Denn jeder Brief verdient es, zugestellt zu werden

von Mujika
OneshotSchmerz/Trost / P12
29.09.2018
29.09.2018
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„Jeder Brief sollte zugestellt werden. Das sagst du doch jedes Mal selber“, meckerte Iris und schüttelte den Kopf, „Und jetzt willst du ihr diesen Brief nicht geben? Das kannst du doch nicht wirklich meinen.“
„Auf dem Brief steht nicht einmal ein Absender. Wer weiß, von wem er ist“, merkte Erica an und schaute dabei nur knapp auf den Briefumschlag, „Dabei muss auf jedem Umschlag einer stehen, weil es sonst für den Zusteller Probleme gibt, wenn der Empfänger zum Beispiel umgezogen ist.“
„Und wenn schon. Jeder Brief sollte zugestellt werden“, beharrte Iris auf ihre Meinung, „Außerdem wohnt Violet doch hier. Sie arbeitet doch gerade nur an einem Auftrag und kommt zurück.“ Eigentlich wurde diese Meinung immer bestätigt, weil jeder dieses Empfinden hatte. Briefe sollten ankommen und das so schnell wie möglich.
„Violet wird den Brief zum richtigen Zeitpunkt bekommen“, unterbrach Claudia sie und schüttelte nun selber den Kopf, „Erinnert ihr euch noch an die Mutter, die ihrer Tochter jedes Jahr zum Geburtstag einen Brief zukommen lässt? Es ist schon einige Zeit her, doch war Violet damals eine Woche bei ihr, um die einzelnen Briefe zu schreiben. In diesem Fall ist es so ähnlich. Für das Mädchen wäre es nicht passend, wenn sie einen Brief zu früh oder zu spät bekäme. So ist es auch für Violet. Auch sie muss diesen Brief erst bekommen, wenn der Moment passt.“
„So wird es dann wohl auch sein“, versuchte Cattleya, die Situation etwas weiter zu entschärfen, „Außerdem ist Violet momentan ohnehin noch unterwegs, um einen Auftrag zu erfüllen. Das hast du doch eben schon selber erkannt, Iris. Sie könnte den Brief gerade noch nicht lesen, außer wir schicken ihn ihr zu. Also sollten wir besser warten, bis sie wieder zurück ist.“
„Ja, auch wieder wahr“, seufzte Iris auf, „Aber ich bestehe darauf, dass sie ihn bekommt, sobald sie wieder zurück ist.“ Claudia nickte nur und war innerlich äußerst froh, als Benedict den Raum betrat und nach den Akora verlangte. Kaum war Claudia wieder alleine, legte er den Brief in eine der Schubladen und seufzte: „Du wirst den Brief bekommen, Violet. Du wirst dich sehr über ihn freuen, aber ich weiß nicht, ob du ihn verkraften wirst. Immerhin hast du doch gerade erst angefangen, richtig zu leben. Ich brauche keinen Absender, um zu wissen, wer dir geschrieben hat.“


Zur gleichen Zeit stand Violet am Fenster ihres Gästezimmers. Ihre momentane Auftraggeberin fühlte sich nicht gut und bat darum, mit dem Schreiben erst am Abend fortzusetzen. Da es der Wunsch der Auftraggeberin war, erfüllte Violet diesen auch und zog sich zurück. Dennoch fügte Violet zuvor hinzu, dass sie sich an sie wenden könnte, sollte etwas sein.
Bis dahin würde sie die Zeit verstreichen lassen müssen. Kurz fiel ihr Blick auf den blauen Sonnenschirm, den sie einst nach einem Auftrag bekommen hatte. Das Wetter war schön, warum sollte sie es nicht ausnutzen? Mit dem Sonnenschirm in der Hand, verließ Violet das Haus, war aber darauf bedacht, in der Nähe zu bleiben, sollte ihre Auftraggeberin nach ihr verlangen.
„Ob ich wirklich in den Namen hineingewachsen bin?“, fragte sich Violet, während ihr Blick über die Veilchen wanderte, die in dem kleinen Beet neben ihr wuchsen. Ein kleines Lächeln schlich sich auf ihre Lippen und automatisch griff sie mit ihrer freien Hand nach der Brosche. Nach all den Jahren trug sie diese noch immer.
„Ja“, bestätigte sie sich selber, „Ja, ich bin in diesen Namen hineingewachsen. Danke, Major, dass ich diesen Namen tragen darf.“ Kurz musste Violet durchatmen, als sie an den Major dachte. In all den Jahren des Friedens, die sie nun schon hatten, bekam sie nicht ein Lebenszeichen von ihm. Jeder, der noch gehofft hatte, dass der Major vielleicht doch noch am Leben war, hatte diese verloren. Stattdessen hofften sie alle nun, dass er in Frieden ruhte. Eigentlich wollte Violet es ihnen nach all den Jahren gleich tun, doch konnte sie es einfach nicht.
„Nein, der Major lebt noch“, sprach sich Violet leise zu und umfasste die Brosche etwas fester, „Ich werde ihn wiedersehen und ihm so zeigen, dass ich in Freiheit lebe. Ich werde ihm endlich persönlich sagen, dass ich die Bedeutung seiner Worte verstanden habe.“ Einst war es noch ihr Ziel, die Worte „Ich liebe dich“ zu verstehen, doch hatte sie dieses mittlerweile erfüllt. Sie konnte die Gefühle der Menschen besser verstehen, sie auf Papier niederschreiben und die Bedeutung ihrer eigenen erkennen. Schon vor langer Zeit hatte Violet sich ihr neues Ziel gesetzt und dieses würde sie erreichen, egal, wie lange es dauern würde.

„Gut, dass du wieder da bist. Mir geht es besser. Wäre es in Ordnung, wenn wir mit dem Schreiben fortfahren würden?“, empfing die Auftraggeberin Voilet an der Tür. Sie zog die leichte Decke, die sie um die Schultern trug, fester um sich, um sich vor dem kühlen Frühlingswind zu schützen.
„Verzeiht, werte Dame, dass ich Sie habe warten lasse“, entschuldigte sich Violet, trat ins Innere und schloss die Tür hinter sich, „Natürlich können wir sofort mit dem Schreiben beginnen.“ Mit diesen Worten schloss Violet ihren Schirm und wollte ihn wegstellen.
„Der ist aber wirklich schön“, meinte die Dame, während sie auf den Sonnenschirm sah, „Würden Sie mir sagen, wie sie ihn bekommen haben?“ Violet nickte leicht und antwortete: „Ein Klient gab ihn mir einst, nachdem ich einen Auftrag für ihn erfüllt hatte.“ Damit hatte sie nicht zu viel über ihren damaligen Auftrag verraten und hielt sich am sämtlichen Klauseln, die mit ihrer Arbeit zusammenhingen.
„Was soll denn im nächsten Brief stehen?“, fragte Violet, während sie sich mit ihrer Auftraggeberin an den Tisch setzte und ein neues Blatt Papier in die Schreibmaschine einspannte.
„Er geht an meinen Sohn. Er lebt hoch oben im Norden und ich habe ihn schon seit Jahren nicht gesehen. Es… Es ist auch der letzte Brief, der noch zu schrieben ist“, antwortete die Auftraggeberin und schaute zu Boden. Sie zitterte leicht und kämpfte gegen die Tränen, die in ihr aufkamen. Violet blickte kurz auf den Kalender, welcher an einer nahen Wand hing. Noch würde sie für drei Tage hier sein. War dieser Brief so schwer für ihre Klientin, dass sie so viele Tage dafür ansetzte?
„Wir haben uns damals schrecklich zerstritten. Es war noch zu Zeiten weit, weit vor dem Krieg. Er zog gen Norden, um Abstand zu nehmen. Nur einmal hat er sich nach dem Krieg gemeldet, um mir zu sagen, dass er noch lebt. Damals habe ich es nicht übers Herz gebracht, ihm zu schreiben“, schluchzte sie und verdeckte ihr Gesicht hinter ihren Händen, „Aber jetzt, wo meine Tage gezählt sind, möchte ich den Kontakt wieder aufnehmen. Und wenn es auch nur ein kurzer Brief ist, den ich bekommen sollte. Ich weiß aber noch immer nicht, wie ich ihm sagen soll, dass mir die vergangenen Jahre leid tun.“
„Ich verstehe“, gab Violet vorsichtig zurück und begann, in der Luft zu tippen. Ihre Klientin schaute mit roten Augen auf und fragte sogleich, was Violet da mache. Die Schreibmaschine stand doch direkt vor ihr.
„Ich präge mir so die Worte ein, die ich aufschreiben will“, antwortete Violet und machte so weiter, während ihre Klientin redete.

Erst am Abend setzte sich Violet an die Schreibmaschine, um das aufzuschreiben, was sie sich zuvor noch gemerkt hatte. Mitten im Satz ruhten ihre Finger auf den Tasten und sie stockte.
„Ich bin nach wie vor deine Mutter und liebe dich. Das wird sich auch nie ändern, solange ich lebe.“ Das war es, was sie eigentlich schreiben wollte, doch schienen diese Worte auf einmal nicht mehr zu passen. Vorhin, als sie ihrer Klientin zugehört und sie versucht hatte, sich die Gefühle zu merken, schienen sie noch so passend. Doch jetzt, wo Violet sie aufschrieb, klangen sie nicht mehr mütterlich und sanft.
Violet zog schnell das Papier aus der Maschine und machte sich an die Arbeit, das Schreiben noch einmal von Neuem zu beginnen. Erneut tippte sie das Schreiben, änderte dieses Mal aber ein paar Zeilen ab. Doch auch jetzt stellte das Ergebnis sie nicht zufrieden. Noch immer übermittelte der Text nicht das, was eigentlich ausgedrückt werden sollte.


In den darauffolgenden Tagen wurde es nicht besser. Was auch immer Violet schrieb, klang in ihren Ohren falsch und unpassend. Ihre Klientin hingegen schien anderer Meinung zu sein.
„Der Brief ist perfekt. Haben Sie vielen Dank, Fräulein Violet. Sie sind wirklich eine der besten Akora, die es gibt“, lobte die Auftraggeberin sie mit Tränen in den Augen.
„Das ist nur meine Pflicht als Akora. Ich reise an jeden Ort, an dem man mich braucht“, schmälerte Violet das Lob nur. Noch immer war sie der Ansicht, dass der Brief alles war, aber nicht perfekt. Doch da ihre Klientin damit überaus glücklich war, würde Violet ihn natürlich auch abschicken. Auch am Tag ihrer Abreise, war Violets Klientin noch immer äußerst glücklich und zu Tränen gerührt.

Violet konnte die gesamte Zeit über das Gefühl, gleich weinen zu müssen, verstecken. Doch kaum hatte sie die Räume der Firma wieder betreten, konnte sie es nicht mehr verhindern.
„Schaut mal, Violet ist zurück!“, machte Iris die Anderen auf sie aufmerksam, stockte dann aber, „Nanu, was hast du denn, Violet?“ Violet stellte ihren Koffer ab und ließ ihren Blick über die anderen Akora und ihren Chef gleiten. Sie merke, wie die Tränen in ihren Augen brannte und sie schließlich zu weinen begann.
„Ich konnte es nicht…“, brachte sie mit zittriger Stimme hervor, „Ich konnte die Gefühle nicht so übermitteln, wie ich es sollte. Ich glaube, ich habe ihre Bedeutung wieder verlernt.“
„Ach Violet“, versuchte Cattleya sie zu beruhigen, „Du hast ihre Bedeutung nicht verlernt. Jeder hat mal eine schlechte Woche, in der jedes Wort falsch erscheint. War deine Klientin denn mit dem Brief zufrieden?“
„Ja, das war sie“, antwortete Violet, „Doch habe ich selber gemerkt, dass…“
„Schon gut“, unterbrach Cattleya sie, „An manchen Tagen kann der innere Kritiker wirklich schlimm sein. Du bist selbstkritisch und das ist eigentlich in unserem Beruf äußerst praktisch. Wenn der Klientin der Brief zugesagt hat, dann wirst du die Gefühle auch richtig übermittelt haben. Du bemerkst es vielleicht gerade nur nicht.“
„Stimmt, auch ich habe solch Tage“, stimmte Iris Cattleya zu, „Das ist ganz normal. Ich könnte wetten, Erica kennt sie auch.“ Erica nickte, um ebenfalls ihre Zustimmung auszudrücken. Violet wischte sich die Tränen von den Wangen. Wenn ihre Kolleginnen es sagten, dann musste es doch auch stimmen, oder?
„Außerdem glaube ich nicht, dass du die Bedeutung von Gefühlen je wieder verlernen wirst“, sprach Claudia ihr jetzt auch gut zu, „Ich hätte hier auch noch etwas, das dich vielleicht aufheitert.“ Eigentlich hatte Claudia nicht geplant, Violet jetzt schon den Brief zu geben. Allerdings schien es ein guter Weg zu sein, um ihr wieder Mut zu machen und sie von den genannten Tatsachen zu überzeugen.

Violet nahm das Kuvert an sich und betrachtete es. Die Handschrift kam ihr seltsam vertraut vor, doch konnte sie keinen Absender finden.
„Jetzt mach schon auf“, ermunterte Cattleya sie, „Unser Chef hält den Brief schon bei sich kurz nachdem du abgereist bist.“
„Genau, wir wollen jetzt auch wissen, wer dir geschrieben hat“, fügte Iris hinzu und schaute Violet über die Schulter, um ebenfalls auf den Text schauen zu können. Schon durch die Schreibweise des Empfängers konnte Violet erkennen, dass es sich um einen handgeschriebenen Brief handeln musste. Vorsichtig zog sie den Brief heraus und erstarrte schon bei den ersten Zeilen:

„Meine liebste Violet,

es tut mir sehr leid, dass ich mich in all den Jahren nicht einmal gemeldet habe. Erinnerst du dich noch an den Brief von damals, den du für die Flugshow geschrieben hast? Die Wahrscheinlichkeit war nicht sehr groß und doch habe ich ihn gefunden. Ja, es sind wirklich viele Jahreszeiten vergangen und seit damals sogar noch mehr.
Dein Brief hat mich wirklich berührt. Ich hatte gar nicht damit gerechnet, so einen schönen Brief zu lesen. Damals hast du nur Berichte geschrieben, wie ich sie dir beibrachte. Es muss sehr schwer für dich gewesen sein, die Gefühle der Menschen und auch deine eigenen verstehen zu lernen und sie aufzuschreiben. Aber du hast diese Herausforderung wirklich gut gemeistert. Ich bin so stolz auf dich. Wo ich lebte, hat man dich als eine der besten Akora bezeichnet, die es zur Zeit gibt. Ich bin mir sicher, dass sie damit nicht übertrieben haben.

Was mich jedoch betrifft… Bitte verzeih mir, dass ich dir erst jetzt einen Brief schreibe. Ich wollte nur, dass du lebst und das, ohne auf neue Befehle zu warten. Außerdem… Nenne mich egoistisch, doch ich wollte nicht, dass du mich so siehst. Ich wurde nach der Exposition gefunden, allerdings von Personen aus einer weit entfernten Stadt. Sie haben mich gesund gepflegt, mir zu Essen gegeben und waren immer freundlich zu mir. Dennoch habe ich durch diese gute Behandlung einiges an Schulden bei ihnen angesammelt, die ich abgearbeitet habe. Eine andere Wahl hatte ich nicht. Daher konnte ich mich auch nicht bei dir melden. Nicht einmal für ein kurzes Lebenszeichen hatte ich Zeit.
Das war aber nicht der einzige Grund, warum ich dich in Unwissenheit ließ. Ich wollte, dass du dein Leben lebst. Dabei dachte ich an ein richtiges Leben in Freiheit, ohne einen Gedanken an Befehle zu verschwenden. Ich fürchtete, dass du das nicht schaffen würdest, solange ich bei dir bin.
Ich würde mich wirklich freuen, wenn du mir verzeihen kannst und mich eines Tages besuchen kommen würdest.

In Liebe,
Gilbert Bougainvillea
P.S. Nenne mich bitte von nun an auch nur noch Gilbert, denn ich bin schon lange kein Major mehr“



„Major“, hauchte Violet atemlos, während sie immer wieder über die Zeilen las. Dass sie Gilbert noch immer als Major bezeichnete, war reine Angewohnheit, die sie erst noch ablegen musste. Violet konnte daran aber gerade keinen Gedanken verschwenden. All die Jahre über hatte Gilberts Familie, Freunde und sie gedacht, er wäre doch noch in der letzten Schlacht gefallen. Dieser Brief erklärte aber einiges.
„Kann ich…“, begann sie, ihre Frage zu stellen und schaute auf. Tränen der Freude hatten sich bereits in ihren Augen gebildet, da diese Nachricht einfach zu schön war, um wahr zu sein.
„Natürlich, fahr zu ihm“, erlaubte Claudia ihr, ohne die Frage komplett gehört zu haben.
„Danke, Chef“, bedankte sich Violet, verbeugte sich kurz und griff wieder ihren Koffer. Dass sich darin noch ihre Schreibmaschine befand, war ihr in dem Moment egal. Genügend Kleidung für ein paar weitere Tage waren noch vorhanden. Sie konnte also gleich los, um zu der Adresse zu fahren, die noch unten auf dem Brief standen.

Die Fahrt schien eine Ewigkeit anzudauern. Violet beobachtete die Landschaft, welche an ihr vorbeizog, bis sie an dem Bahnhof ankam, an dem sie aussteigen musste. Schon von Weitem konnte sie das Haus erkennen, welches Gilbert meinte. Es lag auf einem kleinen Hügel, doch der Weg war eben, sodass dieser kein Problem darstellte. Ein kleines Schmunzeln legte sich auf Violets Lippen, als sie die Veilchen sah, die in einem kleinen Beet für der Hütte blühten.
Sie klopfte an die Tür und hoffte, dass sie nicht störte. Vielleicht wäre es doch besser gewesen, vorher noch einen Brief zu schreiben und nachzufragen, wann sie denn vorbeikommen sollte. Als sich die Tür aber öffnete, verflogen Violets Zweifel. Es war wirklich Gilbert, der sie nun anlächelte.
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