Veränderungen sind nicht immer schlecht

GeschichteRomanze, Freundschaft / P16 Slash
29.09.2018
10.10.2019
17
64050
14
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Dieses Kapitel
3 Reviews
 
 
Moin moin :)
Hier bin ich mal wieder mit einem neuen Kapitel. Danke für die lieben Reviews die ich bekommen habe und für die Favoriteneinträge natürlich :)
Ich hoffe das neue Kapitel gefällt euch :)
GLG red

Kapitel 15
Das erste was ich am nächsten Morgen wahrnehme, sind weiche Haare, die mich an der Nase kitzeln und ein unglaublich beruhigender und anziehender Geruch. Entspannt und seltsam zufrieden schmiege ich mich dichter an die Wärmequelle heran und bin mit mir selbst und der Welt vollkommen zufrieden. Erst als sich die Wärmequelle langsam zu regen beginnt, erinnere ich mich langsam an Gestern und daran, wer da in meinen Armen liegt.
Träge öffne ich meine Augen und starre auf einen roten Haarschopf, der sich direkt vor meinem Gesicht befindet. Ein leises Lächeln schleicht sich auf mein Gesicht. Wir liegen beide auf der Seite, Felix mit seinem Rücken zu mir, ich habe meinen Arm um seine Seite geschlungen und seine Hand liegt auf meiner. Wir wirken wirklich wie ein Pärchen. Aber der Gedanke macht mir überhaupt nichts aus, ich finde ihn eher schön. „Guten Morgen.“, flüstere ich ihm leise ins Ohr und beobachte mit einem zufriedenen Grinsen, wie sich eine Gänsehaut auf seinen Armen bildet.
„Guten Morgen.“, kommt es zurück, wobei er ganz rote Ohren bekommt. Das fällt mir sonst nie so auf, da sie meistens von seinen Haaren verdeckt werden. Andächtig fahre ich die Kontur seines rechten Ohres nach, was ihm einen Schauer den Rücken hinunter jagt. Er ist so empfindlich was Zuneigung angeht. „Woher wusstest du das ich wach bin?“
Ich zucke mit den Schultern und setze mich langsam auf. „Deine Atmung war zu unregelmäßig.“, erkläre ich und grinse zu ihm hinab. Er ist wirklich niedlich so zerknautscht und verschlafen. Müde reibt er sich mit einer Hand über die Augen und streckt sich dann wie eine Katze. „Hast du gut geschlafen?“, erkundige ich mich, während ich aufstehe und die Jalousie hochziehe. Leicht geblendet kneife ich die Augen zusammen und drehe mich wieder in Richtung Felix, der daraufhin ertappt zusammenzuckt und schnell woanders hinschaut. Hat er mich etwa angestarrt? Wenn ja, bedeutet das dann, dass er mich vielleicht auch ein wenig mag? Oder hat er mich nur zufällig gerade angesehen, als ich mich umgedreht habe?
„Ja, erstaunlicher weise schon. Danke...das ich hier schlafen durfte.“
„Immer wieder gerne. Dafür brauchst du dich nicht bedanken.“ Ich lächle ihn an und gehe dann zu meinem Schrank hinüber, wo ich mir ein Shirt, frische Boxershorts und meine Jogginghose heraus hole. „So, ich gehe jetzt duschen, bis gleich.“ Vor mich hinpfeifend gehe ich ins Badezimmer, wo ich meine Morgentoilette erledige und dann schnell unter die Dusche springe.
Als ich etwa eine viertel Stunde später mir noch nassen Haaren wieder in mein Zimmer gehe, liegt Felix zu meiner Überraschung immer noch in meinem Bett und hat sich in meine Decke eingekuschelt. „Na, ist es hier so gemütlich?“, frage ich belustigt.
Erschrocken zuckt er zusammen und setzt sich ruckartig kerzengrade auf. „W-was? Sorry, ich, äh...Ja, es war grade so...gemütlich.“, stottert er und sieht beschämt auf seine Hände, die er in seinem Schoß gefaltet hat.
Schmunzelnd gehe ich zu ihm hinüber und setze mich auf die Bettkante. „Na dann. Aber willst du nicht mit runter kommen? Es gibt sicher schon Frühstück.“
Von der Idee scheint er nicht allzu begeistert zu sein. „Ähm, eigentlich nicht.“, gibt er ehrlich zu.
„Ach komm schon. So schlimm wird es schon nicht werden. Außerdem glaube ich, dass die beiden warten werden, bis Mischa wieder da ist.“, versuche ich ihn ein wenig aufzumuntern. „Und ich bin die ganze Zeit für dich da, wenn du das willst.“
Immer noch nicht ganz überzeugt verzieht er das Gesicht, steht dann aber tatsächlich auf. „Meinst du wirklich?“, fragt er zögernd.
Ich nicke sofort bekräftigend und lege einen Arm um seine Schultern. „Ganz sicher. Sie werden auch nicht willen, dass du alles zwei mal erzählen musst. Und nun komm schon, ich habe Hunger.“ Bestätigend knurrt mein Magen genau in dem Moment und wir müssen beide unweigerlich grinsen.
„Na dann.“, schmunzelt er, wobei seine Augen wieder so wunderbar strahlen.
Einen Moment scheine ich in ihnen zu versinken, dann schüttle ich kurz den Kopf und fokussiere mich wieder auf meine Umwelt. „Super.“ Enthusiastisch gehe ich nach unten, wobei ich die ganze Zeit darauf achte, dass Felix auch wirklich genau hinter mir ist.
„Guten Morgen.“, grüße ich fröhlich in die Runde, als ich die Küche betrete, bleibe dann aber ziemlich geschockt in der Tür stehen. Vor mir am Küchentisch sitzen nicht nur Papa und Andrea, sondern auch Mischa. Er hat fürchterliche Augenringe und sieht allgmein unheimlich müde und kaputt aus. Vor ihm auf dem Tisch steht eine Tasse Kaffee, die er mit beiden Händen umklammert hält. Als er meine Stimme hört ruckt sein Kopf sofort nach oben, sein Blick huscht kurz zu mir und dann weiter zu Felix. Erleichtert lächelt er, als er sieht, dass es Felix gut geht.
„Hi ihr beiden.“, meint er mit einem schiefen Lächeln und steht auf, um Felix in eine feste Umarmung zu ziehen, die dieser auch sofort erwidert. „Was machst du bloß für Sachen?! Da ist man mal ein Wochenende weg und hier passiert so etwas.“, nuschelt mein Fast-Bruder vorwurfsvoll.
„Tut mir Leid.“, kommt es leise zurück.
Ich komme mir ein bisschen blöd vor, wie ich hier neben den beiden stehe und setze mich deshalb zu meinen Eltern mit an den Tisch. „Seit wann ist Mischa denn wieder da?“, frage ich, immer noch ein bisschen überrascht und beobachte die beiden, wobei ich tatsächlich einen kleinen Stich der Eifersucht in mir spüre. Totaler Schwachsinn, immerhin weiß ich, dass die beiden nur beste Freunde sind und Mischa hetero ist. Allerdings bin ich ja auch hetero. Jedenfalls habe ich das immer angenommen, wahrscheinlich stimmt das so nicht ganz.
„Er ist heute Morgen ganz früh gekommen, hat noch einen Nachtzug genommen, nachdem wir ihm erzählt haben, was alles passiert ist. Eigentlich wollte er erst heute morgen losfahren, aber das Ganze hat ihm anscheinend keine Ruhe gelassen.“, erklärt Andrea mir und schiebt mir eine Tasse Kaffee hin. Dankbar nehme ich sie an. „Aber er ist nun mal sein bester Freund, da ist es ja klar, dass Mischa da nicht ruhig zu Hause bleiben kann. Du würdest bestimmt auch sofort kommen, wenn etwas mit Kai passiert wäre.“ Abwesend nicke ich und trinke erst einmal einen Schluck.
In dem Moment, in dem ich die Tasse wieder wegstelle, schlingen sich von hinten aufeinmal zwei Arme um meine Schultern. „Hey Brüderchen.“, werde ich jetzt ebenfalls begrüßt.
„Hi.“, antworte ich grinsend und drehe meinen Kopf ein Stück, damit ich ihn ansehen kann. „Wie geht’s dir?“
Seufzend löst er sich von mir und setzt sich wieder auf seinen Stuhl „Es geht. Ich bin ziemlich müde, aber sonst ist bei mir alles okay. Was man von euch ja nicht sagen kann.“ Dabei schweift sein Blick zu Felix, der immer noch in der Tür steht.
Ich folge seinem Blick und deute dann einladend auf den Platz zwischen Mischa und mir. Zögernd folgt Felix meiner Aufforderung und setzt sich auf den noch freien Stuhl. Etwas verwundert beobachte ich ihn dabei, bis mir klar wird, dass ich ihn vorhin noch damit beruhigt habe, dass wir noch nicht darüber reden werden, wenn Mischa nicht da ist. Und eben jener sitzt jetzt mit am Tisch und scheint gar nicht zu wissen, welche Frage er zuerst stellen soll.
„Kannst du mir mal eine Scheibe Brot geben?“, bitte ich Mischa.
Abwesend nickt er und hält mir den Brotkorb entgegen, schaut dabei aber weiterhin zu Felix, scheint ihn regelrecht niederzustarren. Dieser wird unter dem Blick immer kleiner und scheint sich immer unbehaglicher zu fühlen, was eigentlich ein Wunder ist, denn ich hätte das nicht für möglich gehalten. Vielsagend sehe ich Mischa an, doch auch das bemerkt er gar nicht.
„Felix?“ Wie geschlagen zuckt er zusammen und sieht fast schon ängstlich zu seinem besten Freund. „Du weißt doch, dass du mit mir über alles reden kannst, oder?“
Gequält sieht er ihn an, nickt dann aber.
„Warum hast du mir dann nie erzählt, wie schlimm es bei dir zu Hause wirklich ist?“ Mein Fast-Bruder klingt wirklich verletzt.
Felix verzieht das Gesicht, öfnnet ein paar Mal seinen Mund und schließt ihn dann wieder. Offensichtlich weiß er nicht, was er sagen soll, wie er erklären soll, warum er nie etwas gesagt hat. Er tut mir so unsagbar leid und alles in mir schreit danach, ihn zu beschützen.
„Mischa, jetzt lass uns doch erstmal wach werden und in Ruhe frühstücken. Danach können wir immer noch über die ganze Sache reden.“, versuche ich ihn ein wenig zu beruhigen und greife unter dem Tisch nach Felix' Hand, um sie beruhigend zu drücken. Einen kurzen Moment zuckt er zurück, doch gerade als ich meine Hand wegziehen wieder wegziehen will, verschränkt er wie in Zeitlupe undere Finger miteinander und schenkt mir ein schüchternes Lächeln. Ich erwidere es und komme mir dabei wirklich dämlich vor, immerhin macht mich eine so einfache Berührung so dermaßen glücklich.
Einen Moment sieht es so aus, als ob Mischa protestieren will, doch dann schaut er wieder zu Felix hinüber und seufzt leise. „Na gut. Aber wir müssen da wirklich noch drüber reden. Das ist nichts, was man einfach totschweigen könnte.“, erinnert er und sieht seinen besten Freund ernst an.
Dieser verzieht zwar das Gesicht, nickt aber widerstrebend.
Das Essen wird alles andere als entspannt und harmonisch. Das kommende Gespräch hängt wie eine dunkle Wolke über uns und drückt die Stimmung erheblich nach unten. Felix bekommt kaum etwas herunter, Mischa starrt auf seinen Kaffee, als würde der ihm alle Antworten geben, die er haben möchte, Andrea fährt sich immer wieder nervös durch die Haare und schaut alle paar Sekunden auf die Uhr, als würde die Zeit dadurch schneller vergehen und Papa isst eher lustlos sein Frühstück. Ich beobachte die Anderen und schiebe seufzend meinen Teller ein Stück von mir weg und verschränke die Arme. Das wird doch so nichts.
Felix scheint das auch einzusehen, denn er strafft seinen Rücken und sieht mit festem Blick zu Mischa. „Was willst du wissen?“ Seine Stimme zittert leicht und verrät, dass er bei weitem nicht so selbstsicherer ist, wie er gerade tut. Auch wenn er es gerne wäre.
„Alles.“, kommt es wie aus der Pistole geschossen von ihm zurück. Als Felix jedoch das Gesicht verzieht, wird er etwas genauer: „Was genau war das gestern mit deinem Vater? Warum ist er hier aufgetaucht und hat so ein Theater gemacht?“
Einen Moment herrscht angespannte Stille. Wir schauen alle gespannt zu Felix, der mit ineinander verschränkten Händen dasitzt. „Mein Vater war....nicht sehr begeistert, dass ich an diesem Wochenende hergekommen bin.“, fängt er schließlich an, den Blick starr auf seine Hände gerichtet. Wie gerne würde ich jetzt wieder seine Hand nehmen oder ihn in meine Arme ziehen, um ihn ein wenig zu trösten, aber ich traue mich nicht. Was, wenn er diese Nähe gar nicht will und stattdessen unangenehm findet.
„Aber warum denn nicht? Du bist doch sonst auch jedes Wochenende hier.“ Verständnislos sieht Andrea den Rotschopf an.
Hilflos zuckt er mit den Schultern. „Ich habe keine Ahnung. Ich hatte meinen Eltern schon erzählt, dass ich dieses Wochenende nicht zu euch kommen kann und sie waren beiden...nicht wirklich begeistert. Aber dann hat Leo mich am Freitag angerufen und gerfragt, ob ich nicht trotzdem vorbeikommen will. Also habe ich Bescheid gesagt und bin dann hierher gefahren-“
Ich schüttle den Kopf. „Da fehlt doch was. Du warst total außer Atem und fast schon panisch, als du hier angekommen bist.“, unterbreche ich ihn. Ich muss einfach wissen, was wirklich passiert ist, warum er so abgehetzt war. Und die Anderen haben auch ein Recht darauf, Bescheid zu wissen. Er kann nicht immer alles in sich reinfressen, dann wird ihm nie jemand helfen können. Mit großen Augen sieht er mich an, scheint fast schon verletzt zu sein, dass ich das vor allen anspreche. Aber es muss sein. Ich halte seinem Blick stand. „Felix, dir wird hier niemand etwas tun oder dich verurteilen. Wir sind alle für dich da und wollen dir nur helfen.“ Sanft lege ich meine Hand auf seinen Arm und streiche beruhigend mit meinem Daumen über seine Hand. „Aber dafür musst du uns die Wahrheit sagen. Die ganze Wahrheit.“ Eindringlich sehe ich ihn an.
Eine einsame Träne läuft seine Wange hinunter. Es zerreißt mir das Herz, ihn so traurig zu sehen. Ohne weiter darüber nachzudenken breite ich meine Arme aus. Mit großen Augen sieht er mich an und aus den Augenwinkeln kann ich den verwirrten Blick von meinem Fast-Bruder sehen, doch keine Sekunde später steht er tatsächlich auf und kommt zu mir, steht leicht unschlüssig vor mir, bis ich ihn sanft auf meinen Schoß ziehe und meine Arme um ihn schlinge. Mischa, Papa und Andrea versuche ich, so gut es geht, zu ignorieren, obwohl ich ihre Blicke ziemlich deutlich spüren kann. „Du schaffst das.“, raune ich Felix zu, der jetzt seitlich auf meinem Schoß sitzt, sich an meinen Oberkörper lehnt und seine Hand zögerlich mit meiner verschränkt hat.
„Was ist hier eigntlich los?! Da ist man mal zwei Tage nicht da und schon steht die ganze Welt auf dem Kopf.“ Mit weit aufgerissenen Augen sieht Mischa und beide an und scheint zu überlegen, ob er sich das einbildet oder das wirklich gerade passiert.
„Jungs, wollen wir das Gespräch vielleicht lieber ins Wohnzimmer verlegen? Ich habe das Gefühl, dass hier könnte länger dauern und da ist es doch gemütlicher.“, schlägt Andrea, mit einem Blick auf Felix und mich vor.
Keiner hat wirklich etwas dagegen, also gehen wir zusammen hinüber ins Wohnzimmer. Den Tisch können wir später immer noch abräumen, dass läuft uns ja nicht davon, immerhin haben wir keine verderblichen Lebensmittel darauf stehen.
Papa und Andrea setzten sich in die eine Ecke des Sofas, ich setze mich in die andere. Mischa setzt sich in die Mitte und Felix kommt, nach kurzem Zögern, tatsächlich direkt zu mir und setzt sich, nach etwas längerem Zögern und mit roten Wangen wieder seitlich auf meinen Schoß, sodass er jetzt den anderen zugewandt ist.
Mischa verfolgt das ganze ungläubig, doch ich glaube nicht, dass er ein Problem mit der ganzen Sache hat. Eher ist er wirklich sehr überrascht.
„Mein Vater...er...schlägt mich.“, kommt es in dem Moment leise von Felix und er erschaudert in meinen Armen. Ich beiße die Zähne zusammen, versuche ruhig zu bleiben und drücke bestärkend seine Hand. Für mich ist diese Information nichts neues mehr, ich war mir zwar nicht 100 prozentig sicher, aber ich konnte es mir ja schon denken. Bei meiner Familie sieht das schon ganz anders aus. Andrea wird ganz blass und Tränen steigen ihr in die Augen, mein Vater sieht aus, als würde er sich am liebsten ins Auto setzen und zu Felix nach Hause fahren und Mischa fängt vor unterdrücktem Zorn am ganzen Körper an zu beben.
„Das ist jetzt nicht dein Ernst, oder?“ Seine Stimme zittert bedenklich.
Felix bringt nur ein leichtes Nicken zu Stande, traut sich dabei nicht einmal aufzusehen.
„Mischa, beruhig dich.“; sage ich leise und sehe ihn eindrindglich an.
„Ich soll mich beruhigen?! Du hast mir nicht zu sagen, wann ich mich beruhigen soll! Scheiße, du kennst uns doch gar nicht! Was mischst du dich überhaupt ein?! Du hast doch keine Ahnung!“, brüllt er mich an.
Ich schlucke und versuche mir nicht anmerken zu lassen, wie weh mir das getan hat. Immerhin hat er eigentlich mit allem, was er gesagt hat, Recht. Aber trotzdem kann Felix es gerade nicht gebrauchen, dass Mischa durchdreht. „Glaubst du es hilft Felix, wenn du hier jetzt rumbrüllst?! Er brauch jemanden, der für ihn da ist und niemanden, der sich nicht unter Kontrolle hat und vollkommen ausrastet!“, brülle ich also zurück.
Das scheint Mischa tatsächlich den Wind aus den Segeln zu nehmen. Sein Blick fällt wieder auf Felix, der immer noch auf meinem Schoß sitzt und seinen besten Freund mit schreckensgeweiteten Augen ansieht. „Felix.“, haucht er und kommt auf uns zu, um ihn einfach in seine Arme zu ziehen. Das ich den Rotschopf ebenfalls noch im Arme halte und er mich somit irgendwie mit umarmt, scheint ihn in dem Moment nicht wirklich zu stören. „Es tut mir Leid.“, nuschelt mein Fast-Bruder leise und Tränen rollen über seine Wangen.
„Warum hast du denn nie etwas gesagt? Du weißt doch, dass du mit uns über alles reden kannst. Wir hätten dir doch geholfen.“, klinkt sich Andrea in das Gespräch ein, die bisher nur stumm dagesessen hat und anscheinend gar nicht glauben konnte, was Felix da gesagt hat.
„Er...er ist trotzdem noch mein Vater.“, nuschelt Felix. „Und ich hatte Angst davor, was dann passiert.“
Mischa löst sich wieder von ihm und rückt ein Stück von uns ab. „Aber warum denn? Ich meine, was kann denn schlimmer sein, als bei einem gewaltätigen Vater zu leben?“
„Wenn ich zur Polizei gegangen wäre, oder es euch erzählt hätte, was wäre dann passiert? Ich meine, ich bin minderjährig. Und ich möchte nicht in ein Heim ziehen. Außerdem habe ich keine Beweise, also wer würde mir denn garantieren, dass mir zum Beispiel die Polizei überhaupt glauben würde.“
„Was sagt denn deine Mutter zu dem Ganzen?“, erkundigt sich mein Vater.
Felix lacht bitter. „Die findet, dass ich es nicht anders verdient habe. Immerhin bin ich nur eine dreckige, wertlose Schwuchtel, das muss mir ja ausgetrieben werden.“
Wie tausend Messerstiche sticht mir dieser Satz ins Herz. Aber es ist nicht nur dieser Satz, sondern auch der Tonfall, die Art wie er es sagt, was mir so weh tut. Als würde ein Teil von ihm wirklich glauben, was seine bescheuerten Erzeuger ihm da eingetrichtert haben. Ich hätte gestern wirklich fester zuschlagen sollen! Ich nehme sein Gesicht in meine Hände und zwinge ihn mit sanfter Gewalt mich anzusehen. „Was die sagen ist absoluter Schwachsinn, hörst du? Das du auf Männer stehst ist absolut nicht schlimm, ich meine Liebe ist Liebe. Das macht dich nicht zu einem schlechten Menschen und weniger wert bist du deshalb schon gar nicht. Du bist ein wundervoller Mensch und jeder, der das nicht merkt, hat selber Schuld.“
„Da hat Leo Recht. Lass dir von denen nichts einreden. Du bist ein toller junger Mann. Und du wirst nie wieder zu ihnen zurück gehen.“, schaltet sich Papa ein und klingt dabei fest entschlossen.
Ich schenke ihm ein leichtes Lächeln.
„Aber wo soll ich dann hin? Ich möchte wirklich nichts ins Heim gehen.“, kommt es hoffnungslos von Felix.
„Du bleibst hier. Ganz einfach.“, entscheidet Andrea. „Wir lassen doch nicht zu, dass du wieder zu deinen Eltern gehst, wenn wir ganz genau wissen, was dich dort erwartet.“ Reue und tiefe Trauer huschen über ihr Gesicht. „Wir hätten es schon viel früher merken müssen und dich nicht mehr dort hin lassen dürfen.“, sagt sie und man kann deutlich hören, dass sie sich selbst die Schuld gibt.
„Ihr würdet mich einfach so aufnehmen?“, fragt Felix ungläubig und mit Tränen in den Augen. „Aber das geht doch nicht. Darf man das überhaupt? Und ich koste doch auch Geld, das könnt ihr doch nicht einfach so bezahlen, wenn ich hier mitwohne.“
Papa winkt entschlossen ab. „Um das Geld musst du dir keine Sorgen machen. Ich bin ein recht erfolgreicher Autor und verdiene damit nicht schlecht. Und Andrea geht doch auch arbeiten. Und zu dem anderen, wann wirst du eigentlich 18?“
„In ein paar Wochen, warum?“ Stirnrunzelnd sieht er zu meinem Vater.
„Naja, man wird dich ja nicht für ein paar Wochen ins Heim bringen, wenn es jemanden gibt, der dich aufnimmt, bei dem du dich auch wohl fühlst. Du fühlst dich hier doch wohl, oder?“ Schnell nickt er. „Na siehst du. Dann mach dir darüber keine Gedanken, wir kriegen das schon hin, dass du hier bleiben darfst.“ Optmistisch sieht er ihn an.
„Ich-“, fängt Felix an, stockt dann aber sofort wieder und sieht uns alle der Reihe nach an. Er scheint nach irgendeiner Form von Abneigung oder Ablehnung zu suchen, kann sie allerdings nicht finden. „Meint ihr das wirklich ernst?“
„Natürlich.“, sagen wir alle im Chor.
„Wir haben dich alle gerne hier und werden nicht zulassen, dass dir noch einmal etwas passiert.“, fügt Andrea noch hinzu.
Ich beobachte den Rotschopf und bemerke dadurch als erster, dass seine Augen sich schon wieder mit Tränen füllen. „Danke.“, schluchzt er. Ich schlinge meine Arme noch ein wenig fester um ihn, versuche ihm zu zeigen, dass ich ihn vor allem beschützen werde, egal was es ist.
„Leo, meinst du, dass Kai mit uns beiden zu Felix' Eltern fahren würde, um seine Sachen zu holen? Ich glaube es ist besser, wenn wir nicht alleine gehen.“, fragt mein Vater mich.
Ich nicke sofort. „Bestimmt. Ich rufe ihn nachher mal an.“
„Das wäre super.“
„Ich komme auch mit.“, beschließt Mischa, doch Andrea schüttelt sofort den Kopf.
„Nein, du bleibst hier. Felix braucht im Moment vor allem seine Freunde. Und wenn dann ihr beide weg seid, wäre das glaube ich, nicht allzu gut.“, erklärt sie, als sie Mischa empörten Blick bemerkt.
Dieser seufzt und nickt dann. „Daran habe ich nicht gedacht.“ Er fährt sich mit beiden Händen über das Gesicht und reibt sich die Augen.
„Aber....ich würde gerne mit gehen.“, sagt Felix in diesem Moment leise.
Überrascht sehen wir ihn an, doch eigentlich ist das ja gar nicht so überraschend. Eher ist es verständlich, dass er noch einmal zu sich nach Hause will. Immerhin weiß er nicht wann und ob er jemals wieder dort hin geht. Und wo seine Sachen sind, vor allem die wichtigen, weiß er auch am besten.
Einen Moment herrscht Schweigen, bevor mein Vater etwas widerwillig einlenkt: „Okay, das ist wahrscheinlich vernünftig. Wir müssen auch mit deinen Eltern reden, soweit reden denn möglich ist. Mischa, willst du dann doch mit? Oder bleibst du bei deiner Mutter?“
„Nein, ich komme mit.“, sagt er fest und schiebt trotzig das Kinn vor.
„Soll ich Kai trotzdem noch anrufen?“, erkundige ich mich.
„Besser wäre es wahrscheinlich. Auch wenn wir zu viert mit Felix' Vater fertig werden sollten, falls er gewalttätig wird, wäre es mir lieber, wenn Kai mit dabei ist. Nur, falls irgendwelche unangenehmen Überraschungen auf uns warten sollten.“ Ernst sieht er mich an und ich nicke sofort. „Aber das kann alles bis heute Nachmittag warten. Jetzt kommen wir erst mal alle ein bisschen runter und du Mischa, solltest dich noch mal für ein paar Stunden hinlegen. Es hilft keinem, wenn du übermüdet und dadurch schlecht gelaunt bist.“, entscheidet Andrea und wirft Mischa dabei einen mahnenden Blick zu.
Dieser zieht den Kopf ein und sein Blick huscht kurz zu mir hinüber. Ich versuche unbeteidigt auszusehen. Er soll nicht merken, dass er einen wunden Punkt getroffen hat, als er vorhin seinen kleinen Ausraster hatte. Für ihn ist es immerhin auch eine schwierige Situation. Und das sein bester Freund dann manchmal zu mir kommt, wenn es ihm schlecht geht, scheint für ihn auch etwas neues zu sein. Verständlich, schließlich gab es jahrelang nur die beiden. Was sich jetzt ziemlich plötzlich geändert hat. Da muss er sich erstmal dran gewöhnen.
„Okay, ich bin dann in meinem Zimmer und schlaf noch ein bisschen.“, gibt er nach und steht auf. „Weckt ihr mich dann nacher, bevor ihr loswollt?“
„Klar.“, verspreche ich und lächle ihn vorsichtig an.
Er scheint zu registrieren, dass ich nicht so ganz weiß, wie ich mich jetzt verhalten soll, denn er setzt sich nocheinmal neben uns und nimmt diesmal mich in den Arm. „Es tut mir Leid, ich wollte dich eben nicht so angehen. Aber Felix ist mir unglaublich wichtig und der Gedanke, dass ihm jemand seit Jahren weh getan hat, bringt mich einfach zur Weißglut. Ich glaube, dass kannst du ziemlich gut verstehen.“ Vielsagend sieht er mich an. „Aber das ist natürlich keine Entschuldigung. Deshalb: Es tut mir wirklich Leid.“
Diesmal ist mein Lächeln um einiges ehrlicher und ich lege ihm ebenfalls einen Arm um die Schultern. „Ist schon in Ordnung. Danke.“
Grinsend löst er sich von mir, wuschelt Felix noch einmal durch die Haare und gibt seiner Mutter einen schnellen Kuss auf die Wange, bevor er sich auf den Weg nach oben und in sein Zimmer macht.
„Und was machen wir jetzt?“, frage ich in die Runde.
„Naja, ich werde jetzt erst einmal etwas kochen. Und vielleicht auch noch backen.“, beschließt Andrea und steht auf, ohne auf eine andere Antwort zu warten.
Verwirrt sehe ich ihr hinterher. „Andrea kocht oder backt immer, wenn sie etwas belastet. Dabei kann sie besser zur Ruhe kommen.“, klärt Papa mich auf.
„Achso.“ Es gibt noch vieles, was ich von meiner neuen Familie nicht weiß. Das muss ich ehrlich zugeben. Und gerade solche kleinen Dinge finde ich unglaublich wichtig von anderen Leuten zu wissen.
„W-wollen wir vielleicht in den Garten?“, schlägt Felix da vor und sieht mich aus seinen grünen Augen bittend an.
Wenn er mich so ansieht, kann ich gar nicht anders, als zustimmend zu nicken. „Klar, können wir machen.“
Sofort lächelt er glücklich und steht auf. Auch ich erhebe mich und strecke mich einmal, bis mein Rücken knackt. „Na dann viel Spaß euch beiden. Leo, denk dran nachher noch Kai anzurufen.“, erinnert mich Papa.
„Mach ich. Aber jetzt schläft er wahrscheinlich eh noch.“ Schulterzuckend grinse ich ihn an.
Dann gehe ich Felix hinterher, der schon in den Garten rausgegangen ist. Kurz schaue ich mich suchend um, dann habe ich ihn auch schon auf der Hollywoodschaukel entdeckt. Mit geschlossenen Augen hat er sich darauf niedergelassen, die Beine an den Körper gezogen und das Gesicht der Spätsommersonne zugewandt.
Leise gehe ich auf ihn zu und setze mich einfach neben ihn, ohne etwas zu sagen. Worte sind im Moment nicht notwendig, wir genießen beide die Stille und hängen unseren Gedanken nach. Ich finde es wirklich gut, dass ich mich mit Felix nicht immer unterhalten muss, sondern auch einfach mal schweigen kann. Wenn man das mit einer Person nicht kann, dann läuft meiner Meinung nach, irgendwas falsch.
„Und du hättest sicher kein Problem damit, wenn ich hier bleibe?“, erkundigt er sich nach einer ganzen Weile vorsichtig bei mir.
Verwundert schaue ich ihn an, aber sein Blick ist weiterhin in die Ferne gerichtet. Er scheint den Garten gar nicht wahrzunehmen, sondern gedanklich an einem ganz anderen Ort zu sein. „Wie kommst du denn darauf?“
„Naja, zuerst kommen Mischa und Andrea und ziehen hier ein. Da musstest du also schon mit fremden Leuten zu Recht kommen und jetzt komm auch noch ich und bin kurz davor mich bei dir zu Hause einzunisten.“, erklärt der Rotschopf seine Gedankengänge.
Langsam schüttle ich den Kopf. „Das kannst du so nicht vergleichen. Die Situtation ist doch ganz anders. Außerdem ist es ja auch nicht so, dass es mich stört, dass Andrea und Mischa hier wohnen. Mich hat gestört, wie mein Vater das alles geregelt hat. Aber bei dir ist das anders. Ich könnte es nicht ertragen, wenn du wieder zu dir nach Hause gehen würdest. Also mach dir keine Sorgen.“ Fast schon liebevoll sehe ich ihn an.
„Aber ich störe doch bestimmt.“, murmelt er geknickt.
„Du störst nicht? Wen solltest du denn stören? Deinen besten Freund? Seine Mutter und meinen Vater, die dich eigentlich schon als eine Art verlorenen Sohn ansehen? Oder etwa mich?“
„Zum Beispiel.“
„Jetzt hör aber mal auf. Wir haben dich alle gerne hier und würden niemals zu lassen, dass du wieder zu deinem Vater gehst.“ Todernst sehe ich ihn an.
Er schluckt und nickt dann langsam. „Okay.“
Zufrieden nicke ich. Wieder stellt sich Schweigen ein und ich fange an, leise vor mich hin zusummen.
„Kannst du mir etwas vorsingen?“, kommt es zögernd von Felix.
Überrascht sehe ich ihn an, immerhin kann ich nicht wirklich gut singen, aber dann zucke ich mit den Schultern. „Wenn du unbedingt leiden willst.“, schmunzelnd sehe ich ihn an, dann fange ich an, ein leises und beruhigendes Lied zu singen.
Entspannt schließt der Rotschopf die Augen und lässt seinen Kopf auf meine Schulter sinken. Ich lächle und lege wie automatisch einen Arm um ihn, ziehe ihn etwas näher an mich heran. Selbst wenn ich wollte, ich kann nichts dagegen tun. Ich fühle mich einfach nur wohl in seiner Gegenwart und habe das Gefühl, dass ich ihn immer und überall beschützen muss. Wenn ihm noch etwas passiert, ich würde es nicht ertragen. Ich lege mein Kinn auf seinem Kopf ab und atme tief seinen ganz eigenen Geruch ein, der mich so süchtig macht.
Wie in Zeitlupe hebt Felix seinen Kopf wieder ein Stück hoch und wendet sich leicht zu mir um, sodass unsere Gesichter sich jetzt genau gegenüber sind. Mein Herz stockt einen Moment, um dann doppelt so schnell weiter zuschlagen. Ich versinke immer weiter in seinen unglaublich grünen Augen, bis ich das Gefühl habe, darin zu ertrinken. Wie einfach wäre es, mich jetzt einfach ein Stück nach vorne zu beugen, um ihn zu küssen. Wie er wohl schmeckt? Wie es sich anfühlt, wenn unsere Lippen sich berühren? Aber was ist, wenn ich ihm damit zu nahe trete? Wenn er es gar nicht möchte? Andererseits könnte ich schwören, dass Felix sich ebenfalls ein Stückchen näher zu mir herüber gebeugt hat. Dann will er es doch auch oder?
Ich nehme all meinen Mut zusammen und beuge mich noch ein Stückchen weiter zu ihm hinüber. Unsere Nasenspitzen berühren sich und ich kann seinen schnellen, unregelmäßigen Atem auf meinen Lippen spüren. Ein Schauer läuft mir den Rücken hinunter und meine Augen fallen wie automatisch zu. Nur noch ein paar Zentimeter trennen uns voneinander.
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