächeln. „Denk mal drüber nach.“ Und bevor ich weiß wie mir geschieht, lehnt er sich tatsächlich vor und haucht mir einen kleinen Kuss auf die Wange.
Mit offenem Mund und wahrscheinlich knallroten Wangen sehe ich ihn an, als er aufsteht und in Richtung Küche verschwindet. Was war das denn jetzt? Habe ich mir das nur eingebildet oder ist das wirklich passiert? Perplex lege ich meine Hand auf die Stelle, an der eben noch seine Lippen waren. Ein angenehmes Kribbeln scheint sich von dort aus in meinem ganzen Körper auszubreiten. Er hat mich wirklich geküsst! Na gut, nur auf die Wange, aber trotzdem. Aber was genau bedeutet das jetzt? Mag er mich etwa auch? Oder bilde ich mir das nur ein und das war rein freundschaftlich gemeint? Vielleicht wollte er sich auf die Art und Weise auch nur bei mir bedanken? Andererseits meinte er ja auch, dass er sich von mir weggelehnt hätte, wenn er etwas gegen meine Annäherungsversuche gehabt hätte. Also ist das jetzt ein gutes Zeichen?
Mit einem Seufzen lasse ich meinen Kopf nach hinten sinken und schaue in den Himmel. Warum muss das alles denn immer so kompliziert sein? Wahrscheinlich werde ich mir jetzt ewig lange den Kopf darüber zerbrechen, was genau Felix mir jetzt sagen wollte. Und ich habe nicht das Gefühl, dass er den nächsten Schritt machen wird, mal angenommen, es wird überhaupt einen nächsten Schritt geben. Er hat seinen gerade gemacht, jetzt bin ich am Zug. Auch wenn ich im Moment bezweifle, dass ich mich das jemals trauen werde.

„Ich habe ein ungutes Gefühl bei der Sache.“ Das glaube ich dem Rotschopf sofort, denn er sieht aus, als würde er sich jeden Moment übergeben.
„Das wird schon nicht so schlimm werden. Und wir sind doch dabei und helfen dir. Du musst da nicht allein durch.“, versucht Mischa ihn mit sanfter Stimme zu beruhigen.
Kai nickt bekräftigend und legt eine Hand auf Felix' Schulter. „Ganz genau. Wenn der dich nur schief anguckt, dann kriegt er Probleme mit mir.“ Mein bester Freund sieht heute so grimmig aus, wie ich es noch nie erlebt habe. Eigentlich ist er immer gut gelaunt und wenn nicht, dann ist er traurig, genervt oder wütend, aber selten habe ich ihn so gesehen, wie er jetzt drauf ist. Nachdem ich ihn vorhin angerufen habe und um Hilfe gebeten habe, hat er sofort zugestimmt, ohne dass ich ihm irgendetwas erklären sollte. Wahrscheinlich hat er sich das meiste schon selbst zusammen gereimt, nach dem zweifelhaften Auftritt von Felix' Vater. Trotzdem haben wir ihm dann auch noch reinen Wein eingeschenkt und seit dem läuft er herum, als würde er jeden Moment jemanden zu Kleinholz verarbeiten wollen. Aber ich kann ihn verstehen, häusliche Gewalt ist wirklich das letzte. Deshalb bin ich auch wirklich froh, dass Felix da jetzt raus kommt. Das ist doch kein Zustand, so zu leben, Angst in seinem eigenen Zuhause haben zu müssen, was eigentlich für jeden der sicherste Ort der Welt sein sollte!
„Wir sind für dich da, Felix. Du bist nicht mehr allein.“, bekräftigt auch mein Vater und nickt ihm aufmunternd zu.
Einen Moment hadere ich noch mit mir selbst, dann nehme ich, ohne etwas zu sagen, seine Hand und verschränke zaghaft unsere Finger miteinander. Sein Kopf ruckt überrascht nach oben und seine grünen Augen funkeln mich fragend und unsicher an, doch als ich ihn, ziemlich schief, anlächle, breitet sich auch auf seinem Gesicht ein kleines Lächeln aus und er drückt meine Hand.
Mit einem überdimensionalen Grinsen schaue ich wieder zu den Anderen und werde prompt etwas rot. Alle drei schauen auf unsere ineinander verschränkten Hände, allerdings scheint wirklich keiner von ihnen ein Problem damit zu haben. Eher im Gegenteil. Papa sieht ziemlich stolz aus, Kai grinst von einem Ohr zum anderen und auch Mischa lächelt darüber.
„Okay ihr Beiden, rumturteln könnt ihr auch zu Hause, ihr habt ja ab jetzt mehr als genug Zeit, aber wir sollten das jetzt wirklich erst mal hinter uns bringen.“, reißt Kai mich aus meinen Gedanken und Felix wieder in die Wirklichkeit.
Sofort verdunkelt sich sein Gesicht wieder und er sieht aus, als würde er am liebsten auf der Stelle umdrehen und ganz woanders hin gehen. Am besten wohl ans andere Ende der Welt. „Wir schaffen das. Zusammen.“, raune ich ihm ins Ohr und hauche ihm einen Kuss auf die Wange, genauso wie er es vorhin noch bei mir gemacht hat.
Er hält inne, sieht mich mit großen Augen an und holt dann noch einmal tief Luft, bevor er die Schultern strafft und nickt. „Okay. Bringen wir es hinter uns.“
Zusammen gehen wir auf die Haustür zu, Felix in der Mitte, ich gleich neben ihm, da wir immer noch Händchen halten. Auf seiner anderen Seite läuft Mischa und neben ihm mein Vater, während Kai sich neben mir platziert hat. Alles in allem sehen wir aus wie eine Gruppe Krieger, die in den Kampf ziehen.
Vor der Haustür bleibt Felix einen Moment stehen, zögert sichtlich. Er hat de Haustürschlüssel schon in der Hand, doch er scheint sich nicht sicher zu sein, ob er ihn benutzen will oder lieber klingeln sollte. Allein diese Geste macht mir mehr als alles andere deutlich, dass er sich in diesem Haus nicht zu Hause fühlt, sondern wie ein Gast oder eher noch ein Fremder. Mein Herz tut mir ungemein weh und ich würde Felix am liebsten in meine Arme ziehen und nie wieder loslassen, ihn all das Schlimme vergessen lassen. Aber das ist gerade nicht möglich, also beschränke ich mich darauf, zustimmend seine Hand zu drücken und ihm ein aufmunterndes Lächeln zu schenken.
Letztendlich entscheidet er sich tatsächlich dafür klingeln. Kai und ich werfen uns einen vielsagenden Blick zu, verkneifen uns aber jeglichen Kommentar. Trotzdem ist uns beiden klar, dass wir nachher noch viel zu besprechen haben, allein schon damit ich meine ganze Wut und meinen Frust loswerden kann. Aber auch, damit ich ein wenig Ordnung in mein Gedankenchaos bekomme.
Im nächsten Moment schrecke ich abrupt aus meinen Gedanken, denn plötzlich wird die Tür aufgerissen. Der schreckliche Kerl von gestern, Felix Vater, steht in der Tür, und schaut mit Abscheu auf seinen Sohn, der sofort etwas kleiner zu werden scheint. „Was willst du hier, Schwuchtel? Haben die schon keinen Bock mehr auf dich? Kann ich verstehen!“, schnaubt er verächtlich.
„Guten Tag Herr Steffens. Könnten wir bitte reinkommen? Wir haben da ein paar Dinge, die wir gerne mit Ihnen klären würden.“, wendet mein Vater sich höflich an diese Person, die wie eine Dampfwalze vor uns steht.
Verächtlich sieht er meine Vater von oben nach unten an und verzieht dann das Gesicht. „Ich wüsste nicht was ich mit euch besprechen sollte.“, spuckt er die Worte förmlich aus und ich spüre schon die Wut in mir aufkochen. Bei Kai sieht das Ganze nicht besser aus, um das zu wissen, brauche ich ihn nicht einmal anzusehen, das spüre ich förmlich.
„Erstmal kann ich mich nicht daran erinnern Ihnen das Du angeboten zu haben und zweitens wissen Sie ganz genau, dass da so einige Sachen gibt, die wir klären sollten. Und das am besten nicht auf offener Straße, aber wenn Sie da so großen Wert drauf legen, kann ich das natürlich auch hier regeln. Oder gleich mit der Polizei wiederkommen. Dann werden Sie uns vielleicht lieber Herein lassen.“ Betont höflich sieht Papa ihn an und tatsächlich scheint Herr Steffens einzusehen, dass es besser ist, uns einfach reinzulassen.
„Wer war denn an der Tür?“, dringt eine Frauenstimme aus einem Nebenzimmer. Bevor Felix' Vater dazu kommt zu antworten, erscheint eine kleine und ziemlich dünne Frau im Flur, die uns mit verkniffenem Gesicht anstarrt. Als sie Felix erkennt, wird ihr Blick sogar noch finsterer und sie sieht mit solch einer Abneigung an, dass ich sie augenblicklich hasse. Wie kann man sein eigenes Kind nur so ansehen?
„Was willst DU denn hier?“, fragt sie verächtlich und stellt sich neben ihren Mann.
„I-ich...“, fängt Felix kraftlos an, kommt aber nicht weiter.
„Guten Tag. Sie sind bestimmt Frau Steffens, Felix Mutter.“, schaltet mein Vater sich ein und ist auch zu ihr dabei so höflich, wie ich es niemals sein könnte.
Ihr Blick schießt zu Papa hinüber, den sie abschätzig von oben bis unten mustert. „Und wer will das wissen? Was wollen sie überhaupt alle in meinem Haus? Was sollen denn die Nachbarn denken. Jetzt kommt unser missratener Sohn auch noch in Begleitung von vier Männer hierher, dass ist ja absolut abartig! Und das sie als Erwachsener bei so etwas auch noch mitmachen. Sie müssten doch genau wissen wie abartig so etwas ist!“ Bei dem 'so etwas', deutet sie in einer Allumfassenden Geste auf Felix und mir wird augenblicklich schlecht. Der Rotschopf neben mir fängt an zu zittern und es tut mir einfach nur weh ihn so zu sehen und ihm nicht weiter helfen zu können, als für ihn da zu sein.
„Jetzt reicht es aber! Sie sollten wirklich in der Lage sein sich ohne irgendwelche unangebrachten Beleidigungen auszudrücken, ansonsten würde ich Ihnen dringend noch einmal eine Auffrischung ihrer Manieren empfehlen und vielleicht noch den ein oder anderen Abendkurs zu der deutschen Sprache dazu!“, presst Kai zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
Sofort wendet sich die Aufmerksamkeit von Felix' Eltern Kai zu. „Und wer zur Hölle bist du? Wie 'ne Schwuchtel siehst du ja nicht gerade aus, was willst du also hier? Erhoffst du dir mit meinem wertlosen Sohn Geld zu verdienen? Willst dein Glück wohl als Zuhälter probieren.“, höhnt sein Vater.
„Wenn Sie nicht augenblicklich aufhören so etwas zu sagen, dann schwöre ich Ihnen, werde ich sofort die Polizei rufen! Und ich bin mir nicht sicher, ob sie die Wartezeit heil überstehen werden.“ Ich knurre ihn förmlich an, meine Augen sprühen Funken, ich bebe vor unterdrücktem Zorn und alles was mich im Moment davon abhält diesen widerwertigen Menschen anzuspringen, ist Felix' Hand, die meine immer noch umklammert.
„So hast du Bursche nicht mit uns zu reden! Lerne mal, was Respekt bedeutet.“, keift seine Frau sofort los.
Allerdings wird sie sofort rigoros von Mischa unterbrochen: „Sie habe kein Recht von Respekt zu reden, geschweige denn, ihn Ihnen gegenüber zu verlangen!“
„So, jetzt beruhigen wir uns erst einmal alle wieder.“, mischt Papa sich wieder ein. Anscheinend hat er keinen Bock mehr auf dieses Theater, was ich voll und ganz nachvollziehen kann. „Es hat einen Grund, dass wir alle hier sind. Felix hat uns darüber aufgeklärt, wie....wie Ihre familiäre und häusliche Situation ist. Und wir haben alle zusammen entschieden, dass das so ganz und gar nicht weiter gehen kann. Also wird Felix zu uns ziehen. Wir sind hier um seine Sachen abzuholen. Eigentlich dachte ich, man kann sich mit Ihnen an einen Tisch setzen und sich wie Erwachsene über alles unterhalten, aber da habe ich mich anscheinend geirrt. Wenn Sie also noch etwas haben, was Sie unbedingt loswerden wollen, dann wenden Sie sich doch bitte an meinen Anwalt. Ansonsten sind wir hier fertig. Felix, geh bitte deine Sachen packen, Leo und Mischa helfen dir bestimmt dabei.“, wendet er sich nach seiner kleinen Ansprache an uns.
Wir drei nicken sofort und Mischa und ich laufen Felix hinterher in sein Zimmer. Nach einem kurzen Blick über die Schulter registriere ich, dass Kai sich ganz beiläufig in die Tür stellt und sich lässig an den Türrahmen lehnt, womit er ziemlich effektiv den Weg zu uns versperrt.
In Felix' Zimmer angekommen, lehnt er sich erst einmal vollkommen geschafft von innen an die Tür und schlägt sich beide Hände vors Gesicht.
Mischa und ich werfen uns einen unschlüssigen Blick zu, bevor er leise seufzt und mit seinem Kopf in Richtung seines besten Freundes deutet. „Ich glaube, da kannst du ihm jetzt besser helfen. Ich pack schon mal die Sachen zusammen.“, raunt er mir leise zu, wobei ich deutlich den Schmerz in seiner Stimme hören kann. Aber das ist etwas, um dass ich mich später kümmern kann. Im Moment ist es erst einmal wichtiger, dass Felix sich beruhigt.
„Hey.“, sage ich sanft und gehe vorsichtig auf ihn zu. „Du hast es gleich geschafft. Nur noch einmal dadurch und dann musst du sie nie wieder sehen.“, versuche ich ihn aufzumuntern. Er reagiert jedoch gar nicht auf das was ich sage, ich bin mir nicht einmal sicher, ob er mich überhaupt gehört hat. Also mache ich vorsichtig noch einen Schritt auf ihn zu, umfasse seine Handgelenke und ziehe sie mit sanfter Gewalt von seinem Gesicht weg. Tränen laufen seine Wangen hinunter und er guckt mich aus seinen grünen Augen so tieftraurig an, dass ich am liebsten noch einmal zu seinen Eltern gehen würde, um ihnen ordentlich die Meinung zu geigen, aber ich weiß ganz genau, dass das auch keine Hilfe für Felix wäre.
Also beschränke ich mich darauf den Kleineren einfach in meine Arme zu ziehen und sanft hin und her zu wiegen. Sofort schlingen sich seinen Arme fest um meinen Nacken und er vergräbt sein Gesicht an meinem Hals. „Es wird alles gut. Gleich hast du es geschafft.“, raune ich ihm leise ins Ohr und fange dann an, ein altes Schlaflied zu summen, dass meine Mutter mir früher immer vorgesungen hat und das mich immer beruhigt hat. Tatsächlich scheint es zu helfen, denn nach und nach wird seine Atmung wieder ruhiger und sein Schluchzen verwandelt sich in ein leises Schniefen.
„Hey, ich habe jetzt deine Klamotten, die Schulsachen und die Bücher und so eingepackt. Mast du noch mal durchgucken, ob ich irgendwas vergessen habe? Und vielleicht nochmal in Geheimverstecken gucken? Ich habe kein einziges gefunden.“, meldet Mischa sich da wieder zu Wort, als er merkt, dass Felix wieder ruhiger geworden ist. Liebevoll lächelt er ihn an und zeigt auf die drei Taschen, die alle bis oben hin vollgestopft sind mit Zeugs. Erst als ich sehe, wie viel Mischa schon verpackt hat, wird mir bewusst wie lange wir Arm in Arm dagestanden haben und ich werde ein wenig rot.
Felix nickt allerdings nur und geht methodisch von Versteck zu Versteck und holt aus jedem einige Sachen hervor, mal Notizbücher, mal Kleidungsstücke, die seinen Eltern wahrscheinlich nicht wirklich gefallen würden, DVDs und vieles mehr. Ich muss schlucken und wende den Blick ab. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, wie schrecklich es sein muss, in einem Haushalt aufzuwachsen, in dem man nichts als Gewalt und Angst kennt und sogar seine eigenen Sachen in seinem eigenen Zimmer verstecken muss, weil man weiß, dass die Eltern sonst noch mehr durchdrehen als sonst. Wieder einmal wird mir bewusst, wie gut ich es mit meinem Vater getroffen habe.
„So, ich hab dann alles.“, sagt Felix in dem Moment leise und wirft noch einen letzten prüfenden Blick durch das Zimmer. Bis auf die Tatsache, dass die Schränke und Regale jetzt leer sind, hat sich nichts verändert. Die Wände waren auch vorher schon kahl, kein Foto oder Poster oder sonst irgendwas waren aufgehängt und auch sonst war das Zimmer alles andere als persönlich. Es sah eher so aus, als wäre es so ein gestellter Raum in einem Möbelhaus.
Mischa legt tröstend einen Arm um Felix und drückt ihn kurz an sich. „Du wirst sehen, es wird alles besser werden. Du wirst dich bei uns wohlfühlen, glaub mir.“, versucht er ihn aufzumuntern, denn obwohl hier zu wohnen wahrscheinlich nicht besonders schön gewesen ist, scheint Felix traurig zu sein.
„Das weiß ich.“, sagt er und sieht Mischa lächelnd an, bevor sein Blick zu mir streift und er auch mir ein Lächeln schenkt, das ich sofort erwidern muss.
„Dann lasst uns los. Ich denke, Papa und Kai werden auch froh sein, wenn wir hier fertig sind und los können.“ Schwungvoll nehme ich zwei der Taschen in die Hand, während Mischa sich die dritte schnappt.
Wir atmen alle noch einmal tief durch und Felix schaut sich noch ein letztes Mal in seinem Zimmer um, bevor er kurz die Augen schließt und uns dann entschlossen ansieht: „Okay, ich will hier nur noch weg.“
Mischa und ich sehen uns kurz an, überrascht über den plötzlichen Stimmungswechsel, nicken dann aber. Ich gehe mit den Taschen vor, dann kommt Felix und am Ende Mischa, der ebenfalls noch eine Tasche trägt. Wie auf ein unsichtbares Zeichen haben wir Felix sofort in unsere Mitte genommen.
„Hey, wir sind fertig.“, wende ich mich sofort an Papa und Kai, als wir wieder auf die Anderen treffen. Diese sind inzwischen in die Küche gegangen, doch auch hier hat sich Kai wieder in der Tür positioniert. Jetzt macht er uns Platz, damit wir auch in die Küche kommen können, auch wenn es mit sieben Personen und den Taschen wirklich eng ist, vor allem, weil wir alle darauf bedacht sind, so viel Abstand zwischen uns und Felix Eltern zu haben, wie es nur geht.
„Super, dann können wir ja los. Hast du auch alles, Felix?“, fragt Papa Felix noch einmal lächelnd. Der nickt nur, als von seinem Vater ein abfälliges Schnauben kommt.
„Ihr wollt den wirklich mitnehmen? Wie bescheuert kann man eigentlich sein?“, blafft er uns an und lacht dann kalt. „Aber mein Problem soll es nicht sein, endlich bin ich diesen widerlichen Schwanzlutscher los. Egal was ich gemacht hab, er wollte ja nicht aufhören so abartig zu sein. Und ich habe wirklich alles versucht, aber wenn der Junge sich so anstellt und immer gleich losheult, wie ein kleines Mädchen. Du wirst niemals jemanden finden, der dich liebt. Wer will schon jemanden wie dich? Aus dir wird niemals etwas werden, du widerwertig-“ Weiter kommt er nicht, denn Kai hat bei dieser Tirade endgültig seine Beherrschung verloren und diese Person mit einem Kinnhaken zum Schweigen gebracht. Und Kai hat wirklich viel Kraft, deshalb ist es auch kein Wunder, dass es Herrn Steffens nicht nur ein paar Schritte zurück taumeln lässt, wie bei mir gestern, sondern ihn wirklich von den Füßen haut. Von Felix Mutter ist ein entsetztes Kreischen zu hören, doch sie macht keine Anstalten einzugreifen. Zufrieden betrachte ich sein verdutztes Gesicht, auf dem sich dann aber der langsam aber sicher der absolute Wahnsinn breit macht. „Das wirst du noch bereuen du krankes Arschloch.“, knurrt er Kai an, doch der baut sich unbeeindruckt vor ihm auf und schaut angewidert zu ihm hinunter.
„Sie sind eindeutig das 'kranke Arschloch' hier. So wie Sie ihren Sohn behandeln haben sie eigentlich viel schlimmeres verdient! Sie können froh sein, dass ich Sie Felix zu Liebe nicht windelweich schlage.“ Verächtlich guckt er ihn an.
„Ihr werdet schon sehen was ihr euch mit ihm eingefangen habt. Aber DU“, wendet Felix Vater sich an ihn „irgendwann werden sie bemerken, wie widerlich du bist und dann werden sie dich nicht mehr haben wollen! Und dann brauchst du nicht wieder zu uns zurück kommen. Du bist für uns gestorben.“
Felix zuckt unter diesen Worten sichtlich zusammen und Zweifel huschen über sein Gesicht. Schnell greife ich mit meiner freien Hand nach seiner und drücke sie sanft. „Hör einfach nicht hin. Du bist ein wundervoller Mensch und wir werden dich niemals nicht mehr haben wollen.“, sage ich und sehe ihm dabei fest in die Augen. Dann wende ich mich ein letztes Mal an seine Eltern: „Sie haben so einen Sohn wie Felix gar nicht verdient.“ Kalt sehe ich sie an, bevor ich Felix sanft hinter mir her aus dem Haus ziehe. „Na komm, wir gehen nach Hause.“

Besorgt stehe ich am Fenster und schaue hinaus in den Garten, wo Felix sich, gleich nachdem wir hier angekommen sind und seine Taschen in sein Zimmer gebracht haben, hingesetzt hat. Neben mir stehen Mischa und Kai und am anderen Fenster unsere Eltern.
„Ich denke, dass war heute alles ein bisschen viel auf einmal.“, sagt Andrea und seufzt leise. Wir haben ihr natürlich gleich alles erzählt was passiert ist und nach einem strengen Blick an Kai, hat sie ihn wortlos in ihre Arme gezogen und ihm mitgeteilt, dass er jetzt offiziell zur Familie gehört, was er natürlich auch vorher schon getan hat.
Mischa und ich sehen uns wortlos an, bevor er sich von der Anrichte abstößt, an die er gelehnt war und sich demonstrativ räuspert. „Okay, lasst uns mal ins Wohnzimmer oder so gehen und ihm mal ein wenig Privatsphäre gönnen. Ich glaub nicht, dass es ihm gefallen würde, wenn er merkt, dass wir hier die ganze Zeit stehen und ihn beobachten.“, stellt er fest.
Papa seufzt und geht ebenfalls ein paar Schritte vom Fenster weg. „Da hast du wohl Recht. Komm Andrea, wir gehen ins Wohnzimmer und sehen ein bisschen fern. Kai, willst du heute hier mit Abendbrot essen? Wir haben auch noch ziemlich viel Kuchen.“
„Michael, du kennst mich doch. Bei Kuchen bin ich immer dabei.“, grinst mein bester Freund verschmitzt und boxt mir dann kumpelhaft auf die Schulter. „Ich geh mal in dein Zimmer und hör ein bisschen Musik. Du bist ja de nächste Zeit erstmal beschäftigt, denke ich.“ Vielsagend sieht er mich an. Ich werde ein wenig rot und grinse dann schief.
„Du machst das schon. Muntere ihn ein wenig auf.“, meint auch Mischa mit einem Lächeln, bevor er einen Schritt auf mich zu kommt: „Selbst ein Blinder merkt das ihr beide euch mögt. Also mach dir keine Gedanken, dass er deine Gefühle nicht erwidern könnte. Das tut er. Vertrau mir.“
Überrascht sehe ich ihn an. Ich hätte ehrlich gesagt nicht damit gerechnet, dass er es gut finden würde, wenn Felix und ich zusammen kommen sollten. Nicht nach heute Morgen. Aber vielleicht war er heute morgen wirklich einfach nur komplett mit der Situation überfordert. Schließlich ist dieses Wochenende ziemlich viel passiert und dann noch die Art wie Felix und ich jetzt miteinander umgehen, dass war vor Freitag ja auch nicht so. Meine Güte, irgendwie kommt mir das Wochenende gerade auch unglaublich lang vor, es ist soviel passiert. Ich erwidere Mischas Lächeln leicht und nachdem er mir noch kurz aufmunternd auf die Schulter geklopft hat, geht auch er nach oben.
Ich atme tief durch, schnappe mir noch eine Decke aus dem Flur und gehe dann mit meiner Beute nach draußen, wo Felix schon wieder auf der Hollywoodschaukel sitzt. Seine Beine hat er an den Körper gezogen, die Arme auf den Knien verschränkt und den Kopf auf die Arme gebettet. Er sieht so unglaublich verloren aus.
„Hi.“, sage ich leise um ihn nicht zu erschrecken. Natürlich zuckt er trotzdem zusammen und reißt so ruckartig seinen Kopf nach oben, dass ich seinen Nacken knacken höre. Seine Augen sind ganz rot und geschwollen und er sieht allgemein so wahnsinnig verheult aus. Es tut mir einfach so weh ihn so zu sehen. „Sorry, ich wollte dich nicht erschrecken.“, sage ich kleinlaut. „Darf ich mich zu dir setzen?“
„Klar, ich, ähm...“, fahrig wischt er sich mit seinen Händen übers Gesicht. „Tut mir Leid, ich...“ Wieder stockt er und wischt sich erneut mit beiden Händen über die Augen.
Ich schüttle ungläubig den Kopf, als ich mich zu ihm setze. „Warum entschuldigst du dich denn jetzt? Du hast doch gar nichts gemacht.“, sage ich und verstehe es wirklich nicht.
„Weil...weil ich schon wieder rumheule wie ein... wie ein kleines Mädchen.“, bringt er leise hervor und vergräbt sein Gesicht wieder in seinen Händen.
In mir fängt es schon wieder an zu brodeln, als ich bemerke, dass es die gleiche Formulierung ist, die sein Vater vorhin benutzt hat. Das kann doch nicht wahr sein, dass er wirklich glaubt was sein Erzeuger da vom Stapel gelassen hat. Aber meine Wut hilft ihm nicht weiter, deshalb hole ich tief Luft, zähle innerlich bis zehn und nehme ihn dann schweigend in den Arm.
Es dauert einen Moment, doch dann entspannt er sich und lehnt sich an mich. Er weint schlimmer, als ich es je erlebt habe. Sein Körper wird von unregelmäßigen Schluchzern erschüttert und seine Finger zittern so sehr, dass ich Angst habe, er könne sich damit in die Augen stechen. Sanft umfasse ich mit einer Hand seine Hände und ziehe sie von seinem Gesicht weg auf seine Beine. Sofort vergräbt er sein Gesicht an meiner Brust, scheint sich vor mir verstecken zu wollen, sich zu schämen, dass ich ihn so sehe. Absoluter Schwachsinn. Aber ich sage nicht, streiche ihm nur immer weiter über den Rücken und summe wieder das Schlaflied meiner Mutter. Es scheint ihn zu beruhigen, denn irgendwann, auch wenn es deutlich länger als vorhin dauert, wird er ruhiger und zuckt nicht mehr so unkontrolliert.
Als er sich letztlich wieder komplett beruhigt hat, löst er sich von mir und wendet sich mit knallrotem Gesicht von mir ab, wischt sich schon wieder mit den Händen übers Gesicht und senkt dann den Blick.
„Hey, du musst dich nicht schämen, okay.“ Sanft sehe ich ihn an und nehme wieder seine Hand in meine. „Es ist okay zu weinen. Das hat nichts mit Schwäche zu tun. Im Gegenteil, ich finde du bist unglaublich stark.“, sage ich ernst.
Ungläubig blickt er auf und sieht mich mit geweiteten Augen an. „D-das stimmt nicht. Jungs sollten nicht weinen und Männer schon mal gar nicht.“, widerspricht er, doch es klingt einfach nur stumpf, als wäre es das, was sein Vater und vielleicht auch seine Mutter ihm schon jahrelang eingetrichtert haben.
„Das ist Blödsinn. Was meinst du wie ich damals geheult habe, als meine Mutter gestorben ist. Ich bin manchmal tagelang kaum aus meinem Zimmer gekommen und habe den ganzen Tag geweint. Mein Vater genauso. Es ist etwas ganz normales, wenn man weint. Das hat nichts mit dem Alter, dem Geschlecht oder Stärke und Schwäche zu tun. Im Gegenteil, ich finde es ist ein Zeichen der Stärke, wenn man weint und sich damit seine Gefühle eingesteht.“ Er schnieft und scheint mir immer noch nicht ganz zu glauben. Aber das werde ich auch nicht innerhalb von ein paar Minuten schaffen, immerhin hat er sich sein Leben lang anhören dürfen, dass es eben etwas schlechtes ist.
„Felix, du bist ein wundervoller Mensch. Egal was deine Eltern sagen. Hör nicht auf sie. Du bist toll und jeder der dich kennt, kann sich glücklich schätzen. Du bist immer noch so lieb und freundlich, trotz der ganzen Scheiße die du erlebt hast und das ist etwas wundervolles, nicht viele Menschen können das von sich behaupten. Du bist nett, klug, offen, witzig, ehrlich, siehst gut aus und bist so unglaublich niedlich. Und das kann dir keiner nehmen. Also lass dir niemals wieder einreden, dass du nichts wert bist und es nicht wert bist geliebt zu werden! Denn du bist es absolut wert!“ Während meiner kleinen Ansprache werden seine Augen immer größer und ungläubiger, bis er mich einfach mit offenem Mund und riesigen Augen anstarrt. Und in diesem Moment kann ich einfach nicht anders. Wie in Zeitlupe beuge ich mich vor, umfasse sein Gesicht mit beiden Händen und drücke meine Lippen ganz sanft auf seine.
Review schreiben